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Andre Agassi "Ich habe Stef alles zu verdanken"

Steffi Graf und Andre Agassi 
© Getty Images
Andre Agassi hat seinem Leben nach dem Sport einen neuen Sinn gegeben. Mit GALA sprach der Ex-Tennisstar über die Liebe zu Ehefrau Stefanie Graf, sein Trauma – und sein Schulprojekt

Das Bling-Bling des berühmten Las Vegas Strips mit all den Casinos und Megahotels ist nicht mal in der Ferne zu erkennen: Auf dem Campus von Andre Agassis "Democracy Prep"-Schule blinken nur viele Handys. Dank Agassi können sich über 1.000 Kinder aus sozial schwachen Familien aufs College vorbereiten – kostenlos. Ohne ihn hätte niemand hier eine Chance auf umfangreiche Bildung. Weil ihm dieser Gedanke zusetzt, sammelt er unermüdlich mit Unterstützung des Edel-Uhrenlabels Longines Spenden für sein "Baby".

Mit GALA schlendert er durch das Gebäude. Man spürt: Er liebt diese Schule. Und die Schüler lieben ihn. Kaum taucht sein kahl rasierter Kopf irgendwo auf, ist Agassi umringt, alle wollen ihn umarmen, sich an seine breite Brust drücken oder abklatschen. Er macht gerne mit, obwohl er nur eine Hand frei hat. An der anderen baumelt ein Vier-Liter-Kanister mit gefiltertem Wasser, von dem er sich immer wieder einen großen Schluck gönnt: "Das trockene Klima in Las Vegas." Schule muss sein – Drill nicht. Wie sehr er selbst einst den Dauerdruck im Tennis gehasst hat und wie glücklich er mit seinem Leben heute ist, erzählt der 47-Jährige im Interview. Schön zu hören, wie emotional und liebevoll Andre Agassi über Ehefrau Stefanie Graf, 48, und seine Kinder Jaden, 16, und Jaz, 14, spricht.

Heute besuchen wir die Schule, die Sie aufgebaut haben. Könnte man dieses Projekt als Ihr wichtigstes Werk bezeichnen?

Ich hoffe das sehr. Ich bin fest davon überzeugt, dass es Früchte trägt, wenn man das Leben auch nur eines Kindes positiv verändert.

Sind Ihre eigenen Kinder auch schon in Sachen Charity aktiv?

Ja, sie unterstützen mich unglaublich, nicht nur bei meinem Schulprojekt. Es gibt eine Stiftung in Las Vegas, die Obdachlosen hilft. Unsere Kinder packen dort Boxen mit Essen, die dann in der Stadt verteilt werden. Uns ist wichtig, dass sie sich sozial engagieren.

Sie selbst kümmern sich außerdem seit einem halben Jahr als Mental-Coach um den Tennisspieler Novak Djokovic. Er spielt seitdem wieder viel besser. Wie haben Sie ihn fit gemacht?

Der Trick ist, dass wir perfekt harmonieren – es läuft einfach. Er ist aber auch ein toller Typ, schlau und mit einem riesigen Herzen.

Was genau tun Sie, außer ihn auf dem Court anzufeuern?

Ich hoffe, ich bin mehr für ihn als ein Cheerleader. (lacht) Und auch nicht nur irgendein Promi-Coach. Es läuft so: Ich höre Novak genau zu und konzentriere mich darauf, Wege zu finden, die ihn noch effizienter machen und ihn leichter gewinnen lassen. Und damit meine ich nicht, mit welchem Vorsprung er siegt, sondern ob er mental und emotional auf der Höhe ist. Das ist ein oft unterschätzter Erfolgsfaktor.

Bringt der Job Spaß?

Ich sehe das Coaching nicht als Job. Ich mache es ja auch nicht für Geld. Mich treibt der tiefe Wunsch an, Novak zu helfen. Und die Gewissheit, dass ich das kann. Ich löse gerne seine Probleme. Denn das ist Tennis für mich: Probleme erkennen und lösen.

Wie fühlt es sich an, wieder Teil des Tenniszirkus zu sein?

Oh, ich war immer auf irgendeine Art involviert. Das ist einer der Gründe, weshalb ich mit Longines zusammenarbeite, weil sie große Unterstützer des Tennissports sind. Aber es ist schön, nicht mehr dem massiven Druck als aktiver Spieler ausgesetzt zu sein.

Verspüren Sie als Coach keinen Druck?

Doch, aber anders. Hey, da steht Novak vor mir und macht, was ich sage. Also muss ich sehr präzise in meinen Anweisungen sein, denn er richtet sich ja nach mir. Ich trage quasi die Verantwortung für sein Leben. Das ist schon eine Bürde.

Seit Mai coacht Andre Agassi den serbischen Tennisspieler Novak Djokovic
Seit Mai coacht Andre Agassi den serbischen Tennisspieler Novak Djokovic
© Getty Images

Was meint Ihre Familie dazu, dass Sie nun wieder häufiger unterwegs sind?

Sie wissen, dass mir das wichtig ist. Vielleicht sind sie aber auch nur froh, dass ich öfter aus dem Haus bin. (lacht) Einige Ex-Tennisstars haben Probleme, ihr "Leben danach" in den Griff zu kriegen.

Ihnen ist das sehr gut gelungen. Was haben sie anders gemacht?

