Leseprobe: Karin Slaughter: Tote Blumen

Im aktuellen GALA-Heft zeigt US-Krimiautorin Karin Slaughter ihre Villa in Atlanta. Hier können Sie in Ihre neueste Story hineinlesen. Achtung, Suchtgefahr!

Karin Slaughter - "Tote Blumen"

Montag, 4. März 1991

7.26 Uhr, North Lumpkin Street, Athens, Georgia

Service

Fünf Tipps, wie Essig zur Wunderwaffe im Garten wird

Essig
Durch diese fünf Tipps wird der Essig zur natürlichen Wunderwaffe und Rundumhelfer im Garten.
©Gala

Morgennebel zog durch die Straßen des Zentrums und legte sich wie Spinnweben in winzigen, verschlungenen Mustern auf die Schlafsäcke entlang des Gehsteigs vor dem Georgia Theater. Die Türen würden sich frühestens in zwölf Stunden öffnen, aber die Fans der Band Phish waren entschlossen, Plätze in der ersten Reihe zu ergattern. Zwei schwergewichtige junge Männer hatten sich in Gartenstühle aus Plastik gezwängt, die neben der mit einer Kette gesicherten Eingangstür standen. Zu ihren Füßen lagen Bierdosen, Zigarettenkippen und eine leere Sandwichtüte, die wahrscheinlich eine größere Menge Gras enthalten hatte.

Als Julia Carroll die Straße entlangging, folgten sie ihr mit den Augen. Julia spürte ihre Blicke so deutlich auf sich haften wie den Nebel. Sie schaute unbeirrt geradeaus und hielt den Rücken gerade, aber sofort überlegte sie, ob sie dadurch kalt und hochnäsig wirkte. Und schon im nächsten Moment fragte sie sich verärgert, welche Rolle es spielte, wie sie für diese beiden vollkommen fremden Typen aussah.

Früher war sie nie so paranoid gewesen.

Athens war eine Universitätsstadt, dominiert von der University of Athens, die dreihundert Hektar Grund in bester Lage einnahm und auf die eine oder andere Weise das halbe County beschäftigte. Julia war hier aufgewachsen. Sie studierte Journalistik und arbeitete für die Collegezeitung. Ihr Vater war Professor an der tiermedizinischen Fakultät. Mit ihren neunzehn Jahren wusste sie bereits, dass Alkohol und die passenden Umstände auch nett wirkende Jungs in Typen verwandeln konnten, denen man sogar an einem Freitagmorgen um halb acht nicht über den Weg laufen wollte.

Oder vielleicht benahm sie sich nur albern. Vielleicht war es wie damals, als sie spätabends am Old College vorbeiging, Schritte hinter sich hörte und einen bedrohlich aufragenden, sich immer schneller bewegenden Schatten sah. Ihr Herz blieb fast stehen blieb, und sie wäre am liebsten gerannt, doch dann hatte die furchterregende Erscheinung ihren Namen gerufen, und es war nur Ezekiel Mann aus dem Biologiekurs gewesen.

Er hatte ihr vom neuen Auto seines Bruders erzählt und dann Monty-Python-Sprüche zitiert, und Julia war immer schneller und schneller gegangen, so dass sie beide praktisch liefen, als sie Julias Unterkunft erreichten. Ezekiel hatte die Hand auf die geschlossene Glastür gepresst, während Julia aufschloss.

„Ich rufe dich an!“, hatte er beinahe gebrüllt.

Sie hatte ihn angelächelt, aber auf dem Weg zur Treppe gedacht: O Gott, bitte zwing mich nicht dazu, deine Gefühle zu verletzen.

Julia war wunderschön. Sie wusste es, seit sie klein war, aber statt es als ein Geschenk anzunehmen, hatte sie es immer als eine Bürde empfunden. Die Leute gingen bei schönen Mädchen von bestimmten Annahmen aus. Sie waren die eiskalten, hinterhältigen Miststücke, die in Filmen von John Hughes am Ende immer die Quittung bekamen. Sie waren die Trophäen, auf die kein Typ Anspruch zu erheben wagte. Ihre Schüchternheit wurde als Arroganz, ihre Ängstlichkeit als Missbilligung verstanden. Dass Julia aufgrund dessen im reifen Alter von neunzehn immer noch Jungfrau war und fast ohne Freunde dastand, blieb weitgehend unbemerkt, nur ihre beiden jüngeren Schwestern registrierten es.

