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Leslie Mandoki "Kulturelle Vielfalt ist systemrelevant"

"Kunst und Kultur hat sich bisher immer um sich selbst gekümmert, hier gibt es keine Lobby und keine Gewerkschaft, dafür aber
"Kunst und Kultur hat sich bisher immer um sich selbst gekümmert, hier gibt es keine Lobby und keine Gewerkschaft, dafür aber ein Publikum", sagt Leslie Mandoki.
© Red Rock
Leslie Mandoki kritisiert den Umgang mit der Musikbranche in der Corona-Krise. Kulturelle Vielfalt sei systemrelevant, sagt er im Interview.

Der Teil-Lockdown ab 2. November sorgt dafür, dass auch die Musik- und Veranstaltungsbranche wieder nahezu stillsteht. Veranstaltungsräume wie Theater, Opern und Konzerthäuser werden für voraussichtlich vier Wochen geschlossen. Schon kurz vor dem neuen Beschluss hat Trompeter Till Brönner (49) sich in einem Wutrede-Video über die Situation in der Veranstaltungs- und Musikbranche ausgelassen. Leslie Mandoki (67), der zuletzt mit seinen Mandoki Soulmates und Till Brönner das Musikvideo zu seinem Song "Wake Up" veröffentlichte, trage "jede einzelne Silbe" des Musikers "zu 100 Prozent mit". "Till Brönner spricht mir nicht nur aus dem Herzen, wir sind nach langen und intensiven Gesprächen hierzu auch absolut und in aller Konsequenz einer Meinung", sagt er im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news.

"Kunst ist immer ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft und ein Korrektiv, was gerade in Zeiten wie diesen unverzichtbar ist. Deswegen müssen gerade wir etablierten Künstler jetzt unsere Stimmen erheben und uns lautstark für den Erhalt dieser Vielfalt einsetzen", erklärt Mandoki. Ihn treffe die Krise gleich in zweierlei Hinsicht: "Einerseits kämpft meine Frau als Ärztin an vorderster Front für die Gesundheit ihrer Patienten und setzt sich somit selbst tagtäglich einer nicht zu unterschätzenden Gefahr für ihre eigene Gesundheit aus. Auf der anderen Seite trifft mich diese Krise als Musiker, als Musikproduzent und als Bandleader. Für uns Musiker und Künstler hat sich das Leben seit Anfang dieses Jahres radikal verändert, wir haben praktisch Berufsverbot."

"Eine Katastrophe für die Seele unseres Landes"

Das kulturelle Leben wird im November nun noch weiter heruntergefahren. "Kunst und kulturelle Vielfalt sind existenziell für unsere Demokratie und unsere bunte Republik, wie mein Soulmate Udo Lindenberg unser Land nennt", mahnt Mandoki. Außerdem sorge er sich nicht um die etablierten Künstler, sondern "um die Existenz der jungen und innovativen Künstler, die auf die kleineren Bühnen und Festivals angewiesen sind und bereits durch den Paradigmenwechsel in der Tonträgerindustrie keine Rücklagen mehr bilden konnten".

"Ich sorge mich auch um all die Techniker, Veranstalter, Caterer, Fahrer, die es uns Künstlern ermöglichen, auf der Bühne zu stehen", führt er aus. "Eine komplexe Wertschöpfungskette aus Dienstleistern steht kurz vor dem Zusammenbruch und es wäre eine Katastrophe für die Seele unseres Landes, wenn die Fülle und Vielfalt unserer Kultur dadurch drastisch ausgedünnt werden würde." Die Politik betrachte die Musik- und Veranstaltungsbranche "anscheinend als systemirrelevant". Mandoki wünsche sich deshalb für die Livebranche, "dass diese Pandemie kein strukturelles Branchensterben mit sich bringt". "Die Pandemie wird irgendwann hinter uns liegen, aber wenn wir uns jetzt nicht auch um die Live-Branche kümmern, dann wird es auch nach überstandener Krise diese Branche einfach nicht mehr geben", sagt der 67-Jährige.

"Es ist an der Zeit, neu zu bewerten, wer und was wirklich systemrelevant ist und die Frage zu stellen, wer gesellschaftlichen Mehrwert, Zusammenhalt und wer Solidarität schafft", fordert der Musiker. "Kulturelle Vielfalt ist auf jeden Fall systemrelevant. Eine gesunde und aktive Kunst- und Kulturszene ist eine der wirkungsvollsten Profilaxen gegen das Eindringen radikalen Gedankenguts in die Mitte der Gesellschaft." Sein Wunsch an die Politik? "Dass sie die Terminologie 'Systemrelevanz' komplett überdenkt und neu definiert."

"Auch unsere seelische Gesundheit muss diese enorme Herausforderung überstehen"

Till Brönner sagte in seinem Video, er beobachte, "wie auffällig verhalten und geradezu übervorsichtig Bühnenkünstler sich auch nach acht Monaten zu dieser Misere äußern, obwohl ihre Existenz auf dem Spiel steht". "Wahrscheinlich sind wir sogar die einzige Branche, die keine echte Interessensvertretung hat", sagt Mandoki dazu. "Kunst und Kultur hat sich bisher immer um sich selbst gekümmert, hier gibt es keine Lobby und keine Gewerkschaft, dafür aber ein Publikum." Nur das Publikum gebe den Musikern und Musikschaffenden ihre Stimme.

"Wir als Künstler sind für Emotionen zuständig und wenn wir durch diesen schrecklichen Winter, der wie ein dunkler Tunnel auf uns zukommt, durchkommen wollen, dann müssen wir uns alle die essenzielle Wichtigkeit von Kunst und Kultur vor Augen führen. Nicht nur unsere körperliche Gesundheit, auch unsere seelische Gesundheit muss diese enorme Herausforderung überstehen und hierfür braucht es Kunst und Kultur, so wie es Ärzte, Krankenschwestern und das gesamte medizinische Personal eben für unsere körperliche Gesundheit braucht."

Mit seiner Musik wolle Mandoki "die Spaltung in der Gesellschaft überwinden". Der neue Song "Wake Up" entstand deswegen in virtueller Zusammenarbeit mit seinen Soulmates und seinem Publikum. Fans konnten Videos einsenden, die es zum Teil auch ins Musikvideo schafften. "'Wake Up' ist ein gemeinsamer Aufruf, der uns als Gesellschaft wachrütteln soll. Wir müssen umdenken, um den aktuellen Herausforderungen dieser Zeit zu begegnen und zu diesen gehört auch die pandemiebedingte Krise der Kunst- und Kulturbranche."

SpotOnNews

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