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Sex im Alter Warum er abnimmt – und wie Sie es verhindern

In der Lebensmitte können sich Frauen mit oder ohne ihren Partner nochmal völlig neu entdecken. 
In der Lebensmitte können sich Frauen mit oder ohne ihren Partner nochmal völlig neu entdecken. 
© Shutterstock
Sex ist das beste Anti-Agingmittel, nur erleben Menschen mit steigendem Alter immer weniger Liebesnächte. Die Journalistin Heike Kleen spricht im Interview über den neuen Stress in der Lebensmitte und warum Frauen beim Orgasmus stark im Rückstand liegen.

Der Austausch von Zärtlichkeiten ist ein wahrer Jung-Booster. Das hat eine Studie des britischen Neuropsychologen David Weeks bereits in den 90er-Jahren bestätigt: Durch die Ausschüttung von Glückshormonen werden Stresshormone abgebaut. Zudem wird das Immunsystem gestärkt und der Blutdruck gesenkt.
Allerdings nimmt mit dem Alter die Anzahl wilder Nächte ab. Laut dem aktuellen Sexreport haben 50 bis 59-jährige Frauen im Jahr knapp 22 Mal Sex. Die Journalistin Heike Kleen, 44, betont in ihrem aktuellen Buch "Jung war ich früher, jetzt will ich nur noch so aussehen", dass Liebe in erster Linie Selbstliebe bedeutet. Im GALA-Interview erklärt sie, warum Sexualität in der Lebensmitte nicht zwangsläufig aufhört und dass das Problem schon in der Kindheit beginnt.

Männer werden mit dem Alter besser, Frauen werden einfach alt

Was haben Ihr 20-jähriges-Ich und Ihr 40-jähriges-Ich gemeinsam?
Eigentlich bin ich die gleiche Person, ich sehe nur anders aus und habe viel mehr Lebenserfahrung. Das Problem ist, dass Frauen viel zu sehr über das Äußere definiert werden. Das beginnt im Kindesalter, wenn Mädchen dafür gelobt werden, dass sie süß oder niedlich sind. Wenn diese Attribute aber nicht auf sie zutreffen, bekommen sie schnell einen Knacks im Selbstbewusstsein, weil die niedlichen Mädchen eben anders behandelt werden. Das Äußere einer Frau ist von klein auf mit Anerkennung verbunden. Ab 40 versuchen viele Frauen zwanzig Jahre lang wie Mitte dreißig auszusehen.  Das sehe ich in den Medien, im Freundeskreis und manchmal ertappe ich mich selbst dabei. 

Bei George Clooney sagt man: "Der wird besser mit dem Alter“. Warum sagt das kaum jemand über Frauen?
Wenn ein Mann Falten hat, wirkt er interessant. Frauen hingegen werden einfach nur als alt angesehen. Männliche Moderatoren können sich auch mit 70 noch vor die Kamera setzen und niemand sagt was dazu. Weibliche Kolleginnen versuchen sich ab einem gewissen Alter in ihrer Optik so wenig wie möglich zu verändern. Birgit Schrowange ist wohl die einzige Moderatorin, die ihr graues Haar nicht mehr versteckt.

Birgit Schrowange
© Action Press

Und knapp zwei Jahre nach der Bekenntnis zum grauen Haar, gibt sie ihr Aus bei dem RTL-Format "Extra" bekannt. Ihren Job übernimmt nun Nazan Eckes.
Hoffentlich wurde diese Entscheidung nicht wegen ihrer grauen Haare getroffen! Wenn Birgit Schrowange sagt, dass sie sich nun mehr auf ihr Privatleben konzentrieren möchte, meint sie damit vermutlich ihre Partnerschaft und ihre eigenen Bedürfnisse. Das ist wunderbar. Aber normalerweise treten Frauen dem Privatleben zuliebe ja eher kürzer, wenn die Kinder noch klein sind, oder?

