Berlinale 2012: Filmreif feiern

Besser als jedes Drehbuch: Geschichten, die die Berlinale schreibt. Mittendrin beim rasantesten Filmfestival der Welt

Close-up Kosslick.

Seit einer Woche plagt ihn diese Unruhe. Auch jetzt, kurz vorm Start in seiner Suite im "Hyatt"-Hotel. Schnell noch ein Sonnengruß für den bekennenden Yogi? Zu spät. "Beruhigungsmittel nehme ich nicht", verrät Dieter Kosslick, "aber ich habe wie immer Matcha- Tee getrunken, eine Art japanischer Espresso. Der macht wach, ohne Aufregung zu verursachen." Gute Mischung: Bis zu vierzig Termine hat der Festivalleiter ab sofort pro Tag. Vom Bussi-Bussi mit Brangelina bis zum Empfang im Schloss Bellevue. Treuer Begleiter: der kleine lila Berlinale-Bär, als Anstecker am Revers. "Wird mir immer von Fans entrissen." Gut, dass seine Assistentin Bärchen-Nachschub dabeihat und gleich einen neuen ansteckt.

Wer bei Minusgraden ein Jackett über seinem Kleid trug, war klar im Vorteil: Sibel Kekilli (in Ambacher Vidic) macht sich auf den Weg über den roten Teppich der Berlinale-Eröffnungsgala, Karoline Herfurth (in Kilian Kerner) beobachtet die Ankunft.

Szenenwechsel: Willkommen im Epizentrum. Donnerstag 17.55 Uhr, vorm Berlinale-Palast am Potsdamer Platz. Dieser Tage ein fast surreales Areal zwischen Neubauschluchten: 1500 Quadratmeter roter Teppich, Discokugel und Beleuchtung wie Weihnachten. Hier ist Kosslicks Arena, hier läuft er sogleich zur Höchstform auf und tänzelt über die Aus legeware, als die ersten von 100 Festival- Limousinen heranrollen. Eine spuckt Nora von Waldstätten in die Eiseskälte. "Ist das die Jolie?", fragt eine ältere Dame am Rand des Geschehens. Es herrschen minus zehn Grad. Dafür deutsches Staraufgebot. Und nach Mario Adorf, Veronica Ferres, Iris Berben, Hannelore Elsner und Heike Makatsch marschiert das betörende Trio Diane Kruger/Léa Seydoux/Virginie Ledoyen ein. Vor - hang auf für "Leb wohl meine Königin", den Eröffnungsfilm.

... und Action! Um 22.20 gehen die Türen des Kinosaals wieder auf. "Raubtierfütterung!", sagt Catering-Coach Martin Scharf - und ruckzuck ist das Foyer voll. Die Geschichte um die letzten Tage Marie Antoinettes fanden viele "so mittel" bis "enttäuschend", trotz oder wegen der lesbischen Dreiecksbeziehung. "Ich glaube, ich war der Einzige, der den Film uneingeschränkt geil fand", hält Regie-Star Oskar Roehler dagegen. Später im VIP-Bereich, der "Bärenlounge", grinst Klaus Wowereit vergnügt in die Runde. Stolz ist er, die 62. Berlinale gut im Rollen: 60 Millionen Euro Mehreinnahmen hat die Stadt durch das Filmfestival, allein 16000 Filmschaffende kommen ausschließlich zur Berlinale in die Hauptstadt, dazu etliche Kino-Touristen. "Den 300 000-Besucherrekord überbieten wir", durfte er schon vorhin zur Eröffnungsrede verkünden. Berlin, die Filmhauptstadt. Jeden Tag im Jahr sind hier 40 Filmteams unterwegs, jedes Jahr werden 3000 Drehgenehmigungen erteilt. Da macht Kulturstaatsminister Neumann gern 6,5 Millionen Euro für Kosslick & Co locker. Das Festival kann sich sehen lassen: So sozialkritisch war das Filmprogramm selten - und hier wer - den Stars geboren.

Nina Hoss (in Elie Saab) stellte ihren Film "Barbara" vor, einen von drei deutschen Beiträgen im Wettbewerb.

Hallo, meine Königin! Die Frau des Festivals: Léa Seydoux. Schlafzimmerblick, roter Schmollmund, sündhafte Kurven. Im Film noch Untergebene von Marie Antoinette (Diane Kruger), wird ihr hier und jetzt der Hof gemacht. Im Gespräch mit uns an der Bar feuert Jake Gyllenhaal Blick-Blitze in ihre Richtung. Er hat Feierabend, bitte keine Filmfragen. "Über den Film kann ich nichts sagen. Ich bin doch in der Jury, Mann. Das wird sonst gegen mich verwendet!" Und über Mademoiselle Seydoux? Er zwinkert. "Schöne Lady. Ich muss jetzt auch weiter mit ihr tanzen." Um halb zwei verschwinden Léa und Jake in die Nacht.

Léa Seydoux (in Prada) spielt im Eröffnungsfilm "Leb wohl, meine Königin!" Marie Antoinettes Vorleserin.

