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Collien Ulmen-Fernandes "Natürlich mache ich mir Sorgen, dass meiner Familie etwas passiert"

Collien Ulmen-Fernandes
© Anatol Kotte
Für ihre neue TV-Doku hat sich Collien Ulmen-Fernandes eindringlich mit den Konsequenzen der Coronapandemie beschäftigt. Im Interview mit GALA verrät die Moderatorin, welche Erkenntnisse sie aus ihrer Recherche ziehen kann, und wie sie persönlich die Krise erlebt hat.
Die Coronapandemie beschäftigt seit einigen Monaten die gesamte Welt. Auch Collien Ulmen-Fernandes, 38, hat sich eingehend mit diesem Thema befasst. Die ehemalige "Viva"-Moderatorin, die mit ihrem Mann Christian Ulmen, 44, und der gemeinsamen Tochter in Potsdam lebt, war zuletzt im April in dem Social Factual "Familien allein zu Haus" auf ZDFneo zu sehen, welches den Alltag verschiedener Familien während der Coronakrise aufzeigt.
Die 38-Jährige beleuchtet in "Familien allein zu Haus 2 - Was bleibt" (Ausstrahlung 18. Juli) die gesellschaftlichen Auswirkungen der Coronapandemie. Drei Familien gewähren den Zuschauern Einblicke in ihr Leben, während Collien mit Experten ins Gespräch geht. Im Interview mit GALA verrät die Moderatorin, wie sehr die Krise sie aufgewühlt hat, welchen Einfluss diese Zeit auf ihr eigenes Familienleben hatte, und welches Resümee sie aus den Experten-Gesprächen zieht.

Collien Ulmen-Fernandes im GALA-Interview

GALA: Wie haben Sie reagiert, als Sie zum ersten Mal vom Coronavirus gehört haben?
Collien Ulmen-Fernandes: Das war sehr absurd. Ich wäre eigentlich von München nach Hamburg und anschließend nach Frankfurt, Köln, Mallorca und dann für einen Dreh weiter nach Norwegen geflogen. Die Flüge bauten aufeinander auf, doch nach und nach wurde immer ein Puzzleteil entfernt. Dadurch hatten wir zunächst einen riesigen organisatorischen Aufwand, bis schließlich alles abgesagt wurde. Da dachte ich nur: 'Okay, was mach ich jetzt?'. Dann kam es aber recht schnell zu 'Familien allein zu Haus', sodass ich letztendlich tatsächlich nur zwei Wochen frei hatte.
Und wie haben Sie den Corona-Beginn emotional erlebt?
Es war total krass, da es etwas war, mit dem niemand gerechnet hat. Die Situation hat mich sehr aufgewühlt. Bei den meisten Projekten wurde gesagt, dass sie nach Corona gedreht werden würden. "Nach Corona" - wann genau soll das sein? Nicht zu wissen, was all dies konkret bedeutet, wann das Kind wieder in die Schule kann oder wie lange diese Ausnahmesituation anhält, hat mir schlaflose Nächte bereitet.
Die ersten eineinhalb Wochen bin ich erst zwischen sechs und sieben Uhr morgens eingeschlafen, weil es mich derart aufgewühlt hat.
Gab es Momente, in denen Sie sich Sorgen um ihre Familie gemacht haben?
Ja, weil mir am Anfang nicht ganz klar war, mit welchen Erkrankungen man zu der Risikogruppe gehört. Mein Vater gehört definitiv zur Risikogruppe. Er hat diverse Herz-Kreislauf-Erkrankungen und nimmt das Thema leider nicht richtig ernst. Er kann nicht stillsitzen und ist ständig unterwegs, da mache ich mir große Sorgen. Mein Mann hat Bluthochdruck, auch das gilt als Corona-Risiko und kann einen schweren Verlauf begünstigen. Daher mache ich mir natürlich Sorgen, dass meiner Familie etwas passiert.

"Wir hatten nicht genügend Zeit, um einen ordentlichen Lagerkoller zu entwickeln"

