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Atze Schröder "Für mich war immer klar, dass ich meine wahre Identität nicht preisgebe"

Atze Schröder
© Boris Breuer
Atze Schröder zeigt sich in seiner neuen Biografie so privat und verletzlich wie nie zuvor. Im Gespräch mit GALA hat der Comedian einen weiteren Einblick in sein Privatleben gegeben.
Jahrelang hat Atze Schröder, 56, sein Privatleben akribisch geschützt, bis heute hält er seine wahre Identität und sein Aussehen ohne Perücke geheim. Das wird er auch weiterhin tun, wie er im GALA-Interview betont. Einen Blick hinter die Kulissen lässt der Comedian nun allerdings zu und spricht über seine tragische Familiengeschichte, die Jahre, in denen er und seine Partnerin eine Fernbeziehung geführt haben und den Moment, in dem er gemerkt hat, dass er sein Leben komplett ändern muss. Und mit einer Therapie begann.

"Ich bin lockerer geworden"

GALA: In Ihrer neuen Biografie zeigen Sie sich ungewohnt privat und verletzlich. Hat es Sie viel Überwindung gekostet, die Menschen hinter die Fassade blicken zu lassen?
Atze Schröder: Es gab zwei Ereignisse, die mich in meiner Haltung, meine private Seite auch in der Öffentlichkeit zu zeigen, verändert haben. Das war zum einen die Einladung in den Podcast "Hotel Matze", da habe ich zum ersten Mal ein bisschen aufgemacht, und die "Markus Lanz"-Sendung, in der ich auf die Holocaust-Überlebende Eva Szepesi getroffen bin. Auf beide Ereignisse habe ich ein riesengroßes Echo und viel positives Feedback bekommen. Das war dann der Impuls, mich selbst zu fragen, warum ich mich nicht einfach mehr öffne und hinter die Fassade blicken lasse. So ist dann die Idee zu meiner Biografie entstanden.
Wie haben Sie gemerkt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für eine Biografie gekommen ist? Vor allem mit dem Wissen, dass Sie und Ihre Geschichte dadurch wieder mehr in den Fokus der Boulevardmedien rücken?
Ganz profan: Ich bin lockerer geworden. (lacht) Und auch in Hamburg sehr angekommen. Als "Alles Atze" noch lief, habe ich sehr darunter gelitten, dass so ein Hype um mich entstanden ist. Manchmal standen freitagabends Herrschaften mit Bierkästen vor meiner Tür und haben "Alles Atze" gefeiert. Deswegen musste ich mich da immer ein bisschen abschotten. Heute mache ich insgesamt viel weniger, bin nicht mehr so oft im Fernsehen und die Serie gibt es auch schon lange nicht mehr. Mittlerweile hat sich die Aufregung um mich beruhigt. Außerdem sind die Hamburger eleganter im Umgang mit Prominenten als im Ruhrgebiet. (lacht) Diese hanseatische Zurückhaltung macht das Ganze doch ganz angenehm.
Aber in Hamburg sind mehr Touristen als im Ruhrgebiet.
(lacht) Das stimmt! Also wenn ich mich hier auf den Rathausplatz stelle und "Ja ne ist klar" brülle, wird es wahrscheinlich auch ganz schön unangenehm. Aber wenn ich in Eppendorf oder der Schanze unterwegs bin, interessiert das ja kaum jemanden mehr, wer da gerade neben einem steht.

"Wenn ich nach Hause kam, war es immer ein großes Hallo"

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Ihre Partnerin nie in die Öffentlichkeit wollte und Sie "aus Respekt vor ihrer moralischen Integrität und Loyalität ihrem Bedürfnis nach Privatsphäre unbedingt nachkommen wollten." Hätten Sie ohne Ihre Partnerin kein Geheimnis mehr aus Ihrer echten Identität gemacht?
Für mich war immer klar, dass ich meine wahre Identität nicht preisgebe. Das hängt nicht von meiner Freundin ab. Ich habe privat auch nicht so eine große Klappe wie Atze vor der Kamera und ich freue mich sehr darüber, dass ich ein ruhiges Leben führen kann. Ich bin privat sehr beschaulich unterwegs und das genieße ich auch.
Sie haben von 2000 bis 2007 überwiegend in Hotels gelebt. Was hat das mit Ihrer Beziehung gemacht?
Eine Art Fernbeziehung hat auch immer etwas Spannendes. Es gibt einen Song von Heinz Rudolf Kunze, der heißt "Väter" und sein Vater war Oberstudienrat und kam jeden Mittag um eins nach Hause. Und er hat sich immer einen Abenteurervater gewünscht, der nur ab und zu nach Hause kommt, dafür aber spannende Geschichten erzählt. Und bei mir und meiner Familie war das meistens so: Wenn ich nach Hause kam, war es immer ein großes Hallo und ein kleines Fest. Das kann auch sehr verbinden, obwohl beide Partner da auch die richtigen Typen dafür sein müssen.
Atze Schröder bei "Alles Atze"
Atze Schröder bei "Alles Atze"
© teutopress / imago images
Und man muss sich blind vertrauen.
Und wie. Da passt wieder mein alter Spruch: Sei treu oder sei Single. (lacht) Alles andere ist Zeitverschwendung.

