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Cathy Hummels Depressionen sind lebensgefährlich – da hilft kein Wellness-Retreat

Sophia Thiel und Cathy Hummels bei der Charity Gala zu Hummels' "Strong Mind Retreat" in Achenkirch, Österreich, 2. Juni 2022.
Sophia Thiel und Cathy Hummels bei der Charity Gala zu Hummels' "Strong Mind Retreat" in Achenkirch, Österreich, 2. Juni 2022.
© Gisela Schober / Getty Images
Licht soll laut Cathy Hummels bei Depressionen helfen. Mit diesem Spruch wirbt sie für ihr Yoga-Wellness-Retreat, das über psychische Erkrankungen aufklären soll. Wieso ein bisschen Selfcare, "Love yourself" und Sonnenstrahlen nicht nur falsche, sondern auch gefährliche Ansätze sind.

Vor wenigen Tagen riet Cathy Hummels, 34, als Betroffene auf Instagram, dass bei einer Depression "oft alles schwarz / weiß" sei und Farbe doch viel schöner wäre. "Ein Faktor, der helfen kann, ist Licht. Sonne", heißt es weiter. In meiner schlimmsten depressiven Phase hat Sonne aber wehgetan.

Die Strahlen brannten auf meiner Haut, in den Augen. Meine Finger kribbelten, der Körper bleischwer. Die Umgebung fühlte sich kalt und hart und unwirklich an. Jeder Schritt ein Kraftakt, tat weh, wie das Gehen auf einem Nagelbrett. Ein grauer Schleier legte sich auf mich, auf alles, erstickte meine Emotionen.

Cathy Hummels vermarktet und bagatellisiert psychische Erkrankungen

Teresa Enke, 46, die Frau des verstorbenen Nationaltorhüters Robert Enke, †32, der sich wegen schwerer Depressionen 2009 das Leben nahm, konnte anfangs nicht verstehen, wieso ihr Mann "nicht aufstehen und rausgehen" könne.

Im "Mental Health Matters"-Interview schilderte sie 2021:

Ich musste erst mal begreifen, dass das für Betroffene kaum möglich ist. Das ist, als würde man jemandem die Beine amputieren und zu ihm sagen: 'Komm, jetzt gehen wir eine Runde Joggen.' Schlimm war, dass er in seiner depressiven Phase keine Gefühle mehr zeigen konnte. Ich habe mit einer Hülle zusammengelebt. Ich habe ihn dann nicht mehr wiedererkannt.

Entstigmatisierung? Nein, Stigmatisierung!

Was Cathy Hummels hier macht, ist klar: Mit dem Instagram-Post wirbt sie nicht nur für ihr äußerst fragwürdiges "Sun 'n' Soul Retreat" – schlimm genug, Depressionen unter dem Werbedeckmantel zu vermarkten. Die Unternehmerin nutzt dafür das typische Stigma: "Hast du Depressionen? Geh raus an die frische Luft, das hilft." Darüber zeigte sich bereits die Deutsche Depressionsliga e.V. auf Instagram "entsetzt".

Es ist ein Satz, der falsche Annahmen verbreitet und eine lebensgefährliche Erkrankung bagatellisiert. 2020 nahmen sich laut dem Statistischem Bundesamt allein in Deutschland gut 9200 Menschen das Leben. 90 Prozent litten an einer psychiatrischen Erkrankung, am häufigsten an einer Depression.

Dass das der falsche Weg ist, sollte Hummels eigentlich wissen, erkrankte sie doch selbst mit 16 Jahren erstmals an Depressionen, schrieb später ein Buch über ihre Erkrankung und fand es schlimm, dass sie nicht ernst genommen wurde. Ihr Ansatz ist löblich. Sie sammelte zugunsten der Stiftung Deutsche Depressionshilfe bei einem Charity-Dinner Spenden, will aufklären und ihre Reichweite von knapp 700.000 Instagram-Follower:innen nutzen, um psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren.

Hummels verbreitet ein falsches Bild von Depressionen: Das ist gefährlich!

Cathy Hummels erreicht aber mit Äußerungen wie "Ein Faktor, der helfen kann, ist Licht" das genaue Gegenteil. Vielmehr noch: Die Influencerin verbreitet das alte Bild einer lang belächelten psychischen Erkrankung, die, wenn sie nicht behandelt wird, chronisch verlaufen und zum Tod führen kann. Das ist gefährlich.

Auch Hummels' Retreat-Idee fördert und verbreitet Stigmata und ist blanker Hohn für alle psychisch Erkrankten. Kürzlich lud Cathy namhafte Prominente und Influencer:innen in ein luxuriöses Resort nach Rhodos ein. Die drei Tage waren unter anderem gefüllt mit Yoga, gemeinsamen Abendessen und Einschlafmeditation, fleißig gefördert durch große Marken und begleitet von Handykameras, die Instagram-Kanäle fütterten und die Message in die Welt hinaustragen: "Stop it. Love yourself".

Mal-Kurse, Yogaübungen und Urlaube sind aber meiner Depression egal. Die Sonne dort schmerzt ebenso auf meiner Haut wie daheim. Da hilft auch kein Wellness, da hilft nur eine Behandlung durch ausgebildete Expert:innen.

Hilfen bei Depressionen

Erkennen Sie bei sich Anzeichen einer Depression? Beim überregionalen Krisentelefon unter 0800 1110111 wird schnell und anonym geholfen! Weiterführende Informationen gibt es außerdem bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Verwendete Quellen: instagram.com, destatis.de, deutsche-depressionshilfe.de

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