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Charles Kelley von Lady A Über Rassismus, blinde Flecken und alte weiße Männer

Charles Kelley, Hillary Scott und Dave Haywood von Lady A.
Charles Kelley, Hillary Scott und Dave Haywood von Lady A.
© Universal Music Group
Viele kennen die Band Lady A noch unter dem Namen "Lady Antebellum". Mit mehreren Grammyauszeichnungen und globalen Hits wie „Need You Now“ gehört Lady A zu den erfolgreichsten Countrybands der Welt. Im Sommer 2020 ändert die Band ihren Namen und entfacht damit eine Rassismus-Debatte.

Im Sommer 2020 versetzt der Tod von George Floyd die ganze Welt in Aufruhr. Die "Black Lives Matter"-Bewegung sorgt für Betroffenheit und Aufklärung und führt jede:m vor Augen, wie tief Rassismus in der heutigen Gesellschaft verankert ist. Eine Debatte, die auch vor der Countryband nicht Halt macht. GALA spricht mit Frontsänger Charles Kelley über die Namensänderung, blinde Flecke und ob Country-Musik wirklich ein Genre von alten weißen Männern für alte weiße Männer ist.

Das Wort „Antebellum“ (wörtlich übersetzt „vor dem Krieg“) findet seinen Ursprung in einer Zeit, in der Sklaverei in den Südstaaten der USA noch erlaubt und akzeptiert war. Eine Bedeutung, von der sich die Band ganz klar distanziert. Kurzum entschließen sich Charles Kelley, Hillary Scott und Dave Haywood ihren Namen zu ändern und legen den Grundstein für eine Debatte, die weit über einen bloßen Namen hinausgeht.

Frontsänger Charles Kelley im GALA-Interivew

GALA: Wann war der Moment, in dem Sie zum ersten Mal merkten, dass etwas mit dem Namem der Band nicht stimmt?
Charles Kelly: Das erste Mal haben wir es vor fünf Jahren gehört. Das war jedoch nie ein großes Thema. Wenn man im Süden der USA aufwächst, hat man ehrlicherweise die Angewohnheit, Dinge zu romantisieren. Wir laufen mit einer rosa Brille durch die Welt. 'Antebellum' war für uns eine Hommage an den gleichnamigen Einrichtungsstil, der in unseren Gegenden so verbreitet ist. Wir haben uns nichts weiter dabei gedacht. Als die kritischen Stimmen jedoch lauter wurden, habe ich mit meinen Freunden aus der People-Of-Color-Community gesprochen und wir mussten feststellen: 'Ja, wenn man darauf achtet, kann der Name Menschen verletzen.' Das ist zeitgleich mit dem Tod von George Floyd passiert und hat uns wachgerüttelt. Das Letzte, was wir möchten, ist, dass jemand unsere Intentionen infrage stellt. Es war ein klassischer blinder Fleck für uns. Diese Debatte hat uns gezeigt, dass wir mit diesem Wort nicht mehr in Verbinden stehen möchten. Deswegen haben wir uns schnell dazu entschlossen, den Namen zu ändern.

Statement der Band vom 11. Juni 2020.
Statement der Band vom 11. Juni 2020.
© instagram.com/ladya

Aber das Feedback war nicht nur positiv, oder?
Nein. Unsere Namensänderung hat eine noch größere Debatte losgetreten. Und das bricht mir immer noch das Herz. Wir haben damit viele erst auf das Thema aufmerksam gemacht. Aber am Ende möchten wir Musik machen und Liebe versprühen.

Wenn durch unseren alten Namen auch nur eine Person verletzt wird, ist das Grund genug den Namen zu ändern.

Sie haben 2021 ein neues Album herausgebracht, das erste Album nach der Namensänderung. Haben Sie einen besonderen Druck gespürt?
Uns ging es bei dem Album eher darum, dass wir bereits anderthalb Jahre in einer globalen Pandemie steckten. Wir hatten so viel Zeit zum Schreiben. Das war alles, was die getan haben. Für uns war die Kreation des neuen Albums eine Art Therapie. Wir konnten all unsere Emotionen runterschreiben und alles verarbeiten, was passiert ist.

