Guido Maria Kretschmer Volltreffer!


Der schwule Designer Guido Maria Kretschmer erklärt in "Gala", warum das Coming-out von Thomas Hitzlsperger so wichtig ist

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Coming-Out von Thomas Hitzlsperger gehört haben?

Mein erster Gedanke war: Herzlich willkommen! Ich freue mich sehr für jeden, der sich dazu entscheidet, ein selbstbestimmtes Leben als offen schwuler Mann zu führen. Außerdem finde ich, dass es zudem ein wichtiges Signal für die Fußballwelt war. Thomas Hitzlsperger hat eindrucksvoll gezeigt, dass man auch als Schwuler sehr wohl männlich genug sein kann, um sich in einem Macho-Sport wie Fußball erfolgreich zu behaupten. Die Klischeebilder in den Köpfen vieler Menschen werden durch seinen Schritt hoffentlich aufgeweicht.

Aber wäre es nicht noch viel besser gewesen, wenn er sich bereits in seiner Zeit als aktiver Profispieler geoutet hätte?

Ich finde es super, dass er diesen Schritt überhaupt gewagt hat. Ein wichtiger Anfang ist damit doch schon mal gemacht. Es braucht eben einfach alles seine Zeit.

Was wünschen Sie ihm für die Zukunft?

Nur das Beste: Ein cooles und entspanntes Leben, einen tollen Freund, Double-Income-No-Kids - und dass er in Zukunft nicht bei jeder Talkshow, in der es um schwule Themen geht, angefragt wird. (lacht)

Nach Hitzlspergers Coming-Out gab es auch ein paar kritische Reaktion: Es sei doch Privatsache, was man in seinem Schlafzimmer anstelle und das gehe deshalb auch niemanden etwas an ...

Mit so einer Denke konnte ich noch nie etwas anfangen: Ich lebe, liebe und empfinde doch die ganze Zeit als schwuler Mann. Wieso versucht man immer wieder, uns nur auf Sex zu reduzieren? Wir möchten ganz normal und ohne Versteckspiel leben und auch zu dem Partner, den wir lieben, offen stehen können. So etwas müsste doch im Jahr 2014 eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein - auch bei Prominenten. Schwul zu sein ist ja kein Ausbildungsberuf. Das wird man nicht, sondern man wird so geboren!

Ist nun das Eis gebrochen? Werden demnächst weitere Fußball-Profis, die noch mitten in ihrer Karriere stecken, dem großen Beispiel folgen?

Auch wenn ich mich natürlich sehr darüber freuen würde und sogar zwei schwule Profis persönlich kenne, glaube ich, dass das erst mal ein Einzelfall bleiben wird. Leider!

Warum?

Gerade weil Hitzlsperger sich erst nach Ende seiner Sportler-Karriere zu seinem Outing entschlossen hat, fehlt so natürlich die Inspiration für alle, die noch aktiv dabei sind. Die Angst davor, dann einen Karriere-Knick zu erleben, ist einfach zu groß. Für Hitzlsperger war es in meinen Augen vor allem ein Befreiungsschlag: Er wollte endlich frei sein und ganz normal leben. Sein Fall sorgt für rege Diskussionen und dafür, dass sich in der Denke vieler Menschen etwas verändert. Er ist ein weiteres Vorbild für junge Schwule, die sich erst finden müssen. Das ist doch auch schon eine Menge.

Sie erwähnten das Thema Karriere-Knick: Nicht alle Promis, die sich geoutet habe, waren später restlos glücklich über ihre Entscheidung: So klagte zum Beispiel der Schauspieler Rupert Everett darüber, dass er in Hollywood keine Rollen mehr bekam ...

Deshalb tun sich auch in Deutschland Schauspieler schwer, zu ihrer wahren Sexualität zu stehen - aus Angst, dass sie nur noch als Schwule oder gar nicht mehr besetzt werden. In der Modebranche ist das alles natürlich wesentlich einfacher. Da denkt sich die Öffentlichkeit, dass dort ohnehin fast nur Tucken arbeiten! (lacht) Bei einem Volksmusik-Star wie Patrick Lindner habe ich dagegen den Eindruck, dass nach seinem Outing die Erfolge deutlich nachließen. Und auch Ricky Martin konnte nie mehr an alte Zeiten anknüpfen. So problemlos, selbstverständlich und super ist es eben leider doch noch nicht.

Ist dafür nicht auch der extreme Medienhype nach Hitzlspergers Schritt ein Zeichen?

Ich habe mich über den Hype überhaupt nicht gewundert und empfand ihn auch als gerechtfertigt. Denn dieser Schritt ist für diese Sportart in Deutschland nun einmal bahnbrechend.

Wie tolerant ist Stimmung gegenüber Schwulen und Lesben in Deutschland tatsächlich?

