VG-Wort Pixel

Cher "Putin hat den Verstand verloren!"

Klare Ansagen von Megastar Cher: Im "Gala"-Interview erklärt sie, warum sie nicht bei Olympia in Russland singen wird - und wie sie damit lebt, dass ihre Tochter nun ein Sohn ist

Die drei Damen im Alter so zwischen 40 und 60 sitzen aufgereiht auf einer Couch in der Ecke - und albern lautstark herum. Bis Cher ein Machtwort spricht: "Okay Mädels, beruhigt euch! Ich muss hier arbeiten." Lindsay, Mary und Tina sind nicht etwa PR-Agentinnen der 67-jährigen Pop-Diva, die mit "Closer To The Truth" gerade ihr erstes Album seit zwölf Jahren veröffentlicht hat - sie sind enge Freundinnen. Cher: "Meine Girls-Clique begleitet mich fast immer, wenn ich unterwegs bin. Es stört Sie doch nicht, dass sie dabei sind?" Ach woher! Zumal Cher mit Charme und Selbstironie schnell vergessen macht, dass man sie beim Interview im Berliner "Hotel de Rome" nicht für sich allein hat.

Im Frühjahr gehen Sie wieder auf Tour, präsentieren zunächst in den USA Songs aus Ihrem neuen Album.

Ich muss erst mal sehen, ob meine alten Knochen so einen Stress überhaupt noch mitmachen, deshalb habe ich nur 49 Gigs eingeplant. Meine letzte Tour hat dreieinhalb Jahre gedauert. Das werde ich garantiert nicht noch mal hinbekommen.

Sie haben schon häufiger Ihren Abschied von der Bühne gefeiert ...
... und am Ende kommt es dann doch immer anders. Irgendwie bin ich süchtig danach, vor großem Publikum zu performen. Aber diesmal ist es definitiv das letzte Mal. In drei Jahren werde ich ja schon 70. Unglaublich - eine alte Schachtel.

Das klingt melancholisch.

Aus gutem Grund: Ich finde es furchtbar, wie schnell die Jahre vorbeifliegen.

Gibt es auch etwas, das Sie am Älterwerden mögen?

Falls Sie das körperliche Älterwerden meinen, habe ich nur eine Antwort: absolut nichts. Wenn Menschen behaupten, dass es ihnen nichts ausmacht, langsam zu verwelken, dann belügen sie sich selbst.

Aber Sie haben sich doch super gehalten!

Weil ich mit aller Kraft gegen das Altern ankämpfe. Ich bin Sport-Fanatikerin, ernähre mich extrem bewusst und nehme auch gern die Unterstützung von Chirurgen in Anspruch. Aber letztendlich kann ich den Prozess des eigenen Verfalls nicht aufhalten, sondern nur hinauszögern. Ein frustrierendes Gefühl. Zumal ich in einer vom Jugendwahn getriebenen Branche mein Geld verdiene.

Manch einer rümpft die Nase, weil Pop-Diven wie Sie oder Madonna im fortgeschrittenen Alter noch so viel Haut zeigen. Was sagen Sie den Kritikern?

Diesen verklemmten Langweilern sage ich nur zwei Wörter: Fuck you! Gibt es ein Gesetz, das besagt, dass Frauen sich ab einem gewissen Alter nicht mehr sexy fühlen und aufregend kleiden dürfen? Ich glaube nicht.

Allerdings gibt es den gesellschaftlichen Konsens, dass offensive Sexiness mit 50 plus schnell würdelos wirken kann.

Zum Glück habe ich mich noch nie an solche Regeln gehalten. Warum soll ich mit etwas aufhören, das mir viel Spaß bereitet, nur weil ich nicht mehr jung bin? Eines ist sicher: Solange ich in der Lage bin, mir meine Hotpants, Netzstrümpfe und Overknee-Stiefel ohne fremde Hilfe anzuziehen, werde ich sexy rumlaufen. Selbst wenn ich dann schon 80 bin. Das Konzept des Älterwerdens hat sich doch total verändert.Inwiefern?