Die letzten Jahre waren für viele Menschen ein Lernprozess in Bezug auf sensible Sprache. Wir wissen nun mehr als denn je, dass Sprache Macht und Verantwortung bedeutet. Hat das die Art, wie Sie Songs schreiben, beeinflusst?
Auf eine Art schon. Wir sind einfach erwachsen geworden, wir haben dazugelernt. Vor der Band habe ich die Staaten nie verlassen. Je mehr wir sehen und reisen, desto mehr wachsen wir. Aber wir wissen auch, dass wir es nicht immer allen recht machen können. Aber wir sind uns unseres Einflusses jetzt bewusst.

Ich möchte, dass die Menschen sehen, wofür wir stehen: Liebe.

Die Country Szene ist nicht gerade bekannt für ihre progressive Art. Es gibt immer noch Künstler:innen, wie KaceyMusgraves, die sich in ihren Songs unter anderem offen für die gleichgeschlechtliche Ehe aussprechen und deswegen nicht im Radio gespielt werden. Haben Sie das Gefühl, dass das ihre Musik limitiert?
Bei uns nicht. Wir lieben Kacey seit Tag eins und ich habe auch gesehen, dass sie es schwer hatte, weil sie solche Texte verfasst hat. Aber wir sind keine politische Band. Wir machen Musik, die die Menschen hören, wenn ihnen die Welt zu viel ist, wenn sie emotional sein möchten. Viele meiner Lieblingskünstler und Künstlerinnen wie Neil Young oder eben Kacey sind da sehr progressiv und dafür lieben wir sie. Wir kamen zum Glück bisher jedoch nie in eine Situation, in der wir unsere Emotionen nicht ausdrücken konnten.

Es gibt das Zitat „Country von alten weißen Männern für alte weiße Männer“. Wie viel Wahrheit steckt dahinter? Denken Sie, die Country Szene hat sich mit all den Entwicklungen in der Welt verändert?
Ja, zum Glück! Wir sehen es jetzt schon. Es gibt viel mehr Möglichkeiten für People Of Color. Wir versuchen, allen eine Stimme zu geben. Früher oder später wird das hoffentlich eine Selbstverständlichkeit sein.

Wir hatten lange Zeit ein Problem mit der Repräsentation weiblicher Künstlerinnen. Diesbezüglich ist die Szene auch besser geworden. Ich bin sehr stolz auf Nashville. Durch die schlimmen Dinge, die passiert sind, wurden allen die Augen geöffnet. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Menschen hier versuchen, das Richtige zu tun. Das hoffe ich auch für die Musik. Je mehr Einflüsse wir haben, desto besser wird die Musik. Stars wie Kacey Musgraves und Neil Young öffnen die Tür für so viele andere Künstler und Künstlerinnen. Ich hoffe, dass wir solche Unterhaltungen in ein paar Jahren gar nicht mehr führen müssen.

Es geht um blinde Flecken.

Ich liebe den Begriff. Als ich hier aufgewachsen bin, musste ich nicht hinschauen. Ich hatte es so einfach. Aber je älter man wird, desto mehr realisiert man, wie privilegiert man ist. Dass es Situationen gibt, in denen Schwarze Menschen Rassismus erfahren, über die wir nicht mal nachdenken würden – simple Alltagssituationen. Da kann nicht mehr wegschauen. Man möchte dazulernen. Genau das tun wir hier.

Die Tatsache, dass Frauen nicht genug Gehör in der Szene bekommen, wird immer wieder kritisiert. Hillary Scott ist eine der beiden Frontsänger:innen bei Lady A. Hatten Sie jemals das Gefühl, dass auch Sie betroffen von dem Problem sind?
In der Sekunde, in der ich Hillary getroffen haben, wusste ich, dass sie ein Star wird. Sie hat eine der besten Stimmen in unserer Branche. Ich kann nicht genau sagen, ob es uns gehindert hat oder nicht. Aber ich bin sehr froh, dass sich die Branche diesbezüglich bessert. Als ich aufgewachsen bin, gab es Größen wie Faith Hill oder Shania Twain. Ein paar Jahre später konnte man keinen Radiosender mehr einschalten, ohne eine männliche Stimme zu hören. Ich bin froh, dass es nicht mehr so schlimm ist. Hillary ist eine so dominante Kraft unserer Band. Man erkennt ihre Stimme direkt wieder. Wir haben also das Glück, nicht nur zwei Stimmen, sondern auch zwei Perspektiven und zwei Seiten zu jeder Story zu haben. Und genau das macht uns als Band so einzigartig.

Verwendete Quellen: eigenes Interview

Gala

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