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Jasmin Gerat Berührendes Gespräch über Leben und Tod

Jasmin Gerat
© Getty Images
Die Schauspielerin mag die Tiefe des Lebens. GALA traf eine Frau, die dahin geht, wo’s weh tut

"Heute habe ich extra Rot angezogen", erklärt uns Jasmin Gerat, 38, und lacht, als wir sie im Frühstücksraum des Kinderhospizes "Sonnenhof" in Berlin-Pankow treffen. Musik läuft, das Geschirr klappert, und die kleine Jolanda, elf Monate, strahlt, als sie die Schauspielerin sieht. "Hier muss man nicht Schwarz tragen, es ist sehr fröhlich hier." Zehn Kinder werden zurzeit in der Einrichtung intensiv betreut, alle mit lebensbedrohlichen oder lebensverkürzenden Erkrankungen.

Es wird gespielt, getanzt, geschmust und gelacht – trotz der Aussicht auf den viel zu frühen Tod. Die Unterstützung in der verbleibenden Lebenszeit erlaubt Eltern, einfach mal durchzuatmen und wieder zu Kraft zu tanken. Wann immer es geht, kommt auch Jasmin Gerat hierher, um zu helfen.

Die meisten Menschen neigen dazu, das Thema Tod aus ihrem Alltag auszublenden. Sie arbeiten ehrenamtlich in der Sterbebegleitung. Warum?

Es war immer ein großer Teil meiner Persönlichkeit, eigenwillige Wege zu gehen. Raus aus der Komfortzone. Schon in der Schulzeit bin ich den Lehrern mit meinen unbequemen Fragen auf die Nerven gegangen.

Und warum haben Sie sich ein Kinderhospiz ausgesucht?

2009 habe ich mich beim Roten Kreuz in einer sechsmonatigen Ausbildung zur Sterbebegleiterin ausbilden lassen. Dann hörte ich von der Björn-Schulz- Stiftung und deren Kinderhospiz „Sonnenhof“ und habe einen Kennenlerntermin gemacht. Seit über drei Jahren bin ich sooft hier, wie ich kann.

Wie haben denn Freunde und Familie auf diese Tätigkeit reagiert? Sie sind ja auch Mutter von zwei Töchtern.

Meine Eltern kennen mich und wissen, dass ich oft an die Orte gehe, wo es wehtut und man freiwillig erst mal nicht hinguckt. Das Bedürfnis nach tieferen Begegnungen und Erfahrungen hatte ich schon immer, deshalb fällt mir Smalltalk auch eher schwer.

Waren Ihre Töchter Sunny und Liv auch schon hier?

Klar, es gibt keinen Grund, sie aus meinem Herzensprojekt rauszuhalten. Außerdem ist das "Sonnenhof"-Sommerfest der Hit und ein fester Termin in unserem Familienkalender.

Haben Sie denn Angst vor dem Tod?

Natürlich habe ich Angst vor dem Tod. Der Gedanke ist manchmal erdrückend. Aber es scheint ein wichtiger Teil meines Lebensantriebes zu sein: Da, wo die Angst ist, da muss ich lang.

In der Rückschau hat es mir in meiner persönlichen Entwicklung weitergeholfen, mir die Themen direkt anzugucken, die mir Angst einjagen. Wir drücken in unserer Kultur das Thema Altern und Tod runter wie bei einem Dampfkocher den Deckel. Irgendwann wird er uns dann aber sowieso um die Ohren fliegen.

Jasmin Gerat
© WireImage.com

Das heißt, Verdrängen ist eher nicht Ihr Ding?!

Ich brauche die Auseinandersetzung mit dem Leben und habe das Bedürfnis, die Dinge in der Tiefe zu verstehen. Klar habe ich auch Themen, die ich erst mal beiseiteschiebe, aber ich finde, am Ende ist die Verdrängung der größere Kraftakt.

Haben Sie schon ein Testament verfügt?

Erwischt! Das ist ein Thema, mit dem ich mich tatsächlich nicht gern beschäftige. Aber ich habe seit vielen Jahren einen Organspendeausweis.

Mit welchem Gefühl möchten Sie aus dem Leben gehen?

Ich hoffe, dass ich in Frieden gehen kann, wenn es soweit ist. Dass ich vergeben konnte, mich entschuldigen konnte, wo es nötig war, und mit mir im Reinen bin. Egal, wann dieser Moment ist.

Haben Sie im "Sonnenhof" schon ein Kind bis in den Tod begleitet?

Begleitet nicht. Die letzten beiden Male, als ich ins Haus kam, waren kurz vorher zwei Kinder verstorben. Ich erlebe hier, wie liebevoll sich vom Leben verabschiedet wird. Wie sehr das Leben gewürdigt wird, egal wie lang oder kurz es ist. Hier wird sehr konzentriert gelebt und auch sehr viel gelacht. Wir haben ja auch Geburtshäuser, warum sollte es keine Hospize geben? Meine Aufgabe als Botschafterin ist auch, mich dafür stark zu machen, dass es in Zukunft noch viel mehr Häuser wie diese gibt. Es geht hier um Menschen und nicht um Krankheit.

Wie schafft man diese Gratwanderung zwischen Empathie und Distanz zu den Schicksalen der Kinder und Familien, die man ja sicher auch braucht.

Ganz ehrlich? Es ist gar nicht so schwer, wenn man erst einmal hier ist. Die Erfahrungen, die ich hier mache, sind sehr bereichernd. Mein eigener Kosmos wird bei jedem Besuch extrem erweitert. Manchmal muss ich zwar auf dem Heimweg auch mal rechts ranfahren und weinen, aber am Ende bekomme ich so viel mehr geschenkt, als ich geben kann. Ich fühle mich hier dem Leben näher als auf jeder noch so rauschenden Party.

Ihr traurigster Moment?

Als ich das Abschiedszimmer zum ersten Mal gesehen habe. Dort wird das Kind aufgebahrt, und die Familie hat viel Zeit und Ruhe, sich zu verabschieden.
Manche Geschwisterkinder bemalen dort den Sarg in bunten Farben. Es gibt wundervolles Personal, das tröstet und auffängt. Diese Arbeit könnte kein Krankenhaus der Welt übernehmen.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ich denke, jeder baut sich sein eigenes Glaubensmodell, das ihm Kraft schenkt. Mir hilft der Gedanke, dass es nach dem Tod weitergeht. Wer weiß, vielleicht ist das Leben ja nur die Vorbereitung auf das, was noch kommt!?

Haben Sie schon einmal einen geliebten Menschen verloren?

Meine Oma, sie ist 86 Jahre alt geworden. Und wo auch immer sie gerade rumschwirrt, ich spüre ihre Präsenz in den wichtigen Momenten meines Lebens und bin nach wie vor mit ihr verbunden. Man merkt hier vor Ort die Wärme und Fröhlichkeit.

Wann stoßen Sie dennoch an Ihre Grenzen?

Ich möchte oft gern auch therapeutisch helfen können, aber dazu fehlt mir die Ausbildung. Das frustriert mich manchmal. Aber ich tue, was ich kann, mit dem, was ich kann.

Gala


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