Tom Schilling und Ben Becker: Über Rebellion, Rückgrat und den Kalten Krieg

Tom Schilling und Ben Becker spielen in dem TV-Dreiteiler "Der gleiche Himmel" Stasi-Spione. Blinde Linientreue ist ihnen im wahren Leben zuwider. Ein Gespräch über Rebellion und Rückgrat

Typisches Hamburger Schmuddelwetter, Ben Becker steht vor dem Hoteleingang, das Käppi tief ins Gesicht gezogen, und qualmt. Er ist ziemlich erkältet, doch den Promo-Tag für das TV-Event "Der gleiche Himmel" zieht er, mit noch tieferer Stimme als sonst, durch. Tom Schilling begrüßt freundlich die angereisten Kollegen, Produzenten, Agenten und Journalisten, chic im Dreiteiler und superhöflich.

Herr Becker, Sie sind in den Siebzigerjahren in Berlin aufgewachsen

Kim Kardashian

Endlich zeigt sie mehr von Nesthäkchen Psalm

Kim Kardashian mit Kindern
Kim Kardashian und Kanye West teilen ihr Familienglück mit der ganzen Welt. Wie süß ihr jüngster Sohn Psalm ist, sehen Sie im Video.
©Gala

Ben Becker: Ja, es war eine verrückte Zeit! Wir haben im Westteil gelebt, der Ostteil hat mich nicht weiter interessiert. Die Mauer fand ich als Kind toll – sie war ja bunt angemalt. Zur Friedrichstraße bin ich höchstens mal, um als Jugendlicher billig Zigaretten zu kaufen.

Herr Schilling, Sie sind 1982 in Ost-Berlin geboren. Wie erinnern Sie sich an Ihre Kindheit?

Tom Schilling: Ich fand das alles genauso aufregend, aber uns hat der Westen sehr interessiert. Ich habe direkt an der Mauer gelebt, meine Eltern wohnen da immer noch. Vom Dach aus konnte man gut rübergucken. Für mich ist es ein Privileg, in zwei Staaten großgeworden zu sein. Ich finde es gar nicht verkehrt, dass ich die DDR miterlebt habe, mit Pionier Halstuch und dem Kadergehorsam, den man da schon als Siebenjähriger haben musste.

Wird man durch solche Kindheitserlebnisse als Erwachsener allergisch gegen Autoritäten?

Schilling: Total! Polizeiphobie! (lacht)

In Ihrem Film müssen Sie jetzt ja Befehle ausführen …

Schilling: Dabei kann ich eigentlich gar nichts auf Befehl machen. Mir fällt es an jedem Set schwer, auf Kommandos zu hören. Ich brauche das Gefühl, es purzelt einfach aus mir heraus.

Becker: Wenn man wie Tom Musik macht oder ich meine Lesungen oder mein eigenes Theater, dann ist man sein eigener Chef. Ansonsten bringt es unser Beruf mit sich, dass wir uns in die Hände eines Regisseurs begeben. Kann viel Spaß machen, kann aber auch viel Reibung mit sich bringen.

Schilling: Im besten Fall kämpfen zwei Künstler leidenschaftlich für ihre Visionen.

Herr Becker, es heißt, Sie hatten schon reichlich Probleme mit Regisseuren …

Becker: Probleme würde ich das nicht nennen. Durch Reibung entsteht Wärme, und manchmal kann die eben sehr intensiv sein. Der eine oder andere war schon eine ganz schöne Herausforderung, das bleibt dann auch gut hängen. Ich träume dann prompt die Nacht darauf, ich könnte meinen Text nicht, habe tierische Angst und auch Albträume.
Man nimmt das ja sehr ernst. Das kann einem dann auch ganz schön an die Nieren gehen.

Schilling: Ich habe auch schon mal zwei Tage vor Drehbeginn gesagt: Ich steige hier aus, ihr könnt euch einen Neuen suchen!

