Bruno Ganz: Ein ganzer Mann

Bruno Ganz, dieser Gigant unter den Schauspielern, wird 70. Nach ausgiebigen Kämpfen hat er seine inneren Dämonen besiegt und lebt seinen Traum

Melancholiker bergen ein Geheimnis in sich.

Bruno Ganz versteht es, seines gut zu schützen. "Ich bin nicht so darauf erpicht, ständig zu kommunizieren", sagt er über sich. Was normalerweise heißt: Lasst mich in Ruhe. Doch dann setzt der Sohn eines Schweizers und einer Italienerin sein vieldeutiges, nach innen gekehrtes Lächeln auf. Für Momente aber hat es den Anschein, als ob er seine Seele öffnen möchte. Ein Neugier weckendes, faszinierendes Spiel. Eines, das Ganz grandios beherrscht. In den vergangenen Monaten war der international gefragte Schweizer so aktiv wie nie zuvor. An der Seite von Diane Kruger und Liam Neeson hat er gerade den Hollywood-Thriller "Unknown White Male" abgedreht.

In "Der Untergang" brilliert Bruno Ganz 2004 als Adolf Hitler.

Das deutsche Kinojahr eröffnet er mit dem sensiblen Drama "Satte Farben vor Schwarz". Nach vielen Jahren in Berlin lebt der Schauspieler wieder in seiner Heimatstadt Zürich. Und in Venedig - seinem zweiten Zuhause, seit nunmehr zehn Jahren. Damals kam er zu Dreharbeiten in die Lagunenstadt, spielte in der Komödie "Brot und Tulpen" den schwermütigen Kellner Fernando. Einen Typen, der wenig von sich preisgeben möchte, dann aber der Warmherzigkeit einer Italienerin erliegt. Eine kleine, berührende Geschichte, die sehr viel mit Bruno Ganz zu tun hat: "Ich entschied damals einfach, in Venedig zu bleiben. Ich konnte mir keinen schöneren Ort vorstellen: Einfach stundenlang durch die Gassen laufen und dieses wunderschöne Licht genießen." In der Schauspielerseele rührten sich die Gene der Mutter. Zugleich spürte Ganz, dass sich etwas ändern muss in seinem Leben. Er war bis dahin vor allem ein gefeierter, rastloser Theater-Star. In Berlin, Zürich oder Salzburg. Doch Ganz fühlte sich müde. Auch genervt von jungen Regisseuren, die auf seinen geliebten Texten von Goethe oder Hölderlin herumtrampelten. Nach dem Dreh von "Brot und Tulpen" beschloss er, in Zukunft nur noch Filme zu machen. Einen alten Traum weiter zu träumen: "Das Kino war meine erste Liebe."

Als junger Schauspielschüler, Sohn eines Fabrikarbeiters, hatte er sich nicht so recht getraut. Ihm schien ein Bühnenvertrag sicherer. Unter italienischer Sonne wachgeküsst, mit knapp 60 Jahren, besiegte Ganz auch seine Sucht: "Ich war an dem Punkt, wo ich nüchtern nicht mehr proben konnte." Nachdem er sich im Rausch eine lebensgefährliche Kopfverletzung zugezogen hatte, kam er zum Nachdenken: "Das war wie ein letztes Warnzeichen. Kurze Zeit später bin ich zu den Anonymen Alkoholikern gegangen."

Jahre lang hatte sich Ganz auf einem äußerst schmalen Grat bewegt. Äußerlich so sanftmütig wirkend, reichte eine Kleinigkeit, um eine Explosion auszulösen. Wie im Jahr 1976 beim Dreh zum Wim-Wenders-Film "Der amerikanische Freund" in Hamburg. Ganz war der Hauptdarsteller. Und eifersüchtig auf Hollywood-Outlaw Dennis Hopper, der die Titelrolle spielte: "Eines Abends habe ich ihn getreten, er hat zurückgeschlagen, und dann ging es eine Zeit lang mit den Fäusten weiter." Eine Prügelei machte Anfang der Siebzigerjahre auch eine brisante Affäre öffentlich: Bruno Ganz traf sich damals in Berlin heimlich mit Romy Schneider. Als ein Portier den betrunkenen Ganz nicht ins Hotel lassen wollte, rastete dieser aus und schlug den Mann krankenhausreif.

Die Dreharbeiten zu "Der amerikanische Freund" mit Dennis Hopper 1976 in Hamburg waren eine wilde Zeit.

Ganz war damals - genau wie Romy - verheiratet, sein inzwischen 38-jähriger, einziger Sohn gerade geboren. Daniel Ganz erblindete im Alter von sechs Jahren, arbeitet als Übersetzer und spielt in einer Rockband. Vater und Sohn haben ein inniges Verhältnis: "Es ist erstaunlich, was seine Ohren alles können." Die Ehe mit seiner Frau Sabine ist bis heute nicht geschieden, obwohl Ganz seit Jahren mit der Theaterfotografin Ruth Walz zusammenlebt.

Das Zarte und das Harte - zwei extreme Seiten, die sich immer wieder in der Brust des Ausnahme-Mimen aneinander reiben. Früher wollte er sogar Boxer werden - "nach dem ersten K.o. im Züricher Boxclub hatte ich aber genug." Künstlerisch hat Bruno der reduzierten Gesten, unter denen vulkanische Energie lauert. Vor seinem 70. Geburtstag - am 22. März - wirkt Bruno Ganz wacher denn je. Die in ihm lauernde Aggressivität sei "bei Weitem nicht mehr so heftig". Er vermeide unnötigen Stress, suche Filmrollen sorgsam aus. Und vor allem: "Ich werde versuchen, öfter in Venedig zu sein."

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