Marie Nasemann im GALA-Interview: Ist Fair Fashion reines Marketing?

"Faire Mode ist nicht modisch!", Eines vieler Vorurteile, die Model Marie Nasemann zu hören bekommt. Auf ihrem Blog fairknallt.com beweist sie das Gegenteil und erklärt, was "Fairness" in der Modeindustrie wirklich bedeutet und worauf Verbraucher achten sollten

Fast acht Jahre später hat sich Marie Nasemann deutlich verändert. Vorbei sind die Girly-Zeiten. Nun präsentiert sich das Model viel erwachsener.

Die "Ethical Fashion Show" in Berlin findet dieses Jahr vom 03. bis 05. Juli statt. Das Kraftwerk wird dann zum Schauplatz für den urbanen Zeitgeist und nachhaltig produzierte Mode, die einen fairen Herstellungsprozess durchlaufen ist. Marie Nasemann, 29, die 2009 durch ihre Teilnahme bei "Germany's next Topmodel" landesweite Bekanntheit erreichte, thematisiert auf ihrem Blog fairknallt.com genau dieses Sujet. Für sie ist klar: Es muss eine Veränderung her.

Nachdem 2013 in Bangladesch 1135 Menschen getötet und 2438 bei dem Einsturz einer Textilfabrik verletzt wurden, waren Modeunternehmen zu Maßnahmen gezwungen ihre Herstellung fairer zu gestalten und für bessere Bedingungen am Arbeitsplatz zu sorgen. Ist das für Sie heute ein vergessener Neujahrsvorsatz oder hat sich etwas geändert?
Viele Unternehmen haben für Bangladesh direkt nach dem Einsturz zumindest grundsätzliche Sicherheitsregeln im sogenannten Accord, dem Vertrag über Sanierungsarbeiten in Fabriken, anerkannt. Nach langer Zeit wurden sie dort größtenteils auch umgesetzt. Hierbei geht es aber weniger um faire Arbeitsbedingungen als darum, dass die Gebäude einsturzsicher sind. Dinge des gesunden Menschenverstands sind in der Fashion Branche leider oft schon ein Fortschritt. Ob in diesen Fabriken aber Kinder arbeiten, unbezahlte Überstunden gemacht oder Hungerlöhne gezahlt werden, ist davon ausgenommen. Daran lässt sich erkennen, wie langsam sich die Branche wirklich bewegt. 

Luna Schweiger als "Madonna"

Hier zeigt sich Til Schweigers Tochter als "Femme fatale"

Luna Schweiger
So haben wir sie noch nicht gesehen: Luna Schweiger präsentiert sich im Musikvideo "Madonna" als sexy "Femme fatale".
©Gala

Marie Nasemann beim Besuch eines Produktionsstandorts in Indien. 

Wie häufig besuchen Sie Herstellungsstandorte persönlich?

Letztes Jahr war ich das erste Mal in einer Fabrik in Indien. Seit dieser Erfahrung würde ich mir gerne immer ein persönliches Bild von den Arbeitsbedingungen machen. Aber davon abgesehen, dass es aus Zeitgründen nicht möglich ist, würde das bedeuten, dass ich jeden Tag um die Welt fliegen müsste. Für einen Blog über Nachhaltigkeit ist das natürlich auch keine sehr glaubwürdige Alternative.


Nachhaltigkeit beginnt beim Verbraucher 

Die meisten Verbraucher wissen nicht, dass Luxusmarken in den selben Hallen produzieren, wie zum Beispiel Primark. Wie sehen Sie das?

Grundsätzlich finde ich es nicht schlimm, dass Luxusmarken und Discounter in einer Halle produzieren lassen, solange die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort fair bezahlt werden, gute, sichere Arbeitsbedingungen vorfinden und Umweltstandards gelten. Ob wir als Konsumierende für ein T-Shirt 3 Euro für angemessen halten, aber sobald beispielsweise ein Gucci Print drauf ist, bereit sind 350 Euro zu zahlen, hat nichts mit Produktionskosten und Qualität zu tun, sondern mit unserem Wunsch von Marken und Lifestyle.  

