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Expertin über trans Menschen & Intergeschlechtliche "Hier wurde in der Vergangenheit viel Leid verursacht"

Expertin über trans Menschen & Intergeschlechtliche: "Hier wurde in der Vergangenheit viel Leid verursacht"
© Getty Images
Bei der "Pride Week" geht es nicht nur um Regenbogenfarben und prominente Vertreter der LGBTIQ+-Community. Es geht um Sichtbarkeit; es geht um Menschen und ihre Geschichten. Welche emotionalen Probleme unser gesellschaftliches Schubladendenken mit sich bringen kann, darüber haben wir mit einer Expertin gesprochen.

Den Pride Month gibt es bekanntermaßen nicht umsonst. Noch immer kämpft die LGBTIQ+-Community um Akzeptanz, Rechte und schlicht Aufmerksamkeit. Gerade an Letzterem fehlt es trans Menschen besonders. In der Öffentlichkeit und in den Medien spielen sie noch immer eine untergeordnete Rolle. Darüber können auch positive Beispiele wie die kürzlich zu "Germany's Next Topmodel" gekürte Alex Mariah Peter nicht hinwegtäuschen.

Noch immer fürchten trans Menschen und Personen, die sich als non-binär sehen und sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen, mit ihren Empfindungen und Forderungen nach Selbstbestimmung auf Gegenwehr und Ablehnung zu stoßen. Was das mit der Psyche eines Menschen macht – sein wahres Ich nicht vollumfänglich ausleben zu können – darüber hat GALA mit der Sozialpädagogin und Sexualberaterin Ursula Peters von der "Sebera – Sexualberatung in Köln" gesprochen. 

GALA: Welchem psychischen Druck sind trans Menschen ausgesetzt, wenn sie feststellen, dass sie trans sind? Wie wirkt sich Druck der Eltern/Familie, Freunde, Schulen/Arbeitgeber, etc. auf die Personen aus?

Ursula Peters: Transsexualität wird heute als Geschlechtsinkongruenz (Nichtübereinstimmung biologisches und gefühltes Geschlecht) oder als Geschlechtsdysphorie  bezeichnet. Diese Menschen empfinden deutlich und nachhaltig, dass ihr biologisches Geschlecht und ihr Geschlechtsempfinden gegenläufig sind. Sie fühlen sich im falschen Körper gefangen. Dies ist eine enorme psychische Belastung und häufig ist es ein langer Prozess, bis deutlich wird, wie eine Anpassung an das richtige Geschlecht aussehen soll. Nicht jeder Mensch möchte auch eine geschlechtsangleichende Operation; zunehmend werden auch Formen "dazwischen" gelebt.

"Wird meine Familie mich noch akzeptieren?"

Der Prozess des inneren und äußeren Outings ist von vielen Ängsten und Problemen begleitet: "Wird meine Familie mich noch akzeptieren?", "Was wird an meinem Arbeitsplatz passieren?", "Werde ich jemals eine Beziehung haben?", all das sind Fragen von existenzieller Bedeutung. Hier ist Unterstützung und eine Begleitung, die von Respekt und Offenheit geprägt ist, von großer Bedeutung und nicht nur eine Aufgabe des direkten Umfeldes, sondern von uns allen.

Wann ist eine geschlechtsangleichende Operation erlaubt? Welche psychologische Betreuung erfährt ein trans Mensch während des Prozesses?

Bevor die Kosten einer geschlechtsangleichenden Operation von den Krankenkassen übernommen werden, müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein. Da an diesem Prozess verschiedene Fachrichtungen beteiligt sind, gibt es Schwerpunktpraxen, in denen Betroffene Unterstützung finden können. Wichtig sind auch Peer-Beratungsstellen, die Adressen von entsprechenden Fachärzten vermitteln und den Austausch von trans Menschen untereinander möglich machen. 

Neben trans Menschen, die zumindest rein äußerlich einem bestimmten Geschlecht zugeordnet werden könnten, gibt es einen weiteren Personenkreis, der sich verstärkt mit der Frage nach der eigenen Geschlechtsidentität auseinandersetzt: intergeschlechtliche Personen. Dabei handelt es sich um Menschen, die männliche sowie weibliche primäre oder sekundäre Geschlechtsmerkmale besitzen.  

Früher haben Eltern über das Geschlecht ihrer intergeschlechtlichen Kinder schon im Säuglingsalter entscheiden können. Die Auswirkungen auf die Psyche der Menschen war zum Teil enorm. Seit Mai ist das verboten. Wie beurteilen Sie diese Gesetzesänderung? Welche (positiven) Auswirkungen werden dadurch möglich?

Intergeschlechtlichkeit bedeutet nicht nur, dass Menschen mit äußerlich nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren werden, sondern umfasst eine große Bandbreite angeborener Varianten. Und diese sind nicht so selten, wie man vielleicht annimmt.  Aus einem starren binären Geschlechterkonzept heraus war es bis vor Kurzem üblich, Säuglinge, die mit äußerlich unklarem Geschlecht geboren wurden, zu operieren. So sollte ihnen ein eindeutiges Geschlecht zugewiesen werden. Hier wurde in der Vergangenheit viel Leid verursacht, da diese Entscheidung eben nicht selten falsch getroffen wurde.

Dies ist nun gesetzlich verboten, da diese gewalttätige Praxis sowohl gegen das Selbstbestimmungsrecht als auch gegen die körperliche Unversehrtheit verstößt. Kinder bzw. Jugendliche sollen nun informiert und selbstbestimmt selbst entscheiden können, wenn sie hierzu in der Lage sind. Kritisch gesehen wird, dass zu viele Ausnahmeregelungen möglich sind. Dennoch ist es für Eltern und die Kinder sicher eine große Herausforderung, diese Uneindeutigkeit bestehen zu lassen, bis das Kind selbst eine Entscheidung für ein Geschlecht treffen kann oder sich eben auch nicht entscheidet. Es ist die Aufgabe von uns allen, den gesellschaftlichen Konformitätsdruck zu hinterfragen und diesen Menschen mit Respekt und Offenheit zu begegnen.  

Verwendete Quelle: eigenes Interview, sebera.de


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