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Anna Wilken + Sarah Plack "Eine Fehlgeburt gilt als ähnlich schlimm wie eine Krebsdiagnose"

Anna Wilken
Anna Wilken
© Simone Lobgesang
Ärztin Sarah Plack und Ex-GNTM-Kandidatin Anna Wilken hatten jeweils zwei Fehlgeburten. Die eine ist nun schwanger, die andere nicht. Ein Interview über Traumata, Sternenkinder und gesellschaftliches Unverständnis.

Sieben erfolglose Embryotransfers, zwei Fehlgeburten: Model und Autorin Anna Wilken, 26, ist unfruchtbar, leidet an Endometriose und unter einem unerfüllten Kinderwunsch. Auch Ärztin und Bloggerin Sarah Plack, 33, hatte zwei Fehlgeburten, bis sie durch eine Kinderwunschbehandlung schwanger wurde. Ihr "Regenbogenmädchen" Luisa soll im Juni 2022 zur Welt kommen.

Studien besagen, dass "eine Fehlgeburt ähnlich schlimm empfunden wird, wie eine Krebsdiagnose", verdeutlicht Sarah. Welche verletzenden Fragen beide Frauen nie wieder hören möchten, wie sie und ihre Ehemänner mit den Verlusten umgehen, wie ihre Sternenkinder dennoch weiterhin präsent sind und warum ihre "#KiWuFürAlle"-Petition, die sie am 11. April 2022 auf der Plattform Change.org gestartet haben, wichtig ist, erzählen Wilken und Plack im Interview.

Anna Wilken: "Kinderwunsch-Paare leben den gesündesten Lifestyle. Andere schädigen ihren Körper und bekommen fast alles finanziert"

Ihr habt die Petition "#KiWuFürAlle" gestartet und kämpft für eine faire Kostenübernahme von Kinderwunschbehandlungen. Was macht euch wütend am bestehenden System?
Anna Wilken: Dass die Altersgrenze bei der Kostenübernahme der Krankenkasse bei 25 Jahren liegt. Ich habe mit 21 die Diagnose Unfruchtbarkeit erhalten, was ich mir nicht ausgesucht habe. Mir wurde von ärztlicher Seite geraten, etwas dagegen zu unternehmen. Hätte ich die finanziellen Mittel nicht gehabt, hätte ich bis zum 26. Lebensjahr mit der Behandlung warten müssen. Das ist unfair. Was ich zudem schwierig finde: Es werden nicht 100, sondern 50 Prozent der Kosten übernommen, obwohl die Kinderwunschkliniken immer mehr aus allen Nähten platzen.

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Mutterliebe: Frau auf Foto und Ultraschallbild

Sarah Plack: Es gibt Diagnosen, die einen Kinderwunsch sowieso schon erschweren und bei denen es auch mit unter 25 Jahren jedes Jahr schwieriger wird. Dass man diese Frauen warten lässt, ist ein Unding. Außerdem haben die wenigsten Frauen in so jungen Jahren die finanziellen Ressourcen.

Ich finde es auch sehr rückschrittlich, dass nur verheiratete Paare finanziert werden. Haben wir etwa noch das Jahr 1960?!

Auch alleinstehende Frauen und gleichgeschlechtliche Paare werden nicht finanziert.
Anna Wilken: Was ich schwierig finde: Viele Paare mit Kinderwunsch verzichten auf sämtliche ungesunde Lebensmittel und versuchen den gesündesten Lifestyle zu leben. Andere hingegen, die ihren Körper schädigen, bekommen bei daraus resultierenden gesundheitlichen Problemen fast alles finanziert.

Sarah Plack: Es gibt sogar einen medizinischen Code, den alle Erkrankungen bekommen, auch Unfruchtbarkeit: den ICD-Code. Die meisten sind nicht selbst verschuldet. Viele mit unerfülltem Kinderwunsch tun dennoch alles, um ein noch gesünderes Leben zu führen und schwanger zu werden. Ich habe für meinen Kinderwunsch 20 Kilo abgenommen. Und dann sieht man, dass risikohaftes Verhalten wie Unfälle durch Extremsport bezahlt werden, was auch richtig ist. Doch dadurch entsteht ein großes Ungleichgewicht.