Der Konsum von Kleidung ist zwischen dem 18. und 24. Lebensjahr besonders hoch*

Wo liegt Ihrer Meinung nach der Fehler in unserer Konsumgesellschaft?
Wir konsumieren natürlich insgesamt zu viel und setzen falsche Prioritäten. Ich höre von vielen Menschen, sie hätten nicht genug Geld für faire Mode. Wenn ich dann aber sehe, dass sie genug Geld haben, um sich regelmäßig ein teures neues Auto zu leasen, sich große Fernseher und Smartphones zu kaufen, finde ich das unehrlich. Das Problem ist oft eher der Wille. Wichtig finde ich auch nicht die Menschen als Ausrede vorzuschieben, die wirklich wenig Geld haben. Die konsumieren sowieso weniger und leben dadurch nachhaltiger. Dann zu fordern, dass sie nachhaltige Mode kaufen sollten, ist Unsinn.

Sehen Sie den Fast Fashion Konsum, also der ständige Kauf von neuen Trendprodukten, eher bei jüngeren Generation oder ist das ein allgemeines Problem?
Eine Greenpeace-Studie hat herausgefunden, dass viele Jugendliche Shopping als wichtiges Hobby sehen. Aber wie heißt es so schön: Kinder lernen von ihren Eltern. Wenn Erwachsene also ungehemmt Geld für billige, unfaire Kleidung ausgeben, werden ihre Kinder das wahrscheinlich nachmachen. Es ist also kein Jugendproblem, sondern ein allgemeines. Eltern und Schulen sollten die Auswirkungen von Fast Fashion erkennen und aufklären. Gleichzeitig hat man als Jugendlicher natürlich das Recht, den eigenen Stil zu finden und das funktioniert nur durch Ausprobieren.

Ein anderes Thema ist der Kostenpunkt! Haben Sie eine Empfehlung für  Menschen, die ein geringeres Einkommen haben?
Finde deinen Stil ist wohl der beste Spartipp, den man aus Nachhaltigkeitsperspektive geben kann. 

Wie meinen Sie das? 
So spart man Geld und Ressourcen, einfach weil man Fehlkäufe vermeidet. Und wer keine Schrankhüter hat, hat auch mehr Geld für die Teile, die man wirklich trägt.
Darum wäre mein zweiter Tipp: Kauft weniger und investiert zuerst in nachhaltig produzierte Basics. T-Shirts mit Fairtrade Siegel aus Bio-Baumwolle gibt es je nach Qualität schon ab 15 bis 20 Euro. Für den wirklich kleinen Geldbeutel empfehle ich Second Hand Shops. Ich liebe es zu stöbern, um das richtige Teil zu finden.

Marie Nasemann fordert Transparenz 

Vor lauter toller Brands, die Aufmerksamkeit verdienen, kann sich Marie Nasemann nur schwer entscheiden.

Sie haben ein Marken-Lexikon auf Ihrem Blog. Welche genauen Aspekte müssen diese Labels erfüllen?

Faire Produktion ist das Mindestkriterium. Das kann je nach Brand verschiedenes bedeuten. Bei großen Brands ist es wichtig, dass es ein nachvollziehbares Management der Sozialstandards, mit unabhängigen Zertifikaten und Audits gibt. Das ist natürlich teuer und nicht ganz einfach. Bei einer kleinen Brand, die jeden Mitarbeiter in ihrer eigenen Fabrik kennt, setze ich das also nicht voraus. 

An welcher Stelle verliert der Kunde den Durchblick, ob etwas wirklich fair ist oder eben nicht?

Es hat viel mit Vertrauen zu tun, man kann Fairness einem Modeteil nicht ansehen. Es gibt zwar Siegel, die es einfacher machen, davon aber zu viele mit unterschiedlichsten Anforderungen. Und jedes Unternehmen kann sich einfach eigene Siegel ausdenken. So passiert es, dass Unternehmen damit werben, nachhaltige Baumwolle einzusetzen. Als Verbraucherin würde ich denken, das es sich dann um Bio-Baumwolle handelt. Tatsächlich kann das es aber gentechnisch veränderte Baumwolle sein, die zum Beispiel von der Better Cotton Initiative (BCI), einem Siegel, das sich für die Verbesserung der Umwelt- und Arbeitsbedingungen im Baumwollanbau einsetzt, als nachhaltiger eingestuft wird, weil es spezifischere Pestizide dafür gibt. Das ist schwierig zu durchblicken, solange es keine klaren gesetzlichen Vorgaben gibt. 

