Henning Baum: Der letzte Mann

Henning Baum überzeugt als TV-Bulle. Dafür trainiert er hart - seine Muskeln und den Verstand

Henning Baum

Henning Baum betritt

um zehn Uhr morgens das alte, zugige Fabrikgebäude in Köln. Die Raumtemperatur liegt bei drei Grad, und er soll mit nacktem Oberkörper fotografiert werden. Der 39-Jährige nickt bloß und holt ein ummanteltes Stahlspringseil aus seiner Tasche: "Wenn es kalt ist, machen wir uns eben warm."

Für alle, die den Bällchen-Sender Sat.1 von ihrer Fernbedienung entfernt haben: Baum spielt in der Krimi-Serie "Der letzte Bulle" den Titelhelden Mick Brisgau. Für diese Rolle erhielt er den Bayerischen Fernsehpreis 2011 als bester Hauptdarsteller, jüngst lief die dritte Erfolgsstaffel.

Die Grundidee: 20 Jahre nach einem im Einsatz erlittenen Kopfschuss erwacht Straßencop Brisgau aus dem Koma und hat mit Internet, politischer Korrektheit, Frauenfußball und Männerkosmetik so seine Schwierigkeiten. Die muntere Handlung wird durch die Hits der Achtziger untermalt, Schauriges wie Roland Kaisers "Santa Maria", Schönes wie Soft Cells "Tainted Love" und zu Unrecht Vergessenes wie "Digging Your Scene" von den Blow Monkeys wechseln sich ab.

Die Serie lebt - das kann man sagen, vor allem, wenn man das vielschichtigere BBC-Original "Life On Mars" kennt - entscheidend von Henning Baum. Er stellt den fossilen Stehpinkler und Opel-Admiral-Fahrer so wahrhaftig dar, dass er inzwischen selbst als "Reinkarnation des echten Mannes" gefeiert wird.

Nach zehn Minuten Seilspringen zieht Baum sein am Brustkorb spannendes T-Shirt Größe XL aus und macht 20, 30 Liegestütze, Hände und Daumen bilden ein Dreieck. Der Umfang seiner Bizeps- und Trizepsmuskulatur schickt die meisten männlichen Oberschenkel zurück auf die Bank. "Ich wäre dann so weit", sagt Baum höflich.

Der gestählte Body, der Blick zwischen Stolz und Verletzlichkeit: Henning Baum, 39, zeigt sein Kapital für seine Erfolgsrolle als "Der letzte Bulle".

Der Essener - ausgestattet mit einem Bass, der Gläser vibrieren lässt - gibt mit viel Vergnügen den Kernigen. Wann immer er kann, bekräftigt er Stereotypen: Nein, er besitze kein Auto, fahre lieber eine alte Norton. Ja, wenn er koche, grille er Entrecotes für seine Kumpel. Nein, er stehe nicht auf künstliche Brüste, "ich möchte die Schwerkraft erkennen". Ja, er halte die moderne Technik mit ihren Apps und Updates für einen "lästigen Zeitfresser", sein Uralthandy wird notdürftig von rotem Klebeband zusammengehalten.

Spätestens aber, wenn er sagt, er wasche sich nur mit "Jubiläumsseife von der Fremdenlegion", kann er ein Grinsen nicht unterdrücken. Der Rückschluss, Henning Baum und Mick Brisgau seien identisch, ist natürlich idiotisch: Er findet ihn wegen dessen geraden Rückens überaus sympathisch, er verkörpert ihn auch gern. Aber er ist Schauspieler: Während sich Brisgau eine Kippe nach der anderen anzündet, ist Baum Nichtraucher.

Gelernt hat er sein Handwerk an der Westfälischen Schauspielschule in Bochum. Was nicht leicht war, obwohl Baum von 800 Bewerbern einen der acht Plätze ergatterte. "Es hieß, ich würde nicht genug leiden. Ich dachte: 'Habt Ihr 'nen Knall?' Ich habe beim Rettungsdienst gearbeitet, ich kenne Leid. Und dann stehen da junge, gesunde Menschen, die das künstlich erzeugen sollen? Abends habe ich dann nicht mehr diskutiert, sondern bin zum Karate gegangen." Oder zum Fechten. Oder zum Yoga. Was letztlich zu einem Körper führte, der heute Baums Kapital ist.

