Henning Baum Post aus Indien

Henning Baum
© Henning Baum
Lärm, Hitze, Enge - und die Suche nach ein bisschen Glück: Was Henning Baum am Rande eines Drehs in der indischen Metropole Mumbai erlebte, musste er sich einfach von der Seele schreiben. "Gala" dokumentiert seinen Brief exklusiv

"Ich bin seit über fünf Wochen in Mumbai

, der wie es heißt vollsten Stadt der Welt. Wenn ich morgens aufwache und den Vorhang des klimatisierten Hotelzimmers im 27. Stock zurückschiebe, sehe ich auf Hochhäuser bis zum Horizont, der im Smog auch nur zu ahnen ist. Zwischen diesen Häusern gibt es immer wieder Flächen, die dicht an dicht mit Hütten überzogen sind: die Slums. Dort wohnt mehr als die Hälfte der Einwohner Mumbais, und jeden Tag kommen wieder rund 3000 Menschen aus dem Umland dazu, um hier ihr Glück zu suchen.

Ich bin Gast in dieser Stadt. Und als wollte ich diesen Status des Fremden unterstreichen, spiele ich jeden Morgen zum Ausblick auf diesen Moloch die Goldberg-Variationen von Bach auf meinem iPod ab. Ein Rest Europa, bevor mich der Sog der Stadt ergreift und mich erst wieder freilässt, wenn ich abends völlig verdreckt und verschwitzt die Lobby des Hotels betrete. Es ist die Luft, die mir sofort als größter Unterschied zu allen anderen Erlebnissen in Afrika oder Südostasien auffällt. Heiß, feucht und angereichert mit scheinbar allen Gerüchen, die Menschen durch ihre Körper, Industrie, Nahrung, Gewürze oder den Verkehr erzeugen können. Spätestens jetzt spürt jeder, der neu hier ist, dass diese Stadt lebt. Mumbai gleicht einem Organismus, der sich bewegt, pulsiert und lärmt. Ein kranker Organismus - daraus macht hier niemand einen Hehl. Ungeniert präsentiert die Stadt ihre Wunden. Die Hütten, vor denen sich der Müll türmt, offene Kloaken, Hunde und Ziegen, die sich im Schmutz ihre Nahrung suchen, und immer wieder Menschen, die einfach auf der Straße liegen. Mumbai ist keine arme Stadt, sondern das Zentrum der indischen Finanzwirtschaft. Es gibt hier mehr Millionäre als in London, manche sind so reich, dass sie sich Wolkenkratzer als Privatwohnsitz bauen.

Im Sat.1-Film "Mein indisches Dorf" spielt Baum einen Trucker, der sich gegen die Machenschaften von Spekulanten einsetzt. Sende
Im Sat.1-Film "Mein indisches Dorf" spielt Baum einen Trucker, der sich gegen die Machenschaften von Spekulanten einsetzt. Sendetermin ist voraussichtlich im Herbst dieses Jahres.
© Henning Baum

Angesichts dieser Gegensätze ist es völlig sinnlos, sich dieser Stadt mit der Bestürztheit des Westeuropäers über unhaltbare Zustände zu nähern. Eine Stadt, die ohne Ordnung und Plan über ihre Grenzen gewachsen ist, die weder Raum noch Ruhe hat, in der Trinkwasser Luxus ist - während es Flachbildschirme und Kabelfernsehen in fast jeder Hütte gibt -, kann nicht funktionieren. Sie tut es dennoch, zu einem hohen Preis.

Zwei starke Charaktere: Henning Baum, 38, vor einer Höhlenskulptur der hinduistischen Gottheit Shiva. Die Höhle liegt vor Mumbai
Zwei starke Charaktere: Henning Baum, 38, vor einer Höhlenskulptur der hinduistischen Gottheit Shiva. Die Höhle liegt vor Mumbai auf der Insel Elephanta.
© Henning Baum

Recht wird hier nicht mehr durch Gerichte gesprochen, denn die sind vom Reformstau und von der Masse der Verfahren bis zur Lähmung blockiert, sondern durch die Baihs: Paten der jeweiligen Viertel, die ihre Autorität aus der Gewalt beziehen, die sie durch Banden entfachen. Die Polizei antwortet mit ebenso frei angewandter Gewalt. Wenn Richter einen Verbrecher nicht mehr verurteilen können, weil die Justiz überlastet ist oder einfach vor den Anwälten der Banden kapituliert, kommt es zu einem "encounter". Diese "Begegnung" ist die Vollstreckung eines nie gesprochenen Richterspruchs. Erpressung und Korruption sind die Geschwister, die sich an Mumbais Wirtschaftswachstum nähren. Und dieses Wachstum ist - trotz aller Probleme dieser Stadt - enorm. Es ist diese unglaubliche Lebendigkeit, die mich trotz aller Missstände immer wieder für die Stadt und ihre Bewohner einnimmt. Vor den Hütten werden Möbel gebaut, Reifen gesammelt, es wird dort geschnitzt, genäht, gewaschen und gekocht. Wer müde ist, schläft zwischendurch irgendwie. Ruhe findet man hier eh nur in sich selbst. Ladenöffnungszeiten gibt es ebenso wenig wie die Pflicht, bei Rot zu halten. Der Verkehr kennt keine Regeln. Selbst in der dunkelsten Nacht fährt man ohne Licht, auch entgegen der Fahrtrichtung. Tempobeschränkungen sind kein Thema. Auf dem Motorrad freut man sich einfach am kühlenden Fahrtwind.

In dieser Welt drehen wir nun unseren Film. Die Welt um uns herum drängt sich hinein ins Bild, auch in unsere Gesichter, in denen sich die Anstrengung widerspiegelt. Ich lege mich nicht an mit Indien, es ist sowie so viel stärker als ich. Wenn es geht, passe ich mich an, trinke den Tschai mit Gewürzen und Zucker und esse mein Curry mit Nan-Brot, das ich in der rechten Hand halte. Gelassen versuche ich die Schläge, die das Land austeilt, wegzustecken, denn Grollen kostet nur noch mehr Kraft. Hitze und Sonne haben mich trotz aller Vorsicht schon mal in die Knie gezwungen, andere Plagegeister stehen täglich bereit, uns zu schwächen. Deswegen bleiben wir auch noch ein wenig länger hier, als ursprünglich geplant. Wenn uns dieses Land eine Lektion erteilt hat, dann die: Indien lässt sich nicht planen.

Namaste*, Henning

*Im Sanskrit die typische Grußformel. Auf Deutsch etwa: "Ich verbeuge mich vor dir"

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