Berlin- die deutsche Modemetropole? 

In Berlin geht jetzt der Trend rum, dass man seine alten Klamotten einfach vor die Tür legt, so dass andere sie mitnehmen können. Eine Idee für Sie?
Grundsätzlich ist die Idee, anderen Menschen etwas zu schenken, damit es weiter getragen wird, toll. Aber viele Menschen machen es sich damit leicht. Aus dem Auge, aus dem Sinn und scheinbar das Gewissen erleichtert, weil man ja nichts weggeschmissen hat. Leider wird die Kleidung oft durch Regen und Wetter untragbar oder einfach von der Straßenreinigung mitgenommen. Das zeigt mir ein wenig den Verfall des Wertes, den wir Kleidung beimessen. Schöner finde ich es da, Teile an eine Freundin zu verschenken oder sie zum Beispiel an Second Hand Läden wie beispielweise dem Roten Kreuz weiterzugeben, die mit dem Wiederverkauf ihre wichtige Arbeit finanzieren.

International verliert die Berliner Fashion Week immer mehr an Ansehen. Warum könnte die „Ethical Fashion Show“ trotzdem auf Anklang stoßen?
Ich glaube, die Berliner Fashion Week wollte unbedingt schnell mit internationalen Modemetropolen wie Paris und New York mithalten. So etwas muss aber über Jahre wachsen und klappt nicht auf Knopfdruck. Viel schöner wäre es, wenn Berlin sich traut, sein eigenes Ding zu machen. Ich bin dafür, dass Berlin sich als Hauptstadt nachhaltiger Mode positioniert. Das wär ein tolles Alleinstellungsmerkmal für die Zukunft. 

Beauty + Fashion + Lifestyle

Green Darling

Mit einem coolen Shirt Gutes tun: Das Modelabel Bally unterstützt mit diesem T-Shirt die "Peak Outlook Initiative", die sich im Sinne der Umwelt für die Säuberung des Mount Everest einsetzt. 100 Prozent der Erlöse des "No Mountain High Enough"-Shirts werden für zukünftige Aufräumexpeditionen verwendet. Das Unisex-Shirt ist aus Bio-Baumwolle gefertigt und überzeugt vor allem mit einem coolen Schriftzug in Bally Red. Ca. 95 Euro.
Dieser Pullover ist grün. Sie machen sich jetzt Sorgen um ihre Augen? Müssen Sie nicht. Denn Sie haben ganz Recht: Der Sweater ist eigentlich hellblau. Aber es ist zu 100% aus Bio-Bauwolle gefertigt und stammt von dem Label "10k", das sich um unseren grünen Planeten sorgt. Nachhaltige, nachwachsende Ressourcen liegen dem Kollektiv aus Designern und Künstlern am Herzen. We love! (Von 10K, ca. 35 Euro.)
Umweltschutz kann so stylisch sein: Zum Anlass des "World Oceans Day" im Juni präsentiert Etro diese Jacke, die aus 120 PET-Flaschen hergestellt ist. Da ist das stylische Innenfutter nur das i-Tüpfelchen! Von Etro, 2.100 Euro
Frisch von der Palme! Wissen Sie eigentlich, wie richtige Kokosnuss schmeckt? Wenn sie die Frucht einmal frisch gegessen haben, werden Sie sich mit industriellen Kokosnussöl nicht mehr zufrieden geben. So ging es auch den Gründern von "Kopfsache", weshalb sie kurzerhand ihr eigenes Produkt auf den Markt gebracht haben. Ihr Kokosnussöl besteht aus handverlesenen Früchten, die innerhalb von 48 Stunden verarbeitet werden. Ein fairer Direkthandel mit Bauern und lokalen Manufakturen ist für die Hersteller essenziell und sie zahlen pro Kokosnuss bewusst das doppelte des Weltmarktpreises.   Das Öl kann zum Kochen, aber auch zur Körperpflege auf Haut und Haar angewendet werden. 400 ml für ca. 14 Euro

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 *Greenpeace-Studie, 2017

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