Bettina Michel über Rudi Assauer: "Es geht ihm nicht mehr so gut"

Anfang Januar 2012 wurde bekannt: Rudi Assauer ist an Alzheimer erkrankt. Wie es dem Schalke 04-Manager heute geht und wie sein Leben aktuell aussieht, das erzählte seine Tochter Bettina Michel im GALA-Interview

Rudi Assauer

Rudi Assauer steht für Schalke 04, kaum ein Manager hat einen Fußballverein so geprägt wie der heute 74-Jährige. Am 4. Mai feiert der Doku-Film „Rudi Assauer – Macher. Mensch. Legende.“ seine Premiere - und das wie es sich gehört in der Schalke-Arena, die der Verein Assauer zu verdanken hat. Da der einstige Lebemann durch seine Alzheimer-Erkrankung keine Interviews mehr geben kann, erzählt die Doku des Filmemachers Don Schubert seine Geschichte anhand von Gesprächen mit engen Weggefährten und Archivclips.
Assauer lebt mit seiner Tochter Bettina Michel (52) in Herten. Sie pflegt ihren Vater rund um die Uhr. Wir haben mit ihr gesprochen.

GALA: Frau Michel, wie geht es Ihrem Vater?
Bettina Michel: Es wird nicht einfacher. Der Chef ist nicht mehr so mobil, seit Oktober stark eingeschränkt. Wir haben jetzt einen Treppenlift und einen Rollstuhl für ihn, damit können wir uns noch ganz gut bewegen. Er möchte einfach kaum noch laufen, auch nicht sitzen, am liebsten nur noch liegen. Manchmal macht er ein paar Schritte, dann kippt er nach hinten weg. Da muss man wahnsinnig aufpassen, dass er nicht fällt.

GALA: Wie meistern Sie hier in ihrem Reihenhaus gemeinsam den Alltag? BM: So gut es eben geht. Wir haben tolle Unterstützung von der Familie, Nachbarn und Freunden wie Werner Kasper, der ein toller Backup für mich ist. Über kurz oder lang aber brauchen wir noch mehr Hilfe. Es wird nicht leichter.

GALA: Ab wann ist es denn bei Herrn Assauer bergab gegangen?
BM: Die letzten sechs Jahre waren schön für ihn. Wir haben das Leben genossen. Die Zeit zuvor mit seiner Ex-Frau war nicht einfach, bei mir hat er sich davon wieder erholt. Im letztem Jahr kamen diese Schübe. Er war nachts unruhig, danach drei, vier Tage ganz anders als sonst. Du kannst nicht greifen, was passiert. Früher hat er sich schneller davon erholt und wieder an seine vorherige Verfassung rangerobbt. Ab Oktober, November wurden die Schübe länger und heftiger, haben mehr Spuren hinterlassen. Du kannst aus dem Kartenhaus dieser Krankheit einige Karten ziehen ohne das etwas passiert. Aber wenn du einmal die falsche Karte nimmst, fällt alles in sich zusammen.

GALA: Wie hart war es zu sehen, dass er nicht mehr ganz der Alte ist?
BM: Sehr schwierig. Wir haben immer der Krankheit getrotzt, uns gemeinsam dagegengestemmt. Doch nun konnten wir nichts mehr aufholen. Niemand hat ein Allheilmittel gegen diese Krankheit. Das alles macht emotional eine ganze Menge mit mir, es tut mir so leid für ihn.

Rudi Assauer besucht am 30. April 2014 die Feier anlässlich seines 70. Geburtstags. Immer an seiner Seite: Tochter Bettina Michel. 

GALA: Kann man sich noch mit Ihrem Vater ein wenig unterhalten?BM: Von sich aus spricht er nur, wenn er möchte. Ob man dann versteht, was er brabbelt, ist eine andere Sache (lacht). Wenn ich ihn ärgere, etwas foppe oder gar kitzle, dann sagt er plötzlich laut und klar, dass ihm das nicht passt. In ganzen Sätzen. Ist auch gut so. Damit er die Emotionen nicht verliert, damit er nicht ganz verstummt. Und wenn er dann mit mir schimpft, freue ich mich ein Loch in den Bauch. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte.

