Hollywood: Hollywoods größtes Tabu

Schwul ist cool? Von wegen! "Gala" erklärt, warum ein Coming-out in der Traumfabrik auch 2012 noch viel Mut erfordert

Gerüchte um ihn kursieren seit mehr als zwei Jahrzehnten.

Entweder weil John Travolta in einer schwulen Sauna gesichtet worden sein soll, sich ein Pornostar als Lover outete oder weil Paparazzifotos durch die Presse geisterten, auf denen Travolta einen Angestellten zärtlich auf den Mund küsst. Die zwei Masseure, die dem 58-Jährigen zuletzt sexuelle Belästigung vorwarfen, haben ihre Klage inzwischen zwar wieder zurückgezogen - doch wohl nur deshalb, weil angeblich Schweigegeld geflossen sei, wie unter anderem die "Daily Mail" berichtet.

Alibi-Ehe? Seit mehr als 20 Jahren ist John Travolta, 58, mit Kelly Preston, 49, verheiratet und hat mit ihr zwei Kinder. Trotzdem heißt es immer wieder, Travolta sei schwul.

Während die Anwälte des verheirateten Familienvaters das Gemunkel um dessen wahre sexuelle Orientierung beharrlich als "lächerlich" abtun, gab Travoltas gute Freundin Carrie Fisher bereits Ende 2009 gegen über dem Magazin "The Advocate" ein eindeutiges Statement ab, als sie auf seine angebliche Homosexualität angesprochen wurde: "Wir wissen es und kümmern uns nicht weiter drum. Aber es ist schade, dass er sich damit offensichtlich so unwohl fühlt ..."

Die Welt muss also weiterhin auf das erste Coming-out eines Stars aus der A-Liga warten. Dabei wimmelt es in Hollywood nur so von Lesben und Schwulen. Laut Colin Firth steht fast jeder zweite männliche Star auf Kerle. Die meisten hätten jedoch auch heute noch Angst davor, sich zu outen. "Denn es gibt leider immer noch viele Vorurteile in der Branche - und beim konservativen Publikum", sagt Firth. Eine Heimlichtuerei, die Spekulationen geradezu anfeuert. Und so wird nicht nur auf Hollywood- Partys immer wieder darüber getuschelt, dass Hugh Jackman eigentlich seit Jahren eine geheime Beziehung mit einem Geschäftspartner habe, George Clooney in seiner Villa am Comer See Männer vernasche - und Will Smith und Jada Pinkett Smith beide bisexuell wären.

Mit seinem Plädoyer für die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe sorgte Barack Obama, 50, für ein riesiges Medienecho.

"Hollywood ist ein homophober Ort, voll mit Produzenten, die dich sofort auf die schwarze Liste setzen, wenn du öffentlich verkündest, dass du gleichgeschlechtlich liebst. Deshalb würde ich auch heute noch jedem Schauspieler, der ernsthaft eine Kinokarriere starten will, davon abraten, sich zu outen", sagt Rupert Everett ("Die Hochzeit meines besten Freundes") im Interview mit "Gala". Weil die großen Studios Kinofilme nur noch unter Vermarktungsaspekten produzieren, würde man peinlichst genau darauf achten, Unsicherheitsfaktoren auszuschalten, so der Brite. "Alles dreht sich um Märkte und Ziel gruppen." Da könne sich Hollywood noch so sehr als progressiv und tolerant inszenieren. Eine These, die auch ein US-Produzent, der nicht namentlich genannt werden möchte, gegenüber "Gala" unterstreicht: "Es sind vor allem Agenten und PR-Manager, die ihre Schützlinge drängen, ihre wahre Sexualität nicht zu thematisieren." Zwar dürfte ein offen schwuler Filmstar in Europa heute wohl nur noch für wenig Aufsehen erregen. Auf dem US-Markt, in Lateinamerika oder Teilen Asiens, wo Homophobie immer noch tief verankert sei, würde sich diese Tatsache jedoch sofort negativ auf die Einspielergebnisse auswirken, analysiert der Produzent weiter. Doch ist das wirklich so? Beweist nicht das Beispiel von Neil Patrick Harris, dass heute selbst ein Großteil des US-Publikums eigentlich gar kein Problem mehr mit dem Thema hat - und ihm in der Hit-Serie "How I Met Your Mother"-Star sogar den Vollblut-Hetero abnimmt? Ist Talk-Queen Ellen DeGeneres nicht gerade zum neuen Werbegesicht einer US-Supermarktkette gekürt worden? Und sind Schauspieler wie Matt Bomer ("White Collar") oder Zachary Quinto ("Star Trek") nicht auch nach ihren erfrischend selbstverständlich verkündeten Comingouts weiterhin gut im Geschäft?

