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Herzogin Meghan Warum sie keine Prinzessin Diana 2.0 ist

Herzogin Meghan und Prinzessin Diana sind sich nie begegnet
© Getty Images
Herzogin Meghan, die Ehefrau von Prinz Harry, wird immer wieder mit ihrer Schwiegermutter Prinzessin Diana verglichen. Warum der Vergleich trotz diverser Parallelen hinkt.

Es ist Mitte Februar 2021. In einem weitläufigen, gepflegten Garten irgendwo in Santa Barbara, Kalifornien, hat Herzogin Meghan in einem Korbsessel Platz genommen. Unter ihrem 3.900 Euro teuren Kleid von Giorgio Armani wölbt sich, deutlich sichtbar, ihr Babybauch. Die Sonne scheint. Gegenüber von Meghan sitzt US-Talkerin Oprah Winfrey. Fast wirkt es, als hätten sich zwei alte Freundinnen zu einem Plausch getroffen. Dann verdunkelt eine Frage das vermeintliche Idyll: "Hast du geschwiegen oder wurdest du zum Schweigen gebracht?"

Nur eine Sekunde ist Meghan daraufhin im Bild zu sehen. Doch diese Sekunde genügt, um dem Zuschauer zu zeigen, was in ihr vorgeht. Ihre Lippen bilden einen geraden Strich. Ihr Kinn ist leicht zurückgesetzt; die Stirn eine Nuance nach vorne geschoben. Schwarzer Kajal und Lidschatten lassen ihre Augen klein und schmal wirken. Setzt man die Einzelteile zusammen, erhält man ein klares Bild: Hier sitzt eine Frau, die tief verletzt ist.

Die zweistündige Show, die der TV-Sender CBS am 7. März unter dem Titel "Harry and Meghan with Oprah" ausstrahlt, scheint seine Positionen klar besetzt zu haben. Es gibt ein Opfer. Und es gibt Peiniger.   

Prinz Harry und Herzogin Meghan im Gespräch mit Oprah Winfrey. In Deutschland ist das Interview am 8. März 2021 auf RTL, VOX und TVNOW zu sehen.
Prinz Harry und Herzogin Meghan im Gespräch mit Oprah Winfrey. In Deutschland ist das Interview am 8. März 2021 auf RTL, VOX und TVNOW zu sehen.
© TVNOW / Harpo Productions - Joe Pugliese

Prinz Harry und Herzogin Megan suchen den Diana-Vergleich

Kaum ist der 27-sekündige Clip veröffentlicht worden, werden Collagen auf Twitter und Instagram geteilt. Sie zeigen einen Screenshot von Meghans Oprah-Auftritt und ein Foto von Prinzessin Diana während ihres  legendären "Panorama"-Interviews im Jahr 1995. Das Kinn hat Diana nach hinten gezogen, den Blick der stark geschminkten Augen nach oben gerichtet – eine fragile Pose, die bis heute untrennbar mit ihr verbunden ist.

Um den Vergleich zu ihrer Schwiegermutter, der sie schon als Teenager nachgeeifert haben soll, zu unterstreichen, trägt Meghan während des Gesprächs mit Oprah Winfrey ein Diamant-Armband von Cartier. Einst gehörte es Diana. Einige Tage später schreibt das Magazin "People", die 39-Jährige habe das Schmuckstück in Abstimmung mit Prinz Harry getragen, damit Diana dem Paar während des Oprah-Interviews nahe sei.

Schnitt.

Prinz Harry sitzt im Garten neben seiner Frau, hält ihre Hand. „Meine größte Sorge war, dass sich die Geschichte wiederholt“, sagt er zu Oprah Winfrey in dem Vorschau-Clip. Was er damit meint, muss er nicht näher erklären.

Das Narrativ, nachdem die Unbarmherzigkeit der britischen Presse und die Kälte des Palastes Meghan Markle zu einer Art Wiederverkörperung der verstorbenen Prinzessin Diana macht, gibt es seit Jahren. Geschaffen und befeuert wird es nicht nur von der Presse, sondern auch von Harry und Meghan.

Ohne Frage ist seit Diana kein Mitglied der Königsfamilie so hart – und zum Teil unfair – in der Öffentlichkeit behandelt worden wie Meghan. Ohne Frage hat der Palast Fehler im Umgang mit beiden Frauen gemacht. Ohne Frage waren sie unglücklich am Hof. Doch das macht Meghan nicht zu einer zweiten Diana.

Prinzessin Diana: Der meistgejagte Mensch der Welt

Prinzessin Diana ist eine schüchterne, sexuell unerfahrene 19-Jährige, als sie sich in den 12 Jahre älteren Prinz Charles verliebt. Sie ist ein unbeschriebenes Blatt par excellence – und damit in den Augen des Königshauses die perfekte Heiratskandidatin.

