Harvey Weinstein: Diese Frauen wollen ihn hinter Gitter bringen

Seit dem 6. Januar muss sich Harvey Weinstein vor dem New Yorker Strafgericht verantworten. Sein Schicksal liegt nun in den Händen von drei Frauen: Zwei wollen ihn ins Gefängnis bringen, eine plädiert auf seine Unschuld. 

Joan Illuzzi-Orbon, Gloria Allred und Harvey Weinstein

Harvey Weinstein, 67, schleppt sich gebückt zum Supreme Court in New York, sein Blick ist auf den Boden gerichtet, seine Hände klammern sich an den Rollator. Es ist ein Bild, das sich seit Prozessbeginn im Januar immer wieder zu wiederholen scheint. Eine perfekte Inszenierung?

Donna Rotunno: "Sex, den man bereut, ist keine Vergewaltigung"

Alles andere als kraftlos treten die drei Frauen auf, die in Harvey Weinsteins Lebens aktuell die Hauptrollen spielen. Und über seine Zukunft entscheiden werden. Da ist zum einen Donna Rotunno, 44, Weinsteins Hauptverteidigerin und Spezialistin für die Verteidigung von Sexualstraftätern. Ihr Standpunkt: "Sex, den man bereut, ist keine Vergewaltigung." Und: "Wenn man nicht sexuell belästigt werden will, dann geht man eben nicht allein mit jemandem auf ein Hotelzimmer." Ihre Strategie ist bissig, ihren Spitznamen "Bulldogge" trägt sie nicht umsonst.

Donna Rotunno

Hält nichts von #MeToo: Die Anwältin hinter Harvey Weinstein

Harvey Weinstein und Donna Rotunno

Gloria Allred und Joan Illuzzi-Orbon kämpfen gegen Harvey Weinstein

Gloria Allred, 78, ist eine berühmte US-amerikanische Frauenrechtsanwältin, die Causa Weinstein ist nicht ihr erster prominenter Fall. Die erfahrene Juristin hat bereits die Familie der ermordeten Nicole Simpson im Prozess gegen O.J. Simpson, 72, vertreten und auch die 33 Frauen, die sich öffentlich gegen Bill Cosby, 82, gestellt haben, konnten sich auf ihre Verteidigung verlassen. Cosby muss jetzt für drei bis zehn Jahre ins Gefängnis, weitere Verfahren laufen noch. Im Gericht ist sie als "Mama Gloria" bekannt.

Gloria Allred: Das ist ihre Motivation

"Ich bin eine Kämpferin für die Rechte von Frauen, die normalerweise keine Stimme haben", erklärt Gloria Allred immer wieder. Ihre eigene Biografie spielt dabei eine große Rolle: Als junge Studentin wurde Allred schwanger, heiratete den Vater ihrer Tochter und ließ sich nach einem Jahr wieder scheiden – ihr Mann litt unter einer bipolaren Störung. Danach war sie auf sich allein gestellt, um die Unterhaltszahlungen musste sie kämpfen. Bei einer Ferienreise in Mexico wurde sie Anfang 1960 von einem mexikanischen Arzt brutal vergewaltigt, die daraus entstandene Schwangerschaft brach sie unter schwierigen und damals noch illegalen Bedingungen ab. "Spätestens seitdem weiß ich, dass jede Frau eine starke Stimme an ihrer Seite braucht", sagt Allred gegenüber "Vanity Fair".

Gloria Allred

  

"Mir war es wichtig, gebraucht zu werden"

Ihr eigentlicher Plan war es, Lehrerin zu werden. An der "New York University" machte sie ihren Abschluss in Englisch, mit 25 fing sie an einer Schule für schwer erziehbare Kinder an, der "Benjamin Franklin High School". In Kalifornien arbeitete sie später an einer Highschool in Watts, einem Stadtteil von Los Angeles. Hier fanden regelmäßig Aufstände von Afroamerikanern statt. "Dass ich dann noch Jura studiert habe und Anwältin geworden bin, lag letztlich daran, dass ich an dieser Schule nicht Rektorin werden konnte. Man wollte Afroamerikanerinnen als Rektorinnen, was ich vollkommen richtig fand. Und auf eine weiße Schule wollte ich nicht", erzählte Allred im Interview mit dem "Zeit Magazin" im Dezember 2018. "Mir war es wichtig, gebraucht zu werden."

Lisa Bloom arbeitete für Harvey Weinstein

Lisa Bloom

Jura spielt in ihrer Familie eine wichtige Rolle, Allreds Tochter Lisa Bloom, 58, und deren Tochter Sarah arbeiten ebenfalls als Juristinnen. "Wir sind drei Generationen von Anwältinnen", sagte Allred stolz im Interview mit dem "Zeit Magazin". Dass ausgerechnet ihre Tochter Lisa im Jahr 2017 dann eine Zeit lang für Harvey Weinstein arbeitete, nimmt sie ihr – angeblich – nicht übel. "Sie hat ihre eigene Kanzlei, und sie fällt ihre eigenen Entscheidungen. Ich hinterfrage meine Tochter nicht", sagt Allred. "Ich glaube, sie hat dann irgendwann festgestellt, dass sie einen Fehler gemacht hat. Und nun vertritt sie ihn nicht mehr."