Es hat damit angefangen, dass ich Tennis damals gehasst habe. Also konnte alles nur besser werden. Damit aufzuhören war für mich die beste Möglichkeit, mein Leben neu zu ordnen.

Was ist heute am wichtigsten für Sie?

Das zu sein, wozu ich geboren wurde: Vater, Ehemann und Menschenfreund. Dafür schlägt mein Herz.

Welche Rolle spielen Ihre Frau und die Kinder dabei?

Sie sind mein Leben, das Wichtigste überhaupt.

Ihre gesamte Familie wohnt in Las Vegas. Wie sieht ein typisches Treffen des Agassi-Clans aus?

Wir reden unglaublich viel. Und Stef und ich lieben es, alle zu bekochen.

Wie gut sind Sie am Herd?

Sie würden lieben, was ich auf den Tisch bringe. Ich bin in der Küche ein absoluter Perfektionist und nur glücklich, wenn alles auf den Punkt ist.

Kochen Ihre Kinder ebenfalls?

Meine Tochter liebt es. Aber man kann sagen, das Backen liebt sie fast noch mehr.

Zu Ihrer Familie gehörten schon immer Haustiere. Welche springen aktuell durch den Garten?

Drei Hunde – ein großer, ein mittelgroßer und ein kleiner –, eine Hauskatze und jede Menge Straßenkatzen, die wir durchfüttern. Der Yorkshireterrier heißt Yankee, der Retriever Buster und die Dogge Blue. Und unsere Katze haben wir Freeway getauft, weil wir sie an einem Freeway aufgesammelt haben. In Deutschland würde man sie also "Autobahn" rufen. (lacht) Wer geht mit den Hunden Gassi? Meistens Stef. Sie geht raus, wann immer die Hunde wollen, bei ihr dürfen sie kleine Diktatoren sein. Bei mir funktioniert es genau anders herum: Wir ziehen los, wann ich will. Stef und mir bringt es aber gleichermaßen Spaß.

Ihr Sohn Jaden ist ein guter Baseballer, er spielt ab 2020 für die University of Southern California. Wie stolz sind Sie?

Er arbeitet wirklich hart und hat große Träume. Baseball ist das, was Jaden macht – aber stolz bin ich darauf, was und wer er ist.Es wird in ein paar Jahren leer zu Hause. Schmerzt Sie das?

Steffi Graf und Andre Agassi 
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Darüber will ich lieber noch gar nicht nachdenken. Ganz sicher werde ich die Kinder vermissen, sobald sie ausgezogen sind. Obwohl: Manchmal will man ja gar nicht, dass sie zurückkommen. (lacht) Es wird ruhig werden, das steht fest. Vielleicht legen wir uns dann noch mehr Hunde zu.

Sie könnten ja auch ein Kind adoptieren.

Es gab tatsächlich eine Zeit, in der wir darüber intensiv gesprochen haben. In den letzten Jahren war das aber kein Thema mehr, weil wir uns doch langsam zu alt fühlen.

Spielen Sie mit Ihrem Sohn Baseball?

Uff, das ist unmöglich. Er wirft den Ball mit 145 Stundenkilometern, ist fast 1,90 Meter groß und wiegt 93 Kilo. Dagegen wirke ich wie ein Kind. Es wäre wirklich kein Spaß, gegen ihn anzutreten.

Erkennen Sie sich in ihm wieder, weil er von einer Sportkarriere träumt?

Ich habe nie davon geträumt – ich habe Tennis überlebt! Bei mir lief das komplett anders. Unsere Kinder dürfen sich aussuchen, was sie machen wollen. Wenn ich Jaden anschaue, denke ich: Gott sei Dank muss er nicht so leben wie ich damals. Ich würde es hassen, wenn er so gequält würde.

Und Ihre Tochter?

Sie hat lange Jahre Hip-Hop getanzt und ist derzeit ganz verrückt nach Volleyball. Jaz ist genau wie ihre Mum: Sie fokussiert sich auf etwas, und die Welt um sie herum versinkt.

Spielen Sie noch Tennis?

Nur noch für Charity-Events mit meiner Frau, und das sehr selten. Es ist einfach zu hart für den Körper. Aber Stef und mir gefällt es, wenn die Leute Spaß beim Zuschauen haben.

Wie würden Sie Ihre Frau in wenigen Worten beschreiben?

Bezaubernd. Zuverlässig. Schön. Diszipliniert. Entschlossen. Klar.

Und welche ihrer "deutschen" Eigenschaften bewundern Sie?

Ha, das ist einfach: ihr Organisationstalent.

Was haben Sie Stefanie zu verdanken?

Alles. Sie hat das Beste aus mir herausgeholt.

Sprechen Sie manchmal deutsch miteinander?

Nein, ich habe es nie probiert, die Sprache ist so schwierig – aber ich verstehe viel. Während Stefanie mit ihrer Familie redet und alle  denken, ich kriege nichts mit, bin ich voll im Bilde. Unsere Kinder verstehen ebenfalls alles.

Viele Ex-Sportler leiden unter Schmerzen. Wie geht’s Ihnen?

Ich bin heute ziemlich limitiert in dem, was ich machen kann. Mein Körper fühlt sich viel älter an als ich.

Gibt’s eine Entscheidung, die Sie bereuen?

Hm, darauf gibt es keine einfache Antwort. (überlegt) Doch, jetzt weiß ich's: Ich hätte meine Haare früher abrasieren sollen.

Gala

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