Wie hat Ihr Mann die Krise überstanden?
Obwohl mein Mann hypochondrisch veranlagt ist, ist er in diesen Zeiten erstaunlich entspannt. Ich habe eher mit dem Gegenteil gerechnet, aber ihn wühlt das alles gar nicht so wirklich auf. Für seine Verhältnisse ist er erstaunlich gelassen. (lacht)
Wie haben Sie den Corona-Lockdown verbracht?
Ich persönlich war nicht in der Lage die freien zwei Wochen zu genießen. Einer der Experten hat dafür ein ganz tolles Bild gewählt, um zu erläutern, warum das so war. Er hat es damit verglichen, plötzlich im Stau zu stehen. Da hat man auch schlagartig viel Zeit, kann diese aber gar nicht genießen, denn erstens hat man es sich nicht selbst ausgesucht und zudem ist unklar, wie lange dieser Zustand anhalten wird.
Rückblickend wünschte ich jedoch, ich hätte die Zeit genossen, Brot gebacken, Eis hergestellt, Gesellschaftsspiele gespielt und ein Buch gelesen. (lacht)
Apropos Stau. Sie haben einmal gesagt, dass Ihr Mann sich hinterm Steuer viel aufregt. Tat er das auch während des Lockdowns, wenn ihm die Decke auf den Kopf fiel?
Ich war ja recht schnell schon wieder weg! Ich habe tatsächlich nach zwei Wochen wieder gedreht, dadurch waren wir nicht in der Situation, sehr lange alleine Zuhause zu sein. Mein Mann war quasi allein Zuhause und ich war unterwegs.
Dadurch, dass ich sehr schnell wieder gedreht habe, hatten wir nicht genügend Zeit einen ordentlichen Lagerkoller zu entwickeln. In den ersten zwei Wochen war es schon angespannt, aber vor allem, weil wir nicht wussten, wie es weitergeht.
Collien-Ulmen Fernandes  bei der Recherche in ihrem Homeoffice.
Collien-Ulmen Fernandes  bei der Recherche in ihrem Homeoffice.
© ZDF / Britta Krehl

Mit ihrer zweiten Hochzeit haben Collien und Christian ihre Ehe wieder "mehr in den Fokus" gerückt

Ende letzten Jahres haben Sie und Christian Ulmen sich erneut das Jawort gegeben. Wie kam es zu dieser zweiten Hochzeit?
Für "The Masked Singer" war ich erst fast zwei Monate in Köln. Im direkten Anschluss habe ich einen Monat lang "Generation Helikopter-Eltern?" und danach einen Film in Spanien gedreht - Christian und ich haben uns also vier Monate nicht gesehen!
Wir haben irgendwann festgestellt, dass unsere Beziehung früher einen anderen Stellenwert hatte. Wir kennen uns schon beinahe zehn Jahre und an einem gewissen Punkt hat die Arbeitswelt einfach überhandgenommen. Daher haben wir beschlossen, unsere Ehe wieder mehr in den Fokus zu rücken. 
Unser erstes Eheversprechen hatten wir übrigens zur Sommersonnenwende und zur Wintersonnenwende haben wir es erneuert. Das wussten wir erst, als es uns der Mann, der uns vermählte, verriet - was für ein Zufall!
Was hat die zweite Hochzeit verändert?
Dass wir uns feste Dates vornehmen, denn die gemeinsame Zeit verliert man schnell aus den Augen, wenn man länger verheiratet ist. Wir nehmen uns jetzt regelmäßig Zeit füreinander und verabreden uns ganz offiziell. Früher haben wir abends oft am Computer gesessen, doch jetzt achten wir darauf, an mindestens ein oder zwei Abenden in der Woche Zeit füreinander zu haben.
Wie sieht so eine Date-Night aus?
Wir trinken alkoholfreien Prosecco, setzen uns auf den Balkon oder die Terrasse und reden miteinander. Manchmal spielen wir auch Mühle. Wie ein altes Rentner-Ehepaar. (lacht)

Homeschooling: " Bei mir hat es eher mittelgut bis schlecht funktioniert"

Sie haben eine achtjährige Tochter. Wie sah Homeschooling bei Ihnen aus?
Die ersten zwei Wochen habe ich das übernommen. Als ich dann wieder beim Dreh war, habe ich das Homeschooling an Christian abgegeben. Bei mir hat es eher mittelgut bis schlecht funktioniert. Laut unserer Experten ist das kaum verwunderlich, da Eltern nicht die gleiche Kompetenz haben können wie Lehrer. Die Sendung zeigt, dass es vielen Familien so geht.
Wir hatten einmal eine Aufgabe, die daraus bestand, 20 Adjektive für eine Banane zu finden. Finden Sie mal 20 Adjektive für eine Banane! Gelb, lecker, weich - und weiter? Ich war mir sicher, etwas falsch verstanden zu haben. Später ging meine Tochter wieder ein- bis zweimal die Woche in die Schule und war die restliche Zeit im Homeschooling. Der Nachteil dieses Konzepts war, dass die Lehrer dadurch während des Homeschoolings nicht erreichbar waren, weil sie parallel den anderen Teil der Klasse unterrichteten.
Das heißt, man hatte kryptische Aufgabenblätter vor sich und verstand rein gar nichts.
Wie ist Ihre Tochter denn mit der Krise umgegangen?
Sehr gut. Da hatten wir wirklich Glück, denn vor ein bis zwei Jahren wäre es sicherlich anders gewesen. Mittlerweile kann sie sich aber wahnsinnig gut selbst beschäftigen. Ich brauche ihr nur ein paar Blätter und einen Stift zu geben, dann ist sie acht Stunden mit Malen und Basteln beschäftigt.
Natürlich gibt es auch andere Momente. Meist wenn ich eine wichtige Telefonkonferenz habe, dann kommt mein Kind herein und muss etwas total Dringendes besprechen, was auf gar keinen Fall warten kann, sodass bei einer Konferenz mit zehn Leuten, dann alle warten müssen, weil sie mir einen lustigen Käfer zeigen oder dringend einen Mega-Gag aus einem Hörspiel weiter erzählen wollte. (lacht)