Im College sollte endlich alles anders werden. Gut, ihr Wohnheim lag nur einen halben Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt, doch es war Julias Chance, sich neu zu erfinden, die Person zu werden, die sie immer hatte sein wollen: stark, selbstbewusst, glücklich, zufrieden (und keine Jungfrau). Sie unterdrückte die Neigung, lesend in ihrem Zimmer zu sitzen, während sich das Leben draußen vor ihrer Tür abspielte. Sie wurde Mitglied im Tennisclub, im Leichtathletikclub und im Wildlife-Club. Sie schloss sich keinen Cliquen an, sondern sie sprach mit allen Leuten. Sie lächelte Fremde an. Sie ging mit Jungs aus, die nett, wenn auch nicht wahnsinnig interessant waren, und die sie mit ihren verzweifelten Küssen immer an Neunaugen erinnerten, wie sie sich an einer Bachforelle festsaugen.

Doch dann geschah die Sache mit Beatrice Oliver.

Julia hatte die Geschichte des Mädchens am Telex im Red & Black, der Campuszeitung der University of Georgia verfolgt. Neunzehn Jahre, genau wie Julia. Blondes Haar und blaue Augen, genau wie Julia. Studentin, genau wie Julia.

Bildhübsch.

Vor fünf Wochen hatte Beatrice Oliver gegen zehn Uhr abends ihr Elternhaus verlassen. Sie ging zu Fuß zum Supermarkt, um Eiskrem für ihren Vater zu holen, der unter Zahnschmerzen litt. Julia wusste nicht, warum ihr dieser Teil der Geschichte so ins Auge sprang. Es wirkte irgendwie verdächtig – warum sollte jemand etwas Eiskaltes auf einem schmerzenden Zahn haben wollen? –, aber so hatten es beide Eltern der Polizei erzählt, also war es Teil der Geschichte.

Und die Geschichte lief über den Fernschreiber, weil Beatrice Oliver nicht mehr nach Hause gekommen war.

Julia war wie besessen vom Verschwinden des Mädchens. Sie sagte sich, dass es wahrscheinlich daran lag, dass sie für Red & Black von der Sache berichten wollte, aber in Wahrheit machte es ihr eine Höllenangst, dass jemand – und nicht irgendwer, sondern ein Mädchen in ihrem Alter – zur Tür hinausging und einfach nicht wieder zurückkehrte. Julia wollte die Einzelheiten wissen. Sie wollte mit den Eltern des Mädchens reden. Sie wollte Beatrice Olivers Freundinnen, eine Verwandte oder einen Nachbarn interviewen, vielleicht einen Kollegen oder einen Typen, mit dem sie ging, oder einfach irgendwen, der ihr eine Erklärung lieferte, wie sich ein neunzehnjähriges Mädchen, das sein ganzes Leben noch vor sich hatte, in Luft auflösen konnte.

„Wir haben es wahrscheinlich mit einer Entführung zu tun“, war der Detective im ersten Beitrag zitiert worden. Alle persönlichen Gegenstände von Beatrice waren noch da, darunter ihre Handtasche, das Bargeld, das sie in ihrer Sockenschublade aufbewahrte, und ihr Wagen, der noch in der Einfahrt der Familie stand.

Von Beatrice Olivers Mutter stammte die Aussage, die Julia am meisten frösteln ließ: „Meine Tochter ist nur deshalb nicht nach Hause gekommen, weil jemand sie festhält.“

Festhält.

Julia schauderte bei dem Gedanken, festgehalten zu werden – ihrer Familie, ihres Lebens, ihrer Freiheit beraubt. In ihren Kinderbüchern war der Schwarze Mann immer struppig, dunkel und bedrohlich gewesen, ein Wolf im Schafspelz, aber immer noch eindeutig ein Wolf (wenn man genau hinsah). Sie wusste, im richtigen Leben war es nicht wie in diesen Märchen. Man erkannte nicht sofort am verräterischen Bart, dass der Wolf ein böser Mann war.

Wer immer Beatrice Oliver auch festhalten mochte, es konnte ein Freund, ein Kollege, ein Nachbar oder ein Junge sein, mit dem sie ging – genau die Leute, die Julia gern persönlich interviewt hätte. Allein. Mit nichts als einem Notizblock und einem Stift bewaffnet. Im Gespräch mit einem Mann, der das Mädchen in genau diesem Augenblick vielleicht an irgendeinem schrecklichen Ort gefangen hielt.

Julia legte die Hand auf den Bauch, um das Grummeln zu beruhigen, und sah sich nervös in alle Richtungen um.

