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Bettina Wulff "Ja, ich habe mir auch psychologische Hilfe gesucht"

Bettina Wulff
© Getty Images
Bettina Wulff ordnet nach ihrer Alkoholfahrt ihr Leben neu. In GALA spricht die ehemalige First Lady über das Scheitern, Reue - und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.

Sie ist hoch gestiegen, tief ge­fallen und sucht nun, nach einigen Irrtümern und Krisen, neue Perspek­tiven. Als First Lady stand Bettina Wulff, 46, an der Seite des deutschen Staatsoberhaupts. Es folgten dessen Rücktritt, das Ehe­-Aus und schließlich, im September vorigen Jahres, ihre Alkoholfahrt. Ein Scherbenhaufen. Wir treffen Bettina Wulff im "Courtyard"-­Hotel in Hannover. Geradezu erleichtert erzählt sie, mit welchen Widrigkeiten sie viele Jahre kämpfte und warum sie sich heute im richtigen Leben angekommen fühlt.

Bettina Wulff im GALA-Interview

Frau Wulff, was genau ist am besagten September-Tag 2018 passiert?
Ich war bei Freunden zum Grillen eingeladen, es war ein warmer, sonni­ger Tag. Wir verlebten eine schöne Zeit, und ich hatte über Stunden das ein oder andere Glas Wein getrunken. Dann fuhr ich nach Hause. Dort fiel mir ein, dass ich noch fürs Frühstück einkaufen müsste. Ich wusste, dass noch ein Supermarkt geöffnet hat, und setzte mich ins Auto. Dann passierte es. Auf der Umgehungsstraße über­querte ein Reh die Straße. Ich wich aus, das Reh lief weiter, und ich knallte mit meinem Auto gegen einen Baum.

Wie war Ihre erste Reaktion?
Mir schossen sofort Gedanken durch den Kopf, die schon lange in mir brodelten. In den Tagen und Nächten danach habe ich mich komplett zu­rückgezogen und auf mein bisheriges Leben geschaut.

Sie hatten 2,0 Promille im Blut.
In den Monaten zuvor hatte ich viel getrunken. Es ist mir damals gar nicht so aufgefallen, wie viele Menschen um einen herum noch Auto fahren, wenn sie getrunken haben. Heute verblüfft mich das tatsächlich.

"Ich habe mich fürchterlich geschämt"

Was haben Sie Ihren beiden Söhnen gesagt, als Sie nach Hause kamen?
Ich habe ihnen erst am nächsten Tag erzählt, dass ich einen Unfall hatte und nun das Auto kaputt sei. Die erste Reaktion war: "Na, und wer fährt uns jetzt? Und wann kommt das Auto zurück?" Da waren die beiden ganz pragmatisch - und ich baff.

Wie haben Sie sich gefühlt?
Ich habe mich fürchterlich geschämt. Der Unfall hat mich auf Null gesetzt. Heute sehe ich es als Gnade und Geschenk, dass ich keinen Menschen verletzt habe. Ich selbst hatte wohl einen Schutzengel. Für mich war an dem Tag der Zeitpunkt gekommen, mein Leben zu ändern und ab sofort wirklich ehrlich mit mir selbst zu sein.

Was hat Sie belastet? Gab es einen Auslöser?
Das war eine Entwicklung innerhalb der vorangegangenen Jahre. Mit pri­vaten und öffentlichen Hochs und Tiefs, die ihre Spuren in mir hinter­ lassen haben. Die Kehrseite der Öffent­lichkeit ist, dass eben auch alles Private beurteilt wird. Das erzeugt einen besonderen Druck. Mir ist klar geworden, dass ich eine Menge Dinge zu lange überklebt habe. Vieles habe ich ver­drängt und weggedrückt. Menschen sind ja unterschiedlich, wenn es gilt, ihre gesetzten Vorstellungen durchzu­setzen. Ich bin halt zäh und hart zu mir selber und dachte lange: "Das kriegst du noch hin." 

Irgendwann waren die Stimmen der kleinen piksenden Plage­geister - so nenne ich sie in meinem Buch - zu laut. Dann kamen die Zwei­fel. Ist das das Leben, das ich mir vor­gestellt habe? Nein, war es nicht. Heute nehme ich mir das Recht, ich zu sein und besser auf mich zu schauen und mich mit mir auseinanderzusetzen. Ich hatte zuerst Angst davor. Natürlich hat es nochmals andere Konsequenzen, wenn die eigene Ehe scheitert und öffentlich bewertet wird. Aber ich gehe diesen Weg weiter, hinterfrage mich täglich, und das fühlt sich gut an.

"Ich war eben nicht die grazile Elfe"

Kommen Sie heute besser mit sich klar als früher?
Ja, weil ich mich aus vielen Zwängen befreit habe.

In Ihrem Buch erzählen Sie, dass Sie schon als Kind oft Druck verspürt haben, weil Sie zu Schulzeiten ein "Brummer mit X-Beinen" waren.
Ich war eben nicht die grazile Elfe, die über dem Boden schwebte. Ich wäre es damals gerne gewesen. Ich war ein resolutes Mädchen, habe mir wenig sagen lassen, aber innerlich hat es mich natürlich verletzt. Heute sagt mein Freund Jan oft zu mir: "Sei doch mal gnädiger mit dir!" Das hätte ich damals schon öfter sein sollen.