Vor der Kamera spielt er es voll aus. Der 1,85-Meter-Mann ackert mit Hanteln, macht Schattenboxen, zerrt an elastischen Bändern, übt Tritte in Kopfhöhe, hebt in Seitenlage wiederholt einen zwischen den Füßen eingeklemmten Medizinball. Und zwischendurch immer wieder: Liegestütze und Seilspringen. "Man braucht kein Studio", sagt Baum. "Zwei Quadratmeter Platz und das eigene Gewicht genügen."

Manche seiner Übungen sehen nach Kindergarten aus. Wer aber nicht nur die Oberfläche aufpumpt, sondern alle Muskelschichten trainiert, auch die tieferen, Halt gebenden, der weiß, dass bei statisch wirkenden Einheiten nach ein, zwei Minuten der Schweiß strömt. Baum allerdings hat nur ein Lächeln auf den Lippen, weshalb er vor den Aufnahmen immer wieder mit Babyöl eingerieben wird. "Ich versuche, im Augenblick zu sein. Nicht zu denken: Wann ist das endlich zu Ende?"

Gala Men

Männer mögen's modisch

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Henning Baum

Der letzte Bulle

Henning Baum trainiert hart für seine Rollen. Seit 2010 erzielt er als "Der letzte Bulle" (Sat.1) Traumquoten mit mehr als vier
"Wenn ich meinen Körper stärke, fließt mir die Stärke auch wieder zu."
"Zwei Quadratmeter Platz und das eigene Gewicht genügen."
"Für Mode interessiere ich mich nicht, eher für Stil und Qualität."

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Für körperliche Leistungen bedarf es einer Basis. Wann immer es möglich ist, schläft Baum acht Stunden. Ritual ist zudem ein Mittagsschlaf von 20 Minuten, gefolgt von einem schwarzen Tee. Er achtet auf gesunde Ernährung, isst jeden Morgen Müsli und ein Ei, abends gern Schwarzbrot mit Olivenöl und Lachs. "Es geht mir ja nicht darum, für Unterhosen zu werben, es geht mir um Fitness, Konzentration, Energie. Wenn ich den Körper stärke, fließt mir diese Stärke auch wieder zu. Wie ein Korsett, das einen hält."

Baum ist der wohl physischste Schauspieler Deutschlands - was neben seinem Pfund auch ein Problem ist. Genau genommen: mehrere. Deutschland ist keine Hochburg des Action-Kinos, die längste Zeit seiner fast schon 20 Jahre währenden Karriere spielte Baum Nebenrollen. Er wird älter, zwischen den Aufnahmen humpelt er manchmal - das Knie. Auch auf seinen Rücken muss er aufpassen. Das vielleicht schwerwiegendste Handicap: Nach dem Motto "Im linken Arm 10 000 Watt, im rechten Arm 10 000 Watt - und im Gehirn kein Licht" werden Muskeln mit einem Gefühlspanzer gleichgesetzt. Und der, der sie besitzt, wird als doof eingestuft.

Die Gefahr, auf einen Typ festgelegt zu werden, sieht Baum nicht. Zwar hat er schon einen Haufen raubeiniger Kerle gespielt, vom US-Piloten über einen fast zu Tode geprügelten Bootsmaat bis zum altpreußischen Dragoner. Doch auch genug weichere Charaktere: einen liebenswerten Gärtner, einen schwulen Kommissar oder einen überforderten Hausmann, dessen Gattin in den Sexstreik getreten ist.