Becker: Da kam sicher Freude auf. (lacht)

Wie ist es, wenn eine Autoritätsperson sich Ihren Kindern gegenüber nicht korrekt verhält? Schreiten Sie ein? 

Becker: Klar. Wenn jemand seine Autorität missbraucht, dann muss man ihn in die Schranken weisen. Das gilt aber generell. Meine Tochter bat mich einmal, mit einer Lehrerin zu sprechen. Das hab ich dann auch gemacht. Mein Ziehpapa hat sich auch für mich eingesetzt, kam, wenn nötig, in die Schule und hat gesagt: "So nicht!" 

Worum ging es da?

Becker: Ich kam mit einer Lehrerin nicht so ganz klar. Die meinte zu meinem Ziehpapa dann sogar: "Sie sind ja gar nicht Erziehungsberechtigter." Und das, obwohl er mir nachts immer die Zahnklammer reingeschoben hat. Das war schon sehr dreist. Ja, mit sogenannten Obrigkeiten und genormtem Gehorsam habe ich meine Probleme. Da muss man aber auch wachsam sein.

Schilling: Wir müssen alle echt aufpassen, wem wir unsere Kinder anvertrauen. Ich versuche, sie zur Eigenverantwortung zu erziehen: Wenn sie einen Fehler gemacht haben, müssen sie dazu stehen und die Sache in Ordnung bringen. Aber was gar nicht geht sind so fragwürdige Maßnahmen: Wenn sich Kinder wegen einer kleinen Verfehlung auf dem Schulhof vor der ganzen Klasse rechtfertigen müssen. Sollte ich so etwas bei meinem Sohn mitkriegen, der jetzt zehn ist, will ich sofort mit den Lehrern sprechen.

Becker: Da kann man ja von Glück reden, dass es den Fall noch nicht gab, so wie ich dich kenne.

Wie kennen Sie ihn denn?

Becker: Er sagt straight, was er für richtig und für falsch hält. Ich glaube, wenn man sich mit ihm anlegt, macht das nicht unbedingt Spaß.

An Ihrer Hand sieht man ein paar Abschürfungen, Herr Schilling. Woher stammen die denn?

Schilling: Ach, das ist noch vom letzten Elterngespräch. (lächelt) Scherz! Ich bin alles andere als konfliktscheu, aber von Gewalt halte ich nichts.

Sie, Herr Becker, sind da anders …

Becker: Man eckt eben schneller an, wenn man das, was als bürgerliche Moral bezeichnet wird, infrage stellt. Ich beobachte auch, dass manche Leute vor mir eine Art ängstlichen Respekt haben. Dabei bin ich grundsätzlich handzahm. Aber auch gern mal für eine Überraschung gut (lacht).

Schilling: Es geht um Rückgrat und darum, eine Haltung zu haben. Wobei: Im Moment erhitzt es sich politisch gerade dermaßen, dass viele Leute eine radikale Haltung haben. Das halte ich nicht für besonders klug.

Becker: Genau, das ist engstirnig!

Schilling: Ich habe das Ausklingen des Kalten Krieges als Happy End empfunden und die Wiedervereinigung als großes Glück. Jetzt mache ich mir schon ein bisschen Sorgen über Dinge wie Krieg. Hoffentlich ist es nicht so, dass ich die friedvollste Zeit meines Lebens hinter mir habe. 

Spionageflair in einem Hamburger Parkhaus: Ben Becker, 53 (r.), und Tom Schilling, 35

Wer ist bei Ihnen zu Hause die Autoritätsperson?

Becker: Meine Frau hat schon die Hosen an, was die Erziehung unserer Tochter angeht. Darüber bin ich auch sehr glücklich und dankbar.

Schilling: Bei uns läuft das in Arbeitsteilung. Ich nerve meine Kinder tatsächlich mit dem Thema "Haltung". Für solche Sachen bin eher ich zuständig. Meine Freundin bringt dafür viel Liebe und Geborgenheit in die Familie.

Welche Werte sind Ihnen außer Haltung noch wichtig?