Atze Schröder: Biografie hat Familie nähergebracht

Sie enthüllen in Ihrem Buch auch Ihre tragische Familiengeschichte, schreiben von Suiziden, Lebenskrisen und Abstürzen in Ihrer Familie. Wie haben Ihre Verwandten darauf reagiert?
Meine Verwandten waren damit einverstanden. Über Jahrzehnte wurde in meiner Familie so viel totgeschwiegen, aber seitdem wir alles stückchenweise immer mal wieder hochholen, geht es uns allen besser. 
Hat Ihre Biografie Ihre Familie einander wieder nähergebracht?
Ja, das hat sie. Wenn man über etwas spricht, wird es meistens besser. Vor allem meine Lieblingstante, mit der ich für das Buch viel gesprochen habe, ist jetzt sehr froh, dass alles ans Licht kommt.
Was würden Ihre Eltern sagen, wenn Sie noch leben und Ihre Biografie lesen würden?
Das ist eine gute Frage … Ich hätte das Buch genauso geschrieben. Wir hatten immer ein sehr enges Verhältnis, mit meiner Mutter hatte ich zwar zwischendurch meine Differenzen, aber am Ende haben wir uns wieder versöhnt. Was meine Eltern genau sagen würden, weiß ich wirklich nicht. Ich denke schon, dass sie einverstanden wären. Die beiden haben mich immer sehr unterstützt.
Atze Schröder: "Blauäugig – Mein Leben als Atze Schröder" (Edel Books, 22,95 €, ab 01.04. erhältlich)
Atze Schröder: "Blauäugig – Mein Leben als Atze Schröder" (Edel Books, 22,95 €, ab 01.04. erhältlich)
© Edel Books
Hat Ihre Schwester Anne vorab das Buch gelesen?
Nein, meine Schwester weiß noch gar nichts von der Biografie. Die werde ich überraschen. Meine beiden Patenkinder und meine Freundin haben das Buch vorher gelesen, das war mir sehr wichtig.
Und mussten Sie was streichen?
Ich musste ein Foto von meinem Patenkind wieder rausnehmen, auf dem er sich als Atze verkleidet hatte. Er hat eben einen sehr seriösen Beruf … (lacht)
Sie schreiben in Ihrer Biografie "Die Schwermut zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Sippe". In welchen Momenten werden Sie schwermütig?
Jetzt am Wochenende, als ich nach zwei Jahren zum ersten Mal wieder auf Tour gehen und auf der Bühne stehen konnte. Am ersten Abend ging mir die ganze Zeit durch den Kopf, dass ich jetzt zwei Jahre nicht auf der Bühne stand und wir alle zwei Jahre älter geworden sind. Dass ein Teil aus unserem Leben irgendwie rausgeschnitten wurde. Dieser Gedanke hat mich für die ersten fünf Minuten auf der Bühne sprachlos gemacht. Zum Glück hat das Publikum das gemerkt und länger geklatscht. In dem Moment war ich etwas wackelig unterwegs.
Was tun Sie für Ihre mentale Gesundheit? In einem Kapitel berichten Sie von einer Panikattacke.
Das war ein sehr prägender Einschnitt in meinem Leben. Zu dieser Zeit habe ich 300 Jobs pro Jahr gemacht, das war alles viel zu viel. Ich habe ja auch jede Aftershowparty mitgenommen. Trotzdem habe ich überhaupt nicht gemerkt, was da gerade mit mir passiert, man wird von seinem Umfeld meistens ja auch noch mehr abgefeiert, wenn man so "unkaputtbar" erscheint. Als dann in meinem Kopf plötzlich nur noch Leere war, musste ich reagieren – weniger Jobs, mehr Urlaub.
Haben Sie mit einem Therapeuten gesprochen?
In dieser Zeit war ich in einer Gesprächstherapie. Das war eine meiner wirklich guten Ideen im Leben. Das kann ich jedem nur empfehlen.

"Auf der Bühne bin ich rotzfrech, privat deutlich charmanter"

Was ist der größte Unterschied zwischen dem Echten und dem Bühnen-Atze?
Der Bühnen-Atze hat immer den perfekten Spruch parat, aber wenn sich bei mir im Rewe ein Rentner vordrängelt, weiß ich oft auch nicht, was ich sagen soll. Auf der Bühne bin ich rotzfrech, privat deutlich charmanter.
Atze Schröder bei seiner Show am 4. März 2022 in Osnabrück.
Atze Schröder bei seiner Show am 4. März 2022 in Osnabrück.
© Fotostand / imago images
Als Kind waren Sie schüchtern. Sind Sie das in solchen Momenten heute auch noch?
Ein bisschen vielleicht. Schüchternheit geht nie vollkommen weg. Mittlerweile gehe ich aber gerne auf Menschen zu, das war früher immer die größte Überwindung für mich, aber das habe ich jetzt schon so oft gemacht, dass es schon fast zwanghaft ist. Meine Perle leidet manchmal darunter und sagt "Du quatschst auch wirklich jeden an". Es vergeht keine Bahnfahrt, bei der ich keine neuen Freunde gewinne. Aber genau das ist für mich Lebensqualität.
In Ihrem Buch schreiben Sie auch, dass Sie Comedy nur noch für sich machen und lassen sogar offen, ob Sie irgendwann ganz aufhören. Wenn ich Ihnen jetzt so zuhöre, kann ich mir das aber ehrlich gesagt nicht vorstellen ...
Da haben Sie recht. Früher habe ich immer gesagt "Ich mache bis Mitte 80 und erhöhe dann das Pensum" (lacht), aber es ist eben mein absoluter Traumberuf, obwohl das jetzt sehr klischeehaft klingt. Ich habe wirklich Spaß am Leben. Wenn ich morgens aufstehe, freue ich mich schon auf den Tag. Es ist schon toll, sein Hobby zum Beruf machen zu können. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich arbeite, wirklich nicht. Mehr kann man doch gar nicht wollen.
Gala

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