Amy Winehouse: Wildes Leben, zarte Seele

Sie hatte eine starke Stimme, aber nie genug Kraft, um ihr Leben in den Griff zu bekommen: Nach unzähligen Exzessen starb Amy Winehouse mit nur 27 Jahren. Warum konnte ihr niemand helfen?

Amy Winehouse

Mittlerweile quillt der Bordstein vor der Nummer 31 am Camden Square über vor Blumen

. Bis zur nächsten Seitenstraße reihen sich die Sträuße, dazwischen stehen unzählige Kerzen, Fotos, Zigarettenpackungen, Bierdosen, Weingläser und -flaschen. Irgendwer hat sogar eine Gitarre aufgestellt. Und immer mehr Fans finden sich ein. Sie stehen einfach nur da, reden, einige weinen, hören stumm Musik und blicken auf das dreistöckige Gebäude aus gelbem Backstein.

Zwar galt Amy Winehouse als labile Person, als Junkie, der über Jahre mit Depressionen und Drogenabhängigkeit kämpfte, und dennoch: Keiner kann es so richtig fassen, dass die Soulsängerin am vergangenen Samstag in ihrem Londoner Haus gestorben ist. Ihr langjähriger Bodyguard fand sie um 16 Uhr leblos in ihrem Schlafzimmer. Am Morgen hatte sich Amy dorthin zurückgezogen, und als der Security-Mann routinemäßig nach seinem Schützling schaute, stellte er bestürzt fest, dass Amy nicht mehr atmete. Der herbeigerufene Notarzt konnte nur noch ihren Tod diagnostizieren. Wie ein Lauffeuer geht die Nachricht um die Welt. Ihr Vater Mitch, der "Gala" im Januar noch erzählt hatte, Amy gehe es "sehr gut", cancelt sofort einen Auftritt in New York und fliegt nach London zurück. Die Familie ist am Boden zerstört. Amys Ex-Mann Blake Fielder-Civil und ihr letzter Partner, der Regisseur Reg Traviss, sind geschockt. "Ihr Tod hinterlässt eine große Lücke in unserem Leben", heißt es in einem Statement der Winehouses.

Daniela Katzenberger

Ihre Tochter Sophia zeigt ihr, wie man sich richtig schminkt

Daniela Katzenberger und Sophia
Daniela Katzenberger und ihre Tochter Sophia sind ein Herz und eine Seele.
©Gala

Und natürlich stellen sich jetzt alle - Eltern, Geschwister, Freunde, Fans - dieselben Fragen: Wie konnte es nur so weit kommen? Wie hätte man Amys Absturz und ihren Tod zu verhindern können? Schon zu Beginn ihrer Karriere, die im Jahr 2003 mit dem Album "Frank" ins Rollen kam, war klar, dass die zierliche Sängerin mit der großen Stimme eine labile Persönlichkeit war. Sie wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Ihr Vater Mitch, ein passionierter Sänger, verdiente sein Geld als Taxifahrer, Mutter Janis arbeitete als Apothekerin. Sie ließen sich scheiden, als Amy neun war, und in Interviews erzählte sie später, wie die Trennung ihr zugesetzt habe. "Da ist etwas in mir geplatzt. Seit ich ein Teenager bin, habe ich das Gefühl, dass eine schwarze Wolke über mir hängt."

2006, als ihr mit "Back To Black" der Durchbruch gelang, starb ihre geliebte Großmutter. "Mit diesem Verlust konnte sie nicht umgehen. Das war einer der Gründe, warum sie solche Probleme bekam", sagte Mitch Winehouse zu "Gala".

Amour fou: Blake Fielder-Civil heiratete Amy Winehouse am 18. Mai 2007 in Miami. Vorher hatte sie mit ihrem Album "Back to Black" (2006) ihrem Liebeskummer ein Denkmal gesetzt.

