Kleidung für und von Menschen mit Behinderung: Wie einzigNaht die Modewelt umkrempelt

In unserem Projekt "GALA - We Are Family" beleuchten wir das Familienleben mit all seinen Höhen und Tiefen. Heute sprechen wir mit Christian und Sandra Brunner, den Gründern des Modelabels einzigNaht, das in Handarbeit Kleidung für Menschen mit Behinderung produziert.

einzigNaht wurde vom Ehepaar Christian und Sandra Brunner für die besonderen Bedürfnisse von Tochter Laura gegründet.

250.000 Kinder in Deutschland haben einen Bedarf an individueller Kleidung. Ihr Label „einzigNaht“ richtet sich genau an diese Kinder und ihre Familien. Wie wird Ihre Arbeit von Freunden, Bekannten und der Öffentlichkeit aufgenommen?

Wir sind überwältigt von einer tollen Resonanz. Eltern, die wirklich dringend nach passender Kleidung für ihre Kinder, die eine Behinderung, ungewöhnliche Proportionen oder spezielle Bedürfnisse haben, freuen sich. Insbesondere deshalb weil sie sich von uns verstanden fühlen und wir ihre Sprache sprechen. Freunde und Bekannte unterstützen uns wo sie können und freuen sich über die Entwicklung von einzigNaht. Und ganz besonders sind wir gerührt, Menschen zu erreichen, die keinen Bedarf an unserer Kleidung haben – aber einem Kind mit Behinderung durch eine Näh-Patenschaft ein Kleidungsstück ermöglichen. Sie sagen oft, dass sie durch uns erst auf die herausfordernde Situation von pflegenden Eltern aufmerksam geworden sind. Und genau das treibt uns weiter an: Mehr Gehör und Verständnis für Menschen mit Handicap nach außen zu tragen. Wir möchten damit in unserer Gesellschaft mehr Offenheit für besondere Situationen von Familien und mehr Toleranz schaffen und dazu ermutigen, Inklusion in unserer Gesellschaft wirklich umzusetzen und zu leben.

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©Gala

Auslöser für die Gründung von einzigNaht war die Geburt Ihrer Tochter, die mit dem Williams-Beuren-Syndrom zur Welt kam. Wie findet sie Mamas und Papas Kollektionen? 

Wir hatten das Gefühl, dass sie sich unwohl in ihrer damaligen Kleidung fühlte, und Laura hatte zudem oft gereizte Haut. Mit der individuellen Kleidung, vorwiegend aus einem Wolle-Seide-Gemisch spüren wir, wie sie sich freut, die Welt zu entdecken. Sie ist neugierig, offen und kann sich so bewegen, wie sie möchte.  Wir als Eltern haben wieder Freude sie anzuziehen, denn es passt und sieht einfach normal aus. Es ist so schön, genau die fröhlichen Designs an unserer Laura zu sehen, die ihr stehen.

Gleichzeitig wird ihre Entwicklung durch optimale Passform der Kleidung gefördert. Genauso wie das Chamäleon in unserem Logo sich optimal an seine Umgebung anpasst, soll unsere Kleidung individuell dem Kind passen. Somit ist es ein positives Wechselspiel von Lauras und unseren Emotionen, die wir durch die Kleidung wahrnehmen. Und genauso soll es für jedes Kind und seine Eltern sein. Die Kleidung muss sich dem Kind anpassen und nicht das Kind der Kleidung. Das ist unser Ziel.

Ein gesamtes, maßgeschneidertes Wolle-Seide-Outfit kostet bei einzigNaht 192 Euro. Jegliche Sonderwünsche für einen bequemen Tragekomfort werden vom Team individuell umgesetzt.

Wie wird Ihr Angebot der „Näh-Patenschaft“ angenommen? 

Familien mit Eltern, die ihre Kinder pflegen, leben oft versteckt. Sie haben hohe Belastungen, wechseln zwischen Pflege und einer Arbeitsstelle hin und her. Diese Familien erhalten nur einen Bruchteil der Unterstützung, die sie eigentlich bräuchten. Deshalb freut es uns umso mehr, dass seit Anfang des Jahres viele Menschen, die kein Kind mit Handicap haben, auf uns zukommen und fragen, wie sie diese Familien unterstützen können. Und so entstand die Idee für unsere Näh-Patenschaften. 

