Helmut Schmidt: Ein Nachruf

Abschied von einem Jahrhundertpolitiker. Ulrich Wickert erinnert sich in GALA an Helmut Schmidt– und erzählt, wie er bei seiner ersten Begegnung ziemlich provozierte

Helmut Schmidt

Helmut Schmidt war ein Mann mit Haltung. Das belegen seine vielen Artikel und Bücher als Publizist. Dafür stand er aber auch als Politiker, was allerdings schon so lang zurückliegt, dass manch einer Schmidts Bedeutung für die Position Deutschlands in Europa und der Welt nicht mehr recht zu würdigen weiß. Es reicht, einen Blick auf seine Freundschaft zum damaligen französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing zu werfen, um sich zu erinnern. Giscard entsprach Schmidts Vorstellung eines Politikers mit Haltung und Mut.

Flachpfeifen - Nichts für Helmut Schmidt

Schmidt mochte keine Flachpfeifen. Wahrscheinlich hat er sich deshalb mit dem stets zögernden US-Präsidenten Jimmy Carter zerstritten. Wen er nicht kannte, den jagte er durchs Fegefeuer. So auch mich. Das war so: Die enge Beziehung eines deutschen Bundeskanzlers zu einem französischen Präsidenten faszinierte mich als ARD-Korrespondent in Paris. Deshalb bat ich für einen Bericht um ein Gespräch mit dem Bundeskanzler und erhielt eine Zusage. Ich fuhr also nach Bonn in das nüchterne Eisen-Glas-Gebilde namens Kanzleramt. Helmut Schmidt saß am Schreibtisch, schaute kaum von seiner Tätigkeit auf und blaffte mich an: "Was wollen Sie?" – "Ich mache einen Film über Ihre Freundschaft mit dem französischen Präsidenten." – "Was wollen Sie da wissen?" – "Ob etwa die unselige deutsch-französische Geschichte in Ihrer Beziehung je eine Rolle gespielt hat?" – "Was soll ich dazu schon sagen?" Ich schwieg. Nach einer Weile stand der Bundeskanzler auf und ging – ohne ein Wort zu sagen – zur Tür, machte sie auf, betrat den Raum, in dem das Interview stattfindensollte, grüßte niemanden und setzte sich.

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Das Eis war gebrochen

In dem Gespräch stellte ich eine Frage zum NATO-Doppelbeschluss. Das war nicht nur außenpolitisch eine heikle Sache, sondern auch innenpolitisch, denn anders als der Kanzler unterstützte seine Partei, die SPD, unter ihrem Vorsitzenden Willy Brandt eher die Friedensbewegung als die Stationierung neuer Raketen. Als unser Gespräch zu Ende war, wies der Regierungssprecher den Kanzler darauf hin, dass seine Antwort auf meine Frage nach den Raketen nicht hundertprozentig dem NATO-Beschluss entspreche. Während Schmidt seinem Sprecher zuhörte, klopfte er aus einer kleinen Dose weißen Schnupftabak in die Kuhle an der Wurzel seines linken Daumens. Da ritt mich der Teufel. Ich fragte den Bundeskanzler: "Schnupfen Sie nur, oder spritzen Sie auch?" Noch heute wird mir schwummerig, wenn ich daran denke, wie der bis dahin so äußerst grantige Regierungschef hätte reagieren können. Aber Helmut Schmidt lachte laut auf. Da war das Eis gebrochen. Und wir haben seitdem unzählige lange Gespräche geführt.

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Abschiedsbesuch

Vor zwei Jahren bat Helmut Schmidt mich, ihn zu seinem Abschiedsbesuch nach Paris zu begleiten und dort ein Gespräch mit seinem Freund Giscard zu moderieren. Zu dem Abend war le tout Paris gekommen. Ganz am Ende gab Schmidt sein Bekenntnis zu Frankreich ab. Er sagte: Bei allen außenpolitischen Entscheidungen, die er zu treffen hatte, habe er immer zunächst daran gedacht, was dies für die Beziehung mit Frankreich bedeute. Er habe die Geschichte nicht vergessen. Und wisse, dass die Zukunft Europas ausschließlich in beider Hände liegt. Das französische Publikum – Minister, Wirtschaftsführer, Intellektuelle – erhob sichund würdigte ihn mit langem Applaus.

Tradition: Erster Besucher

Der französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing und der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt haben in den sieben Jahren, in denen sie zur gleichen Zeit Frankreich und Deutschland regierten, wesentliche Grundlagen für die Integration Europas geschaffen. Helmut Schmidt wurde Kanzler drei Tage bevor Giscard das Präsidentenamt antrat. Sofort nach seinem Dienstantritt hat Giscard den deutschen Bundeskanzler angerufen und nach Paris eingeladen. Er sollte sein erster Besucher sein. Damit wurde eine Tradition begründet, die heute noch besteht. Jeder neu gewählte deutsche Regierungschef stellt sich zuerst in Paris vor, jeder neu gewählte französische Präsident reist als erstes nach Berlin.

Grundstein für den Euro

Schmidt hat mit Giscard eine weitere Tradition ins Leben gerufen. Die Weltwirtschaftsgipfel, heute G7 genannt, gehen auf eine gemeinsame Initiative beider zurück. Gegründet wurde diese "Gruppe der Sechs" 1975 im Rahmen eines Kamingesprächs auf Schloss Rambouillet. Aber kommen wir zum Wichtigsten: Schmidt und Giscard machten sich Gedanken, wie das Europäische Währungssystem weiterentwickelt werden könnte. Ausgang ihrer Überlegungen war ein Plan des luxemburgischen Ministerpräsidenten Pierre Werner aus dem Jahr 1969. Beim Europäischen Gipfel im Juli 1979 haben die beiden dann ihren Plan vorgelegt, und Schmidt hat als Ratsvorsitzender den Vorschlag zu einem Europäischen Währungssystem verabschieden lassen. So hat Schmidt den Grundstein für den Euro gelegt. Es sollte also nicht vergessen werden: Schmidt war ein Kanzler mit politischer Fantasie und mit der Kraft, Zukunft zu gestalten.

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