Anwältin Donna Rotunno: Die Frau hinter Harvey Weinstein

Es wird ernst für Harvey Weinstein: Am 6. Januar wurde sein Strafprozess in New York eröffnet. Retten soll ihn seine Anwältin Donna Rotunno. Wie kann eine Frau einen mehrfachen Sexualstraftäter freiwillig verteidigen?

Harvey Weinstein und Donna Rotunno

Harvey Weinstein, 67, klammert sich an seinen Rollator, als er vor dem Gericht in New York City steht. Er wirkt schwach, fast zerbrechlich. Um ihn herum scharen sich Sicherheitsbeamte und Journalisten, das öffentliche Interesse an dem Mann, dem über 80 Frauen sexuellen Missbrauch vorwerfen, ist groß.

Harvey Weinstein auf dem Weg zu seinem Prozess

Am 6. Januar hat das Strafverfahren gegen den einstigen Hollywood-Regisseur in New York begonnen. In dem Prozess geht es um die Vorwürfe von zwei Frauen: Die ehemalige Produktionsassistentin Mimi Haleyi beschuldigt Weinstein, sie 2006 in seiner Wohnung sexuell missbraucht zu haben, sieben Jahre später, 2013, soll er dann Schauspielerin Jessica Mann vergewaltigt haben. Rettung erhofft sich Weinstein nun von seiner Anwältin, die in diesen Tagen nicht von seiner Seite weicht.

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Harvey Weinsteins letzte Hoffnung

Harvey Weinstein setzt all seine Hoffnung in seine Verteidigerin Donna Rotunno, 44. Die Juristin ist Spezialistin für die Verteidigung von Sexualstraftaten, Harvey Weinstein ist bereits ihr 40. Fall. Und der wahrscheinlich wichtigste ihrer Karriere. Die Anwältin mit dem "stählernen Blick" – so wird Rotunno in US-Medienberichten beschrieben – gilt als "Bulldogge im Gerichtssaal“. Laut ihres ehemaligen Kollegen Stanley Stallworth ist sie eine aggressive und ehrgeizige Verteidigerin, die bei jedem Prozess juristische Glanzleistungen abliefert.

Über ihr Privatleben gibt Donna Rotunno nur wenig preis. Sie lebt in Chicago, ist laut ihrer Instagram-Biografie Tante von 14 Patenkindern und sportbegeistert. Ihre Kanzlei "R&G Law Group", die sie mit ihrem Partner Damon Cheronis führt, hat keine eigene Website, der letzte Beitrag auf dem Instagram-Profil der Firma stammt aus dem Jahr 2016. Auffallend ist allerdings, dass sie sich selber als "Patin für die Welt...oder fast" beschreibt, schließlich wird sie durch das Mandat von Harvey Weinstein aktuell zum Feindbild vieler Frauen. Doch das stört Rotunno nicht, die Arbeitsphilosophie ihres Vater beeinflusst sie heute noch:

"Mein Vater hat mir immer beigebracht: 'Lass deine Gefühle niemals deinen Intellekt trüben" und ich lebe heute mit diesem Prinzip im Hinterkopf."

Donna Rotunno: Kein Verständnis für die MeToo-Debatte

Gute Miene zum bösen Spiel: Harvey Weinstein und Donna Rotunno vor dem Gericht in New York City

Es ist ihr unermüdlicher Ehrgeiz, der bei vielen Frauen weltweit auf Missverständnis stößt. Wie kann eine Frau einen mehrfachen Sexualstraftäter wie Harvey Weinstein verteidigen? Darauf hat Rotunno im Interview mit "Vanity Fair" eine nüchterne Antwort: "Man muss das Verhalten von Harvey Weinstein nicht mögen. Aber schlechtes Benehmen und Vergewaltigung sind zwei komplett unterschiedliche Dinge.“ Außerdem glaube sie an den Grundsatz der Unschuldsvermutung:"Jeder verdient eine Verteidigung", sagt die Anwältin gegenüber dem Fernsehsender CNN. Manchmal trägt sie sogar eine Goldkette mit dem Anhänger "Not guilty."