Skurrile Ebenbilder

Stars mal anders

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Er gab Kollegen den Mut, sich ebenfalls zu outen: Die Karriere von Neil Patrick Harris, 38, hier mit seinem Partner David Burtka und Elton John, hat unter seinem Coming-out nicht gelitten.

"Erfolge im TV sind das eine", sagt Jeremy Kinser, Redakteur beim Magazin "The Advocate". "Doch würde das Publikum einen Neil Patrick Harris genauso akzeptieren, wenn er einen Actionhelden spielt oder die Hauptrollen in einer Hetero-Liebesromanze übernimmt? Wo doch Frauen ihre Kinolieblinge gern als Projektionsflächen für sexuelle Fantasien nehmen und Action-Fans sich mit ihrem Idol identifizieren wollen? Auf diese Antwort müssen wir weiterhin warten." Auch beim "Advocate" wisse man von vielen lesbischen und schwulen Filmstars - outen würde man trotzdem niemanden. "Das ist gegen unsere Politik!", sagt Kinser. Ein echter Skandal ist das Thema auch in den USA immer seltener - und düstere Zeiten, wie zum Beispiel in den Fünfzigerjahren, als Schwule wie Montgomery Clift oder Rock Hudson noch von den Studiobossen in Alibi-Affären und manchmal sogar zu Scheinehen gedrängt worden, sind zum Glück ebenfalls Vergangenheit. Trotzdem gibt es auch heute noch Ausreißer: So wurde Luke Evans ("Der Hobbit") nachträglich ein Hetero-Image verpasst, als seine Karriere in Schwung kam ...

Dass es in Sachen Toleranz bei vielen Menschen immer noch viel Nachholbedarf gibt, unterstreichen die zum Teil heftigen Reaktionen auf Präsident Barack Obamas Ankündigung, sich für die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe einzusetzen. Denn kaum ein Thema spaltet die US-Bevölkerung so sehr. Was anno 2012 in Westeuropa oft nur noch für ein müdes Schulterzucken sorgt, kann in den Staaten ein politisches Erdbeben auslösen. Der Hauptgrund liegt in der extremen Gottesfürchtigkeit und Religiosität vieler US-Amerikaner, nicht nur im berüchtigten "Bible-Belt" der Südstaaten. Für Millionen ist allein der Gedanke an lesbische oder schwule Hollywood-Stars, geschweige denn an die gleichgeschlechtliche Ehe, immer noch Teufelswerk. Doch es gibt Hoffnung. Immer mehr erfolgreiche TV-Serien präsentieren auch Zuschauern in Kleinstädten ein erfrischend normales Bild gleichgeschlechtlicher Lebensmodelle und sorgen für eine schleichende Enttabuisierung. So schalten jede Woche bis zu zwölf Millionen die Kultserie "Modern Family" ein, in der das schwule Paar Mitchell und Cameron für coole Sprüche sorgt. Auch das erklärt, warum sich die öffentliche Meinung in den USA langsam zu drehen scheint. In einer aktuellen Gallup-Umfrage sprachen sich immerhin schon 51 Prozent der US-Amerikaner für die rechtliche Verankerung gleichgeschlechtlicher Ehen aus, so viele wie niemals zuvor. Auch wenn es noch Jahre dauern wird: Irgendwann wird die Zeit reif sein für den ersten Hollywood-Superstar, der ganz entspannt verkünden kann: "Ja, ich bin schwul!" Alexander Nebe Mitarbeit: Julide Tanriverdi, Ariane Sommer

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