Conchita Wurst im Interview : "Im Spiegel habe ich eine unbekannte Person gesehen"

Mit der Teilnahme am "Eurovision Song Contest" begeisterte Thomas Neuwirth als bärtige Conchita Wurst Menschen auf der ganzen Welt. Mittlerweile hat sich der Sänger von der Frau im goldenen Kleid getrennt

"Ich muss sie töten!", verkündete über seine Kunstfigur und schockierte damit seine Fans. Ein Jahr später gibt es den Star mit Bart immer noch und dennoch hat sich einiges verändert. Auf Instagram zeigt sich der "Eurovision Song Contest"-Gewinner nun mit trainierten Oberarmen, wilderen Haaren und männlichen Zügen. Eine Seite, die lange versteckt werden musste.

GALA: Haben Sie heute noch einen Dachboden?
Conchita Wurst:
 Ich lebe auf einem Dachboden. Also zumindest im Dachgeschoss, aber das ist mir bis eben tatsächlich noch nie aufgefallen. Jeder Kreis scheint sich zu schließen.

Warum hat der Dachboden so eine besondere Bedeutung für Sie?
Ich war früher immer bei meinen Eltern unterm Dach und habe mir dort meine eigene Welt gebaut. Da durfte ich machen, was ich wollte und sein, wer ich wollte. Es gab keine Regeln. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem mir immer gesagt wurde, mich nicht anzuziehen wie ein Mädchen, nicht zu reden oder gehen wie ein Mädchen. Und irgendwann habe ich mich gefragt: Ist denn die Männlichkeit, die ich mitbringe, überhaupt männlich genug für die Gesellschaft? Meine logische Schlussfolgerung war es, die weibliche Seite in mir so extrem, wie möglich auszuleben. Das begann auf dem Dachboden.

Wie hat sich das angefühlt?
Viele kennen vielleicht das Gefühl, wenn sie sich an Karneval ein Kostüm anziehen: Man ist viel offener. Wenn man sich diesen Schutzmantel baut, traut man sich oft, man selbst zu sein. 

Zurück zu Thomas Neuwirth

Und trotzdem wollen Sie nun wieder mehr Mann sein. Wie kam das?
Es ist eigentlich relativ banal. Ich habe mich im Zuge des Song Contest von Dingen ernährt, die nicht sonderlich gesund sind. Und plötzlich habe ich an meinem Bauch etwas entdeckt, dass ich nicht kannte: Ich habe einfach zugenommen und musste dringend Sport machen. Nach dem Training habe ich im Spiegel eine unbekannte Person gesehen: Einen Mann. Mich.

Und dann wollten Sie Conchita umbringen?
Es war ein scherzhafter Beisatz, der eigentlich viel harmloser gemeint war. Aber ich muss eingestehen, dass ich in einer Phase war, in der ich nur Schwarz-Weiß gedacht habe. Ich wollte sie loswerden, weil ich diese Person im goldenen Kleid einfach nicht mehr war. Erst später habe ich erkannt, dass ich durch die Männlichkeit nur eine weitere Facette dazugewonnen habe. Conchita lebt weiter in mir. Es wird niemand mehr getötet.

Haben Sie etwas von Conchita aufbewahrt?
In der Hinsicht bin ich wohl wirklich unsensibel. Nicht mal mehr die Perücke existiert noch, weil sie einfach durch war. Ich habe nichts mehr.

Letztes Jahr haben Sie sich außerdem für eine Therapie entschieden. Warum?
Ich wollte, dass ich als Conchita ernst genommen werde und habe mich darauf enorm fixiert. Aber wenn man so lange nur auf einen Charakterzug reduziert wird, bleibt vieles andere auf der Strecke. Ich bin ja so viel mehr, als nur die Frau mit Perücke. Ich bin ein Mensch, der alles sein kann, was er sein möchte und nichts, was er nicht sein will. Irgendwas hat mich sehr unglücklich gemacht, obwohl ja alles großartig lief und ich viel Bestätigung bekommen habe. Aber ich habe mich gefragt: Wofür ist der Applaus eigentlich? In der Therapie habe ich verstanden, dass das bisherige Konzept nicht mehr zu mir gepasst hat.

Conchita hat sich neue Ziele gesetzt 

Wofür wünschen Sie sich Applaus?
Ich wünsche mir, dass das, was ich tue mehr Relevanz hat, als das, was ich bin. In meinem ersten Album gibt es tolle Popsongs und viele von ihnen wären Hits geworden, hätte ich sie nicht gesungen. Aber ich habe sie nie gespürt. Ich habe nie authentisch verstanden, was es heißt, Musik zu machen und wollte einfach nur berühmt sein. Heute ist mir das zu wenig. Mein nächstes Album erzählt meine Geschichte. Ich möchte nicht mehr berühmt sein, ich möchte als Mensch berühren.

Zum Schluss: Was bedeutet Identität für Sie?
Ich bin ein wandelnder Gegenspruch. Manchmal definiere ich mich total darüber, ob man er oder sie sagt und dann ist es wieder völlig egal. Ich habe so viele Identitäten und für jede Situation die passende. Veränderung ist die einzige Konstante im Leben und wenn man sich dagegen wehrt, tut man sich selbst keinen Gefallen.

Am 19. Oktober erscheint das gemeinsame Album "From Vienna With Love" von Conchita und dem Wiener Symphoniker. 

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Radikale Veränderung: So sieht Conchita Wurst nicht mehr aus!
Musikalisch gehört Sängerin Conchita Wurst zu den vielseitigen Künstlerinnen – und auch optisch ist die Österreicherin immer wieder für eine Überraschung gut. 
© Gala

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