Steve Jobs "Danke für die guten Zeiten, Steve!"

Steve Jobs
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In den Achtzigern arbeitete der Fotograf und ehemalige Computer-Unternehmer Michael Poliza eng mit Steve Jobs zusammen. Für "Gala" erinnert er sich an den Apple-Magier, der mit Produkten wie dem iPhone die Kommunikationswelt geprägt hat

Das erste Mal trat Steve Jobs vor 28 Jahren in mein Leben.

Es war 1984 und der Macintosh- Computer kam gerade mit großem Werberummel auf den Markt. Ich war zu dieser Zeit gerade mal 26, Steve drei Jahre älter und die PC-Branche klein und überschaubar. Selbst Bill Gates flog noch Holzklasse - und weil Bill und ich für eine Computermesse in München keine Zimmer bekamen, mussten wir in einer kleinen Pension außerhalb der Stadt übernachten.

Jeder kannte jeden. Damals war Steve noch ein ungeschliffener Diamant: scharfkantig, intensiv, fast besessen von seinen Ideen und auch nicht gerade zart in der Umsetzung. Immer wieder hörte man von wüsten Auseinandersetzungen, die gelegentlich sogar in Handgreiflichkeiten endeten. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Kongress in Cannes, bei dem Apple etwas präsentieren sollte, und Steve einen Mitarbeiter während der Proben per Kinnhaken von der Bühne holte. Der Grund: Er war seinen hohen Anforderungen einfach nicht gerecht geworden. Steve Jobs’ Management-Stil in den Achtzigerjahren war eindeutig: It’s my way or the highway! Kein Wunder, dass er später aus der eigenen Firma gedrückt wurde. In der Autosprache würde man sagen, dass er viel PS hatte, seine Kraft aber nicht auf die Straße umsetzen konnte. Zu viel Reibungsverlust. Er besaß eine besondere Gabe: Steve Jobs machte aus engagierten und talentierten Mitarbeitern noch bessere. Er konnte die letzten Reserven aus den Menschen kitzeln. Seine engsten Mitarbeiter schufteten wie Sklaven für ihn. Und das mit großer Freude und noch mehr Begeisterung.

Genies unter sich: 1976 löteten der damals 21-jährige Steve Jobs (l.) und Apple-Mitgründer Steve Wozniak in der Garage von Steve
Genies unter sich: 1976 löteten der damals 21-jährige Steve Jobs (l.) und Apple-Mitgründer Steve Wozniak in der Garage von Steves Adoptiveltern die ersten Heimcomputer zusammen.
© Reuters

Viele Ehemalige aus seinem Team haben immer wieder erzählt, dass sie für ihn arbeiten mussten wie nie zuvor in ihrem Leben. Oft hätten sie Steve deshalb zum Teufel gewünscht, weil er ihre Schwächen immer wieder erkannte. Unbarmherzig und penetrant. Aber am Ende war ihr Fazit immer gleich: Keiner hat so viel aus mir herausgeholt. Niemals zuvor oder danach habe ich so viel gelernt. Es war die beste Zeit meines Berufslebens! Steve wusste stets genau, was er wollte. Bereits sein kräftiger Händedruck signalisierte das. Seine Präsenz im Raum war unmittelbar. Ein natürlicher Leader. Es gehörte schon eine ordentliche Portion Mut dazu, sich mit ihm auf eine Diskussion einzulassen, denn er war immer ein leidenschaftlicher Kämpfer für seine Ideen und dabei nur selten diplomatisch. Dabei suchte und wollte Steve genau diese Auseinandersetzungen. Er brauchte sie, um seine Meinung zu festigen - oder sie eben auch mal zu revidieren. Aber das kam am Ende nur selten vor, weil er meistens Recht hatte. Letztlich war es sein Charisma, das ihm die Macht gab, im persönlichen Gespräch auch die letzten Zweifler zu überzeugen. Er war ein ungeduldiger Mensch und streitbarer Geist. Er stritt aber nie um des Streitens willen. Es ging ihm darum, dass am Ende das allerbeste Produkt entsteht. Mein Bruder Andreas war damals auch in der Branche und hatte eine erfolgreiche Software für die Gestaltung von Internet-Seiten entwickelt. Steve hatte ihn eingeladen, um über eine Zusammenarbeit zu sprechen.

