Barbara Becker: "Jetzt ist ein Zeitpunkt, an dem wir alle zum Handeln aufgefordert sind"

Barbara Becker lebt seit 20 Jahren in Amerika. Was der gewaltsame Tod von George Floyd mit ihr und ihrer Familie macht, erzählt sie im GALA-Talk. 

Barbara Becker, 53, ist selten wütend oder aufbrausend. Auch als wir sie zu Hause in Miami erreichen und mit ihr über das abscheuliche Geschehen in Minneapolis sprechen, bleibt sie ruhig - aber nicht gefasst. Die Unternehmerin hat eine ganz klare Meinung zum alltäglichen Rassismus in den USA (aber auch anderswo), der gerade weltweit Menschen auf die Straße treibt. In Minneapolis starb der Afro­-Amerikaner George Floyd, 46, weil ein weißer Polizist mehr als acht Minuten auf dem Hals dieses am Boden liegenden Mannes kniete.

Barbara Becker im GALA-Talk

GALA: Was haben Sie gefühlt, als Sie von George Floyds Schicksal gehört haben?
Barbara Becker: Ich empfinde starkes Mitgefühl für die Angehörigen und Hinterbliebenen von George Floyd. Es ist leider nicht das erste Mal, dass ein unbewaffneter schwarzer Mann sein Leben auf der Straße verliert. Unschuldig, in den Händen der Polizei. Die Bilder waren auch dieses Mal fürchterlich, erschre­ckend und schockierend. So eine Ge­schichte haben wir schon oft gehört, hinter jeder einzelnen steht ein Name. Diese Liste von schwarzen Menschen, die durch Polizeigewalt sterben, ohne dass Leute sich überhaupt darüber aufregen, ist endlos lang. George Floyds Tod rüttelt wieder wach, auch jene Menschen, die geglaubt haben, dass Rassismus und Diskriminierung keine Themen mehr seien. Jetzt ist wieder einmal ein Zeitpunkt, an dem wir alle zum Handeln aufgefordert sind.

Ashton Kutcher

Er gibt ein emotionales Statement

Ashton Kutcher
Ashton Kutcher hat Redebedarf. In einem Video erklärt er unter Tränen seine Meinung.
©Gala

Wurden Sie persönlich schon rassistisch angegangen?
Es gibt keinen schwarzen Menschen, den ich kenne, der nicht schon mit Rassismus zu kämpfen hatte. Ich kenne Leute, die beschimpft und bedroht wurden. Ich wurde auch schon ange­feindet und mir wurden Sachen wie 'Geh doch dahin zurück, wo du her­ kommst' an den Kopf geworfen. Das ist nicht nur ein amerikanisches Problem, diesen Satz habe ich auch in Deutsch­land gehört, bevor ich überhaupt das erste Mal in Amerika war.

Was hat das in diesen Momenten mit Ihnen gemacht?
Diese Momente erschrecken und scho­ckieren mich und machen mich vor allem traurig. Es macht mit mir, was es mit jedem Menschen macht, der Empathie und Solidarität vermisst. Man darf diesen Dingen keinen Raum geben.

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"Ich will mich nicht an Rassismus gewöhnen"

Wie dick ist Ihr dickes Fell?
Mein dickes Fell ist dann doch nicht so dick. Ich will und werde mich an Rassismus und Diskriminierung nie ge­wöhnen können und auch nicht wollen. Da will ich gerne bewusst dünnhäutig bleiben. Es wird immer Menschen ge­ben, die mich oder andere nicht verste­hen oder begreifen wollen, das ist doch klar. Wichtig ist aber, dass man ein gutes Selbstbewusstsein für sich entwickelt und dieses immer wieder pflegt. Ein ganz wichtiger Punkt auch bei Kindern. Kinder müssen wir so erziehen und fördern, dass sie ohne Minderwertig­keitskomplex groß werden.