Der neue Stress in der Lebensmitte

 Wenn Frauen Mitte 40 oder 50 sind, brauchen die Kinder in den meisten Fällen keine 24-7-Betreuung mehr und auf der Karriereleiter sind sie auch nicht mehr ganz unten. Trotzdem schreiben Sie im Buch, dass Frauen einen gewissen neuen Stress haben. Warum ist das so?
In der neuen Stressphase bemerkt eine Frau, dass sie nicht mehr jung ist, dass ihr Körper sich plötzlich verändert, obwohl sie alles so macht wie immer – das kann schon wehtun. Wer sich bis dahin häufig über das Äußere definiert hat, versucht den jungen Look zu erhalten. Weil sie sich vorher aber häufig über ihr Äußeres definiert hat, versucht sie den jungen Look zu erhalten. Das ist natürlich extrem viel Arbeit. Erst mit Ende 60 werden Frauen wieder entspannter mit ihrem Aussehen und bekommen dadurch eine ganz andere Ausstrahlung. Greta Silver hat zum Beispiel graues Haar und Falten, aber sie strahlt von Innen. Dann gucke ich mich um und suche Frauen im Alter von 50 mit dieser Ausstrahlung. Ich finde sie kaum, weil alle angestrengt versuchen, wie 39,5 auszusehen. 

Greta Silver ist Podcasterin und Bestager-Model.
Greta Silver ist Podcasterin und Bestager-Model.
© Getty Images

Ich bekomme von Frauen häufig den gutgemeinten Rat, die Beine nicht übereinander zu schlagen, weil es später Krampfadern gebe. Oder die Stirn nicht runzeln, weil die Falten sonst so bleiben. Durch solche Kommentare wird der nächsten Generation die Angst vor dem Alter ja förmlich in den Kopf gepflanzt, oder?
Absolut! Bei einer Tochter schauen Mütter auch eher aufs Gewicht und achten darauf, dass sie nicht moppelig wird. Mütter ahnen vermutlich, dass es die Töchter als Frauen einfacher haben, wenn sie gewisse Kriterien der Gesellschaft erfüllen. Sie denken, dass sie ihnen damit einen Gefallen tun. Aber das Gegenteil ist langfristig der Fall.

Laut Zahlen der Bundesregierung ist jedes zweite Mädchen im Grundschulalter bereits unzufrieden mit seiner Figur.
Und darauf würde ein Kind von sich aus nie kommen. Dieses Verhalten wird von den Müttern adaptiert. In dem Film "Embrace – Du bist schön“ möchte sich die dreifache Mutter Taryn Brumfitt Fett absaugen lassen und anderen Schönheitsoperationen unterziehen. Dann macht sie es doch nicht, weil sie feststellt, dass es nicht die Botschaft ist, die sie ihrer Tochter übermitteln will.

Sex als Anti-Agingmittel 

Im Buch zitieren Sie den Neuropsychologen David Weeks, der belegt, dass Sex das beste Anti-Agingmittel ist. Ab einem gewissen Alter teilen sich die Frauen in zwei Lager: Die einen haben gar keine Lust mehr und die anderen entdecken sich nochmal richtig neu. Welches Kriterium ist ausschlaggebend dafür, in welches Lager eine Frau zieht?
Selbstliebe bedeutet auch Körperliebe. Besonders ältere Frauen kennen ihren Körper gar nicht besonders gut und wissen nicht, wie sie am besten zum Orgasmus kommen. Oft hatten diese Frauen auch nie besonders guten Sex, der sie auch befriedigt hat. Diese Frauen haben im Alter eher weniger Lust und sind auch mit der abnehmenden Lust des Partners nicht unzufrieden. Entscheidend ist wohl, ob eine Frau zu ihrem Körper steht.