Schilling: Ganz spießig: Pünktlichkeit, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit. Einen gewissen Ehrgeiz gebe ich auch mit, finde ich aber nicht so wichtig.

Becker: Ich lass das irgendwie laufen, ich bin der verrückte Papa. Meine Frau ist der stabile Gegenpart, und sie passt schon auf, dass unsere Tochter in unserem Sinne ein guter Mensch wird und auch schon ist.

Was findet Ihre Tochter an Ihnen so richtig blöd?

Becker: Nichts, glaube ich. Im Gegenteil. Sie findet es toll, dass ich sie zum Rolling-Stones-Konzert mitnehme.

Schilling: Hört sie nur so alten Krempel?

Becker: Nein, sie hat mir auch Adele nahegebracht. Vorher dachte ich, um Gottes willen, ich will nicht zu so ’ner Pop-Tante! Aber dann habe ich das ganze Konzert über geheult.

Schilling: Mein Sohn findet es schon irgendwie toll, wenn der Papa mit seiner Band auf der Bühne steht und viele Leute gekommen sind. Ich habe auch einen Song über ihn geschrieben, den mag er sehr.

Becker: Ach! Ich habe auch einen Song über meine Tochter geschrieben, den liebt sie auch.

Sind Jungs schon ein Thema für Ihre Tochter?

Becker: Sie ist eher noch das Pferdemädchen. Aber ja, das wäre ja auch schade, wenn nicht. Wenn dann ein Knabe, einen Kopf größer als ich, vor mir steht und fröhlich und unbedarft mit zwei Pizzen um Einlass bittet, dann merke ich, dass ich eigentlich schüchterner als die beiden zusammen bin. Also lasse ich sie ihre Pizza essen und räume das Feld.

Von Ihnen beiden heißt es, Sie seien vor Auftritten nervös. Was machen Sie gegen Lampenfieber?

Schilling: Ich lenke mich mit bescheuerten Warmsingübungen ab. Frauennamen in der Tonleiter hochund runtersingen oder so.

Becker: Ich mache meine Sachen ja schon lange mit immer denselben Leuten. Wenn ich kurz vorm Auftritt sage: "Ich kann das nicht!" – dann nimmt mich einer in den Arm, ich krieg einen Klapps auf den Hintern, einen Kuss auf den Weg, und dann geht’s los.

Schilling: Auf der Bühne die Balance zu finden zwischen "sich verlieren" und "alles unter Kontrolle haben", das fällt schwer. Das geht in Richtung Todesangst, bei mir jedenfalls.

Becker: Ja, das hört nie auf.

Und warum gehen Sie dann immer wieder auf die Bühne?

(beide lachen) 

Becker: Weil das Lampenfieber irgendwann vorbeigeht, weil es dann ganz wunderbar wird und man die Möglichkeit hat, den Leuten eine Geschichte zu erzählen.
Schilling: Und wegen dieses Gefühls, die Angst überwunden zu haben. Als hätte man einen Berg erklommen.

Wie füllen Sie die berühmte Leere nach dem Auftritt?

Schilling: Entweder noch was trinken oder direkt ins Bett.

Becker: Früher bin ich noch mit meiner Band rumgefahren, das war manchmal wild. Und ich habe auch gern mal das Hotelzimmer umdekoriert. (lacht) Mittlerweile bin ich 52, — da ist man schon ruhiger. Also: Glas Rotwein und ab ins Bett!

"Der gleiche Himmel" Tom Schilling (hier mit Friederike Becht) spielt in dem Spionage-Thriller einen Stasi-Agenten, der in den Siebzigerjahren nach West-Berlin eingeschleust wird (Produktion von UFA Fiction in Koproduktion mit Betafilm im Auftrag des ZDF) ZDF, Mo. 27. 3. / Mi. 29. 3. / Do. 30. 3. / jeweils 20.15 Uhr


Themen

Erfahren Sie mehr:

Star-News der Woche