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Annalena Baerbock Mit Herz und Verstand

Annalena Baerbock
© Omer Messinger/Pool / Getty Images
Erst belächelt, jetzt bewundert: Annalena Baerbock ist als Außenministerin zu Deutschlands beliebtester Politikerin geworden – auf ihre ganz eigene Weise.

Bereits in ihrer Antrittsrede schlug sie neue Töne an. Man habe ihr geraten, mit Zitaten von Kissinger bis Brandt Eindruck zu schinden, verriet Annalena Baerbock, 41, im Dezember im Auswärtigen Amt. Sie wolle aber lieber ihre Tochter zitieren, die zur Grundschule geht.

Annalena Baerbocks kleine Tochter ahnte, was ihrer Mutter bevorsteht

Als sie ihr erklärte, dass sie in den nächsten Jahren Deutschland in der Welt vertreten wird, habe ihre Tochter geantwortet: "In der Welt? Oh weh!" Das Mädchen wusste offenbar gleich, dass "sehr, sehr viel und nicht immer einfache Arbeit" auf ihre Mutter zu­ kommt. Nach nur wenigen Wochen ist klar, dass diese Prognose sogar noch untertrieben war.

Mit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine gibt es seit Februar einen Krieg mitten in Europa. Ein Sprung ins kalte Wasser für die neue Bundesregierung, besonders für die Außenministerin. Im Wahlkampf hatten Baerbocks Gegner wissen lassen, mit dieser jungen Frau ohne Regierungs-­ und Verwaltungserfahrung könne die Führung der Amtsgeschäfte nicht funktionieren.

Jetzt ist sie in Umfragen die beliebteste deutsche Politikerin. Denn zur großen Überraschung ihrer Kritiker erfüllt Annalena Baerbock ihre neue Aufgabe hervorragend. Die gescheiterte Kanzlerkandidatin der Grünen gewinnt täglich mehr Respekt hinzu, selbst vom politischen Gegner. "Wir sind froh, dass Sie in dieser schweren Zeit Verantwortung für unser Land tragen", lobte etwa Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, 46 (CDU).

Annalena Baerbock bewegt sich souverän auf dem internationalen Parkett, wie hier vor dem US-amerikanischen Kapitol in Washington.
Annalena Baerbock bewegt sich souverän auf dem internationalen Parkett, wie hier vor dem US-amerikanischen Kapitol in Washington.
© xThomasxImo:photothek.netx / imago images

Sie lässt sich in der Männerdomäne nicht einschüchtern

Baerbock reiste nach Washington, Kiew, Moskau. Und zeigte insbeson­dere ihrem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow, 72, dass sie sich nicht ein­schüchtern lässt. Souverän redete sie Klartext – ihre Spezialität. Während einer gemeinsamen Pressekonferenz blickte er erstaunt zu ihr herüber.

Ob er in diesem Moment daran dachte, dass sie zur Mittagszeit den Wodka abgelehnt hatte? "Wenn das ein Härtetest ist ... Ich habe zwei Kinder geboren", entgegnete sie laut "Spiegel" und rührte das Glas nicht an.

Sergej Lawrow und Annalena Baerbock
Russlands Außenminister Sergej Lawrow und Annalena Baerbock.
© xAlexeyxMaishevx / imago images

Die derben Spielchen mancher Männer, bei denen Frau zeigen soll, ob sie es draufhat – Annalena Baerbock spielt sie nicht mit. Sie hat sich eine femi­nistische Außenpolitik auf die Fahnen geschrie­ben, ein ganzheitliches Konzept, das in der Außen­- und Sicherheits­politik alle Menschen berücksichtigt und bei dem mehr Frauen in Entscheidungspositio­nen vertreten sind. "Das ist kein Gedöns!", rief sie CDU­-Chef Friedrich Merz, 66, im Bundes­tag kämpferisch entgegen.

Als Politikerin stellt sie das Menschliche in den Fokus

Empathisch sein, ohne sein Rück­grat zu verlieren, Stärke demonstrie­ren, ohne Werte aufzugeben: Annalena Baerbock zeigt Haltung und bleibt doch nahbar. Sie beweist, dass es nicht unbedingt ein Entweder­-oder geben muss. Dass Waffenlieferungen an ein Land, das sich verteidigt, und die Stärkung von Menschenrechten ein­ander nicht ausschließen. Sie stellt das Menschliche in den Fokus.

So wie vor den Vereinten Nationen, als eine Resolution gegen Russland verabschiedet werden sollte. Es gehe um Leben oder Tod des ukrainischen Volkes, sagte sie in einer bewegenden Rede. "Wenn wir nach Hause gehen, wird jeder von uns am Küchentisch unseren Kindern, unseren Partnern, unseren Freunden, unseren Familien gegenübersitzen. Dann muss jeder von uns ihnen in die Augen schauen und sagen, welche Wahl wir getroffen haben."

Wäre sie die bessere Kanzlerin gewesen?

Ob sie in Berlin nicht doch die bessere Regierungschefin gewesen wäre statt Bundeskanzler Olaf Scholz, 63, fragen sich inzwischen viele. Sie ge­hört zu den sichtbarsten Vertretern der Ampel-­Koalition. Gewissenhaft habe sie sich auf ihr neues Amt vorbe­reitet, heißt es in ihrem Ministerium, und sie lerne sehr schnell. Manchmal greift sie dafür auch zu eher ungewöhnlichen Mitteln.

Kürzlich bat sie Studierende aus der Ukraine, Russland und Belarus ins Außenministerium. Sie hörte ihnen aufmerksam zu, wollte genau wissen, wie sie den Krieg von Deutschland aus erleben, ein Gefühl für die persönliche Dimension der Ereignisse bekommen. "Es werden sicher viele Tränen rollen", sagte sie vorab, "weil es einen ja zer­reißt, was passiert."

Viel Verstand und ein großes Herz: Sie hält sich jede Minute daran.

Gala


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