Großes Partykino: Wer will, kann nicht nur zehn Tage Filme gucken, sondern auch durchfeiern. Augenringe gehören genauso zur Ausstattung wie der Berlinale-Stoffbeutel. Neuer Hotspot: Die Ehemalige Jüdische Mädchenschule in Mitte, jetzt Zuhause von Restaurants, Galerien, Society. Drinnen werden Zigarren geraucht, Keuchhusten- Luft. Männerplausch Moritz von Uslar/ Benjamin von Stuckrad-Barre: Man amüsiert sich über die weiblichen Gäste der Party am Abend zuvor, die alle so aussahen, als seien sie gerade von Udo Walz gekommen. Auch ausgelassen: Die "Place to B"-Party von "Bild" und BMW im "Borchardt" am Sonntag. Champagner erzeugt Plauderperlen. Viele Promis gehen an den Tisch von Ex-Quotengigant Thomas Gottschalk, klopfen ihm auf die Schulter, setzen sich, so wie Hannelore Elsner, kurz dazu. Shah-Rukh-Khan-Wahn Auch so ein Berlinale-Problem, vor allem für Dieter Kosslick: Absagen. Venedig hat die Gondeln, Cannes die Palmen - und Berlin im Februar meistens Eiszeit. Und Oscar-Vorbereitung hat im Kalender der A-Liga Vorrang. Uma Thurmans Auftritt in der zweiten Woche ist ungewiss, Tom Hanks und Sandra Bullock hatten im Vorfeld abgesagt. Ein Thriller dagegen der Besuch des indischen Megastars Shah Rukh Khan. "Keine Chance, hohes Fieber!" heißt es erst, dann "Verspätung". Alle Interviews werden abgesagt. Den Hardcore- Fans des King of Bollywood ist das egal: Seit 11 Uhr morgens hat Antje Klein aus Mainz am Friedrichstadt-Palast gebibbert. "Am 19. November 2004 lief der erste Bollywood-Film auf RTL. Da habe ich mich verliebt." Zehn Autogrammkarten hat sie dabei. "Silber oder Gold?" fragt sie, die Marker in der Hand, während die Menschenmenge sich warmkreischt. Gold, natürlich, passend zum Spektakel. Am Ende der Premiere rauscht Khan ein, macht um 0.20 Uhr mit Kosslick Handstand und zeigt "my friend Dieter" die perfekten Bollywood- Tanzbewegungen. Später schlägt er mit sechs Bodyguards im Szenetreff "Pret à Diner" in der "Alten Münze" auf. Alles wieder gut an der Glamourfront!

Es ist eiskalt, aber Veronica Ferres, ganz Profi, lächelt die Minusgrade bei der Eröffnung vorm Berlinale-Palast einfach weg.

Eine der ersten bei der "Blue Hour", dem Empfang der ARD: Veronica Ferres. Punkt 20.10 Uhr steht sie auf dem roten Teppich. Eigentlich müsse sie schon jetzt wieder abreisen, so viele Filmprojekte stünden an. Wäre da nicht Angelina Jolie, die sie unbedingt kennenlernen will (schaffte sie auch). Während diverse Gäste noch über die Installationen im Museum für Kommunikation stolpern, teilt sich die Menge. Die obere Liga darf zur "BMW-Night" weiterziehen, der Rest - vor allem Soap-Darsteller, Sternchen und Lothar Matthäus - gehen zu "Movie Meets Media" ins "Ritz-Carlton". Zweiklassengesellschaft, auch im Party-Hopping. Til Schweiger sieht müde aus, als er beim Empfang des Medienboards Berlin-Brandenburg, ebenfalls im "Ritz", aufschlägt. "Ich drehe ja gerade jeden Tag hier in Berlin. In der Wohnung meines Nachbarn!" Und mit seiner Tochter Luna. Um kurz nach 20 Uhr ziehen er und Freundin Svenja weiter - zum Dinner mit Billy Bob Thornton. "Ich bin gespannt, ihn kennenzulernen. Aber wenn er scheiße ist, gehe ich gleich wieder!" Keine Kompromisse, dafür ist die Berlinale-Zeit zu kostbar. Apropos: Für drei Stunden bloß holte die Deutsche Filmakademie die Ausstellung von Jim Rakete - dem "Rock'n'Roller unter den Fotografen", findet Iris Berben - an die Akademie der Künste: "Stand der Dinge" zeigt 100 Fotos von 100 Filmemachern mit 100 Requisiten aus einem ihrer Filme. Perfekt zum Schwelgen.

Berlinale 2012

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Katerstimmung? Bundespräsident Christian Wulff hatte zum Empfang geladen, doch von 250 eingeladenen Gästen kamen nur 100. Maria Furtwängler und Anna Maria Mühe etwa. Letztere findet: "Als Shooting- Star muss man kommen!" Regisseur Hans Weingartner sieht das anders: "Es wäre mir peinlich, wenn Herr Wulff mich nach Freikarten für meinen neuen Film fragen würde", begründete der Regisseur seine Absage im "Tagesspiegel". Im "Pauly-Saal" der "Mädchenschule" hatte er angeblich Brad Pitt sein neuestes Drehbuch zugesteckt. Auf dem Klo. Für ihn, für Herrn Wulff und so manchen anderen passt vielleicht ein Rat, den sich Dieter Kosslick selbst gibt - in diesen Tagen wie zu jeder Berlinale: "Man sollte nicht zu hohe Erwartungen haben. Sonst startet man als Adler - und endet noch als Bettvorleger." Hili Ingenhoven, Roland Rödermund

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