Was stört euch noch am gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema unerfüllter Kinderwunsch?
Anna Wilken: Viele tun das so ab, als sei der Kinderwunsch nicht zwingend notwendig und dass Paare auch ein kinderloses Leben führen könnten. Eine Finanzierung sei demnach nicht notwendig, dann gibt es eben ein paar Kinder weniger. Andernfalls könnte man doch auch adoptieren. In Deutschland warten derzeit aber zwölf Paare auf ein Baby. Und den Wunsch nach einem Kind kann man nicht so einfach abstellen, sonst würden sich das bestimmt einige Paare ersparen. Denn Kinderwunschbehandlungen sind mühsam und psychisch wie physisch extrem herausfordernd.

"Gescheitere Kinderwunschbehandlung vergleichbar mit Verlust eines geliebten Menschen"

Leider übernehmen die Krankenkassen auch nur drei Behandlungen, um schwanger zu werden.
Anna Wilken: Das löst einen noch viel größeren Druck bei den Betroffenen aus, vor allem, wenn es beim dritten Versuch immer noch nicht geklappt hat. Hinzu kommen traumatische Erlebnisse wie Fehlgeburten, was einschneidende psychosomatische Folgen haben kann. Der Kinderwunschpsychologe Prof. Dr. Tewes Wischmann aus Heidelberg (Autor mehrerer Fachbücher zum Thema Kinderwunsch) hat im Rahmen eines Interviews gesagt, dass eine gescheiterte Kinderwunschbehandlung von der Trauer her vergleichbar sei wie der Verlust eines geliebten Menschen.

Sarah Plack: Es gibt sogar Studien dazu, dass eine Fehlgeburt ähnlich schlimm empfunden wird, wie eine Krebsdiagnose. Das verdeutlicht noch einmal mehr, dass eine solche Erfahrung an das Innerste geht, was man eigentlich erfahren kann.

Sarah Plack
Sarah Plack
© @lioba.fotografie

Wurdet ihr während und nach euren Fehlgeburten gut von Fachpersonal aufgefangen und begleitet?
Sarah Plack: Ich hatte glücklicherweise eine tolle Ärztin, die mich sehr gut über die Behandlungsmethoden einer Fehlgeburt aufgeklärt hat. Ich weiß aber auch, dass das eher die Ausnahme als die Regel ist.

Anna Wilken: In der Kinderwunschklinik wurde ich glücklicherweise sehr gut betreut. Ich habe noch eine Gynäkologin hinzugezogen, die selbst sonntags einen Ultraschall hat machen lassen. Und ohne meine Hebamme hätte ich die zweite Fehlgeburt niemals so gut überstanden. Die steht jeder betroffenen Person zu, das wissen viele aber nicht. Auch psychologisch erhielt ich bereits im Vorfeld gute Unterstützung. Ich bin aber auch eine Person, die das einfordert. Damit will ich in keinem Fall sagen, dass andere Frauen selbst schuld sind! Aber wenn ich der Meinung bin, dass mich beispielsweise meine Ärztin nicht gut behandelt, dann äußere ich das.

Anna Wilken: Wir sind jetzt fast 50.000 Euro ärmer und ich habe immer noch kein Kind"

Gibt es Reaktionen aus eurem privaten Umfeld auf eure Fehlgeburt, die euch gestört haben?
Sarah Plack: Ja, das waren Kommentare wie: "Sei froh, dass es so früh in der Schwangerschaft passiert ist", "Das Kind hätte sowieso keine Chance gehabt", "Es war noch kein Kind, sondern nur ein Zellhaufen" oder "Du kannst doch jederzeit wieder schwanger werden. Jetzt weißt du immerhin, dass es klappt." Dabei fühlt es sich so an, als ob du jemand Geliebtes verlierst. Es ist nur jemand, den niemand anderes gesehen hat und über den niemand anderes mittrauert.

