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Regenbogenfamilie mit Pflegekind "Wir wurden gefragt, zu wem Lukas Mama sagen wird"

Bjoern, Lukas und Christian sind eine glückliche Regenbogenfamilie.
Bjoern, Lukas und Christian sind eine glückliche Regenbogenfamilie.
© Privat
In unserem Projekt "GALA - We Are Family" beleuchten wir das Familienleben mit all seinen Höhen und Tiefen. Heute geben uns die Regenbogen-Papas Bjoern und Christian Einblicke in ihr Leben mit Pflegesohn Lukas.

Jede Woche erzählen Bjoern und Christian im Projekt "Eltern wie wir" ehrlich und offen über ihr Familienleben als schwules Ehepaar und Pflegeeltern des kleinen Lukas. Mit uns sprachen die sympathischen Männer über Vorurteile, Emotionen und ihre Rollen in der Gesellschaft.

Ihr Pflegesohn Lukas lebt seit über einem Jahr bei Ihnen. Was bedeutet es für Sie, Eltern zu sein?

Wir hatten vor einem Jahr noch keine Ahnung, was es bedeutet, Eltern zu sein. In jeglicher Theorie und Vorstellung waren wir vorbereitet. Am Ende wissen wir erst heute, wie herausfordernd, anstrengend, aber eben auch schön dieser Fakt und die zugehörigen Gefühle sind. Sehr oft haben und machen wir uns viel zu viele Gedanken. Bei allen schwerwiegenden Entscheidungen, die das Kind betreffen, hat Lukas uns bisher gezeigt, wie unglaublich verkopft wir oft waren. Er marschiert durch all diese Phasen und scheint manchmal uns an die Hand zu nehmen und zu führen. Wir sind stolz, diesen sehr aktiven Weg der Entscheidung Eltern zu werden gegangen zu sein und wir sind stolz, dass man uns das Vertrauen geschenkt hat. Wir durften mit Lukas Zuzug das Wort Glück völlig neu definieren.

Nimmt Lukas mit seinen zwei Jahren schon wahr, dass seine Familie anders ist als das klassische Mutter-Vater-Kind-Modell? 

Für Lukas ist unser Familienmodell völlig normal, er stellt es nicht in Frage. Er nimmt auf der Straße seine beiden Papas an der Hand, er ruft auf dem Spielplatz nach Papa und Papi. Er ist stolz, wenn er zu einem anderen Kind sagt: „Mein Papa“. Sehr interessiert fragt er momentan aber die Konstellationen anderer Eltern ab. Wir müssen ihm immer erklären, welcher Papa, welche Mama zu welchem Kind bei Freunden, Bekannten und in der Kita gehören. Uns ist sehr wichtig, dass er früh lernt, dass auch er eine Mama hat und wir eben seine Herzens-Papas sind. Damit hier sein direktes Umfeld möglichst wenig oder gar keinen negativen Einfluss hat, haben wir z.B. sehr aktiv dafür gesorgt, möglichst gut in unserem Dorf integriert zu sein. Noch ist er viel zu jung, aber spätestens im Kindergarten könnten Vorurteile oder belastende Fragen auftauchen. Dem wollen wir durch rege Teilnahme an Events, Kinderturnen, Weihnachtsmarkt und Co. in unserem Dorf entgegenwirken. Wir wollen zeigen, dass wir eine völlig normale Familie sind. 

Sie sagten selbst, dass Sie sich anfangs kein Pflegekind vorstellen konnten aus Angst vor einem gebrochenen Herzen. Wie lebt man mit der Angst, dass diese glückliche Familie auseinandergerissen werden könnte?

Wenn man sich für ein Pflegekind entscheidet, dann sind die Gedanken an die leiblichen Eltern und auch ein mögliches Loslassen immer ein Teil des Familienlebens. Dabei ist aber unglaublich wichtig, dass diese das Leben eben nicht bestimmen. Lukas hat ein Recht auf ein unbeschwertes, liebevolles und behütetes Aufwachsen, das wollen wir auf keinen Fall durch unsere eigenen Befürchtungen irgendwie beeinflussen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass man als Paar gemeinsam über genau diese Gedanken spricht, sie aber nicht dauerhaft in den Vordergrund lässt. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir loslassen müssen, ist sehr gering. Manchmal hilft es, genau daran zu denken. Wir würden ihn nicht kampflos gehen lassen, am Ende ist es das Wichtigste, dass es ihm mit jeglicher Entscheidung gut geht. Und ja, trotzdem kann der Gedanke Angst erzeugen. Oft sind es die ganz kleinen, schönen Momente, in denen man daran denken muss.

