Politikerin und Autorin Jenna Behrends: "Familienpolitik wird nicht für Rentner gemacht"

In unserem Projekt "GALA - We Are Family" beleuchten wir das Familienleben mit all seinen Höhen und Tiefen. Heute rechnet Politikerin und Mutter Jenna Behrends mit der deutschen Familienpolitik ab und gibt Anreize, wie es besser laufen kann.

Jenna Behrends

Was ist falsch an Deutschlands Familienpolitik? So ziemlich alles, findet Politikerin, Autorin und Zweifach-Mama Jenna Behrends. Ihr Buch "Rabenvater Staat", das im Frühjahr 2019 erschien, rechnet schonungslos mit den veralteten und ineffizienten Modellen ab. Wir sprachen mit der jungen Mutter über ihre Ideen für eine bessere Familienpolitik.

„Gerechtigkeit ist ein Chamäleon, das sich ständig wandelt.“ Sie haben scharf beobachtet, dass Menschen ohne Kinder sich ebenso benachteiligt fühlen wie Familien. Wie können wir besseres Verständnis füreinander schaffen?

Schluss machen

So macht man es richtig

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Wichtig bei einer Trennung: Wenn man Schluss macht - dann konsequent.
©Gala

Wir alle profitieren von Kindern, egal ob wir Familien haben oder nicht. Kinder werden nicht nur unsere Renten zahlen, ohne Nachwuchs gäbe es auch keine Innovationen in Wissenschaft und Kultur. Es stimmt: Viele Steuergelder und Abgaben fließen in Familienleistungen. Aber wenn wir uns die Gesamtrechnung aus Investitionen in Bildung, späteren Rentenzahlungen usw. anschauen, dann profitieren von Kindern finanziell die, die keine haben. Es ist absolut in Ordnung, keine Kinder zu haben, dafür gibt es verschiedene Gründe, aber momentan bürden wir Eltern viel zu viel auf. Wie oft gehen wir als Eltern abends ins Bett und haben wieder das Gefühl zu wenig gespielt, gekuschelt und gelacht zu haben? Die Verantwortung für den Stress suchen wir meistens bei uns selbst. Dabei ist es schlicht nicht möglich, ein Kind schneller zu trösten oder die Gute-Nacht-Geschichte schneller vorzulesen.

Wir müssen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern. Es geht schließlich nicht darum, Eltern Zeit für den nächsten Italien-Urlaub zu erschließen, sondern Zeit für ihre Kinder. Helfen würde, wie bei vielen Themen, darüber miteinander zu reden. Verständnis wächst durch Austausch. Dafür müssen Kinder ein selbstverständlicher und präsenter Teil unserer Gesellschaft bleiben.

Ihrem Buch liegt die Definition „Familie ist dort, wo Kinder sind“ zugrunde. Warum tut sich Deutschland so schwer damit, das klassische Rollenbild „Ehe + arbeitender Vater + erziehende Mutter + Kinder“ weiterzudenken?

Die Realität sieht doch längst anders aus. Familien leben in sehr unterschiedlichen Konstellationen zusammen. Wir brauchen endlich einen Staat, der Familien die Freiheit gibt, ihr Leben so zu leben, wie sie es wollen und nicht wie ein Steuermodell es vorgibt. Unsere Familienpolitik ist immer noch an der traditionellen Ernährer-Hausfrau-Kind-Hund-Familie ausgerichtet. Aber müsste Familienpolitik nicht für alle Kinder gleichermaßen da sein? Egal, wie ihre Eltern die Arbeit untereinander aufteilen und ob sie verheiratet sind oder nicht? Ich bin überzeugt, dass Politik auf Dauer nur erfolgreich sein kann, wenn sie den Bezug zum gelebten Leben nicht verliert. Meine Generation hat andere Vorstellungen von einem gelungenen Leben als die unserer Eltern. Darauf muss die Politik endlich reagieren. Familienpolitik wird nicht für Rentnerinnen und Rentner gemacht.

Knapp 150 ehe-und familienbezogene Einzelleistungen auf Bundesebene gibt es bereits. Ein Dschungel, den niemand wirklich durchdringen kann. Hilft nur noch ein drastischer Kahlschlag für den Neuanfang?

Geld, Geld, immer nur Geld. Kreativere Ideen scheint die deutsche Familienpolitik jahrzehntelang nicht gehabt zu haben. Doch es reicht nicht, das Kindergeld um ein paar Euro zu erhöhen. Stattdessen müssen wir endlich das Chaos aufräumen, das die vielen familienpolitische Leistungen erst geschaffen haben. Einerseits erwartet der Staat, dass Frauen möglichst schnell nach der Geburt wieder arbeiten, andererseits unterstützt er sie am meisten, wenn sie zuhause bleiben. Häufig heben sich die Effekte gegenseitig auf.

Jeden anderen würden wir in dieser Situation fragen: Was willst du denn jetzt? Außerdem müssen familienpolitische Leistungen endlich gebündelt werden. Sie sollten so einfach zu verstehen und zu beantragen sein wie ein Kinderpuzzle. Ein zentraler Ansprechpartner für Familienthemen wäre ein Weg, denn derzeit sind für Kindergeld, Unterhaltsvorschuss und Schulplätze unterschiedliche Stellen zuständig und jedes Mal müssen andere seitenlange Papierformulare ausgefüllt werden.

