Claudia Roth: "Alleinerziehende Mutter zu sein habe ich mir nicht zugetraut"

Für GALA spielt Grünen-Politikerin Claudia Roth mit ihrem schrillen Image. Im Gespräch aber redet sie nachdenklich über Pünktlichkeit, Kinderlosigkeit – und den Mann fürs Leben

Claudia Roth (Top in Rosé: Gudio Maria Kretschmer by Heine)

Claudia Roth in einem weißen Rollkragenpullover von Peek & Cloppenburg, Mantel (auf links gedreht) von Marina Rinaldi.

Ganz still sitzt sie da und bindet Blüten auf einen Draht. Um sie herum im Fotostudio werden Blumen und Blätter drapiert, Musik läuft, es herrscht kreatives Chaos. Claudia Roth, 60, wirkt zurückhaltend. Von der politischen „Wuchtbrumme“, als die man sie immer wieder bezeichnet, keine Spur. Dass sie polarisiert, weiß sie. Als wir uns zuvor im Café „Einstein“ zum Interview treffen, ist sie froh, in einer unbelebten Ecke zu sitzen, ohne aufdringliche Blicke zu kassieren. GALA erlebt eine öffentliche Frau, die gelernt hat, ihren Kern abzuschirmen. Manchmal fällt sie ins Bayerisch-Schwäbische, wenn’s persönlich wird. Noch häufiger lacht sie. Keine Frage: Claudia Roth ist mit sich im Reinen.

Sie sind dieses Jahr 60 geworden. Wie nah ist Ihnen die 20-jährige Claudia?

Elton John

Der Musiker schmeißt seine Reisetasche aus dem Flugzeug

Elton John
Elton John nimmt so schnell keiner etwas übel. Vor allem seine Mitarbeiter nehmen seine Diva-Momente mit Humor.
©Gala

Schon noch sehr nah. Na ja, vielleicht war ich damals ein bisserl radikaler, ein bisserl ungeduldiger (lacht), ein bisserl in der Erwartung, es muss alles ganz, ganz schnell gehen. Manchmal war ich vielleicht auch gedanklich beweglicher. Auf jeden Fall ohne Rückenschmerzen. (lacht)

Fielen die Brüche in Ihrem Leben mit runden Geburtstagen zusammen?

Es gab gar nicht so wahnsinnig viele Brüche in meinem Leben, sondern es ist eher alles linear verlaufen. Ein Bruch war allerdings, mit 20 nach zwei Semestern Theaterwissenschaften zu sagen: Das war’s; die wohlerzogene Tochter aus dem Akademikerhaushalt hört auf zu studieren und geht ans Dortmunder Theater, weg aus dem hellblau-weißen München, ausgerechnet ins Ruhrgebiet. Aber sonst finde ich – und ich weiß gar nicht, ob das nur gut ist –, dass ich mir immer treu geblieben bin.

Vom Theater über eine Punkband bis zur Bundestagsvizepräsidentin klingt aber schon nach diversen Zäsuren ...

Ja, aber mein Motiv war immer: die Welt verbessern, mich einsetzen, Menschen mobilisieren. Zum Glück gaben mir an der Uni zwei Professoren den Tipp, mich auf eine freie Stelle als Dramaturgieassistentin in Dortmund zu bewerben. Und ab da gab es immer die Bühne für mich, später ein freies Theaterprojekt, dann die Scherben und dann sehr, sehr logisch, weil immer alles politisch motiviert war, die Grünen.

Das heißt, einem neuen Lebensabschnitt ging nie eine Durststrecke voraus?

Doch, es gab einmal, als dieses freie Theaterprojekt beendet war, ein paar Monate, in denen ich arbeitslos war. Anfangs habe ich noch gedacht, jetzt atme ich mal durch und sortiere mich neu, aber dann war es die schlimmste Zeit in meinem Leben mit Verlustangst und immer weniger Selbstvertrauen. An einem gewissen Punkt wusste ich nicht mehr: Kann ich überhaupt was? Zum Glück hat das nicht lange gedauert, und dann ging immer alles ratzfatz weiter bis heute. Das ist ein sehr glückbeseeltes Leben.

Claudia Roth mit bunter Perrücke und einem Paillettenkleid mit V-Ausschnitt von s.Oliver Premium.