Wann immer Steve Jobs eine Neuheit vorstellte, jauchzten weltweit seine Jünger, so zum Beispiel 2007 bei der Präsentation des er
Wann immer Steve Jobs eine Neuheit vorstellte, jauchzten weltweit seine Jünger, so zum Beispiel 2007 bei der Präsentation des ersten iPhones.
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Bereits in der ersten halben Stunde flogen zwischen den beiden heftig die Fetzen. Der Streitpunkt: Steves kompromisslose Vision, wie mein Bruder seine Software verbessern könnte. Andreas packte bereits seine Sachen, da nahm Steve ihn mit in sein Büro und zeigte ihm den neuen Mac-Prototypen. Um seine Vision zu untermauern. Schon hatte er meinen Bruder in der Tasche.

Egal ob iMac oder iPad  Steve Jobs' Erfindungen prägten Generationen. Auch das iBook, das der Apple-Gründer 1999 präsentierte, w
Egal ob iMac oder iPad Steve Jobs' Erfindungen prägten Generationen. Auch das iBook, das der Apple-Gründer 1999 präsentierte, war ein Verkaufs-Hit.
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Das ist es, was Steve ausmachte: Seine totale Hingabe für ein besseres Produkt. Detailversessen und akribisch kämpfte er um jede kleine Verbesserung. Er war Perfektionist in allem, was er tat. Er hatte die seltene Gabe, tiefes technisches Wissen mit viel Kreativität, mit Emotionalität und einem sehr guten Gespür für Produktdesign zu kombinieren. Das perfekte Rezept für einen großen Erfinder! Er wollte Produkte, die funktionieren und gleichzeitig Spaß machen. Und sie sollten obendrein noch schön und ästhetisch sein. Ist ein Mensch, der so besessen ist von seiner Arbeit und seinen Visionen, deswegen kalt? Ich finde nicht! Das wäre viel zu einfach. Denn Leidenschaft war einer der wichtigsten Aspekte in Steves Leben. Für ihn waren es eben nicht nur Produkte, sondern oft Bestandteile unseres täglichen Lebens, mit denen wir viel Zeit verbringen. Musik und mein iPod haben mich durch sehr emotionale Phasen meines Lebens begleitet. Ich verbringe viele Stunden an meinem Mac, um meine Bilder zu sortieren und zu bearbeiten. Natürlich bleibt mein Mac eine Maschine, und er hat auch keinen Kosenamen - aber trotzdem erfreue ich mich fast täglich an dem perfekten Design, der Zuverlässigkeit, der Liebe zum Detail. Ich spüre die Leidenschaft, die Steve in jedes seiner "Babys" gesteckt hat. Das macht seine Produkte zu Wegbegleitern, die mein Leben verbessern. Und Steve war mutig! Mutig, neue Wege zu gehen. Mutig genug, auch Risiken einzugehen. Und zum Glück hatte er in den letzten Jahren eben auch einen Aufsichtsrat, der ihm vertraute und ihn unterstützte. "Trust Steve" lautete die Devise - vertraue Steve! Nur wer Mut hat, neue Wege zu gehen, kann auch revolutionäre Produkte auf den Markt bringen.

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Selbst nach dem Riesenerfolg des iPods und des iPhones gab es in der Branche viele Zweifler, die nicht an das iPad geglaubt haben. Die Branche hat oft an ihm gezweifelt. Seine Fans und Kunden dagegen nicht eine Sekunde. Welche Produkte sonst schaffen es, so viel Leidenschaft und Emotionalität aus den Menschen zu kitzeln? Wer ist schon bereit, sich tagelang in eine Schlange zu stellen, nur um eine Produkt möglichst schnell in Händen zu halten? So saß ich am Abend des 3. April 2010 - dem Erstverkaufstag des iPads in den USA - an meinem Schreibtisch in Hamburg, um Flüge nach New York zu suchen. Und am Ende habe ich mich tatsächlich auf den Weg gemacht. Ich wollte nicht warten, bis Steves neuer Clou auch in Deutschland zu haben ist. Keine 24 Stunden später war ich wieder in Hamburg, mit vier iPads im Gepäck. Eins für meine Freundin Marlies, eins für meinen Bruder, eins für einen engen Freund und eins für mich. Ich war einfach nur happy. Danke für die guten Zeiten, Steve. Wir werden dich vermissen!

gala.de


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