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Pari Roehi "Wir trans Menschen sind keine Witzfiguren"

Pari Roehi
Pari Roehi
© Getty Images
Pari Roehi war 2015 das erste Model, dass bei "Germany’s Next Topmodel“ das Thema "trans" auf den Plan brachte. Seitdem ist viel passiert. Trans Frauen nehmen regelmäßig an der Show teil. Die Betitelung ihrer eigenen Person aber auch der anderen Teilnehmerinnen als "trans Model" lehnt Roehi aber ab. Warum? Das und mehr verriet sie uns im Interview.

Pari Roehi war Teilnehmerin der zehnten Staffel von Heidi Klums "Germany's Next Topmodel"; sie ist Model; sie ist eine Frau. Dass sie einst im Körper eines Jungen zur Welt kam, spielt dabei keine Rolle. Doch auch wenn sie Kategorien wie "trans Model" ablehnt, ist sie stolz auf ihre Geschichte und verheimlicht sie nicht. Im Rahmen ihrer Kooperation mit dem Erotik-Unternehmen "Beate Uhse" sprach GALA mit ihr über ihr Leben, ihre TV-Erfahrung und ihre Beweggründe, warum sie Teil der Kampagne "Freiheit für die Liebe" sein wollte. 

GALA: Bei "Germany’s Next Topmodel" hast du als erste trans Frau in diesem Rahmen deine Geschichte mit den Zuschauern der Show geteilt. Damals hat das noch für einigen Wirbel gesorgt. Seitdem hat sich die Sendung weiter geöffnet, steht für Diversity. Fühlst du dich als Vorreiterin? Bist du stolz?
Pari Roehi:
Ich bin SO stolz! Ich könnte weinen, wirklich. Ich werde sehr emotional, wenn ich darüber rede. Ich habe damals gesagt, ich wünsche mir, dass jedes Jahr ein trans Mädchen bei GNTM mitmacht und nicht darüber gesprochen wird; dass es kein Thema ist. Knapp ein Jahr später hat in den Niederlanden ein trans Mädel die Show gewonnen. In Deutschland nimmt inzwischen jedes Jahr ein trans Mädchen an GNTM teil und es wird kein Pipapo drüber gemacht. Wir sind einfach ein Teil der Gesellschaft und es wird nicht weiter darüber geredet. Natürlich ist es wichtig, Bildung zu vermitteln und über bestimmte Dinge zu reden, aber wir müssen keinen Zirkus mehr daraus machen. Da bin ich sehr stolz drauf und wir gehen auf jeden Fall in die richtige Richtung.

Was muss sich in der deutschen Medienlandschaft ändern in Bezug auf die Darstellung aber auch auf die Präsenz von trans Menschen?
Trans Menschen müssen in den Medien ernst genommen werden. Wir werden nur aufgrund unserer Körper beurteilt. Es werden immer nur Fragen über meinen Körper gestellt, über mein Geschlecht. Das nervt mich einfach. Das Geschlecht definiert mich nicht als Mensch; ich habe mehrere Facetten. Diese Denkweise existiert in den Medien seit Hunderten von Jahren. Früher wurde geschrieben, dass ein trans Mensch fake ist. Dass er jemand ist, der andere betrügen möchte. Im Film "Die Maske" küsst Jim Carrey eine Frau. Als er herausfindet, dass diese Frau mal ein Mann war, spült er sich seinen Mund mit Seife aus, kotzt, wird krank. Leute und Kinder sehen das – was lernen sie? Trans Menschen sind schmutzig; man wird krank.

Die Medien haben uns immer als Witzfiguren dargestellt. Man sieht "Jerry Springer" und man sieht, wie trans Menschen kämpfen und um einen Mann streiten. Es wurde immer ein Zirkus daraus gemacht, wie trans Menschen dargestellt werden. Jetzt ist es genug. Wir sind keine Witzfiguren! Wir sind mehr als das, was präsentiert wird.

In den letzten fünf, sechs Jahren hat es sich langsam geändert. Es wird positiver. Aber wir sind noch lange nicht fertig. Noch vor fünf Jahren habe ich viele Interviews gegeben, in denen es nur um meinen Körper und meine Operation ging. Trans Frau hier, trans Model da – ich bin ein Model, fertig!

Du gehst seit jeher sehr offen mit deiner Geschichte um. Welche Rolle spielt dabei die Tatsache, dass du in den liberalen Niederlanden aufgewachsen bist? 
Was in den Niederlanden gut gemacht wird, ist, dass über das Thema sehr offen gesprochen wird. In den Medien, in der Schule. Der Fokus ist dabei nicht die Operation, was in Deutschland oft das Hauptthema ist. Zu oft liegt der Fokus auf dem Körper und nicht auf dem Geist. Ich glaube, die psychologische Begleitung, die man in den Niederlanden bekommt – das wird unglaublich gut gemacht. Ich hoffe, dass das in Deutschland auch bald so sein wird.