Durch Corona haben wir "einen wahnsinnigen Rückschritt in Richtung 1950er Jahre gemacht"

In "Familien allein zu Haus 2 - Was bleibt?" sprechen Sie unter anderem mit Psychologen und Soziologen über die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Was haben Sie aus diesen Gesprächen mitgenommen?
Eine ganze Menge. Wir begleiten in dieser Sendung drei Familien. Dadurch bekommen wir Einblicke in höchst unterschiedliche Familien-Situationen, was äußerst spannend ist. Wir haben eine Schausteller-Familie, die von jetzt auf gleich von der Mittelschicht in Hartz-IV abgerutscht ist, weil sämtliche Volksfeste abgesagt wurden. Zu erleben, wie diese Familie mit der Situation umgegangen ist, war ein tolles Learning.
Zunächst waren sie am Boden zerstört. Daher war es schön, zu sehen, wie sie das Problem lösten, indem sie ihre bunten Kirmes-Wägen auf Wochenmärkten aufgestellt haben. Ich finde es rührend, zu verfolgen, wie diese Familie die anfänglichen Schockstarre überwunden hat und aus der Krisensituation herausgekommen ist.
Welche Experten-Aussage ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Die Experten haben das Verhalten der Schausteller-Familie als Positivbeispiel hervorgehoben. Außerdem haben sie das Thema Struktur sehr betont. Einer unserer Experten sagte, dass es zum Beispiel essenziell sei, sich zum Arbeiten entsprechend anzuziehen.
Man sollte nicht den ganzen Tag im Schlafanzug bleiben und sich nur für Videocall-Meetings ein Jackett überziehen. (lacht)
Ebenso wichtig ist es, dass der Wecker jeden Tag um die gleiche Zeit klingelt. Denn gerade im Homeoffice kehrt häufig der Schlendrian ein. Andererseits erleben viele Menschen im Homeoffice auch einen Overload an Arbeit. Oft bekomme ich spät abends um 21:30 Uhr noch E-Mails von Leuten, die sonst nur bis 18:00 Uhr erreichbar waren. Dadurch, dass sie im Homeoffice nebenbei noch die Kinder betreuen und eventuell ein bis zwei Stunden für das Homeschooling investieren, wird diese Zeit oft später nachgeholt.
Wie haben sich die Dreharbeiten unter den aktuellen Corona-Regelungen gestaltet?
Einige Experten-Interviews fanden per Video-Telefonie statt - und nicht jeder unserer Interview-Partner hatte gutes WLAN. Bei einem ist die Verbindung immer wieder abgebrochen. Es ist schon herausfordernd in diesen Zeiten. Das ist aber eigentlich auch etwas Positives.
Denn es gibt die These, dass Schwachstellen durch Corona viel deutlicher zutage treten.

Besagter Experte erzählte von Bekannten, die jeden Tag mit ihren Kindern drei Kilometer zu einem Parkplatz fahren, um Homeoffice- und schooling zu machen, weil sie nur dort Internet haben. Da zeigt sich auf, was wir in Sachen Breitbandausbau versäumt haben. Ebenso wie mit der Digitalisierung der Schulen und natürlich auch in Gleichberechtigung.

Können Sie Gleichberechtigung in Bezug auf Corona näher erörtern?
Es sind die Frauen die bügeln, kochen und die gesamte Organisation übernehmen. Das sieht man auch bei unseren Familien. Eine unserer Interview-Partnerinnen bemerkte, dass man als Frau Lehrerin, Hausfrau, Köchin, Büro-Managerin und Mutter ist - während die Männer sich heraushalten.

Inzwischen bestätigen dies offizielle Zahlen, die besagen, dass sich lediglich 24 Prozent der Haushalte in der Coronazeit gleichberechtigt um Kinder und Hausarbeit gekümmert haben. Außerdem haben sich zu 80 Prozent die Frauen mit dem Homeschooling befasst. Da haben wir einen wahnsinnigen Rückschritt in Richtung 1950er Jahre gemacht.

Vorher waren die Aussichten in Bezug auf Gleichberechtigung bereits nicht gut, durch Corona sind sie noch düsterer geworden.
Verwendete Quellen:eigenes Interview, Instagram
Gala

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