Annegret Kramp-Karrenbauer: So tickt die neue CDU-Chefin

Annegret Kramp-Karrenbauer löst Angela Merkel als Parteivorsitzende der CDU ab. Wie tickt die neue Chefin der Regierungspartei?

Annegret Kramp-Karrenbauer ist die neue Parteivorsitzende der CDU

Beschaulichkeit muss nicht unbedingt provinziell sein. Nehmen wir Püttlingen im Köllertal (Landkreis Saarbrücken). 18.500 Einwohner, mildes Klima, gute Luft, die Kohlezechen Viktoria 1+2 wurden vor vielen Jahren geschlossen. Die ebenfalls stillgelegte Bahnstation ist nun ein Kulturbahnhof, es gibt den Püttlinger Literaturpfad, im Sommer rockt das Städtchen beim jährlichen Festival Rocco del Schlacko ab. Püttlingen wirbt mit seinen mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten wie Martinskirche, Burgruine Buberbach sowie dem Hexenturm. In Letzterem wurden im ausgehenden 16. Jahrhundert 14 Frauen vom Amtmann Thomas Königsdorfer gefangen gehalten, der Hexerei angeklagt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Inzwischen lebt es sich wesentlich besser in Püttlingen. (56) wohnt hier mit ihrer Familie.

So what?! Das hätten sich noch vor Jahresfrist viele Deutsche gefragt: Wer ist Annegret Kramp-Karrenbauer? Heute wissen es die allermeisten besser. Die Frau aus Püttlingen ist die neue CDU-Chefin - und mutmaßliche Nachfolgerin von im Kanzleramt. Eine neue Regierungs-Mutti aus dem Saarland? Eine jüngere Merkel, die um einen Tick zugänglicher ist und auch öfter mal lächelt, sich aber ähnlich wie die Kanzlerin abzuschirmen versteht?

"Weil Kramp-Karrenbauer eher klein als groß ist, kurze Haare hat, sich nicht übermäßig schminkt und wenig Aufhebens um die eigene Person macht, glauben einige, darunter besonders viele Männer, sie hätten eine Art jüngere Merkel vor sich. Mini-Merkel wird sie von manchen genannt. Das ist allerdings so, als wenn Weiße über Schwarze sagen: Also, für mich sehen die alle gleich aus", so die "Zeit" über Annegret Kramp-Karrenbauer.

Seit 1981 in der CDU

Eine ihrer Kurzbeschreibungen lautet: Sie ist 56, dreifache Mutter, heterosexuell, war saarländische Ministerpräsidentin. Kampfname: AKK. Seit 1981 in der CDU. Dort, von Akteurinnen der Frauen-Union, bekam sie früher zu hören: "Oh Gott, die bringt ein Kind mit in eine Parteiveranstaltung." So hat sie ein regionaler Beobachter von der "Allgemeine Zeitung" (Mainz) charakterisiert.

Sie kommt unprätentiös bis burschikos daher, ist aber Profi durch und durch. Seit 1991 arbeitet sie hauptberuflich in der Politik, war Vorsitzende der Frauen-Union Saar, CDU-Landtagsabgeordnete, Innenministerin im Saarland, Ministerin für Familie, Frauen und Sport, Kultusministerin, Ministerin für Arbeit, Familie und Soziales, Landesvorsitzende ihrer Partei und Ministerpräsidentin (sieben Jahre). Seit Februar 2018 ist sie Generalsekretärin der CDU, die rechte (und linke) Hand der Kanzlerin. Ihr Wahlergebnis von 98,87 Prozent war die höchste Zustimmung eines Generalsekretärs in der Geschichte der CDU.

Keiner ihrer beiden Mitbewerber - Friedrich Merz, Jens Spahn - haben eine solche Bilanz aufzuweisen.

Wer sie unterschätzt, begeht einen großen taktischen und strategischen Fehler, den sie in aller Regel auch bestraft. Beispiel: Am 6. Januar 2012 feuerte die saarländische Ministerpräsidentin die FDP-Minister ihres Kabinetts und beendete spektakulär die erste Jamaika-Koalition in Deutschland. Diesen Schritt vollzog sie ausgerechnet während des Stuttgarter Dreikönigstreffens, das die Bundes-FDP jedes Jahr wie ein Hochamt zelebriert. Das schlug selbst bei der Kanzlerin ein wie eine Bombe. Es heißt, dass die kühle Merkel, die seinerzeit mit der FDP in Berlin regierte und sonst nie schreit, an diesem Tag ausgerastet sei.