GALA: Bitte.
BM: Als er neulich richtig wütend wird, macht er eine Bewegung auf mich zu als wolle er mir eine schallern. Er schaut mich an, dann macht es bei ihm plötzlich klick – der Moment, als er mich erkennt. Schnell drückt er mich an sich, umarmt, streichelt und küsst mich. Ganz liebevoll.

GALA: Sicher nur einer von vielen schönen Momenten, die es auch gibt.
BM: Natürlich! Wenn er mal draußen ist und eine blonde Frau sieht, zwinkert er ihr zu. Wenn er merkt, dass ich das gesehen habe, schmeißt er sich weg vor Lachen.

GALA: Die alten Reflexe. Singen Sie noch oft zusammen?
BM: Viel sogar! Immer dasselbe Repertoire, gerne auch fünf oder sechs Mal hintereinander. Manchmal summt er mit, manchmal findet er die Worte und stimmt ein.

GALA: Zum Beispiel bei?
BM: Schalker Vereinslieder wie „Oh, du schöner blauer Vogel“. Oder auch BVB-Sachen: „Kennst du die Perle, das ist Borussia...“ Neulich haben wir gesungen: „Denen da erschuf der liebe Gott die Mädchen aus dem Kohlenpott.“

Hier ging es ihm noch gut: 2009 besuchte Rudi Assauer gemeinsam mit Tochter Bettina die 22. European Film Awards.

GALA: Erkennt er die Leute, die zu Besuch kommen?
BM: Nur die Nachbarn oder wer regelmäßig da ist, hat er auf dem Schirm – auch wenn es manchmal einen Tick dauert. Wie Huub Stevens (Schalkes Ex-Trainer, mit dem er große Erfolge feierte, Anm. d.Red.). Reiner Calmund hat viel zu tun, kommt aber so oft wie möglich.

GALA: Wann war Herr Assauer zuletzt in der Arena bei einem Schalke-Spiel?
BM: Vor Oktober letzten Jahres.

GALA: Ist es nicht anstrengender, wenn Sie nun ohne ihn gehen? Die ganzen Fragen!
BM: Bis Ende des letzten Jahres habe ich immer dasselbe geantwortet: Es geht ihm soweit gut. Gefühlt 1000 Mal. Seit Anfang 2018 sage ich: Es geht ihm nicht mehr so gut, er schafft es im Moment nicht ins Stadion. Für mich war das eine kleine Befreiung. Andererseits aber schwierig zu akzeptieren. Beim Derby war ich zum ersten Mal seit Ewigkeiten ohne ihn. Ich sitze auf meinem Platz, gucke nach rechts und er sitzt da nicht.

GALA: Wie lange wollen Sie ihn zu Hause betreuen?
BM: Papa kommt niemals ins Pflegeheim – es sei denn, mir stößt etwas zu. Er soll hier nicht weg, wir bleiben zusammen! Wir wollen die Zeit, die uns noch gemeinsam bleibt, liebevoll miteinander verbringen.

GALA: Kann er denn am 4. Mai mit zur Filmpremiere?
BM: Wir versuchen es. Ich bin sehr happy über den Film. Die Doku zeigt meinen Vater, wie er wirklich ist, was er geleistet hat. Der Film ist sehr authentisch geworden, sehr emotional. Man kann lachen und ist andererseits traurig.


Interview: Patrick Strasser

Information: Die Aufführung in der Schalker Arena ist ein Weltrekordversuch für den bestbesuchten „Kinofilm“ aller Zeiten. Die bisherige Bestmarke: am 4. Oktober 2015 kamen 43.624 Menschen in die „Philippine Arena“ im mexikanischen Ciudad de Victoria. Der gesamte Erlös vom 4. Mai geht an die Rudi-Assauer-Initiative. Es gibt noch Karten.  

Wer sich auch zu Hause noch weiter über die Lebensgeschichte von Rudi Assauer informieren möchte, der kann auf die Publikation "Rudi Assauer: Wie ausgewechselt. Verblassende Erinnerungen an mein Leben", verfasst von Sportjournalist Patrick Strasser, zurückgreifen.  

 

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©Gala
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