Guttenbergs: Das Guttenberg-Märchen

Vorsicht, geheim! Auf den folgenden Seiten rechnet einer der profiliertesten Journalisten Deutschlands mit dem Mythos Guttenberg ab und erzählt, was wirklich passiert ist. Nichts für schwache Nerven ... Von Willi Winkler

Wer im Fast-Kampfanzug bei der "Bild-Zeitung" einmarschiert, um sich als jederzeit aktivierbare Kanzler-Alternative zu Mutti Merkel zu präsentieren, muss noch lange kein schlechter Mensch sein. Es könnte sich auch um den aktuellen Faschingsprinzen handeln, der beim Dresscode etwas missverstanden hat. Hat der aber nicht. Wenn sich unser Held je auf etwas verstanden hat, dann auf Klamotten und die richtige Inszenierung. Wenn schon Ball, dann muss es knallen, dann muss der Frack aber sitzen und die Hemdbrust so gestärkt sein, dass sie mit dem kalt hochgepressten Empire-Dekollete seiner Verlobten konkurrieren kann.

Sie haben verstanden? Liebe, das berühmte Wallungswort, aber nicht einfach diese fünf volkseigenen Buchstaben, sondern cool, die Love Parade, Berlin und Rambazamba. Da konnten sie nicht mehr anders, da mussten sie anschließend heiraten und die Inszenierung als Paar, aber immer im richtigen Kostüm fortsetzen.

Daniela Katzenberger

Bewegende Worte zum Tod von Costa Cordalis

Daniela Katzenberger
Daniela Katzenberger musste Abschied von ihrem geliebten Schwiegervater nehmen. Zwei Tage nach dem Tod (2. Juli) äußert sich die 32-Jährige auf Instagram.
©Gala

Der New York Auftritt
Bei seinem Antrittsbesuch in den USA posiert der frischgebackene Bundeswirtschaftsminister am 15. März auf dem Times Square. Unten die Szene im TV-Film.

Wer Barbie heiratet, muss selber nicht unbedingt Ken sein, selbst wenn Barbie stolz auf ihren Abschluss an einer richtigen "Fachakademie für Textil & Schuhe" verweist und die Ururenkelin eines chronisch übergewichtigen Reichskanzlers ist. Die Kombination macht’s, die Kombi aus rotem Ballkleid und seinem Ich-hab’s-ja-nicht-nötig-und-tu’s-doch-nur-für-euch- Wirtschaftslenkertum.

Aus fränkischem Uradel und dazu einer strizzihaften Wurschtigkeit, die dem Plebs noch mal zeigt, wer den Hammer schwingt, nämlich jemand, dem ein liebevoll zugetaner Professor das Summa cum laude als weiteren Titel aufpappt - das wurde der notorische Lügenbaron Guttenberg, der vom Stammschloss im Bayreuther Land so entschlossen auf Berlin marschierte, dass den Post-68ern bei so viel vordemokratischem Tatendrang die hellen Tränen in die Augen schossen.

Ohne die Duldungsstarre des journalistischen Begleitkorps hätte es nämlich diese Traumkarriere niemals gegeben. Als wäre das Trauma der Revolution, die 1918 gar nicht stattgefunden hatte, noch immer nicht verheilt, wurde um einen Umsturz von oben gebettelt. "Ein promovierter Adliger mit einer ebenso adligen, attraktiven Frau als Hoffnungsfigur einer betont sozialen Volkspartei ist in der Heimat des Egalitären eigentlich unmöglich", diagnostizierte ein amtlich anerkannter Ersteiger der sozialen Pyramide mit untrüglichem Blick. Gerhard Schröder, der sei ja nur der Sohn einer "Reinmachefrau" gewesen, seine Nachfolgerin kam aus einem weiter nicht auffälligen Pfarrhaushalt, aber da war ein Adeliger, promoviert dazu, nebst attraktiver Ehefrau und auch die noch adelig, ein so gewaltiger Rückschritt in die Geschichte und gleichzeitig nach vorn ins politikfrei Glamouröse, dass besagter Analytiker beim Abhorchen der sozialen Verhältnisse nur mehr von einer "List der Geschichte" schwärmen konnte, die uns dieses Traumpaar beschert habe.

Die Geschichte vom unaufhaltsamen Aufstieg begann, wie verlässliche Zeugen berichten, im Dezember 1992 auf Schloss Guttenberg. Die einschlägig bekannte, vor allem in Bayern ziemlich berüchtigte Biermösl Blosn gab dort auf Einladung des Dirigenten Enoch zu Guttenberg ein Konzert. "Alle Fenster waren mit Kerzen erleuchtet", erzählt Hans Well in seinem demnächst erscheinenden Buch über die Musik- und Kabarett-Truppe. "Als die blaublütige Jugend unverletzt von der Jagd zurück war, spielten wir etwa eine Stunde."