Natürlich hat die Gay-Community schon eine Menge erreicht - und vor allem in Großstädten lässt es sich gut leben. Andererseits zeigen die Statistiken, dass die Zahl der homophoben Übergriffe wieder zunimmt: Gerade erst wurde ein Bekannter von mir in Berlin derart schlimm verprügelt, dass er sein Augenlicht verloren hat. Der ist spät abends aus einer Schwulenbar gekommen, vor der ihm irgendwelche Proleten aufgelauert hatten. Eine furchtbare Sache!

Vor allem unter Jugendlichen - nicht nur aus Brennpunkt-Stadtvierteln - nimmt die Homophobie wieder zu. Auf Schulhöfen sind "Schwuchtel" oder "schwule Sau" immer noch die beliebtesten Schimpfwörter. Was kann man tun, um daran etwas zu ändern?

Ich glaube fest daran, dass es mit Tugenden wie Toleranz und Akzeptanz nur dann dauerhaft etwas wird, wenn beides konsequent in den Familien und in der Schule vorgelebt wird. Dort muss die Arbeit anfangen.

Dazu passt die Meldung, dass in Baden-Württemberg bereits mehr als 68.000 Menschen eine Online-Petition unterzeichnet haben, die sich gegen die dortige Einführung des Unterrichtsthemas "Akzeptanz sexueller Vielfalt" richtet ...

Das habe ich auch gelesen und das macht mich wirklich sprachlos und traurig! Wie kann man ernsthaft gegen so einen längst überfälligen Schritt sein? Jedem Einzelnen, der da unterzeichnet hat, wünsche ich, dass er ganz viele schwule und lesbische Kinder bekommt. Dann sollen die mal sehen, wie es ist, wenn deren Kinder dann später diskriminiert oder gar verprügelt werden …

Als erster prominenter deutscher Profi-Fußballer bekennt sich Thomas Hitzlsperger zu seiner Homosexualität.
Als erster prominenter deutscher Profi-Fußballer bekennt sich Thomas Hitzlsperger zu seiner Homosexualität.
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Sind Prominente wie Thomas Hitzlsperger oder Sie Vorbilder für Schwule - aber auch Botschafter für mehr Toleranz in Deutschland?

Durchaus. Das sehe ich ja sehr deutlich aus meinem Alltag. Ich werde oft auf der Straße angesprochen und bekomme viele Mails, Briefe, Pakete - von Schwulen selbst oder Familien, die schwulen Nachwuchs haben. Und die meisten danken mir dafür, was ich alles für sie oder ihre Kinder getan hätte. Das ist natürlich sehr süß und ich freue mich auch sehr darüber. Andererseits finde ich es auch irgendwie traurig. Denn ich sage doch nur: Hallo, es gibt mich, ich mache dies und das, bin lebe dabei eben auch noch offen und glücklich mit meinem Mann Frank zusammen. Das war’s aber auch schon. Dafür erfahre ich so viel Dankbarkeit und Respekt? Daran sieht man deutlich, dass wir noch einen ziemlich weiten Weg vor uns haben.

Bekommen Sie auch Schmähbriefe?

Der Großteil meiner Zuschriften ist wie gesagt zum Glück sehr positiv. Ab und zu erhalte ich auch aber auch derart heftige Hassmails, dass es mir eiskalt den Rücken runter läuft. Die enthalten dann so schlimme Beschimpfung, dass ich die hier jetzt gar nicht wiedergeben möchte.

Wie gehen Sie damit um?

Ich lese meistens gar nicht weiter und ignoriere es, so gut es geht. Es wird halt immer unverbesserliche Idioten geben. Generell finde ich es in diesem Zusammenhang aber einfach wichtig, in Sachen Homophobie Zeichen zu setzen. Deshalb war ich auch von unserer Kanzlerin sehr enttäuscht, als sie sich im Bundestags-Wahlkampf gegen die komplette rechtliche Gleichstellung positioniert hat. Gerade wir Deutschen sollten gerade aufgrund unserer Geschichte durch diese Gesetzgebung besonders viel Toleranz vorleben. In anderen Ländern wie Schweden oder Spanien geht das ja schließlich auch.

Was sagen Sie zu der Entwicklung in Russland?

Es ist eine Katastrophe, was dort passiert. Jetzt will ja auch noch die Kirche Homosexualität unter Strafe stellen lassen. Ich hoffe wirklich sehr, dass unsere Politiker da in Zukunft viel stärker intervenieren. Immerhin fährt Herr Gauck ja schon mal aus Protest nicht zu den Olympischen Winterspielen nach Sotschi. Ich bin stolz darauf, dass wenigstens unser Bundespräsident ein Zeichen setzt.

Alexander Nebe


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