Sie hatten schon früh den Wunsch, eine Familie zu gründen: Mit 18 haben Sie sich das erste Mal verlobt, zur Heirat kam es aber nicht. Später lernten Sie den Mann kennen, mit dem Sie Ihren inzwischen 16-jährigen Sohn Leander bekamen. Nach dreieinhalb Jahren ging die Beziehung in die Brüche. Wie ist Ihr Kontakt heute?
Mit dem Vater von Leander verbindet mich eine gute und verantwortungs­volle Freundschaft. Er wohnt in Berlin, und Leander besucht ihn oft am Wochenende.

2006 lernten Sie Christian Wulff kennen, zwei Jahre später heirateten Sie, und Ihr Sohn Linus wurde geboren. Am Ende scheiterte die Ehe, trotz eines zweiten Neuanfangs. Ihr Ex-Mann holte sich in dieser Zeit psychologische Hilfe. Haben Sie das auch getan?
Ja, ich habe mir auch psychologische Hilfe gesucht, ich finde das richtig und sehr stärkend in solch extremen Lebenssituationen. Ich habe auch heute noch einen Coach, wenn mich bestimmte Fragen beschäftigen und ich keine eigene Lösung finde. Diese professionelle Unterstützung empfinde ich als große Bereicherung.

"Die Patchwork-Konstellation leben wir als Eltern sowieso gemeinsam"

Mittlerweile leben Sie mit Ihrem neuen Partner zu­sammen. Wo leben jetzt Ihre Söhne Leander und Linus?
Christian und ich wohnen ja im selben Ort, die Wege sind kurz - sie pendeln zwischen unseren Häusern hin und her, so wie es für alle gut passt. Es ist uns wichtig, dass sie beide Elternteile haben können, so wie sie es wollen.

Verstehen Sie sich gut mit Ihrem Ex-­Mann?
Ja, wir haben einen guten Kontakt und kümmern uns gemeinsam. Wir waren immer ein sehr gut aufeinander ein­gestimmtes Team. Das hat sich auch nicht geändert.

Sind Sie mittlerweile geschieden?
Ja, unser Familienstand ist geschieden.

Wie war es für Sie, sich nach den Trennungs-­Schlagzeilen neu zu verlieben?
Wir nehmen ja jede Erfahrung, die wir machen, mit und lernen im besten Fall daraus. Die Patchwork­-Konstellation leben wir als Eltern sowieso gemein­sam. Jan hat auch einen zehnjährigen Sohn. Wir sind offen und schauen uns an, wie sich alles entwickelt.

"Sie dachten, ich sei arrogant oder kalt"

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Gleichberechtigt. Jeder macht alles und schaut, wo er den anderen unter­stützen kann. Jan arbeitet als Musik­schullehrer und selbstständig als Musiker. Er arbeitet oft nachmittags, was bedeutet, dass wir ab und an zu­sammen mit den Kindern mittagessen können, wenn ich nicht im Büro bin. Oder morgens auch in Ruhe mal einen Kaffee zusammen trinken.

Ist Hochzeit bei Ihnen ein Thema?
Das ist nichts, worüber wir gerade nachdenken.

Was hat sich konkret ver­ändert in Ihrem Leben?
Ich lebe jetzt ein langsameres, bewuss­teres und selbstbestimmteres Leben.

Sie wurden vor zehn Jahren Deutschlands First Lady. War der Spagat zwischen den Ansprüchen an diese Rolle und der wahren Bettina Wulff am Ende zu groß?
Der Spagat wurde für mich zu groß. Die Berliner Zeit war eine absolut außer­gewöhnliche, gute und intensive Zeit. Ich habe selber einen großen Anteil daran, dass sich Menschen ein be­stimmtes Bild von mir gemacht haben. Sie dachten, ich sei arrogant oder kalt. Innerlich sah es in mir aber oft ganz anders aus. Ich habe das nie erklärt, aber man hat mich auch nie danach ge­fragt. Heute sage ich mir: "Okay, das habe ich eben nicht geschafft." Ich bin eindeutig gelassener geworden und lebe, wie gesagt, bewusster.

"Ich habe mir schon einige Beulen zugezogen"

Wie haben Ihre Kinder Ihre Wandlung wahrgenommen?
Kinder spüren, wie es ihrer Mutter geht. Heute versuche ich regelmäßig mit ihnen über das zu reden, was uns beschäftigt.

Werden Ihre Söhne auf Schlagzeilen über Sie an­ gesprochen?
Ja, das kommt vor. Sie reagieren glück­licherweise gelassen, und der Kleine weiß, dass er besondere Eltern hat.

Wann bekommen Sie Ihren Führerschein zurück?
Den bekomme ich jetzt demnächst wieder. Ich fahre sehr gerne Fahrrad und habe mich daran auch gewöhnt.

Was planen Sie für die Zukunft?
Ich mache keine großen Pläne mehr. Um meine Familie werde ich mich künftig mehr kümmern. Und in ganz ferner Zukunft am Meer leben.

Robbie Williams sagte mal den schönen Satz: "Ich bin ein Mensch, der leicht verbeult." Trifft das auch auf Sie zu?
Ich habe mir schon einige Beulen zu­gezogen durch das, was ich erlebt habe. Aber das heißt ebenso, Leben auch wirklich zuzulassen.

Gala

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