Ältere Frauen und Männer sind heute viel vitaler und attraktiver als noch vor 30 Jahren. Vor allem Frauen sind damals spätestens mit 40 zur Seite getreten und haben ihr Vergnügen hauptsächlich daraus gezogen, die eigenen Kinder heranwachsen zu sehen. Heute wollen wir uns weiter ins pralle Leben stürzen, solange es irgendwie geht.

Was sind die größten Missverständnisse über Cher?

Oh Gott, da gibt es so viele! Dass ich OP-süchtig bin oder eine Männerfresserin, die alle paar Wochen einen neuen 20-Jährigen vernascht.

Machen Sie das denn nicht?

Nein, nur alle zwei Monate. (lacht)

Apropos Männer: Daten Sie zur Zeit jemanden?

Nein. Und mit den Jahren ist es auch nicht einfacher geworden, einen Kerl zu finden. Ich mag nun mal jüngere Männer, und die stehen bei einer Frau meines Alters nicht unbedingt Schlange. Außerdem gibt es nur wenige Kerle, die stark genug sind, es mit einer Lady wie mir aufzunehmen.

Das heißt konkret?

Viele Männer haben Angst vor mir. Außerdem gibt es heute viel zu viele metrosexuelle Typen. Männer mit rasierten Achselhaaren, gezupften Augenbrauen und Kosmetik-Orgien sind nicht mein Fall. Ich mag’s altmodisch, hemdsärmelig, rau - und eben jung.

Cher mit Sohn Chaz, der 1969 als Mädchen zur Welt kam (sein Vater ist Sonny Bono). 2008 outete er sich als transsexuell, wenig später unterzog er sich der Geschlechtsanpassung.
Cher mit Sohn Chaz, der 1969 als Mädchen zur Welt kam (sein Vater ist Sonny Bono). 2008 outete er sich als transsexuell, wenig später unterzog er sich der Geschlechtsanpassung.
© Reuters

Seit vier Jahren gibt es einen neuen Mann in Ihrem Leben: Ihre Tochter Chastity hat sich einer Geschlechtsanpassung unterzogen und ist seitdem Chaz. Wie haben Sie die Zeit der Transformation erlebt?

Es war schon hart. Ich hatte einfach große Angst davor, meine Tochter für immer zu verlieren. Außerdem haben mich viele Sorgen geplagt: Wird bei den Operationen alles gut gehen? Wie genau soll das alles funktionieren mit ihrem neuen Leben?

Und welche Antworten haben Sie gefunden?

Es war die richtige Entscheidung! Chaz ist immer noch derselbe Mensch, auch wenn er wesentlich bestimmter und fordernder ist als früher. Ich sehe, dass er endlich glücklich ist. Und das macht auch mich glücklich.

Chaz ist Aktivist in der Schwulen-und Lesbenbewegung. Haben Sie deshalb das Angebot abgelehnt, bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Sotschi zu singen? Russland ist ja extrem restriktiv gegenüber Homosexuellen.

Auch unabhängig von Chaz hätte ich abgelehnt. Dieses Anti-Homosexuellen-Gesetz ist eine Schande! Präsident Putin hat offenbar den Verstand verloren! So wie die ganze russische Führung. Niemand sollte Menschenrechte so mit Füßen treten. Das ist alles sehr bedauerlich, denn natürlich wäre ich gern dabei gewesen. Zumal ich nicht glaube, dass man mich jemals wieder zu Olympischen Spielen einladen wird.

Sie haben Flagge gezeigt ...

Ich habe viele schwule Freunde in Russland, und es macht mich wütend, dass der weltweite Aufschrei über dieses Gesetz bis jetzt nicht viel lauter ist. Es ist nicht hinzunehmen, wenn Menschen im Jahr 2013 wegen ihrer Sexualität verfolgt werden. Dagegen musste ich einfach ein Zeichen setzen.

Alexander Nebe Gala


Mehr zum Thema


Gala entdecken