Papa Bjoern, Papi Christian und Pflegesohn Lukas sind ein eingespieltes Team.
Papa Bjoern, Papi Christian und Pflegesohn Lukas sind ein eingespieltes Team.
© Privat

Als homosexuelles Paar lebte man in Deutschland viel zu lange wie ein Paar zweiter Klasse. Mit der Ehe für alle wurden neue Wege beschritten, aber reicht das? Fühlt ihr euch wertgeschätzt und vom Staat unterstützt?

Leider stehen wir beim Thema Regenbogenfamilien noch ganz am Anfang und es wird Jahrzehnte dauern, bis diese zur Normalität gehören. Rechtlich hat sich viel getan, aber in den Köpfen der Gesellschaft ist dieses Modell bisher nicht ansatzweise angekommen. Selbst für uns gehört das visuelle Bild – zwei Papas oder zwei Mamas und ein Baby – nicht zur Normalität, wenn auch wir uns unendlich freuen, wenn wir eine Regenbogenfamilie auf der Straße sehen. Genau dieses Bild sollte vom Staat noch viel mehr verbreitet werden.  Allein die Jugendämter - egal ob für Adoption oder eine Pflegschaft - sollten viel besser geschult und vorbereitet werden. Viele Standardfragen zielen nur auf das „alte“, klassische Familienmodell ab.

Wir wurden zum Beispiel gefragt, zu wem das Kind bei uns Mama sagen wird. Das hat wenig mit Wertschätzung zu tun. Am Ende ist es doch völlig egal, ob Mama und Papa, Papa und Papa oder Mama und Mama, oder eben ein ganz anderes Familienmodel gelebt wird. Es geht um Liebe, Geborgenheit und Zuneigung. Dem Kind ist es völlig egal, von wem es geliebt wird, es ist einzig und allein die Gesellschaft, die die Macht hat, daraus etwas Negatives werden zu lassen. 

Familie ist, was du draus machst. Ihr habt euch zum Ziel gesetzt, Regenbogenfamilien viel stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Wie sind denn die Reaktionen – ob im persönlichen Miteinander oder digital – auf euren Männerhaushalt?

Im persönlichen Miteinander erfahren wir durchweg Positives. Egal ob bei Familie, Freunden, in unserem Dorf oder auch einfach nur auf der Straße. Die Menschen sind eher neugierig und schauen uns an – ein Zustand, den wir als homosexuelles Paar gewohnt sind. Neugierde ist gut, Neugierde kann befriedigt werden. Wenn es negative Stimmen gibt, bekommen wir diese im direkten Miteinander bisher nicht mit. In den Anonymität der digitalen Medien sieht es anders aus. Auch, wenn sich die Communities meist selber regulieren, gibt es vereinzelt Aussagen, die schlichtweg jeglichen Verständnisses entbehren.

Einer für alle, alle für einen: Für Lukas sind seine beiden Papas die Besten.
Einer für alle, alle für einen: Für Lukas sind seine beiden Papas die Besten.
© Privat

Gott habe nur Mann und Frau gewollt, Lukas würde später auch schwul werden, bis hin zu Anfeindungen haben wir schon einiges erlebt. Es geht bei diesen Aussagen nie darum zu sehen, wie es dem Kind aktuell geht und was vielleicht seine nicht vorhandene Alternative gewesen wäre, sondern um eine pure Präsentation seiner eigenen Meinung, von Prinzipien und von noch mehr Engstirnigkeit. Diese Einstellungen gehen nicht spurlos an uns vorbei und sie sind mit ein Grund, warum wir unsere Regenbogenfamilie ein Stück weit öffentlich machen. 

Wir sind heute glücklicher als früher, wir sind eine Familie.

Was hat Sie das Leben mit Lukas gelehrt?

Lukas hat unser Denken nochmal komplett umgedreht. Wenn uns früher Materielles und große Urlaube möglichst weit weg wichtig waren, so geht es heute ganz oft um Kleinigkeiten. Es ist das Größte für uns, wenn wir Lukas glücklich sehen. Und dafür braucht es ganz oft ganz wenig. Stand früher die Kariere im Vordergrund, so ist es heute wichtig, einen Job zu haben, der möglichst viel Flexibilität hat, und wenn es dafür weniger Geld gibt, dann ist es eben so. Lukas hat uns gezeigt, was Familie bedeutet, was es bedeutet, ein Kind zu lieben und für es da zu sein. Wir nehmen ihn an der Hand und zeigen ihm die Welt. Er soll bestmöglich auf all das was vor ihm liegt vorbereitet sein, und das wollen wir mit Liebe, der Weitergabe von Werten und einer offenen, respektvollen Erziehung erreichen. Wir sind heute glücklicher als früher, wir sind eine Familie.

kst Gala

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