Sarah Wiener: "Ich habe einen Traum"

Die Starköchin ist neuerdings Landwirtin. Auf Gut Kerkow in der Uckermark empfing sie GALA und verriet, welche Vision sie antreibt. Und was sie zornig macht

Ein wenig enttäuscht war Sarah Wiener schon, als sie vor zwei Jahren das erste Mal auf Gut Kerkow ankam. Die Kühe schreckten zurück, anstatt sie freudig zu begrüßen. Und auch sonst sah es nicht so romantisch aus wie in ihren Bilderbüchern, die sie sich als Kind stundenlang angesehen hatte, damals als kleines Mädchen auf einem Bauernhof in der Steiermark.

Das Weite zu suchen kam für die Starköchin trotz verwitterter Fassaden und veralteter Geräte nicht in Frage. Sie dachte sich: "Das Universum hat mich hierhergeschickt. Das ist jetzt deine Aufgabe. Ich nehme an." Zwei Jahre später marschiert Wiener über den Hof in der Uckermark, vorbei an Schweine- und Kuhställen, dem Hofladen und dem Haupthaus, das mit seiner mächtigen Veranda und dem Fachwerk an die alten, hochherrschaftlichen Zeiten erinnert. Darin lebt die neue Besitzerin heute mit all den Menschen, die auf dem Gut arbeiten, die füttern und ausmisten, säen und ernten, schlachten und Wurst verkaufen.

"Süßes oder Saures"

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Kourtney und Kim Kardashian
Kourtney Kardashian und Kim Kardashian verändern ihren Look sehr gerne. Natürlich finden sie da auch gefallen an Halloween.
©Gala

Von Romantik normalerweise keine Spur: Der Boden, auf dem Roggen, Weizen oder Kleegras angebaut wird, ist "hart, sandig und extrem trocken", so Wiener

"Landwirtschaft ist auch ein Lebensmodell. Deshalb wollte ich, dass möglichst viele hier wohnen", sagt Wiener und fährt fort: "Die Menschen sollen hier gern leben und mitgestalten, gemeinsam glücklich sein und leiden."

Knapp 20 Angestellte, junge und alte, zugereiste und alt eingesessene, hat sie auf dem Gut, das nun der Mittelpunkt ihres Lebens ist. Rund 700 Hektar Land gehören zu dem Anwesen, auch eine Schlachterei, eine Fleischerei, eine Buchenräucherei. Im Nordosten Brandenburgs, rund 70 Kilometer von Berlin entfernt, hat sich die Österreicherin ihren Traum erfüllt.

"Die Sehnsucht, die Kulinarik nicht nur theoretisch zu sehen, sondern auch praktisch zu erleben, hat sich wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen", erzählt Wiener. In den vergangenen Jahren dann sei der Wunsch, auf dem Land zu leben, immer mächtiger geworden. Und irgendwann, so um die 50, habe sie sich dann gesagt: "Liebe Sarah, du wirst nicht jünger. Du solltest dich sputen, Mädchen." Während andere sich in ähnlichen Lebensphasen ein kleines Ferienhaus kaufen, ein paar Hühner vielleicht oder Ziegen, unterschrieb Wiener zusammen mit einem Freund den Kaufvertrag für einen riesigen landwirtschaftlichen Betrieb.

Gut Kerkow ist nichts für Romantiker. Aber genau richtig für eine Frau, die anpacken kann. Und eine Vision hat: "Eines Tages möchte ich am Mittagstisch sitzen. Und alles, was auf dem Tisch steht, kommt von meinem Feld, aus meinem Garten, von meinen Tieren. Und ich habe es gekocht."

Nachhaltigkeit ist das Leitprinzip von Wiener. Denn: "Ohne Nachhaltigkeit gibt es keine Zukunft." Mit Schinken oder Würsten, Eiern und Rohmilch kann sie die Tafel schon heute decken. Auch mit Brot, frisch gebacken in ihrer eigenen Neuköllner Bäckerei "Wiener Brot". Die großen runden Laibe werden duftend und warm aus Berlin angeliefert, mit zurück in die Hauptstadt nimmt der Lieferant Schnitzel oder Tafelspitz für Wieners Restaurant am Hamburger Bahnhof. Alles in Bio-Qualität. Der Hof ist von Naturland zertifiziert.