Gab es je den Moment, an dem Sie bereit gewesen wären, die Politik aufzugeben, um zum Beispiel mit dem Mann des Lebens privater leben zu können?

Ja, gut, das habe ich mir schon mal überlegt, Mann des Lebens (lacht), aber das hat sich immer schnell wieder relativiert. Nee, eine echte Liebesbeziehung funktioniert ja nicht mit jemandem, der mich ganz anders sieht, als ich bin. Aber ich hätte mir sicher vorstellen können, zusammen mit einem Mann etwas ganz Neues anzufangen und natürlich auch zurückzutreten. Aber das hat sich so nicht ergeben.

Frei nach Loriot: Ein Leben ohne Politik ist möglich, aber …

… ehrlich gesagt nicht vorstellbar. Ich merke das ja im Urlaub, dass ich doch ständig online bin und Nachrichten lese. Das ist schon eine Form von Abhängigkeit. Oder jetzt, als ich in der Türkei Urlaub gemacht habe Ich kann doch da nicht völlig ausblenden, dass um mich herum ein Exodus passiert. Also bin ich mit der Fähre nach Kos gefahren, um mit Flüchtlingen zu sprechen und für sie Öffentlichkeit herzustellen. Und mich beschäftigt schon die Angst, wie das wird, wenn ich das körperlich nicht mehr schaffe. Was macht den Menschen aus, jenseits des Engagements?

Gab es für Sie eine Initialzündung für Ihr Gerechtigkeitsempfinden?

Ja, das war sehr früh. Meine Schwester hat körperliche Einschränkungen, und zu erleben, wie viel schwerer ihr Leben ist und wie viel Druck es braucht, damit sie überhaupt die Zugangs- und Teilhabemöglichkeiten bekommt, das war das erste große Motiv, schon als Kind.

Seidenkleid mit Motivprint von Marc Cain. Alle Blüten und Gräser über www.marsano-berlin.de.

Denken Sie nie, heute können mal die anderen aufstehen und kämpfen?

Nee, weil ich übernommen habe, was mir meine Oma zur Nächstenliebe erklärt hat: Mir kann’s ja gar nicht gut gehen, wenn es meinem Nachbarn schlecht geht. Es geht also nicht nur um den altruistischen Akt, sondern es ist durchaus im eigenen Interesse, es ist Teil des eigenen Wohlbefindens, wenn es anderen gut geht. Ich kann mich nicht gut fühlen, wenn in Heidenau Flüchtlingsunterkünfte angegriffen werden.

Sie geben immer hundert Prozent. Ärgert es Sie, dass andere es mit siebzig Prozent Einsatz schaffen und noch Familie haben?

Nein, ich kann einfach nicht anders. Ich komme zum Beispiel immer pünktlich zu Sitzungen ... (Ihr Assistent wirft ein: „Nicht pünktlich, zu früh ...“, Claudia Roth lacht.) Jürgen Trittin sagt immer, ich sei die preußischste Schwäbin, die es gibt. Und da nützt es mir auch nichts zu denken: Die anderen machen sich einen schlanken Fuß, warum tust du das nicht selbst? Das kann ich nicht.

Trifft für Sie zu: Politik sticht Liebe?

Nein, es gab einen Moment, der hatte aber weniger mit einer Beziehung zu einem Mann zu tun als mit meiner Mutter. Als sie gestorben ist, da habe ich mir überlegt: Was ist das eigentlich für ein Leben, in dem du dir kaum Zeit nehmen kannst zu trauern? Wir reden von Entschleunigung, sind aber selbst in so einer Situation kaum in der Lage, es zuzulassen. Aber was immer mal wieder kommt, ist das Thema Kinderlosigkeit. Was bedeutet es gerade im Alter, ein Leben ohne Kind geführt zu haben? Das war ja meine bewusste Entscheidung. Alleinerziehende Mutter zu sein habe ich mir nicht zugetraut, denn es gab nicht die Infrastruktur, die ich gebraucht hätte. Und ich kann meine Persönlichkeit nicht ins Eck stellen, das heißt, auch als Mutter hätte ich mich einsetzen wollen gegen Ungerechtigkeit, mit hundert Prozent.

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