Deutscher Adel: Macht was draus!

Sich ausruhen auf den Lorbeeren der Vorfahren? Niemals! Drei adlige Familienoberhäupter erzählen, wie sie mit der Verantwortung für das Erbe umgehen

Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe, Eduard Prinz von Anhalt

In puncto Attraktionen haben sich die zu Schaumburg-Lippes einiges einfallen lassen: In der fürstlichen Hofreitschule – die einzige in Deutschland – finden täglich Pferdevorführungen und Besichtigungen statt.

Mit ausladenden, schweren Schritten schreitet Enno Freiherr von Ruffin sein Gut Basthorst ab, im Schlepptau zwei verspielte Jack-Russell-Terrier. Seine Erscheinung ist rustikal: waldgrüne Cordhose, Trachtenjacke, Stiefel mit Filzbesatz. Letztere kann man in einem Shop auf dem Anwesen käuflich erwerben - der Gutsherr ist Werbeträger in eigener Sache. Während seiner Ehe mit Sängerin Vicky Leandros verwandelte von Ruffin den Hof in einen Gemischtwarenladen: Neben dem Agrar- und Forstbetrieb wird Schnaps gebrannt, im Restaurant "Zum Pferdestall" kann man Hochzeiten feiern, im Winter gibt es einen Weihnachts-, im Mai einen Frühjahrsmarkt, im Sommer Poloturniere und Jagdgesellschaften, und die Vereinigung der Hundefrisöre hält hier ihre Tagungen ab.

Unternehmerischen Geist sollte man als deutscher Adeliger heute unbedingt mitbringen. Da die Kosten für den Unterhalt des Anwesens oft hoch sind, setzen viele auf die Vermarktung ihres guten Namens. Ein Souvenir-Shop mit Andenken funktioniert nicht nur im Buckingham-Palast in London, sondern auch auf Schloss Bückeburg in Niedersachsen. Nach der Besichtigung kann sich der Besucher mit Wildwürstchen aus dem heimischen Wald oder mit Honig aus dem Schlosspark eindecken. "Ich sehe mich als Unternehmer", sagt Schlossherr Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe gegenüber "Gala".

Königin Máxima ungestylt

So sieht man die glamouröse Königin selten

Königin Máxima
So sieht man die glamouröse Königin selten: Ungeschminkt und ungestylt erscheint Königin Máxima in ihrer Funktion als Sonderbotschaft​erin des Generalsekretärs der Vereinten Nationen für inklusive Entwicklungsfinanzierung in Bangladesch.
©Gala

Der Nachfolger: Heinrich Donatus Erbprinz zu Schaumburg-Lippe, 19, mit seiner Mutter Lilly Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein, 41, der ersten Frau des Fürsten

Das Erbe: Geschenk oder Bürde? Beim deutschen Adel erbt normalerweise immer noch der älteste Sohn alles, während die anderen Kinder eine Art Apanage erhalten. "Als mein Bruder bei einem Unfall verstarb, stand außer Frage, dass mein Leben eine andere Richtung nehmen würde", so zu Schaumburg-Lippe. "Die Berufswahl war danach natürlich nicht mehr ganz so frei. Eigentlich wäre ich gerne Journalist geworden."

Enno von Ruffin erzählt, seine ältere Schwester hätte bei seiner Geburt festgestellt: "Nun haben wir einen Gutserben bekommen", der Vater spendierte der Belegschaft zur Feier des Tages ein Fass Bier. Heute ist Enno von Ruffin der erste ausgebildete Landwirt in der knapp 800-jährigen Geschichte von Basthorst. Seine Vorfahren dienten Kaiser und König und überließen den Hof einem Gutsverwalter.

Auch in deutschen Adelsfamilien, deren Anwesen nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet wurden, spielt das Erbe eine große Rolle. Wer kein Schloss zu vererben hat, will doch immerhin den guten Namen weitergeben - und den Sinn für Geschichte und Tradition. Zum Beispiel Eduard Prinz von Anhalt. 800 Jahre regierten die Herzöge von Anhalt im heutigen Sachsen-Anhalt. Eduard ist der letzte männliche Nachkomme, zu seinen Vorfahren zählt Katharina die Große; Prinz Charles ist sein Cousin. Heute kämpft er vor allem um die Ehre seiner Familie.

Im Laufe der Zeit adoptierte Frédéric von Anhalt rund 60 Erwachsene, darunter einen Bordellbetreiber, der seitdem als Marcus Prinz von Anhalt für zweifelhafte Schlagzeilen sorgt.

Zwei Dinge macht er für den Niedergang des deutschen Adels verantwortlich: das Festhalten an überholten Traditionen wie der rein männlichen Erbfolge und das moderne Namens- und Adoptionsgesetz. Weil Eduard von Anhalt keine Söhne hat, bestimmte er seine älteste Tochter zur nächsten Chefin des Hauses - und riskierte den Bruch mit den Adelsverbänden. "Ich bin meiner Tochter sehr dankbar, dass sie es auf sich nimmt, meine Nachfolge anzutreten", so von Anhalt zu "Gala". "Auch bin ich meinem Schwiegersohn Marc sehr dankbar dafür, dass seine Kinder unseren Namen tragen dürfen."

Die Alternative wäre in seinen Augen eine Katastrophe: Dann würden nur noch die rund 60 Menschen, die den Namen Anhalt durch Adoption erworben haben - darunter ein Puffbesitzer und ein Saunabetreiber - den Namen weitergeben. "Ich halte Bescheidenheit und Zurückhaltung für sehr wichtige adlige Tugenden", so von Anhalt. "Unechte und Adoptierte erkennt man daran, dass sie sich nicht daran halten - weil sie in ihrem Elternhaus nicht gelernt haben, dass Adel verpflichtet."

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