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Benjamin Melzer "Ich hätte es in Kauf genommen, nicht wieder aufzuwachen"

Benjamin Melzer
Benjamin Melzer
© instagram.com/benjaminryanmelzer
Benjamin Melzer wurde mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren, doch er war schon immer ein Mann. Mit GALA spricht das Model über seinen Weg zu seinem wahren Ich.

Benjamin Melzer, 35, ist ein erfolgreiches internationales Model, hat mit seiner Verlobten Sissi Hofbauer, 26, im vergangenen Jahr am "Sommerhaus der Stars" teilgenommen – und ist mit dem Verfassen seines Buches "Endlich Ben: Transgender – Mein Weg vom Mädchen zum Mann" zudem unter die Autoren gegangen.

Geboren wurde er als Yvonne. Mit GALA spricht Ben Melzer darüber, wie es sich anfühlt, im falschen Körper gefangen zu sein, über geschlechtsangleichende Maßnahmen und wie sehr die dafür notwendigen bürokratischen Schritte seinen Weg zum Glück erschwert haben.

Benjamin Melzer: "Ich wollte einfach nur glücklich sein"

GALA: Du hast schon früh gemerkt, dass deine empfundene Geschlechtsidentität nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das in deiner Geburtsurkunde steht. Wie hat sich das angefühlt?
Benjamin Melzer:Ich habe früh gespürt, dass etwas anders ist. Aber ich konnte es nicht wirklich benennen. Es fing schon mit drei oder vier Jahren an. Wenn ich mit meinem Opa auf dem Spielplatz war, habe ich mich anderen Kindern mit Max vorgestellt. Das zieht sich wie ein roter Faden durch meine Jugend: Ich habe mir häufig Jungsnamen gegeben, weil ich mich in der Rolle einfach wohler gefühlt habe. Mit Beginn der Pubertät um dem sexuellen Erwachen habe ich angefangen, mich zu hinterfragen: "Was bin ich denn jetzt eigentlich?" Ich wusste immer, dass ich nicht lesbisch, sondern hetero bin. Das stand jedoch im Widerspruch zu meinem biologisch weiblichen Körper.

Es war ein schwieriger Prozess, herauszufinden, was mit mir los ist.

Wann hast du gemerkt, dass du ein Mann bist?
Als ich 18 Jahre alt war, habe ich einen Bericht über Chers Sohn Chaz Bono gesehen. Das hat mir die Augen geöffnet, denn ich habe das Gleiche gefühlt. Da hatte ich zum ersten Mal einen Begriff und konnte recherchieren. Auch wenn man zur damaligen Zeit im Netz nicht viel dazu gefunden hat. Es gab auch kein Instagram, wo man anderen Gleichgesinnten folgen konnte.

Bei der Google-Suche wurden mir allerdings krasse OP-Bilder angezeigt. Das hat mich zunächst abgeschreckt. Ich habe mir gedacht: "Ich bin gesund und komme auch so gut bei Frauen an. Warum soll ich das meinem Körper antun?" Mit 23 hatte ich dann aber den Punkt erreicht, an dem ich einfach nicht mehr konnte. Ich bin zusammengebrochen. Mir war egal, was die Leute sagen. Mir war egal, ob meine Familie sich von mir abwendet, ob ich alles verliere. Ich wollte einfach nur glücklich sein.

Seine Mutter gab ihm am meisten Halt

Wie haben deine Eltern darauf reagiert?
Auch meine Eltern hatten die OP-Bilder gesehen, woraufhin mein Papa mir sofort davon abgeraten hat. Er machte sich große Sorgen, weil er wusste, dass unzählige Operationen auf mich zukommen würden. Aber ich habe ihm klipp und klar gesagt: "Ich gehe den Weg entweder mit dir oder ohne dich." Ich war sehr entschlossen.Letztendlich hat er gesagt, dass ich sein Kind bin, er mich über alles liebt und mich nicht verlieren will.

Wer hat dir in dieser Zeit am meisten Halt gegeben?
Meine Mama – mit Liebe und Verständnis. Sie war immer an meiner Seite. Durch die Hormontherapie habe ich eine zweite Pubertät erlebt. Ich war aggressiv, impulsiv, ungehalten – ätzend. Ich habe es gespürt, aber konnte es nicht kontrollieren. Meine Mama hatte für alles Verständnis und hat stets die richtigen Worte gefunden. Auch nach jeder OP: Wenn ich die Augen aufgemacht habe, war sie da. Jedes Mal.

"Das hat mich fast gebrochen"

Nach der Hormontherapie und zahlreichen Eingriffen hast du einen OP-Marathon hinter dir. Gab es eine Operation, vor der du besonders Angst hattest?
Der Penisaufbau. Das ist die größte und mit sechs bis neun Stunden auch die längste OP. Davor hatte ich Angst, auch weil ich nicht wusste, ob ich aufwachen und später etwas spüren werde. Aber die Operateure in München und vor allem die Anästhesistin haben mir ein sehr gutes Gefühl gegeben.

Trotz der Angst hätte ich es eher in Kauf genommen, nicht wieder aufzuwachen, als diesen Weg nicht zu gehen.

Das war zwar die angsteinflößendste OP, aber bei Weitem nicht die schlimmste.

Welchen denn?
Die kam zehn Jahre später, 2019. Meine Erektionsprothese war defekt, ein kleines Teil musste ausgetauscht werden. Bei diesem Wechsel ist leider alles schiefgegangen. Ich habe mir einen Keim eingefangen, der mich fast eineinhalb Jahre begleitet hat. Das hat mich fast gebrochen. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie solche Schmerzen. Dagegen waren alle vorherigen Operationen ein Kinderspiel.