Die Melancholie gehörte genauso zum Image der tatsächlich schwer depressiven Soul-Diva wie die Bienenkorbfrisur. Und natürlich die Drogenexzesse und Skandale. Amy war Kind, Sexbombe und Junkie in einem. Bereits als Teenager trank und kiffte sie, und an der Seite ihres Gatten Blake Fielder-Civil lebte sie eine turbulente Rock'n' Roll-Ehe, geriet im überdrehten Musikbetrieb vollständig in die Drogenabhängigkeit. "

Amy Winehouse hat ihre Sucht in ihrer Kunst zelebriert", sagt Professor Michael Klein, Leiter des Deutschen Instituts für Suchtund Präventionsforschung an der Katholischen Hochschule NordrheinWestfalen. "Ich bin ein schwieriger Mensch", sagte Amy 2009 "Gala". "Ich höre auf niemanden, außer auf das Kind in mir."

Fassungslosigkeit: Wie gelähmt verfolgen Amys Familie und ihr letzter Freund Reg Traviss das Geschehen am Camden Square. Mitch Winehouse kämpfte gegen das "langsame und schmerzhafte Sterben" seiner Tochter und musste zuletzt seine Ohnmacht erkennen.

Ihre Familie war schlicht überfordert, als in den letzten drei Jahren ihre Probleme immer offensichtlicher und unbeherrschbarer wurden. Unzählige verpatze Auftritte, ihre Zusammenbrüche in der Partyszene Camdens, die missglückten Entziehungsversuche.

Mitch und Janis waren stets eher Kumpeltypen. Sie liebten ihre Tochter abgöttisch, aber sie konnten ihr nie Grenzen setzen.

Den Moment, das Leben doch noch in den Griff zu kriegen, wie es zum Beispiel Britney Spears mithilfe ihrer Familie gelang, verpassten sie und die vielen Berater. Die Frage "Was macht Amy?" löste nur ratloses Schulterzucken aus - bei ihrem Produzenten Mark Ronson oder ihrem Mentor Bryan Adams. "Süchtige sind nicht so belastbar wie andere Menschen. Sie halten beruflichen Stress nicht gut aus und werden schneller von Versagensängsten und Selbstzweifeln gepackt", erklärt Professor Klein. "In der Folge greifen sie vermehrt zur Droge und geraten so in einen Teufelskreis, aus dem sie nicht mehr ohne Hilfe herauskommen."

Außer Konkurrenz: Bei den Brit Awards 2008 trat Amy mit Mark Ronson auf, der zwei Jahre zuvor ihr Hit-Album "Back To Black" produziert hatte.

Ein trauriger Abschied: Bei ihrem letzten Konzert am 18. Juni in Belgrad wurde die torkelnde Sängerin gnadenlos ausgebuht.

Dies war der fatale Gang der Dinge für Amy Winehouse. Die Scheidung von Blake im Jahr 2009 traf sie schwer. Blakes Mutter bedauert nun in einem Interview mit dem "Mirror", dass beide Familien sich nicht genügend um die zwei gekümmert haben.

Glaubt man der britischen Presse, so soll Amy wenige Tage vor ihrem Tod versucht haben, Kontakt zu Blake aufzunehmen, nachdem sich Reg Traviss endgültig von ihr getrennt hatte. Dass ihr Tod allerdings vorsätzlicher Selbstmord gewesen ist, glaubt in London keiner. Angeblich hat sich Amy am Tag davor bei einem Dealer noch mit Drogen eingedeckt. Hat ihr schwacher Körper - sie litt laut Vater Mitch durch den anhaltenden Drogen-Konsum an einem Lungenemphysem - am Ende einfach kapituliert? Was von ihr bleibt, ist die unverwechselbare rauchige Stimme. Mit nur zwei Platten schrieb Amy Winehouse Musikgeschichte. Man hätte gern noch viel, viel mehr von ihr gehört.

Hauke Herffs Mitarbeit: Roland Rödermund, Stefanie Richter

Amy Winehouse

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