Der ältere Sohn des Dirigenten, frisch dienstentlassen bei der Bundeswehr und eben 21 geworden, bat Hans Well hinterher um Hilfe bei der Wahl seiner künftigen Tätigkeit. Er trage sich nämlich mit dem Gedanken, gestand er vorsichtig, wie schon sein Großvater in die Politik zu gehen. Welche Partei ihm der Chef der Biermösln denn empfehlen würde? "Wenn Sie Charakter haben, gehen sie zu den Grünen!", versetzte Well. "Wenn Sie aber etwas werden und möglichst schnell nach oben kommen wollen, gehen Sie lieber zur CSU."

Der Rest ist bekannt, der Aufstieg vom Bezirksverbandsvorsitzenden in Oberfranken, wo man sich an den Großvater erinnerte, zum CSU-Generalsekretär, der die Partei verwirrte, zum Wirtschaftsminister, der schneidig Opel nicht retten wollte, zum Verteidigungsminister, der von der Kundus-Affäre nichts wissen wollte, zur Kanzler-Alternative, die zwar auch nichts besser konnte, das aber in besten Anzügen mit passender Krawatte. Und schließlich wäre das arme kaiser- und königlose Deutschland endlich mit Herz und Krone versorgt gewesen. Ach, wie sie alle jubelten über den Siegfried aus dem Frankenland! Die Auszeichnungen prasselten nur so herein über ihn: Krawattenmann des Jahres, bestangezogener, dann sogar Mann des Jahres. Die goldene Kartoffel durfte da nicht fehlen, Grünkohlkönig wurde er aus unerfindlichen Gründen auch noch und schließlich "Sprachwahrer des Jahres", ausgerechnet wegen seiner "schnörkellosen Sprache".

Das Paar heute ist immer noch ein Hingucker-Duo: Karl-Theodor zu Guttenberg und Gattin Stephanie im Mai 2012 bei einer Hochzeit in Oberbayern.

Nur der Aachener Karnevalsverein zeigte den Verstand, den Baron als Witzfigur auszuzeichnen, als die er sich dem unbewaffneten Auge von Anfang an dargeboten hatte. Leider erhielt er den hochverdienten "Orden wider den tierischen Ernst" erst im Februar 2011, als er bereits mit sich rang, ob er noch mehr Märchen über das Zustandekommen seiner Dissertation verzapfen oder der Universität Bayreuth mit allerhochmütigster Geste den plebejischen Doktor vor die Füße schmeißen sollte. Es war eh nicht seiner. Hunderte lassen sich jedes Jahr eine Arbeit schreiben, damit sie im Ausweis und auf der Vielfliegerkarte den Dr. vor dem gewöhnlichen Namen führen dürfen. Immer musste er zu dick auftragen. Jeder andere hätte sich ein abseitiges, aber wenigstens überschaubares Thema ausgesucht, er musste unbedingt "Verfassung und Verfassungsvertrag" begrübeln, musste mit den "Konstitutionellen Entwicklungsstufen in den USA und der EU" ringen.

Das heißt, er hatte natürlich keine Zeit, sich tatsächlich damit zu beschäftigen, weil er ständig damit zu tun hatte, immer wenigstens zwei Entwicklungsstufen auf einmal zu nehmen und dabei so gegelt auszusehen, dass er dem Chefredakteur der "Bild" als Zwilling im eingefetteten Geist erscheinen musste. So wurde er Springers neuer Liebling und Hoffnungsträger, erst recht nachdem die Kanzlerin die Fusion mit Sat.1 nicht genehmigen wollte und dann auch noch mit dem Mindestlohn drohte! So entstand das Traumpaar, das einen über den Phantomschmerz wegen der den deutschen versagten Monarchie hinwegtrösten sollte. Ausgerechnet der Aristokrat gerierte sich als Guerillero, ein Freibeuter im politischen System der Sachzwänge und des alternativlosen Handelns. Seit er mit seinem Rücktritt gedroht hatte, wenn seinem Rat, Opel in die Insolvenz zu schicken, nicht gehorcht würde, stand er im Ruf, auch anders zu können und das alles dank seiner Herkunft gar nicht nötig zu haben.

Seine überstürzten Reaktionen, die er regelmäßig bereute, die Entscheidungen, die er ebenso entschlossen, wie er sie gefällt hatte, wieder zurücknahm, entsprachen dem weit verbreiteten Wunsch, dass da endlich mal einer auf den Tisch hauen möge. Karl-Theodor zu Guttenberg, da gibt es keinen Zweifel, hätte sich von den nächtelangen Verhandlungen in Brüssel keine tiefen Furchen ins Gesicht graben lassen, sondern wäre im frischen Hemd, die Krawatte fesch gebunden, vor die Kameras getreten. Binnen zwei Jahren wurde Guttenberg bester Berlusconi, und wenn er auch noch gesungen hätte, dann hätte der Bundestag ganz sicher sofort dem öffentlichen Druck nachgegeben und die Monarchie wieder eingeführt.

Den kompletten Artikel finden Sie in der aktuellen Gala. Sie ist ab Donnerstag, 14. März, am Kiosk erhältlich.

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