Noch vor ein paar Jahren wurden Menschen als geisteskrank bezeichnet, wenn sie sich mit ihrem eigenen Körper nicht identifizieren konnten. Das ist für mich unglaublich. Wir können generell viel voneinander lernen. Es sollte einfach alles viel leichter und positiver werden.  

Wie fühlt es sich an, im falschen Körper gefangen zu sein?
Nehmen wir das Beispiel eines Ladens, der Butter verkauft. Draußen sieht die Verpackung aus wie Butter, aber innen ist Käse drin. Man macht die Butter auf und es ist Käse drin. Irgendetwas ist nicht richtig daran. Du fühlst dich wie eine Frau; du redest wie eine Frau; dein Kopf denkt wie der einer Frau. Doch dein Körper und dein Aussehen funktionieren nicht so, sehen nicht so aus, wie die Gesellschaft es dir sagt. Sie sagen dir, dass du nicht so bist, wie du sein sollst. Es fühlt sich an wie ein Gefängnis.

Ich hatte selbst das Glück, dass ich sehr tolle Eltern habe, die mich akzeptiert haben. Ich konnte mich frei bewegen. Nur in der Schule und draußen haben Leute negativ darauf reagiert. Es waren Außenstehende, die mich darauf hingewiesen haben, dass ich "anders" bin. Du bist nicht wie die anderen Jungs oder die anderen Mädels – es stimmt was nicht. Aber zu Hause war ich einfach Pari. Ich wurde geliebt. Es ist der Druck von Außen, der es trans Menschen schwierig macht.

Hat man während des Prozesses oder kurz vor der Operation jemals Zweifel daran, ob der Weg der richtige ist?
Hormonbehandlung und eine Operation sind immer die letzten Schritte. Bis sich jemand bei einem Psychologen oder einer Klinik anmeldet, ist es ein Prozess von mehreren Jahren. Es ist nicht so, dass man dort anklopft und sie sagen: 'Hier hast du ein Päckchen Hormone und in einem Monat wirst du operiert.' Ich habe mich mit 14 Jahren in einer Genderklinik in Amsterdam angemeldet und mit 19 Jahren hatte ich erst meine Operation. Da gab es keine Zweifel.

Wie fühlt sich dann die erste sexuelle Erfahrung an, wenn man nach der geschlechtsangleichenden Operation endlich im richtigen Körper steckt?
Befreiend – vor allem wirklich befreiend. Es ist schön. Aber ich habe die Operation nicht gemacht, weil ich Sex wollte. Ich wollte mich im Spiegel angucken und mich erkennen. Sexualität war eine Nebensache. Es ist natürlich schön, wenn du das auch mit einem Partner teilen kannst. Psychologisch war es eine Befreiung.

Was würden Sie Eltern raten, wenn sie den Verdacht hegen, trans zu sein?
Erster Tipp – mach es nicht, wie es meine Mama gemacht hat. (lacht) Sie hatte nicht die richtige Bildung und ist natürlich auch keine Psychologin und wusste nicht, wie sie mit ihrem Kind darüber reden sollte. Ich würde Eltern raten, sehr offen mit Geschlechtsidentitäten ihrer Kinder umzugehen. Es wäre wünschenswert, wenn sie mit ihren Kindern ohne in Schubladen zu denken ein gutes Gespräch führen, ein sehr offenes Gespräch. Vielleicht nehmen sie ein Buch dazu und quatschen ganz ohne Vorurteile darüber. Lass das Kind einfach reden und höre zu. Das machen Erwachsene oft nicht.

Das Geschlecht definiert ein Kind nicht. Ein Kind hat mehrere Facetten. Man kann weiblich sein und einen Penis haben. Man kann männlich sein und eine Vagina haben. Das Geschlecht definiert nicht, wer oder was ich bin.

Mit der Kampagne "Freiheit für die Liebe" hat sich das Unternehmen "Beate Uhse" im Geiste seiner Gründerin neu erfunden. Die Zusammenarbeit mit starken Rolemodels wie Pari Roehi, aber auch Paula Lambert und Maria Astor soll die Botschaft nach Außen tragen. Für Roehi bedeutet der Slogan vor allem, "Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind – ohne Erwartungen zu haben und sie ändern zu wollen."

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Was hat dich dazu bewogen, die Kooperation mit Beate Uhse einzugehen?
Wir sind beide Kämpferinnen für die Liebe. Wir glauben, dass die Liebe überwiegt. Beate war eine Kämpferin und das hat sie so weit gebracht in ihrem Leben. Ihre Geschichte ist so inspirierend für mich persönlich als Frau. Was sie geschafft hat für sich selbst und für so viele andere. Sie hat Türen für uns eingetreten. Damit wir heute die freie Liebe leben können; dass wir frei entscheiden können. Leider sind wir noch nicht komplett am Ziel. Wir haben immer noch Männer, die für uns entscheiden, was wir mit unserem Körper machen. Wenn es beispielsweise um Abtreibung oder die Pille geht, sexuelle Vorlieben und solche Geschichten.

Verwendete Quelle: eigenes Interview

Gala


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