Das klingt furchtbar.
Das war es. Ich musste sieben Mal operiert werden. In den ganzen Jahren davor hatte ich zehn Eingriffe, innerhalb dieses einen Jahres waren es sieben. Das war heftig. Aber ich versuche immer, in allem das Gute zu sehen: Wir haben es hingekriegt. Ich habe jetzt ein Upgrade, ein neues Modell und jetzt geht es mir gut. (lacht)

"Das hat alte Wunden aufgerissen"

Konntest du mit dem Verfassen deines Buches "Endlich Ben" deine Erfahrungen aufarbeiten?
Ich habe das Buch vor allem für andere Betroffene geschrieben. Denn ich habe damals keine Antworten auf meine Fragen gefunden. Ich möchte Betroffenen damit helfen, Aufklärung leisten und das Thema mit Humor ein wenig aufbrechen.

Dennoch hat die intensive Zusammenarbeit mit meiner Ghostwriterin Dinge hervorgerufen, die ich längst verdrängt hatte. Das hat alte Wunden aufgerissen und mich an Situationen erinnert, die nicht schön waren.

Ich habe noch nie so oft geweint.

Kannst du eine dieser Situationen nennen?
Eine sehr schmerzhafte Situation hat mit meinem Vater zu tun, der früher eine Schreinerei hatte. Wir waren bei Kunden zu Hause und haben sie beraten. Als wir alle am Tisch saßen, hat das Ehepaar gefragt, was "der junge Mann" zu trinken haben will. Daraufhin sagte mein Vater: "Das ist meine Tochter." Alle haben gelacht. Ich sollte sogar meinen Ausweis zeigen. Bis zu einem gewissen Punkt habe ich noch mitgelacht, aber dann haben die Kunden auch noch ihre Tochter gerufen. Sie sollte auch noch mal gucken – als wäre ich ein Affe im Zoo. Mein Papa hätte sich eigentlich vor mich stellen sollen. Das hat mich sehr verletzt.

Der bürokratische Aspekt der Transition war "zehrend"

Vor der Geschlechtsangleichung ist auch allerhand Bürokratie notwendig. Kannst du diesen Prozess kurz beschreiben?
Der erste Schritt ist der Gang zum Psychologen. Dieser prüft, ob man wirklich im falschen Körper geboren wurde. Bis zu einem Jahr ist man in psychologischer Betreuung, bevor etwas passiert. Bei mir waren es sechs Monate. Er hat mir auch geholfen, die Anträge für die Kostenübernahme und die Prozesskostenhilfe für die Namensänderung zu beantragen. Denn wenn bei den Anträgen für die Krankenkasse nur ein Wort falsch formuliert ist, werden sie abgeschmettert. Nach langwierigem Hin und Her habe ich das Go bekommen.

Klingt nach einem zehrenden Prozess.
Dieser Prozess wird in Deutschland unnötig in die Länge gezogen. Die Person, die darunter leidet, wird hingehalten. Am schlimmsten sind die Namens- und die Personenstandsänderung. Denn ich durfte, nachdem ich einen gewissen Zeitraum beim Psychologen war, mit der Hormontherapie beginnen. Ich bekam meine ersten Testosteron-Spritzen. Meine Stimme und mein Körper haben sich verändert, ich bekam kleine Bartstoppeln. In meinem Pass stand aber immer noch Yvonne. Das hat mich immer wieder in unangenehme Situationen gebracht. Ob bei einer Polizeikontrolle oder bei Kartenzahlungen, ich wurde häufig belächelt und bloßgestellt.

Auch eine öffentliche Toilette aufsuchen oder ins Schwimmbad gehen – die normalsten Dinge wurden zur Tortur.

Wie lange hat es gedauert, bis du deinen Namen offiziell ändern konntest?
Acht Monate. Acht Monate, in denen ich schon Testosteron bekommen habe. Am Ende musste ich nur kurz vor Gericht erscheinen, das war eine Sache von fünf Minuten. Und darauf habe ich so lange gewartet. In dieser Hinsicht muss sich etwas ändern. Ich habe es mir nicht ausgesucht, dass es mir so geht. Dann werden mir noch Steine in den Weg gelegt. Ich war mit meinen 23 Jahren relativ spät dran, aber es gibt deutlich jüngere Menschen, die diesen Weg gehen und an dem ermüdenden Prozess vielleicht zerbrechen.

"Ich wollte endlich fertig sein"

Das klingt sehr belastend. Hat dich die Transition an sich auch psychisch mitgenommen?
Auf jeden Fall, der Weg ist sehr ermüdend. Vor allem die OPs, da ich außer Heilen nichts tun konnte. Ich musste immer wieder warten und mich in die Hände der Ärzte begeben. In diesen Momenten habe ich mich machtlos gefühlt. Wenn Kleinigkeiten schiefgegangen sind, was passieren kann, mussten diese mit einem weiteren Eingriff behoben werden. Ich habe dann drei Monate darauf gewartet, dass der letzte Fehler korrigiert wird, um dann wiederum darauf zu warten, dass es einen Schritt weiter gehen kann. Das hat an mir gezehrt.

Ich wollte endlich fertig sein. Doch dieser Weg hat mich bei mir selbst ankommen lassen. Ich weiß, wer ich bin und bin stolz darauf. Ich bin glücklich.

Verwendete Quelle: instagram.com

Gala

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