Viel zu schnell wurde erwartet, dass ich über meine Fehlgeburt hinweg sei, aber ich bin nie darüber hinweg. Es wird immer Teil meiner Lebensgeschichte sein.

Anna Wilken: Die meisten haben offen geäußert, dass sie nicht wissen, was sie sagen und wie sie sich verhalten sollen und dass sie das überfordert. Ich finde es völlig ok, wenn Menschen so reagieren und mir einfach nur zuhören wollen. Kommentare wie bei Sarah musste ich mir aber auch anhören. Nach der ersten Fehlgeburt hat mich ein "Jetzt weißt du immerhin, dass es klappt" zwar noch etwas aufgemuntert, aber ein halbes Jahr später konnte ich mir das auch nicht mehr geben. Ich bin seit 2017 in der Kinderwunschklinik, wir sind jetzt fast 50.000 Euro ärmer und ich habe immer noch kein Kind.

Anna Wilken
Anna Wilken
© Simone Lobgesang

Sarah Plack: Deshalb ist der Tipp Nummer eins: nachfragen. Es ist ok, wenn man als Angehöriger oder Freund nicht weiß, wie man damit umgehen soll. Woher auch, solange es weiterhin ein solches Tabuthema ist, weiß man nicht, welche Sätze Betroffene triggern.

Folgen einer Fehlgeburt: "Schmerzen, Brust- und Hautveränderungen"

Was sind Dinge, die euer Umfeld nicht sieht, sondern nur ihr, die Fehlgeburten durchmachen mussten?
Anna Wilken: Tage wie der geplante Entbindungstermin oder das Datum der Ausschabung haben eine besondere Bedeutung für mich. Die Trauer über die eigene Fehlgeburt hält an, viel länger, als es einigen vielleicht bewusst ist. Sarah kommt beispielsweise in den neunten Monat. Wir waren ursprünglich zwei Wochen voneinander getrennt. Ich wäre nun auch fast so weit. Ich denke da andauernd dran und kann das auch nicht abstellen, aber das vergisst das Umfeld irgendwann.

Wir sind diejenigen, die jede Woche mitrechnen. Wir sind diejenigen, die körperliche Symptome haben, sei es bei einer Ausschabung oder eingeleiteten Totgeburt. Nachdem das Ungeborene draußen ist, ist es damit nicht vorbei.

Ich hatte noch lange Schmerzen; der Zyklus brauchte, bis er sich wieder eingespielt hatte; die Brüste oder die Haut verändern sich. All das, was der Körper in den Wochen aufgebaut hatte, muss erst wieder zurückgebaut werden.

Sarah Plack: Ich hatte durch den hormonellen Wechsel Haarausfall. Die Kante, wo die Haare ausgefallen waren, wuchs die Monate über weiter raus und erinnerte mich immer an meine Fehlgeburten. Auch für mich war der errechnete Entbindungstermin einer der schwersten Tage.

Sarah: "Mein Mann hat gelitten, weil es mir schlecht ging. Das war schwer für mich"

Oft werden nur Frauen mit einer Fehlgeburt in Verbindung gebracht, dabei leiden auch die Männer. Wie ist es euren Partnern mit den Verlusten ergangen?
Anna Wilken: Durch Corona hatte er [Profifußballer Sargis Adamyan, Anmerkung der Redaktion] zuletzt kaum die Möglichkeit, bei den Arztbesuchen dabei zu sein und auch die schönen Termine mitzuerleben. Den körperlichen Schmerz durch die Fehlgeburt und durch die ausgelösten Wehen konnte er mir nicht abnehmen, was für ihn schwierig war. Er hat mich im Alltag unterstützt und Dinge wie den Einkauf übernommen.

Sarah Plack: In Covidzeiten ist es für Männer wirklich noch mal schwerer, für ihre Frauen da zu sein. Mein Mann Markus musste auch vor der Kliniktür warten. Die Stunden ohne ihn waren furchtbar. Er hat mich sehr unterstützt, es war aber auch schwer für mich, ihn leiden zu sehen. Denn er hat gelitten, weil es mir schlecht ging. Für viele Männer ist das Gefühl der Hilflosigkeit am schwierigsten, wenn sie ihre Frauen so sehen und nichts machen können. Was meinem Mann geholfen hat: zu akzeptieren, dass er genauso wenig für die Fehlgeburt verantwortlich ist wie ich.