Andererseits gilt AKK, die in der Flüchtlings-, Innen- und Europapolitik die gleichen Positionen einnimmt wie Angela Merkel, als besonders umsichtig. Als im Sommer ein Kleinkrieg zwischen CDU und CSU herrschte und Ausdrücke wie "Kotzbrocken, Verräter, Feinde" hin- und herflogen, behielt sie die Nerven. "Sie hat das brillant gemacht", sagt Schleswig-Holsteins Regierungschef Daniel Günther.

Während der Jamaika-Verhandlungen spannte Merkel die Saarländerin mit der CSU-Frau Barbara Stamm zusammen. Die Kanzlerin wusste, dass beide reibungs- und geräuschlos an Kompromissen arbeiten, während sich Kollegen wie Alexander Dobrindt (CSU) vor den Kameras die Show mit lauten Wortgefechten liefern. Eine Jamaika-Koalition in Berlin, das hätte ihr gefallen. Dass FDP-Chef Christian Lindner die Verhandlungen platzen ließ, nahm sie ihm richtig übel. "Heul leiser, Lindner", kommentierte sie sarkastisch, als Lindner in die Mikrophone jammerte, seine FDP sei schlecht behandelt worden. Trotzdem: Sie wäre jederzeit bereit, sich wieder mit der FDP an den Tisch zu setzen. Es muss ja regiert werden.

Das ist ihr politisches Vorbild

Ihr politisches Vorbild ist Heiner Geißler. Und ihre Tonlage ist eher sanft, aber fast nie lässt sie irgendwelche Zweifel offen. Ihr Motto: "Ich kann, ich will und ich werde." So lautet auch der Titel der ausgezeichneten AKK-Biografie, die von den Journalistinnen und Parlamentskorrespondentinnen Kristina Dunz und Eva Quadbeck verfasst wurde.

Und sie hat das Sieger-Gen, ohne das in der Politik nichts geht. Vor der saarländischen Landtagswahl 2016 ging AKK als klare Favoritin ins Rennen. Dann wurde sie, heute kaum noch vorstellbar, vom sogenannten Schulz-Hype der SPD überrannt. Plötzlich sanken die Umfragewerte, doch AKK behielt die Ruhe. Sie verbot türkischen Politikern Auftritte im Saarland (was die übrigens gar nicht vorhatten), lobte ihren Koalitionspartner SPD, nahm eine mögliche Niederlage voll auf ihre Kappe - und zwar vor der Wahl. Und sie gewann mit 40,7 Prozent. AKK beendete abrupt den Schulz-Hype - regierte danach weiter mit der SPD.

So wuchs AKK auf

Sie kommt aus der katholischen Mitte ihrer Partei, nicht etwa von außen wie Angela Merkel. AKK ist eine von innen, ein Kind der CDU (West). Sie hat die entsprechenden Reflexe von klein auf mitbekommen und weiß, wie (und bei wem) sie einzuordnen sind. Geboren in Völklingen, einem ehemaligen Zentrum der saarländischen Schwerindustrie, aufgewachsen im fünf Kilometer entfernten Püttlingen. Streng katholische Großfamilie (sechs Kinder), Mutter Hausfrau, der Vater ist Sonderschullehrer.

"Es Anne", wie die Mutter sie nennt, will auch Lehrerin werden. Oder Hebamme. Das Kind liest viel, die Mutter, die auf eine Hilfe beim Abwaschen wartet, meckert. Bis Vater brummt: "Lass' sie lesen."

Abitur in Völklingen, dann (wegen einer damaligen Lehrerschwemme) Studium der Politik- und Rechtswissenschaften in Trier und Saarbrücken, da ist sie allerdings schon verheiratet. Sie hat sich früh mit 21 in den Bergbauingenieur Helmut Karrenbauer, ebenfalls aus Püttlingen, verguckt, ein Mann mit der Statur eines Leistungssportlers. Er hat ihr auf Anhieb gefallen, später sagt sie dazu: "Das Auge isst mit." Einen solchen Satz würde man nie vom Angela Merkel über ihren Mann Prof. Joachim Sauer hören.

Die drei Söhne Tobias, Laurien und Julian kommen zwischen 1988 und 1998 zur Welt. 1990 macht sie Examen, ein Jahr später wird sie Grundsatz- und Planungsreferentin der Saar-CDU, 1999 persönliche Referentin von Peter Müller, dem Fraktionsvorsitzenden der Landtags-CDU und späteren Ministerpräsidenten des Saarlandes. Die Karriere nimmt ihren Lauf.

Sie legt Wert auf Familie

Dennoch legt AKK großen Wert darauf, als typischer Familienmensch wahrgenommen zu werden. Ihr Mann nimmt Erziehungsurlaub, später gibt er seinen Job als Steiger im Bergwerk ganz auf, kümmert sich um die Familie und hält ihr den Rücken frei, während seine Frau - erst als Ministerin, dann als Ministerpräsidentin - das Land regiert.