Mit einer Näh-Patenschaft ermöglicht eine Person die Fertigung eines Kleidungsstück für ein Kind mit Behinderung. Näh-Paten übernehmen die Rechnung für ein dringend benötigtes Kleidungsstück für ein ihnen nicht bekanntes Kind, sozusagen ein Geschenk aus der Ferne. Jedes Mal, wenn wir die Paten zuteilen, haben wir vor Glück Tränen in den Augen. Etwa ein Fünftel unserer Kleidung können wir mittlerweile durch Näh-Patenschaften realisieren. Meistens sind es ganz bescheidene Familien, die oft nur einen Body bestellen, wir aber merken, dass sie eigentlich mehr für ihr Kind bräuchten. Wir schlagen ihnen dann vor, diese Geste anzunehmen. Da wir sehr nah an unseren Kunden dran sind, ist es wunderschön, auch diese glücklichen Momente der Eltern mitzuerleben oder Fotos zu bekommen von ihren fröhlichen Kindern mit unserer Kleidung. 

Was wünschen Sie sich von der Politik, wie sie das Leben von Familien mit Handicap erleichtern könnte? Welche Hürden und/oder Ungerechtigkeiten gibt es?

Laura kam mit dem Williams-Beuren-Syndrom zur Welt und benötigt wie viele Tausend Menschen in Deutschland besondere Kleidung.

In den fast vier Jahren mit Laura sind wir so einigen Geschehnissen in der Politik begegnet. Ein ganz großer Wunsch ist das Fürsorgegehalt. Sobald sich Eltern dazu entscheiden, ihr Kind zu Hause zu pflegen, fällt mindestens ein Familieneinkommen weg und teilweise sogar noch ein Drittel des zweiten Einkommens. Diese Ausfälle werden vom Staat nicht aufgefangen. Es wird zwar für die pflegende Person die Kranken- und Rentenversicherung übernommen, aber das war es dann auch schon. Diese finanzielle Situation schlägt dann schnell in Existenzängste um. Es wäre wunderbar, wenn zumindest die Angst - neben den generellen Sorgen um das Kind - nicht mehr da wäre.

Ein weiterer Wunsch ist die Beseitigung des akuten Mangels an Pflegepersonal. Sei es in Kliniken, in der ambulanten Pflege, in der Alltagspflege, in der persönlichen Assistenz, etc. Viel zu oft stehen Betten in Kliniken leer und Familien mit schwerkranken Kindern müssen vertröstet werden, weil nicht ausreichend Personal da ist. Viel zu oft müssen Kinder dem Kindergarten oder der Schule fern bleiben, weil ihre persönliche Pflegekraft oder Assistenz Urlaub hat oder krank ist. Es gib keine Vertretung.

Wir holen Pflegekräfte aus andern Ländern, anstatt unserem eigenen Pflegepersonal eine respektvolle Entlohnung, einen vernünftigen Dienstplan und eine Wertschätzung entgegen zu bringen.

Dafür sollten sich Deutschland und ganz besonders Herr Spahn schämen. Wir möchten auch keine Bittsteller mehr sein. Egal ob es bei einer Behörde ist, der Krankenkasse oder Pflegekasse, um die Beantragung von Hilfsmitteln, die Einstufung in den Pflegegrad, den Antrag auf einen Parkausweis oder ähnliches geht. So oft wird uns das Gefühl vermittelt, dass wir unangenehme Bittsteller sind und zum Bettler für das Bedürfnis unserer Tochter werden. Da sitzen Menschen über den Anträgen, die teilweise überhaupt keine Ahnung haben, was unser Kind hat. Weder halten sie in ihrer Ausbildung Informationen über seltene Erkrankungen, noch bringen sie unserem Kind oder uns als pflegenden Eltern den notwendigen Respekt entgegen. Viel zu oft erfahren wir Ablehnung und müssen Widersprüche einlegen, um für die alltäglichsten Dinge zu kämpfen, die sie einfach braucht.

Wie viel Zeit nimmt einzigNaht inzwischen pro Woche ungefähr ein? Könnten Sie sich vorstellen, das Business hauptberuflich zu betreiben, wenn es genügend Abnehmer findet?