Die Frauenrechtlerin vertritt Miriam Haleyi

Allreds Haltung war hingegen immer klar: "Ich arbeite nicht für Täter." Im Strafprozess gegen Harvey Weinstein vertritt Gloria Allred eine der beiden Klägerinnen, Miriam Haleyi, genannt "Mimi". Die zierliche Frau ist eine ehemalige Produktionsassistentin von Weinstein. Ihr Vorwurf: Harvey Weinstein hat sie in seinem New Yorker Loft vergewaltigt. Sollte der einstige "König von Hollywood" verurteilt werden, droht ihm eine lebenslange Haftstrafe. Genau das wollen Haleyi und ihre Anwältin erreichen.

Mimi Haleyi und Gloria Allred

Staatsanwältin Joan Illuzzi-Orbon

Unterstützung bekommen sie dabei von Staatsanwältin Joan Illuzzi-Orbon, 57. Seit ihrem Abschluss an der "St. John's University School of Law" im Jahr 1988 arbeitet sie im Büro des Staatsanwalts – mit Ausnahme einer kurzen Pause im Jahr 2015, als sie in ihrem Heimatbezirk erfolglos als Staatsanwältin kandidierte. Obwohl Illuzzi-Orbon als Republikanerin antrat, wurde sie sowohl von der Demokraten-geprägten Zeitung "New York Daily News" sowie von Rupert Murdochs "New York Post" und einigen Organisationen und Einzelpersonen unterstützt. Für viele Wählerinnen und Wähler war trotz späterer Niederlage sicher, dass sie die qualifizierteste Person für das Amt gewesen wäre. 

Joan Illuzzi-Orbon

Wenn Illuzzi-Orbon nicht im Gerichtssaal sitzt, lehrt sie als Hilfsprofessorin an der "St. John's University School of Law". Dekan Michael Simons sagt über seine einstige Studentin: "Jemand so talentiertes wie Joan Illuzzi könnte im privaten Sektor viel mehr Geld verdienen, aber sie hat sich entschieden, sich der Verteidigung der Opfer von Verbrechen zu widmen – sei es der Familie von Etan Patz oder Frauen, die sexuell missbraucht wurden – oder auch zahllose andere Opfer weniger bekannter Verbrechen."

Sie verurteilte den Mörder von Etan Patz

Illuzzi-Orbon kennt sich mit komplizierten Fällen aus, ihr größter Erfolg war die Verurteilung von Pedro Hernandez für die Entführung und Ermordung des sechsjährigen Jungen Etan Patz im Jahr 1979. Nach einem ersten Fehlprozess befand eine zweite Jury Pedro Hernandez für schuldig, er wurde zu 25 Jahren lebenslanger Haft verurteilt – fast 40 Jahre nach dem Verschwinden des kleinen Jungen. Der Abschluss eines "cold case", der ganz New York bewegte. Der Sprecher des Staatsanwaltsbüros, Danny Frost, beschreibt Joan Illuzzi-Orbon als "eine der besten Prozessanwälte der Nation mit beispielloser Expertise in hochkarätigen, ungelösten Fällen." Ein Status, der ihr auch im Prozess gegen Harvey Weinstein zugute kommt.

Harte Vorwürfe gegen Harvey Weinsteins Anwältin

Die zweifache Mutter beschreibt sich selber als "Soldatin in der Armee der Staatsanwaltschaft", ihr Kampf gilt den Opfern von Gewalt- und Sexualverbrechen. Ihre Haltung in der Causa Weinstein ist eindeutig: schuldig. Sie glaubt den Frauen, die Harvey Weinstein Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und "predatory sexual assault" (lässt sich kaum adäquat ins Deutsche übersetzen, bedeutet so viel wie: räuberische sexuelle Übergriffe) vorwerfen. Und sie missbilligt Donna Rotunno, Weinsteins Anwältin. Schon bei Prozessauftakt lieferte sie sich mit ihrer Gegenspielerin ein scharfes Wortgefecht und beschuldigte die Juristin aus Chicago, "erniedrigende Aussagen“ über die betroffenen Frauen gefällt zu haben, die "unter der Gürtellinie“ sind. Rotunnos Strategie finde sie "abscheulich".

Ein kleines bisschen Würde ...

Der Prozess gegen Harvey Weinstein ist bis März angesetzt, bis dahin werden Joan Illuzzi-Orbon und Gloria Allred in Saal 99 im New Yorker Strafgericht alles versuchen, um die Geschworenen von Weinsteins systematischem Machtmissbrauch zu überzeugen. Sie wollen beweisen, dass sich der einstige Hollywood-Regisseur gegenüber Frauen wie ein "predator", ein Raubtier, verhalten hat. Und den betroffenen Frauen nach all den Jahren wenigstens ein kleines Stückchen Würde zurückgeben. 

Verwendete Quellen: Variety, Vanity Fair, Zeit Magazin, Guardian, Süddeutsche Zeitung, Los Angeles Magazine, The Hollywood Reporter, Der Spiegel

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