Donna Rotunno ist – wie sollte es auch anders sein – ebenso keine Anhängerin der MeToo-Debatte, die der Fall Weinstein vor über zwei Jahren ausgelöst hat. "Ich bin keine Frau, die sich jemals dazu bekannt hat", sagt die Anwältin, die sich selbst als eine "Kämpferin gegen übertriebene Political Correctness" beschreibt. "Ich glaube, dass Frauen es eines Tages bereuen könnten, diese ganze Sache in Gang gesetzt zu haben, wenn sich niemand mehr mit ihnen verabreden will, niemand ihnen mehr die Tür aufhält, und niemand ihnen sagt, dass sie gut aussehen“, so Rotunno gegenüber der Zeitschrift "Vanity Fair". 

Die Frage der Schuld

Aussagen, die sich für die betroffenen Frauen wie ein Stich mitten ins Herz anfühlen müssen. Doch damit nicht genug. Donna Rotunno sieht die Schuld bei Sexualstraftaten nicht bei den Männern, nein, sie macht Frauen dafür verantwortlich.

"Wenn man nicht sexuell belästigt werden will, dann geht man eben nicht alleine mit jemandem auf ein Hotelzimmer."

Auch schreckt Weinsteins Anwältin nicht davor zurück, Zeuginnen der Anklage persönlich anzugreifen. Über die geladene Zeugin Annabella Sciorra, 59, sagte sie beispielsweise in einem Interview mit dem Fernsehsender CNN, dass sie "eine exzellente Zeugin abgeben wird, weil sie eine Schauspielerin ist."

"Erniedrigende Aussagen" gegenüber Zeuginnen

Das ging auch der stellvertretenden Staatsanwältin von Manhatten, Joan Illuzzi-Orbon, zu weit. Bei Prozessauftakt lieferte sie sich mit Rotunno ein scharfes Wortgefecht und beschuldigte die Verteidigerin, "erniedrigende Aussagen“ gefällt zu haben, die "unter der Gürtellinie“ waren.  Doch Donna Rotunna weiß um ihre Position: Es ist kein Zufall, dass sich Harvey Weinstein für sie als Anführerin seines sechsköpfigen Teams entschieden hat. Die Taktik: Als Frau kann sie die Zeuginnen mit mehr Härte ins Kreuzverhör nehmen, Männern könnte dabei schnell Schikane vorgeworfen werden.

"Wenn ich im Gerichtssaal eine Frau befrage, kann ich mir mehr erlauben als männliche Kollegen. Wenn ein Mann eine Frau mit derselben Schärfe angeht wie ich, gilt er als Grobian. Wenn ich sie ins Kreuzverhör nehme, zuckt niemand mit der Wimper."

Während Harvey Weinstein im New Yorker Gericht um seine Zukunft bangt, demonstrieren betroffene Frauen und Schauspielerinnen wie Rosanna Arquette, Sarah Ann Masse, Rose McGowan, Paula Williams und Lauren Sivan gegen den Regisseur.

Gerechtigkeit & Moral

Donna Rotunno wirkt hart, in Interviews gibt sie sich distanziert, sachlich und neutral. Bei ihren Geriichtsoutfits achtet sie penibel auf eine Mischung aus Weiblichkeit und Stärke, meistens trägt sie Designerkleider und -röcke. Es ist eine Rolle, die sie spielen will – und muss. Der Fall Weinstein wird von der ganzen Welt verfolgt, die Haltung gegenüber dem Regisseur ist eindeutig: schuldig. Allein die Auswahl der Geschworenen für einen gerechten und nicht nur moralisch korrekten Prozess gestaltet sich schwierig, rund ein Drittel der 120 potenziellen Geschworenen gaben sofort ihre Befangenheit zu.

Doch auch in Saal 1530 im Criminal Justice Court von Manhattan steht der Schriftzug "In God We Trust" an der Wand. Ein Grundsatz, an den sich jede Seite halten muss – auch wenn es schwer fällt.

Verwendete Quellen: Refinery29, Vanity Fair, Chicago magazine, CNN, Die Zeit, Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel, Eigene Recherche

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