Woher kommt es, dass Frauen den eigenen Körper nicht kennen?
Studien zum Thema Masturbation zeigen, dass Frauen sich deutlich seltener selbstbefriedigen, weil sie es nie gelernt haben oder es lernen durften. Wenn sich ein kleiner Junge zwischen den Beinen erkundet, ist es normal. Bei Mädchen heißt es: "Igitt, fass dich da nicht an!" Umso schöner ist es, dass es nun Masturbationskurse für Frauen gibt und das Thema aufgeholt wird. 

Diese Frauen haben die 60er-und 70er-Jahre erlebt. Da ging es bekanntlich ziemlich wild zu. Konnte sich da nicht jeder sexuell ausprobieren?
Das könnte man meinen, die Frauen fühlten sich sicherlich nicht so wie heute von Schönheitsidealen unter Druck gesetzt, aber sie wurden viel stärker als Sexobjekt betrachtet und hatten wenig zu melden.

Und daher kommt es vermutlich, dass Frauen auch heute noch gewisse sexuelle Rollen in der Gesellschaft zugeteilt werden. Mütter sollen zum Beispiel eine "Milf" sein. 
Dieser Begriff macht mich rasend! Er bedeutet wörtlich "Mother I would like to fuck”. Also eine Mutter, die man gerne flachlegen würde. Die Wenigsten wissen, dass dieser Begriff ursprünglich aus der Pornoindustrie stammt. Die Porno-Regisseurin Erika Lust hat mir allerdings erklärt, dass Milfs selbst in Pornos von jungen Frauen verkörpert werden. Es irritiert mich, dass einige Frauen den Begriff als Kompliment sehen. Veronica Ferres hat in einem Interview zum Beispiel stolz erzählt, dass sie laut ihrer Kinder die perfekte Milf sei. Aber sollte man darauf stolz sein? Mütter haben ein Leben zur Welt gebracht und somit etwas Fantastisches geleistet, worauf sie stolz sein können. Trotzdem sollen sie in erster Linie straff und sexy aussehen und zwar so, dass man sie auf der Stelle flachlegen möchte.

Sex steht also nur sehr selten in Verbindung mit dem Durchschnittskörper einer Frau. Im Buch schreiben Sie auch von Ihrer Erfahrung, als Sie den Film "Wolke 9“ gesehen haben: Eine 70-Jährige verliebt sich in einen 80-Jährigen und es entfacht die pure Leidenschaft – auch sexuell. Warum gucken wir erstmal stutzig, wenn wir ältere Menschen so intim sehen?
Wir sind es nicht gewöhnt. Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, saß ich morgens um halb 10 in der Pressevorführung und plötzlich baumelte ein überdimensionaler Penis eines 80-Jährigen auf der Leinwand. Von jetzt auf gleich war ich wach. Aber Fakt ist, dass Liebe natürlich kein Alter kennt, das habe ich im Laufe des Films begriffen. Im Gegenteil: Es ist wunderschön, wenn Frau und Mann dann noch ein gutes Körpergefühl haben und sich miteinander so wohlfühlen.

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Welche Fragen Sie sich in der Lebensmitte wirklich stellen sollten

Können Sie konkret formulieren, was sich ändern sollte?
Ich wünsche mir, dass Frauen in der Lebensmitte sich nicht mehr so viele Gedanken machen, wie sie auf andere wirken. Sie sollten sich in dieser Zeit eher fragen, was sie vom Leben wollten, ob sie all ihre Ziele erreicht haben und was sie sich für die nächste Lebenshälfte vornehmen. Wir werden mittlerweile immer älter und so ist mit 40 oder 50 Jahren tatsächlich erst die Hälfte um. Das Beste kommt womöglich noch, freuen wir uns darauf! 

Die Journalistin Heike Kleen räumt in ihrem Buch und in ihrer Serie "Aktenzeichen XX" auf "Spiegel Online" mit Rollenklischees auf. 
Die Journalistin Heike Kleen räumt in ihrem Buch und in ihrer Serie "Aktenzeichen XX" auf "Spiegel Online" mit Rollenklischees auf. 
© Verena Brockshus Sprung

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