Fall Dieter Wedel: Auch Brigitte Karner erhebt Vorwürfe gegen den Regisseur

Im Fall Dieter Wedel melden sich immer mehr Schauspielerinnen zu Wort. Nun erhebt auch Brigitte Karner neue Vorwürfe. Doch warum redet sie erst jetzt?

Brigitte Karner mit Ehemann Peter Simonischek bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises im Dezember 2017

Warum erst jetzt? Das ist die entscheidende Frage, die bei der Diskussion um vermeintliche Opfer sexistischer Filmregisseure und Produzenten immer wieder gestellt wird. Darum geht es auch im Fall (75, "Der König von St. Pauli"), gegen den die österreichische Schauspielerin Brigitte Karner (60, "Fabrik der Offiziere") nun neue Vorwürfe erhebt.

Wann verjähren sexuelle Übergriffe?

Bereits vergangene Woche hatten die früheren Schauspielerinnen Jany Tempel (48) und Patricia Thielemann (50) im "Zeit-Magazin" geschildert, wie sie der Regisseur vor über 20 Jahren zum Sex gezwungen oder sexuell genötigt habe. Dem Dementi von Dieter Wedel folgte postwendend die Frage, warum beide Frauen erst jetzt diese Vorwürfe erheben.

Die bekannte Journalistin und ehemalige Gerichtsreporterin des "Spiegel", Gisela Friedrichsen (72), äußerte sogar Kritik an den Frauen. Unter der Überschrift "Mediale Hinrichtung per #MeToo - Schluss damit" schrieb Friedrichsen in der Zeitung "Die Welt", im Fall Wedel hätten diese Frauen "die größtmögliche öffentliche Resonanz" erreicht. "Eine Überprüfung der Richtigkeit ihrer Angaben" sei praktisch unmöglich, somit stünde Aussage gegen Aussage. "Wenn es ein Opfer nicht schafft, binnen immerhin 20 Jahren solche Vorwürfe amtlich geltend zu machen, muss und darf irgendwann Schluss sein", meint Gisela Friedrichsen.

"Öffentlichkeitsgeilheit und späte Rache"

Völlig anders urteilt dagegen Christine Dössel von der "Süddeutschen Zeitung": "Endlich wagen es auch in Deutschland ein paar Schauspielerinnen, die Opfer sexueller Übergriffe wurden, aus dem stillen Winkel der Scham und des Schweigens herauszutreten und einen Täter zu nennen... Und dann wird ihnen gleich mal die Glaubwürdigkeit abgesprochen. Dann unterstellt man ihnen Öffentlichkeitsgeilheit und späte Rache. Redet von Hexenjagd und Denunziation."

Nun meldet sich auch die österreichische Schauspielerin Brigitte Karner (60) zu Wort, die zudem seit 1989 mit dem renommierten Schauspielstar Peter Simonischek, 71, verheiratet ist. Sie stand im Wedel-Mehrteiler "Der große Bellheim" im Jahr 1992 als Tochter Bellheims vor der Kamera. In der "Süddeutschen Zeitung" erklärt sie: "Ich entgifte mich jetzt. Sollen die anderen ruhig sagen: Was meldet sich die Alte nun auch noch zu Wort! Ich habe keine Angst mehr!" Die Angst habe ihr der Regisseur regelrecht eingetrieben, "weil ich von Anfang an nicht auf seine Avancen eingestiegen bin. Ich wollte mich von Herrn Wedel nicht betatschen lassen."

Daraufhin sei sie bei den Dreharbeiten systematisch "fertiggemacht und vorgeführt" worden. Wedel habe sie in einer Szene mit (87) einen Satz 20 Mal wiederholen lassen, "immer und immer wieder". Adorf habe als Bellheim "stets brav" das Stichwort gegeben, während sie angebrüllt und gedemütigt wurde. Die Absolventin der Schauspielakademie Zürich und Trägerin des Nestroy-Theaterpreises der Stadt Wien bekam Sätze zu hören wie: "Was ist das für eine Scheiße, die Sie hier abliefern." Nach 40 Drehtagen habe sie Dieter Wedel bis auf wenige Sekunden aus der Serie herausgeschnitten und sie obendrein danach in "Bild" als schlechte Schauspielerin verunglimpft.

Schauspielerinnen müssen sich endlich zur Wehr setzen 

Der Regisseur baute jahrelang Druck auf die Schauspielerin auf. Auf ihre eigene Situation bezogen erklärt Brigitte Karner die Verhältnisse, die vor über 20 Jahren am Set herrschten: "Wedel gibt dir die Möglichkeit, klar zu begreifen: Wenn du mit ihm freundlich bist, dann geht's dir besser." Viele Frauen würden sich auf diesen sexuellen Handel einlassen. "Von zehn brechen acht ein, die Machtverhältnisse sind nun mal so. Wir Schauspieler sind so abhängig und ängstlich. Es sagt auch keiner was, obwohl alle Bescheid wissen."

Brigitte Karner weiß aus eigener Erfahrung, wieviel Kraft und Selbstbewusstsein es braucht, von solchen Erlebnissen zu berichten, ohne zu fürchten, dass sie auf einen selbst zurückfallen, selbst wenn die Fälle juristisch längst verjährt sein sollten. "Ich tue das nicht, um nachzutreten oder draufzuhauen, sondern weil wir über diese Mechanismen endlich mutig und offen reden müssen." 

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