Äußerst sich der Rassismus in den USA und in Deutschland unterschiedlich?
Ich habe in Deutschland schon das Ge­fühl, dass jeder vor dem Gesetz gleich ist und jeder gerecht behandelt wird, egal welche Hautfarbe er hat. Und dass die Polizei mehr auf Deeskalation trainiert ist. Ich bin in den 80er­Jahren in Deutschland für die Freilassung von Nelson Mandela auf die Straße gegan­gen und habe mich dabei immer sicher gefühlt. Dieses Gefühl habe ich aus Deutschland auch mitgenommen.

Und wie empfinden Sie es in Amerika?
Hier herrscht viel mehr Willkür. Ich empfinde die Polizei als oftmals aggres­siver, weil ja auch so gut wie jeder Amerikaner bewaffnet ist. Der größte Unterschied allerdings besteht darin, dass das schreckliche Handeln, auch im Fall Floyd, immer noch aus dem Gedanken der Sklaverei resultiert, der seit Jahrhunderten in der Geschichte der USA verankert ist. Die Zeiten, in denen schwarze Menschen aufgehängt, verprügelt, geschändet und getötet wurden, wirken bis heute im Umgang mit schwarzen Menschen nach.

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"Rassismus ist keine Modeerscheinung"

Was kann man Ihrer Meinung nach tun, um Rassismus zu bekämpfen?
Die Menschen, die diese Gewalttat in Minneapolis begangen haben, und auch die, die zugeschaut haben, müssen zur Rechenschaft gezogen und verur­teilt werden. Und das Wichtigste: Jeder einzelne von uns muss wissen, dass man Menschen nicht unter­schiedlich behandeln darf. Wenn wir das tun, verstoßen wir gegen die eigene Menschlichkeit, und dann sind wir alle verloren. Uns muss allen klar sein, dass Rassismus keine Modeerscheinung ist. Es hat sich in den letzten 30, 40 Jahren nur wenig getan. Wir müssen für dieses Thema empathisch bleiben. Ich wünschte mir, dass wir in drei Wochen, drei Monaten und drei Jahren wieder hierzu sprechen.

Vor zwei Jahren hat der AfD-Politiker Jens Maier Ihren Sohn Noah auf Twitter als "kleinen Halbneger" diffamiert. Wie hat Ihre Familie damals reagiert?
Noah hat das damals komplett alleine gemacht und ohne jede Rücksprache mit mir auf diese scheußliche Ver­unglimpfung reagiert. Bei uns in der Familie gibt es eine ganz klare Linie bei öffentlichen Angriffen: Ruhe be­wahren. Noah ist auf der ganzen Welt unterwegs und er ist ein selbstbe­wusster Mann. Er hat Anzeige erstattet und das Schmerzensgeld gespendet.

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"Ich will mich hier nicht vertreiben lassen"

Ihr Freundeskreis ist sehr international. Wenn Sie in Miami Freunde einladen, versammeln sich oft ein Dutzend Nationalitäten um ihren Tisch. Ist Diskriminierung an solchen Abenden Thema?
Ja, das stimmt, wir sind eine vielfältige Gemeinschaft, und tatsächlich ist Rassismus und Diskriminierung oft ein Thema. Wir überlegen dann gemein­sam, wie wir andere, die keine Stimme haben, unterstützen und auf Ungerech­tigkeiten aufmerksam machen können. Was mich wirklich hoffnungsvoll stimmt ist die Tatsache, dass bei den Demonstrationen Menschen aller Hautfarben weltweit gemeinsam gegen Rassismus auf die Straße gehen.

Sie haben schon öfter darüber nachgedacht, irgendwann nach Europa zurückzukehren, auch um wieder näher an Ihrer Familie zu sein. Beeinflussen die Geschehnisse in Minneapolis diese Pläne? Kommen Sie früher als gewollt zurück?
Ja, da gibt es dieses Fremdschämen für das Verhalten gegenüber Minder­heiten. Aber das darf nicht ein Grund sein, um hier die Zelte abzubrechen. Meine Entscheidung umzuziehen, soll eindeutig andere Gründe haben. Ich werde nicht flüchten und ich will mich hier nicht vertreiben lassen.

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