Als sie im September 1980 als neue Freundin des Thronfolgers von der Zeitung "The Sun" enttarnt wird, entsteht ein Hype, wie ihn das Königshaus noch nicht erlebt hat. Volk und Presse lieben Diana. "Die Königin der Herzen" ist geboren.Doch das hat seine Schattenseiten.

Prinzessin Diana wird 1980 von Fotografen belagert. Es soll bis zu ihrem Lebensende so bleiben.
Prinzessin Diana wird 1980 von Fotografen belagert. Es soll bis zu ihrem Lebensende so bleiben.
© Getty Images

Ab jetzt Lady Di, wie sie damals genannt wird, Freiwild für Paparazzi und Reporter. Tag und Nacht. Überall. Vor ihrer Wohnung. Auf der Straße. Auf der Arbeit. Am Flughafen. Im Familienurlaub mit William und Harry. Sogar beim Telefonieren hört man sie ab. Prinz William erklärt in der Dokumentation "Diana: Our Mother": 

"Wenn Sie die Prinzessin von Wales und eine Mutter sind, glaube ich nicht, dass es angemessen ist, von 30 Männern auf Motorrädern verfolgt zu werden; von ihnen den Weg versperrt zu bekommen, von ihnen bespuckt und angeschrien zu werden, [nur] um eine Reaktion [von Ihnen] zu bekommen. Ich glaube nicht, dass es angemessen ist, wenn Sie eine Frau in der Öffentlichkeit zum Weinen bringen, um Fotos zu bekommen."

Fotografen lauern 1994 auf einen Schnappschuss von Prinzessin Diana.
Fotografen lauern 1994 auf einen Schnappschuss von Prinzessin Diana.
© Shutterstock Editorial

Am 31. August 1997 endet die Jagd auf Prinzessin Diana nach 17 Jahren im "Pont de l'Alma"-Tunnel in Paris. Als sie eine Woche später zu Grabe getragen wird, sagt ihr Bruder Charles Spencer bei der Trauerfeier in der Westminster Abbey:

"Es ist ein Punkt, an den man sich erinnern sollte, dass von allen Ironien über Diana jene vielleicht die Größte war: Ein Mädchen mit dem Namen einer antiken Jagdgöttin war am Ende die am meisten gejagte Person der Moderne."

Schnitt.

Meghan Markle: Eine Herzogin des 21. Jahrhunderts 

Meghan Markle ist 2016 eine selbstbewusste, ambitionierte und weltgewandte 34-Jährige, als sie sich in den drei Jahre jüngeren Prinz Harry verliebt. Als Schauspielerin in der Anwaltsserie "Suits" hat sie sich in der TV-Branche einen Namen gemacht und ist geübt im Umgang mit den Medien. Zeitweise, so heißt es, kollaboriert sie mit Paparazzi, um sich ins Gespräch zu bringen. Eine Frau ihres Formates, da sind sich Kritiker und Bewunderer ausnahmsweise einig, hat es in über 1000 Jahren in der britischen Monarchie noch nicht gegeben.

Als ihre Liebesbeziehung mit Prinz Harry im Oktober 2016 aufgedeckt wird, wird auch Meghan von Paparazzi und Reportern belagert – mit entscheidenden Diskrepanzen zu Diana: Meghan ist nicht die potentielle Freundin des britischen Thronfolgers (sondern nur der damaligen Nummer fünf) und sie lebt nicht im Epizentrum London (sondern weit entfernt in Toronto und Los Angeles). Das Interesse ist groß, ja. Aber eine Hetzjagd, wie sie Diana erleben musste, bleibt der TV-Darstellerin erspart.

Für Prinz Harry ist nachvollziehbar dennoch eine Grenze überschritten worden. Auch, weil seine Freundin seiner Meinung nach das Opfer sexistischer und rassistischer Angriffe ist. In einem außergewöhnlichen Schritt geht der Prinz mit einem Statement an die Öffentlichkeit. Seine Freundin sei "einer Welle von Missbrauch und Belästigung ausgesetzt", dies müsse sofort aufhören, fordert er. 

Als die damalige Schauspielerin 2017 schließlich zu Harry zieht, wird das Paar bis auf wenige Ausnahmen in Ruhe gelassen. Szenen einer Meghan Markle im Blitzlichtgewitter hat es in London außerhalb offizieller Termine nie gegeben. Auch deshalb, weil Meghan im Gegensatz zu Diana – und Kate Middleton – von Anfang an Personenschützer von Scotland Yard zur Seite stehen.

