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Italienische Königsfamilie Thronfolge für Mädchen - und warum die Neuerung umstritten ist

Vittorio Emanuele (l.), Chef des Hauses Savoy und Sohn des letzten Italienischen Königs, daneben Emanuele Filiberto (r.), Prinz von Venedig und Piemont, sein Sohn
Vittorio Emanuele (l.), Chef des Hauses Savoy und Sohn des letzten Italienischen Königs, daneben Emanuele Filiberto (r.), Prinz von Venedig und Piemont, sein Sohn
© Getty Images
Zum Jahr 2020 dann doch endlich möglich: Das italienische Herrscherhaus Savoyen hat im Hausgesetz das Salische Erbrecht verlassen und akzeptiert auch Mädchen als Thronfolger - es gilt das Erstgeburtsrecht. Jetzt schon sicher ist, dass das für hausinternen Streit sorgen wird. 

Ein weiteres Königshaus ist soweit, die gesellschaftlichen Strukturen des 21. Jahrhunderts anzuerkennen und das Hausrecht anzupassen: Mit Wirkung vom 28. Dezember hat Vittorio Emanuele, 82, Prinz von Neapel und Chef des italienischen Königshauses Savoyen, in der Hauptlinie erklärt, dass er das Salische Recht in der Erbordnung abschafft und fortan nur die Geburtsreihenfolge entscheidend sein soll. Ein Schritt, den viele andere Monarchenfamilie in den vergangenen Jahrzehnten gegangen sind - wenn auch noch nicht alle.

Vittorio Emanuele von Savoyen ist Sohn des letzten italienischen Königs Umberto II und dessen Frau, Königin Marie-José, einer belgischen Königstochter. Er ist der führende Thronprätendent Italiens - auch wenn seit 2006 Streit besteht zwischen den Linien Savoy und Savoy-Aosta, und auch Prinz Amedeo, Herzog von Aosta, der sich als rechtmäßigen Chef des Hauses betrachtet. Diese Zwietracht wird die Änderung am Hausgesetz nun sicher vertiefen.

Denn die Auswirkungen der Gesetzesänderung sind relevant:

Vittorio Emanueles Nachfolger wird sein Sohn Emanuele Filiberto, Prinz von Venedig, in Italien bekannt, Foodtruck-Unternehmer und nicht medienscheu - und Vater zweier Töchter mit der französischen Schauspielerin Clotilde Courau. Die beiden Töchter, die königlichen Prinzessinnen Vittoria und Luisa, wurden im Rahmen der gleichen Aktion von ihrem Großvater mit klangvollen Adelstiteln versehen. Vittoria ist nun, exakt zu ihrem 16. Geburtstag, Principessa di Carignano, Marchesa d'Ivrea. Ihre Schwester Luisa, 13, wurde zur Principessa die Chieri, Contessa di Salemi. Beide Mädchen wurden außerdem Großkreuz-Damen im Hausorden Santi Maurizio e Lazarro (Ritteroden der hl. Mauritius und Lazarus).

Die Position der beiden Mädchen im Hausrechtsgefüge wird so deutlich aufgewertet - ungeachtet der Tatsache, dass schon die Stellung ihres Vaters innerhalb der Familie streitig ist, weil er aus der nicht explizit königlich genehmigten Ehe Vittorio Emmanueles mit der Bürgerlichen Marina Doria entstammt. Schon  seine dynastische Stellung ist also ständiger Streitpunkt.

Was bedeutet das für die Familie Savoy-Aosta?

Am 15. Januar 2020 machte das Büro des Savoy-Chefs in Genf die Änderung per Pressemitteilung bekannt. Eine Stellungnahme des Aosta-Familienzweigs folgte prompt und stellte fest, eine solche Thronfolge-Änderung sei ohne eine Verfassungsänderung irrelevant. Deren Kopf, der 76-jährige Prinz Amedeo, Herzog von Aosta, nennt sich seit Juli 2006 ebenfalls Herzog von Savoyen, um seinen Anspruch auf die Hauschef-Würde nach außen zu tragen. Er ist jedenfalls der Verlierer dieser Gesetzesänderung. Denn hätte nach bisherigem Recht Vittorio Emanueles Familienzweig keine legitimen männlichen Erben hervorgebracht, dann wäre der Streit beendet und auf jeden Fall der Aosta-Zweig unbestrittener Thronanwärter einer - vermutlich nie wieder zu erwartenden - italienischen Monarchie gewesen.

Und das über Generationen gesichert: Amedeo heiratete königlich, seine inzwischen geschiedene Frau ist Prinzessin Claude aus der französischen Königsfamilie Orléans. Mit Prinz Aimone, Herzog von Apulien, gibt es einen männlichen Erben, der ebenfalls standesgemäß mit Prinzessin Olga von Griechenland verheiratet ist. Aus dieser Ehe gingen neben einer Tochter auch zwei Söhne hervor: Umberto, Prinz von Piemont (geboren 2009) und Prinz Amedeo, Herzog der Abruzzen (geboren 2011). Lauter legitime Thronfolger nach Salischem Recht also. Kein Wunder, wenn von dort Widerstand gegen die neue Situation zu erwarten wäre ...

Das Salische Recht

Eigentlich ist das Salische Recht (Lex Salica) die erste schriftliche Zusammenfassung von Rechtsnormen germanischer Stämme, die aber bereits durch römische Rechtstraditionen beeinflusst waren. Zeitlich wird die Lex Salica in der Mitte des sechsten Jahrhunderts, zur Zeit der Völkerwanderung verortet. Unter anderem gab es in ihr Regelungen, die klarstellten, dass Frauen keine Grundstücke erben könnten ("in terram salicam mulieres ne succendant"). 

Auf diese Regel beriefen sich dann in späteren Jahrhunderten europäische Herrscherhäuser bei den Fragen der Nachfolgeregelungen und schlossen damit über Jahrhunderte und großflächig die Frauen der Familie von Thron- und erbrechtlichen Ansprüchen aus. Das ändert sich nur langsam. Viele Monarchien, die das Salische Erbrecht jahrhundertelang anwendeten, haben sich in jüngerer Zeit einer weiblichen Thronfolge geöffnet (beispielsweise Schweden 1980; Belgien und Norwegen 1991, England 2011). Und nun eben auch Italien. In anderen Herrscherhäusern - Spanien und Monaco beispielsweise - ist das noch nicht der Fall.

Quellen:Wikipedia (abgerufen am 16.01.2020), Eurohistory Journal, Regalis.com

Gala

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