Zwischendurch widerlegt er gern das Klischee, welches er so oft bedient. Man kann mit Baum natürlich über seinen Heimatverein, den Regionalligisten Rot-Weiss Essen, fachsimpeln, aber ebenso über Bachs Goldberg-Variationen oder Shakespeares "Macbeth". Selbst beim Look weicht er von seinem Jeans-Karohemd-Bomberjacke-Image ab, er mag es klassisch und zeitlos - Schiebermütze von Stetson, Strickjacke von Fred Perry. "Mode interessiert mich nicht", sagt er, "sondern Stil. Und Qualität. Gutes Schuhwerk hält ja nicht nur ewig, es gibt auch Halt."

Irgendwann landet das Gespräch bei Begriffen wie geistige Fitness, geistige Klarheit. "Das ist nicht dasselbe. Geistige Fitness ist ja gegeben, weil ich Drehbücher als Denksportaufgaben betrachte. Ich muss den Text analysieren und entkernen, vielleicht ist nur ein Satz entscheidend, den muss ich finden. Das trainiert."

Der Essener Henning Baum hat seinen Ruhrpott-Charme in zahlreichen TV-Filmen ausgespielt.

Geistige Klarheit erfordert seiner Meinung nach erst einmal die Bereitschaft, sie überhaupt anzustreben. Dazu braucht es Ruhe: "Also, Rechner aus, die Steuer sollte einem auch nicht auf den Sack gehen, in diesem Freiraum kann man dann reflektieren, sich emporschwingen." Ist er etwa Buddhist? Der Ex-Waldorf-Schüler lächelt: "Möglicherweise wenden sie diesen Trick auch an."

Baum momentan nicht. Anders als in seiner Jugendzeit, als seine Kumpel und er auf selbst gebauten Flößen ihre Sagen- und Huckleberry-Finn-Lektüre umsetzten, malocht er jetzt richtig. Im vergangenen Jahr hat er den geplanten Urlaub für Dreharbeiten in Indien geopfert und gerade mit "Time Bandit" (Ankerherz Verlag, ca. 20 Euro) ein Abenteuer-Hörbuch veröffentlicht.

Baum hat beschlossen, wenn er arbeitet, dann mit Vollgas. "Es ist vielleicht altmodisch, aber ich habe die Haltung: Wenn man alles gibt, bleibt etwas hängen, und irgendwann wird man belohnt."

Eine Einstellung, die er frühzeitig gelernt hat. An seinem ersten Schultag wollte er allein zur Schule: Zwar hatten die Eltern den Weg mit ihm geübt, aber dann war im Bus plötzlich der Weg zum Ausgang versperrt. Erst zwei Stationen später hatte er sich zwischen all den Aktentaschen und Hüften durchgezwängt. Nun rannte er weinend die Straße hinunter: "Natürlich habe ich es nicht rechtzeitig geschafft. Aber ich habe es versucht. Darum geht's."

Wer weiß, vielleicht wird er gerade jetzt belohnt. In Zeiten, wo die klassischen Männerrollen zusehends porös werden, ist Henning Baum jedenfalls ein Solitär. Und darf sich fühlen wie in dem Monty-Python- Film "Das Leben des Brian". Darin gibt es die legendäre Szene, in der Brian, der falsche Messias, eine Menge darum bittet, ihm nicht zu folgen. "Ihr seid alle Individuen." Die Menge grölt: "Wir sind alle Individuen.“ Nur einer ruft: "Ich nicht."

Es ist kurz vor acht Uhr abends, Baum wirft einen letzten Blick auf den Monitor des Fotografen. Dieser hat ihn in einem White-Trash-Wohnwagen inszeniert, am Ende eines harten Tages. "Man sieht die Erschöpfung, das ist gut", sagt Baum. Er packt das Springseil in die Tasche. "Und macht die Augenringe nicht weg, wenn ihr die Bilder bearbeitet", fordert er und grinst dieses schief-sympathische Lächeln, das ihm den Ruf eingetragen hat, der Bruce Willis des Ruhrgebiets zu sein: "Ein Mann muss sich nicht schämen dafür, dass er arbeitet." Ein "Glück auf !" noch, dann ist er weg. Ein Hauch von Babyöl hängt in der kalten Luft.

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