Sie kennt auch die kleinen, alltäglichen Tiefschläge des Familienlebens, zum Beispiel: "Bei jeder schlechten Schulnote - das schlechte Gewissen der berufstätigen Frau." Als Politikerin kämpft sie - im Gegensatz zu Angela Merkel - für eine Frauenquote und Mütterrente: "Langfristiges Ziel muss sein, dass Frauen auch Priester werden können."

Fragt man nach ihrem Lebensmittelpunkt, kommt sofort die Antwort: Püttlingen! Als gäbe es keine Alternative. Die sprichwörtliche saarländische Heimatverbundenheit hat also auch AKK verinnerlicht: "Dehemm is dehemm."

Ihre Parteifreunde schwärmen von der Verbindlichkeit dieser Frau. Im März 2017 hilft eine JU-Delegation aus Rheinland-Pfalz in der Nacht vor der saarländischen Landtagswahl bis vier Uhr morgens Plakate im Saarland zu kleben. AKK bietet den jungen Leuten sofort an, in ihrem Haus in Püttlingen zu übernachten, Frühstück inklusive. Von einem wie Friedrich Merz ist so etwas nur schwer vorstellbar.

Nach ihrer Wahl zur CDU-Generalsekretärin pendelt sie zunächst zwischen Berlin und dem Saarland. Sie verzichtet auf das Übergangsgeld, das ihr als ehemalige Ministerpräsidentin zustehen würde, da geht es immerhin um mehr als 33.000 Euro.

Dieses Pendeln zwischen Berlin und dem Saarland bereitet ihrem Helmut Sorgen, er glaubt, das sei alles zu viel für sie. Am 11. Januar 2018 scheint es, dass seine Befürchtungen bestätigt werden. Am Vorabend hatte sie ihren Neujahrsempfang in Saarbrücken, anschließend muss sie nach Berlin zu den GroKo-Verhandlungen. Weil aber in der Nacht kein Flugzeug mehr geht, nimmt sie für die gut 700 Kilometer lange Strecke den Dienstwagen (mit Chauffeur und Bodyguards).

Auszug aus der AKK-Biografie von Kristina Dunz und Eva Quadbeck: "Helmut Karrenbauer starrt auf sein Handy. Vier verpasste Anrufe, Zwei von seiner Frau und zwei vom Chef der Sicherheit. Es ist 6.15 Uhr. Was würde er jetzt dafür geben, wenn er nicht recht behalten würde. Er war dagegen, dass sie noch in der Nacht zurück nach Berlin fährt. 700 Kilometer. Nach so einem langen Tag... Das ist doch alles Wahnsinn, gedankt wird es einem sowieso nicht, ist er überzeugt. (...) Jetzt, an diesem frühen Morgen, wählt er ihre Handy-Nummer - ohne Erfolg. Ihm ist klar: Da ist was passiert."

"Man ist nicht unersetzlich"

Um 4.22 Uhr war der schwere Dienst-BMW von Annegret Kramp-Karrenbauer auf der A10 30 Kilometer von Berlin in einer Autobahnstelle mit einem vorausfahrenden Lkw kollidiert. Was so schlimm aussah, hatte glücklicherweise keine schlimmen Folgen. AKK kam mit einem Schleudertrauma ins Krankenhaus, bekam eine Halskrause - und verpasste die letzte Verhandlungsrunde in Berlin. Der "Bild am Sonntag" sagte sie: "Das war bitter, aber es hat mir auch klargemacht: Man ist nicht unersetzlich."

Einige Wochen danach war sie schon wieder die Alte und trat im saarländischen Karneval auf. Wie immer als Gretel, die Putzfrau des Landtags. Mit kariertem Kopftuch, Schürze und Besen. Im breitestem Saar-Dialekt plauderte sie aus ihrem politischen Nähkästchen, eine Form der Ausgelassenheit, die bei einer Angela Merkel undenkbar wäre.

Wer AKK länger anschaut, kann in ihrem meist beherrschten, freundlichen Gesicht durchaus Züge von Schalkhaftigkeit und weiblicher Kapriziosität lesen. Sie liebt markante Brillen - und trägt auch gern mal kürzere Röcke. Und ihre burschikose, bisweilen sogar freche Frisur ist ein Markenzeichen geworden. Für Udo Walz (74), Deutschlands bekanntester Friseur, ist AKK auf dem Weg ins Kanzleramt nicht mehr aufzuhalten. "Ihre Frisur sieht hervorragend aus, sie muss einen sehr guten Frisör haben. Von zehn möglichen Punkten kriegt sie von mir zehn."

Der Mann muss es wissen. Schließlich war er es, der Angela Merkel zur Kanzlerin stylte.

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