Inwiefern haben sich dadurch eure Partnerschaften verändert?
Anna Wilken: Wir sind seit acht Jahren ein Paar und natürlich sind wir durch schwierige Phasen gegangen. Aber insgesamt hat das unsere Beziehung sehr gestärkt. Ich bin dankbar, dass wir den gesamten Kinderwunschprozess und die Fehlgeburten zusammen durchgestanden haben und er immer an meiner Seite war und ist.

Trauerprozess nach einer Fehlgeburt

Was hat euch beim Trauerprozess eurer Fehlgeburten geholfen?
Anna Wilken: Ich habe die wunderschönsten Geschenke bekommen.

Die sechsjährige Tochter einer Freundin, die wusste, was bei mir los war, hat abends, wenn sie Sterne gesehen hat, immer gesagt: "Guck mal, das ist Annas Baby".

Im Kindergarten hat sie mir ein Bild von sich und ihr gemalt, auf dem ich schwanger bin. Meine Freundin meinte erst, dass sie mir das nicht schenken könne, aber ihre Tochter sagte: "Anna ist zwar noch nicht schwanger, aber da wird bald wieder ein Baby drin sein." Mit diesen Worten und selbst gebastelten Tonsternen hat sie mir das Bild dann zugeschickt, was mich extrem gerührt hat.

Anna hat Schwangerschaftstest und Ultraschallfoto ihrer ersten Fehlgeburt vergraben

Gibt es Rituale, durch die eure Sternenkinder weiterhin in eurem Leben präsent sind?
Anna Wilken: Bei meiner ersten Fehlgeburt hatte der Kinderwunschpsychologe Prof. Dr. Tewes Wischmann mir ein hilfreiches Ritual zum Trauern und Loslassen empfohlen: meine Schwangerschaftstest und mein Ultraschallfoto zu vergraben. Das habe ich in Heidelberg bei einem schönen Baum in einem kleinen Waldstück gemacht, den ich ab und zu besuche.
Bei meiner zweiten Fehlgeburt vor circa vier Monaten hatte ich einen tollen Trauertipp von einer Followerin bekommen: Ich habe mir eine Kerze mit dem Datum der Ausschabung gestalten lassen, von der Webseite "Scheinvoll", bei der es die Rubrik Sternenkinder gibt. In der Zeit, in der die Kerze brennt, trauere ich und wenn sie abgebrannt ist, versuche ich loszulassen. Ich habe zudem alle Erinnerungen in eine Box gepackt, in die ich zwischendurch mal reinschaue.

Sarah Plack:

Bei meiner ersten Fehlgeburt hatte ich den Fehler gemacht, alles wegwerfen zu wollen. Das Ultraschallbild wollte ich ebenfalls nicht haben.
Sarah Plack
Sarah Plack
© @lioba.fotografie

Meine wunderbare Ärztin hatte es dennoch ausgedruckt und meinem Mann mitgegeben. Darüber bin ich heute sehr froh, auch wenn es eine große leere Fruchthöhle war. Beim zweiten Mal habe ich dann die Schwangerschaftstests aufgehoben. Vielleicht hätte ich mehr machen sollen, ich wusste aber nicht, was es alles gibt. Ganz toll ist die Initiative von Nadja (auf Instagram: @sternenband): Sie schickt allen auf Anfrage kostenlos ein kleines Sternenarmband zu, damit Sternenmamas sich auch im realen Leben erkennen können.

Mit meiner Tochter, meinem Regenbogenbaby, leben die anderen Sternenkinder aber weiter. Wenn sie nicht wären, gäbe es meine Tochter nicht. Deshalb ist ihr Kinderzimmer auch voll mit Sternen und Regenbögen.

Das Interview ist ursprünglich auf Eltern.de erschienen.

Gala

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