Bis die ökologische Landwirtschaft aber so aussieht, wie Wiener es sich vorstellt, wird es noch mindestens zehn Jahre, so schätzt sie, dauern. "Das ist ein Lebensprojekt", stellt Wiener fest. Und eine Herausforderung für die Unternehmerin mit immer neuen Projekten: Ob ihre Cateringfirma oder verschiedene Restaurants, rund zehn Kochbücher und diverse TV-Formate – bisher suchte die Mutter eines erwachsenen Sohnes den Wandel. Auch privat, davon zeugen drei gescheiterte Ehen, die letzte mit Schauspieler Peter Lohmeyer.

Wer diese Schaffenskraft aber als Rastlosigkeit interpretiert, kennt Wiener nicht gut genug. "Ich bin zwar eine Düse, aber habe meine Inseln gehabt. Ein Teil von mir war immer zurückgezogen, langsam." Davon, dass sie in ihrem "tiefsten Inneren schon immer eine Gärtnerin" war, ist sie inzwischen überzeugt: "Es ist eine unglaubliche Erleichterung, mal im Beet zu stehen und Unkraut zu jäten, den Pflanzen beim Wachsen zuzuschauen, die Tiere zu beobachten."

Das mit Gut Kerkow zieht sie durch, daran lässt Wiener keinen Zweifel. "Das hier ist kein Experiment. Dann könnte ich es ja abbrechen", sagt sie. Stattdessen setzt sie nun Tag für Tag das praktisch um, was sie in der Theorie seit Jahrzehnten umtreibt: "Je mehr ich mich mit Lebensmitteln beschäftige, desto mehr beschäftige ich mich auch mit dem Ursprung."

Dass Lebensmittel bis zur Unkenntlichkeit verarbeitet werden, Landwirtschaft in Paragrafen gepackt und Essen zur Religion stilisiert wird, macht die Köchin zornig. Und traurig: "Wenn du den natürlichen Geschmack nicht mehr kennst, kannst du keine Sehnsucht mehr danach haben." Und so ist ihr besonders daran gelegen, Kindern gesunde Ernährung nahe zu bringen. Mit der Sarah Wiener Stiftung geht sie in Schulen, kocht und backt mit Kindern und schult Pädagogen. Wenn Mädchen und Jungen aus staubigem Mehl, glitschigen Eiern und fettiger Butter einen duftenden, lockeren Kuchen backen, geht ihr das Herz auf. "Das ist wie Zauberei, ja Magie", lacht Wiener. Für sie bedeutet Essen Freude, Sinnlichkeit und Vielfalt. "Wir sind Teil der Natur, und wir sollten natürlich essen", findet sie.

Tiere artgerecht zu halten ist ein großes Anliegen von Sarah Wiener. Sie dann auch zu essen, gehört für sie zum natürlichen Kreislauf

Noch pendelt sie zwischen ihrer Wohnung in Berlin und der Uckermark. Ob sie sich irgendwann ganz fürs Landleben entscheidet, lässt sie offen: "Ich habe aufgegeben, mir etwas vorzunehmen. Es kommt eh immer anders." Wenn ihr in Kerkow "schön, dass Sie da sind" entgegengerufen wird, fühlt sie sich wohl. "Das ist mir in Berlin noch nicht passiert." Ihre anfänglichen Bedenken, im "wilden, von Nazis regierten Osten" zu landen, haben die "offenen und freundlichen" Einwohner ohnehin längst zerstreut.

Ihr liebster Nachbar ist der NABU, der an ihr Grundstück grenzend das Naturerlebniszentrum Blumberger Mühle betreibt. "Als ich bei meinem ersten Besuch das Schild gesehen habe, dachte ich: 'Was immer hier ist, ich werde Gleichgesinnte finden.'" Inzwischen imkert sie dort ihren eigenen Honig. Und kommt so ihrem Traum vom gedeckten Tisch wieder ein Stück näher.

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