Wir haben am Beginn ganz klein angefangen und beide in Teilzeit für einzigNaht gearbeitet, denn wir wollten realistisch sein. Heute sind wir überwältigt, wie viel positiven Einfluss wir von außen hatten, unter anderem den Gründerpreis 2019 der Wirtschaftsjunioren Hamburg. Deshalb arbeitet Sandra seit Mitte 2019 in Vollzeit für einzigNaht, Christian in Teilzeit. einzigNaht gibt uns die Flexibilität unser Leben so zu leben, wie wir es mit allen Bedürfnissen unserer vierköpfigen Familie vereinbaren können. In vielen Jobs ist Flexibilität leider oft noch Mangelware. Aber gerade für unsere besonderen Bedürfnisse in der Familie ist das unabdingbar.

Der seltene Gendefekt von Laura hat unser gesamtes Leben auf den Kopf gestellt. Aus vielen Sorgen, Existenzängsten und Verzweiflung ist etwas ganz Tolles entstanden. Wir haben durch Lauras Williams-Beuren-Syndrom eine neue Welt kennen gelernt und sehen Vieles mit anderen Augen. 

Christian, Ihre Businessexpertise stellt die Firma auf eine solide Grundlage und Sie achten darauf, wirtschaftlich zu arbeiten. Wie läuft es derzeit mit der Finanzierung, konnten Sie alle Ziele erreichen? Was kann man 2020 von einzigNaht erwarten? 

Wir treffen grundsätzlich die strategischen und finanziellen Entscheidungen gemeinsam, haben aber unterschiedliche Schwerpunkte und Begabungen, die sich wunderbar ergänzen. Im nächsten Jahr möchten wir unser Hamburger Näh-Atelier erweitern und suchen aktuell MitarbeiterInnen mit Behinderung, die wir einstellen. Diese Menschen sprechen unsere Sprache: Sie fühlen und denken wie unsere Kunden. Wir möchten ihnen eine Perspektive geben und ihre Erfahrungen mit in unser Unternehmen einfließen lassen. Wichtig ist uns die Identifikation mit unserer Vision: "Inklusion nahtlos gestalten".

Weiterhin werden wir bei Gesetzlichen Krankenkassen dafür werben, unsere Kleidung in ihren Hilfsmittelkatalog aufzunehmen. Unser Ziel: Kleidung auf Rezept für Kinder mit Handicap. Jeder Mensch sollte das Recht auf passende und schöne Kleidung haben. Unsere Kleidung unterstützt die Entwicklung eines Kindes und schützt ebenso die Intimität: Kinder und ihre Eltern werden nicht mehr angestarrt, weil beispielsweise Schläuche aus der Kleidung heraushängen oder das Kind in Kleidern herumläuft „wie in einem Sack“. Passende und modische Kleidung hat ebenso positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden und Selbstbewusstsein dieses Kindes – und wiederum positive Effekte auf seine Entwicklung und Förderung. 

Finanziell möchten wir uns 2020 noch breiter aufstellen, um mittelfristig ins Ausland expandieren zu können. Allerdings ohne Investoren, bei denen die Rendite im Mittelpunkt steht. Finanzieller Erfolg ist uns wichtig, um auch morgen noch für unsere Kunden da sein zu können, aber nicht oberstes Ziel. Wir wollen in Deutschland produzieren und ein Outsourcing in Billiglohnländer kommt für uns nicht infrage. Wir wollen nachhaltig sein und ebenso faire Bedingungen in unserer gesamten Wertschöpfungskette schaffen. Wenn wir für Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für Menschen mit Behinderung kämpfen, müssen wir ebenso die Betroffenen unseres Handels und Unternehmens berücksichtigen. Dies ist unser ganzheitlicher Ansatz, den wir verfolgen.

Aktuell rufen wir zudem die „Stiftung einzigNaht e.V.“ ins Leben, um unsere Näh-Patenschaften noch auszubauen. Dieses Geld soll Kindern mit Behinderung zufließen, deren Eltern nicht die finanziellen Mittel haben, um ihre Kinder einzukleiden, obwohl sie dringend funktionale Kleidung brauchen. Ebenso wollen wir weitere Angebote für diese Familien unterstützen und initiieren. So stehen z.B. Geschwisterkinder von Kindern mit Handicap zumeist „im Schatten“ und erhalten weniger Aufmerksamkeit. Deshalb sind  Freizeitangebote speziell für diese Geschwisterkinder uns hier ein besonderes Anliegen.  

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