Prinzessin Aiko: Gefangen im goldenen Käfig

Ihre Geburt war für Japans Traditionalisten eine herbe Enttäuschung: Sie hatten auf einen Jungen gehofft, einen Thronfolger für die Kaiserfamilie. Bis heute leidet Prinzessin Aiko unter dem Druck der ersten Jahre

Prinzessin Aiko

Der Kaiserpalast ist eine Festung

Mit den Eltern an einem knackig kalten Wintertag durch den Schnee stapfen oder im Hochsommer eine tolle Campingtour machen: Was für junge Royals zum Beispiel in Skandinavien heute völlig normal ist, käme im japanischen Kaiserhaus einer Palastrevolte gleich. Wobei die Freizeitaktivitäten noch das geringste Problem sind. Im Zentrum steht das Überthema Thronfolge. Prinzessin Aiko, heute 13, hat das ganze Dilemma schon vom Tag ihrer Geburt an zu spüren bekommen. Von Beginn war sie das Zentrum aller Thronfolger-Diskussionen – und Leidtragende der damit zusammenhängenden Depression ihrer Mutter Masako, der Ehefrau von Kronprinz Naruhito.

Ausgestanden ist die Sache für Aiko bis heute nicht. Das Mädchen lebt ein trauriges Leben im goldenen Käfig. Der weitläufige Palast Mitten in Tokio ist minimalistisch eingerichtet, der Thron im Audienzsaal ein schlichter schwarzer Stuhl. Was nicht bedeutet, dass sich die Familie des Tenno (auf Deutsch: "Himmlischer Herrscher") volksnah geben würde. Im Gegenteil. Abgeschottet hinter den hohen Mauern führt man ein diszipliniertes Leben. Statt dem Volk und der Presse fröhliche Winke-Winke-Auftritte vom Balkon zu liefern übt man sich in Demut. Das Leben am Hof gilt als hart, das strenge Protokoll bestimmt das Leben bis ins kleinste Detail.

Königin Letizia

Peinlicher Patzer vor laufenden Kameras

Königin Letizia
Nicht ganz bei der Sache schien Königin Letizia von Spanien auf dem Weg zu einer Audienz im Madrider Zarzuela-Palast.
©Gala

Strenge Etikette

Auch beim Kaiserpaar Akihito und Michiko. So ist es Kaiserin Michiko nicht einmal gestattet, sich das ergraute Haar zu färben. Angesichts des starren Gefüges war es daher eine Sensation, als Michikos ältester Sohn Kronprinz Naruhito 1993 die Bürgerliche Masako Owada heiratete, eine Harvard-Absolventin und Diplomatin. Würde sie für frischen Wind sorgen können? Masako selbst geht am Anfang davon aus, dass ihr das gelingt, doch bald muss sie die Hoffnung aufgeben. Mehr als tausend Höflinge überwachen und reglementieren jeden ihrer Schritte. Die einstige Karrierefrau verliert ihre Lebensfreude. Vor allem kann sie den öffentlichen Druck, einen Thronfolger zu gebären – es muss ein Junge sein! –,kaum noch ertragen.

Japan

Konichiwa beim Kaiser

1. August 2019  Die japanische Kaiserfamilie verabschiedet sich in den Urlaub. Naruhito, Masako und Tochter Aiko werden einige Tage in der Villa Suzaki in der Stadt Izukyu Shimoda verbringen.
1. August 2019  Prinzessin Aiko winkt lächelnd neben ihrer Mutter, Kaiserin Masako.
1. August 2019  Bei der Eröffnung der außerordentlichen Sitzung des Parlaments hält Naruhito seine erste Rede als Kaiser von Japan. Den Chrysanthementhron bestieg er bereits am 1. Mai 2019.
10. Juli 2019  Prinzessin Mako ist für einen sechstägigen Staatsbesuch nach Peru gereist, um das 120. Jubiläum der ersten japanischen Einwanderer in dem südamerikanischen Land zu feiern. Im japanisch-peruanischen Kulturzentrum wird die älteste Nichte von Kaiser Naruhito von 200 Kindern willkommen geheißen.

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Nach mehreren Fehlgeburten und acht kinderlosen Ehejahren bringt Masako 2001 eine Tochter zur Welt, Prinzessin Aiko. Was für eine Enttäuschung! Jedenfalls für die Traditionalisten. In Japan ist eine weibliche Thronfolge nicht vorgesehen, nur Männer dürfen den Chrysanthementhron besteigen. Masako, die junge Mutter, verfällt in eine tiefe Depression . Sie nimmt keine öffentlichen Termine mehr wahr, begleitet ihren Mann nicht mehr auf Auslandsreisen . Der Hof umschreibt Masakos Krankheit als "Anpassungsstörungen" angesichts der notwendigen Etikette. Aus der Not geboren, richtet die Regierung zwar eine Kommission ein, die klären soll, ob eine Änderung der Thronfolge-Rege-lung möglich ist.

Doch bevor es zu konkreten Schritten kommt, bringt die Frau des jüngeren Prinzen Akishino, Prinzessin Kiko, die schon Mutter von zwei Töchtern ist, im Jahr 2006 einen Jungen zur Welt. Die Pläne einer Gesetzesänderung zugunsten von Prinzessin Aiko werden umgehend aufgegeben. Nun ist klar, dass das Baby, der kleine Hisahito, nach seinem Onkel auf Platz zwei der Thronfolge steht. Seine Cousine Aiko wird also nie Kaiserin von Japan werden. Aikos Mutter atmet insgeheim auf: Ihre Tochter muss sich nun nicht in das enge Korsett einer Kronprinzessin zwängen.

In der Schule gemobbt

Dennoch gehen die Sorgen immer weiter. Einige Jahre später will Aiko – sie ist mittlerweile etwa acht Jahre alt – nicht mehr zur Schule gehen. Angeblich wegen ständiger Magenschmerzen. Es stellt sich heraus, dass Aiko in Wahrheit Angst hat : Mehrere Jungs der exklusiven Gakushuin-Schule haben sie „erschreckt“. In den offiziellen Verlautbarungen des kaiserlichen Hofamts wird das Wort " Mobbing " vermieden. Aiko bleibt dem Unterricht mehrere Wochen fern. Seither hält sich das Gerücht, dass sie seelisch labil sei. Beobachter fürchten, sie könne ähnliche Probleme wie einst ihre Mutter Masako entwickeln. Die allerdings bekommt ihre psychischen Probleme langsam in den Griff.

Nicht ganz unschuldig daran ist Máxima der Niederlande : Sie überredet Masako, mit der sie sich Jahre zuvor angefreundet hatte, 2013 zur Krönung von Willem-Alexander nach Amsterdam zu kommen. Für die Japanerin ist es die erste offizielle Auslandsreise nach elf Jahren Isolation. Und Prinzessin Aiko? Ihr scheint die Entwicklung ihrer Mutter sehr gut zu tun. Als Aikos Vater Naruhito vor einer Weile gefragt wurde, wie sich das Mädchen denn entwickle, erzählte er stolz, sie wachse zu einem "verlässlichen Kind heran, das eigene Entscheidungen trifft". Zum Beispiel will sie unbedingt ein Ferien-Skicamp besuchen. Und in der nächsten Generation ist dann vielleicht Aiko die erste japanische Prinzessin, die mit ihren Kids fröhlich durch den Schnee stapft.

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