Wären Kinder wahlberechtigt, hätten sie schon längst mehr Vorteile, oder?

Momentan sieht die Situation leider so aus: Im Durchschnitt steht die ältere Generation Leistungen für Familien skeptischer gegenüber als junge Menschen. Flexiblere Arbeitszeiten für Eltern, von denen die Kinder profitieren würden, finden in der Rentengeneration z.B. 50 Prozent weniger Zustimmung. In unserem Land leben jedoch mehr ältere Menschen und diese gehen auch noch zuverlässiger zur Wahl als junge. Familienpolitik ist also nicht gerade das Themengebiet, mit dem Parteien bei einer großen Wählergruppe punkten können. Um etwas für Familien zu erreichen, brauchen wir die Solidarität der älteren Generation. Ich halte es für den besseren Weg für mehr Solidarität zwischen den Generationen zu werben, als das Wahlalter zu stark abzusenken.

Eine fortschrittliche Ministerin reicht nicht. Wir brauchen das ganze Kabinett.

„Das Gute-Kita-Gesetz fördert die Erwerbstätigkeit von Müttern kaum“ analysiert eine aktuelle Studie des DIW. Entscheidet die deutsche Politik auch 2019 noch an der Lebensrealität der Menschen vorbei – trotz diverser weiblicher Minister mit Kindern?

Die Studie halte ich für wenig aussagekräftig. Daten über die Wirkung des Gute-Kita-Gesetzes fehlen noch. Die Studie analysiert nur Bundesländer, in denen die Beiträge für das letzte Kitajahr vor der Einschulung abgeschafft wurden. Ich glaube kaum, dass in diesem Zeitraum große Veränderungen stattfinden können. Was bringt es mir, wenn das letzte Kitajahr kostenfrei ist, ich aber für die Nachmittagsbetreuung in der Grundschule sofort wieder tief in die Tasche greifen muss. Für so einen kurzen Zeitraum stellt doch keine Familie ihre Arbeitsteilung um, nachdem sie sich bereits mehrere Kitajahre daran gewöhnt hat.

Außerdem ist es für manche Frauen gar nicht so einfach, mehr zu arbeiten: Viele Frauen würden ihre Arbeitsstunden gerne aufstocken, nachdem sie zuvor für die Kinder reduziert haben. Häufig geht das aber gar nicht, weil der Arbeitgeber nicht zustimmt oder die Arbeitszeiten außerhalb der Öffnungszeiten der Kinderbetreuung liegen würden. Übrigens wird sich auch mit dem Gute-Kita-Gesetz nicht alles von heute auf morgen ändern.

Die Arbeitsteilung zwischen den Eltern beruht auf uralten Strukturen, die sich nicht innerhalb kürzester Zeit aufbrechen lassen. Zumal, auch das möchte ich beim Stichwort Müttererwerbstätigkeit immer wieder betonen: Unser Ziel kann nicht sein, dass alle Vollzeit arbeiten. Niemand außer den Familien selbst wird dafür kämpfen, dass Familie noch Raum und Zeit in unseren Leben hat. Eine fortschrittliche Ministerin reicht da nicht. Wir brauchen das ganze Kabinett.

Sie haben drei Wünsche frei, die sofort durch den Bundestag gehen und mit Wirkung zum 01. Januar 2020 umgesetzt werden. Welche wären das?

Gute Betreuung, gute Betreuung und nochmal gute Betreuung? Im Ernst: Das Gute-Kita-Gesetz ist zwar ein erster Schritt, aber die Mittel reichen hinten und vorne nicht. Offiziell gibt es zwar einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz ab dem ersten Lebensjahr, die Realität sieht aber anders aus. Eltern lassen sich auf dreißig Wartelisten schreiben, um überhaupt einen Platz zu bekommen. Plätze gibt es aber fast nur im August, wenn die größeren Kinder zur Schule kommen. Wenn ich schon im Februar einen Kitaplatz brauche, wird es kompliziert. Die wenigsten klagen, denn ihr Kind nur irgendwo verwahren wollen sie auch nicht.

Und wenn ich Glück hatte, und mein Kind betreut ist, kommen ständig E-Mails wie: „Wir sind heute wieder zu wenig Betreuer, holen Sie Ihre Kinder bitte um 11.30 Uhr ab.“ Die Betreuungsschlüssel sind miserabel, die Betreuungsqualität leidet zwangsläufig. Selbst wenn die meisten Erzieherinnen und Erzieher trotz schlechter Bezahlung ihr Bestes geben und versuchen möglichst viel aufzufangen. Die Lage ist für Grundschulkinder in vielen Gegenden übrigens auch nicht besser. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es geht nicht darum, dass Kinder zur Kita müssen. Aber ich möchte, dass Eltern die Möglichkeit haben sich frei zu entscheiden, ob, ab wann und wie lange sie ihr Kind betreuen lassen möchten, sodass es für ihr Kind und sie am besten ist. Momentan ist das nicht möglich.

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