Prinz Harry und Meghan Markle

Nur eine fand ihr Glück in der Liebe

Elfeinhalb Jahre ihres Leben widmete die Prinzessin von Wales der Monarchie. Als sich Herzogin Meghan im November 2019 vom Königshaus abwendet – damals als  damals offiziell als "erweiterte Familienauszeit" deklariert – sind es zwei. In dieser Zeit ist sie von einer minderbekannten TV-Schauspielerin zu einer der berühmtesten, begehrtesten und einflussreichsten Frauen der Welt aufgestiegen. Nach dem Wegzug aus London soll sie, wie es eine gleichnamige Biographie kolportiert, endlich ihren Frieden gefunden haben.

All das hat Meghan vor allem einem zu verdanken: ihrem Ehemann. Und genau der ist es, der den elementarsten Unterschied zwischen Herzogin und Prinzessin ausmacht. Das Glück, von einem Mann bedingungslos geliebt und unterstützt zu werden, blieb Diana versagt. Meghan mag also wissen, wie es sich anfühlt, starke Kräfte gegen sich zu haben. Aber wie es sich anfühlt, ihnen alleine gegenüberzustehen, das weiß sie nicht. Das ist auch Prinz Harry bewusst.

"Ich bin sehr erleichtert und glücklich, hier zu sitzen und mit meiner Frau an meiner Seite mit Ihnen zu sprechen“, sagt er im Oprah-Interview. Während ein Foto von ihm als Kind mit seiner Mutter eingeblendet wird, fährt er fort: "Weil ich mir nicht vorstellen kann, wie es gewesen sein muss, als sie [Diana] diesen Prozess vor all den Jahren alleine durchlaufen hat." Über sich und Meghan sagt er: "Es war unglaublich schwer für uns beide, aber zumindest haben wir uns."

Der Fluch von Social Media

Einen großen Nachteil hat Herzogin Meghan dann doch gegenüber Diana: Das Internet und Social Media waren noch nicht erfunden. Ohne jeden Zweifel können Twitter, Instagram und Facebook grausame, dunkle und abscheuliche Orte sein und ohne jeden Zweifel musste Meghan auf schmerzliche Weise Bekanntschaft mit ihnen machen. Sich jeden Tag von fremden Menschen beobachten, bewerten und beschimpfen zu lassen ist eine Erfahrung, die die stärkste Seele brechen kann. Verdient hat das niemand.

"Mir wurde gesagt, dass ich 2019 die am meisten kritisierte Person auf der ganzen Welt war, männlich oder weiblich. Acht Monate davon war ich nicht einmal sichtbar, ich war im Mutterschaftsurlaub mit dem Baby. Aber was [in den Medien] fabriziert und produziert wurde, war fast nicht zu überleben. Es ist so groß, dass man sich nicht einmal vorstellen kann, wie sich das anfühlt“, beschrieb Meghan im Oktober 2020 ihre Situation in einem Podcast anlässlich des "World Mental Health Day".

Prinz Harrys Schmerz wegen Prinzessin Diana ist nicht vergangen, aber ...

Das Trauma des Verlustes seiner Mutter hat Prinz Harry bis heute nicht verwunden. "Jedes Mal, wenn ich eine Kamera sehe, jedes Mal, wenn ich es Klicken höre, jedes Mal, wenn ich ein Blitzlicht sehe, bringt mich das direkt zurück. Das ist in dem Moment die schlimmste Erinnerung an ihr Leben", sagte er in einem Interview im Oktober 2019. Dass ein Teil von ihm immer noch der zwölfjährige Junge ist, der mit gesenktem Blick hinter dem Sarg seiner Mutter durch London geht, kann man ihm nicht verdenken. Dem erwachsenen Harry sollte jedoch bewusst sein, dass der Grat zwischen der Verehrung und der Instrumentalisierung seiner Mutter bisweilen schmal ist. Seine Frau ist nicht Diana – und er sollte sie dazu nicht stilisieren.

Herzogin Meghan kann ihre eigene, einzigartige Geschichte schreiben

Statt die vermeintlich dunklen Parallelen zwischen den Frauen zu betonen, könnten die Sussexes "die Geschichte" Dianas im positiven Sinne "wiederholen". 1987 war die Prinzessin das erste Mitglied der königlichen Familie, das einem an AIDS Erkrankten die bloße Hand gab. 1997 ging sie, nur mit einer Schutzweste und einem Visier aus Plastik bekleidet, über ein Landmienenfeld in Angola. Es liegt jetzt in der Hand der Herzogin, sich durch ihre philanthropische Arbeit einen ebenso großen Namen zu machen wie Diana – und aus ihrem Schatten zu treten. Die Eigenschaften und den Willen dazu hat Meghan, die Herzogin von Sussex.

Verwendete Quellen: eigene Recherche

Gala


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