Sie bemühte sich, ihre Angst ein wenig durch vernünftige Überlegung zu mildern. Es konnte durchaus sein, dass sie sich grundlos in solche Anspannung hineinsteigerte, denn die Interviews zum Fall Beatrice Oliver würden vielleicht nie stattfinden. Bevor Julia mit irgendwem sprach, musste sie nämlich einen offiziellen Auftrag für den Artikel erhalten: Nur Nachrichtenjournalisten waren berechtigt, Fragen zu stellen, Feuilletonschreiber wie Julia taten dies lediglich aus Neugier. Ihr größtes Hindernis würde Greg Gianakos sein, der studentische Chefredakteur, der sich für den zukünftigen Walter Cronkite hielt, und bei dem Julia immer daran denken musste, was ihr Vater über Beagles gesagt hatte: Sie lieben den Klang ihrer eigenen Stimme.

Wenn sie Greg auf ihre Seite brachte, würde Lionel Vance, Gregs Lakai, folgen (obwohl er schmollte, weil Julia ihn abgewiesen hatte, als er mit ihr ausgehen wollte). Die letzte Hürde würde dann Mr. Hannah, der Berater der Fakultät, sein. Er war sehr nett, aber er liebte es, wenn Redaktionssitzungen, bei denen Aufträge für Artikel vergeben wurden, wie Wettkämpfe im Klippenspringen auf dem Sportkanal abliefen.

Während Julia in die nächste menschenleere Straße einbog, übte sie lautlos, wie sie die Idee zu ihrem Artikel pitchen wollte.

Beatrice Oliver, ein neunzehnjähriges Mädchen, das bei ihren Eltern wohnt …

Nein. Die anderen würden Schnarchgeräusche machen, ehe sie den Satz zu Ende gebracht hatte.

Ein verschwundenes Mädchen!

Nein. Viele Mädchen verschwanden. Meistens tauchten sie ein paar Tage später wieder auf.

Ein junges Mädchen ging spätabends zum Supermarkt, als plötzlich …

Julia fuhr herum. Sie hatte ein Geräusch hinter sich gehört, ein Scharren wie von schlurfenden Schritten. Sie suchte alles mit den Augen ab, sah Glasscherben, leere Bierflaschen und weggeworfene Zeitungen, aber sonst nichts. Zumindest nichts, wovor sie Angst haben müsste.

Langsam und vorsichtig ging sie weiter, schaute trotzdem noch in Hauseingänge und Seitengassen und wechselte einmal die Straßenseite, um nicht an einem großen Berg Müll vorbeizumüssen.

Paranoid.

Reporter sollten eigentlich alles mit einem kühlen, an den Fakten orientierten Blick betrachten, aber seit Julia von Beatrice Oliver gelesen hatte, waren ihre Träume voller Bilder, die nichts mit Fakten zu tun hatten, sondern ihrer eigenen wilden Fantasie entsprangen. Beatrice lief die Straße entlang. Die Nacht war dunkel, der Mond verhüllt. Kälte lag in der Luft. Sie sah eine brennende Zigarette aufglühen, hörte das leise Trippeln von Schuhen auf dem Asphalt, und dann schmeckte sie eine nikotinfleckige Hand, die sich über ihren Mund schloss, fühlte eine rasiermesserscharfe Klinge an ihrer Kehle und roch den sauren Atem eines Fremden, der sie zu seinem Wagen schleifte, in den Kofferraum sperrte und an einen dunklen, feuchten Ort fuhr, wo er sie festhalten konnte.

Wäre Julias Mutter nicht Bibliothekarin, würde sie wahrscheinlich den Büchern, die Julia las, die Schuld an den düsteren Fantasien ihrer Tochter geben. The Stranger Beside Me. Helter Skelter. Das Schweigen der Lämmer. Hexenstunde. Aber ihre Mutter war nun mal Bibliothekarin, deshalb würde sie wahrscheinlich nur mit den Schultern zucken und ihrer ältesten Tochter raten, besser keine Geschichten zu lesen, die ihr Angst machten.

Oder machte es Julia immun gegen Gefahr, wenn sie sich vor diesen Dingen fürchtete, wenn sie ihre schrecklichen Ängste zum Ausdruck brachte?

Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ihr Herz hämmerte so heftig, dass ihr T-Shirt bei jedem Schlag auf der Haut kitzelte. Sie griff in ihre Handtasche. Der Walkman lag in das gelbe Halstuch geschmiegt, das sie rasch noch zu Hause abliefern musste; sie hatte es ihrer Schwester versprochen. Ihr Finger ruhte auf dem Startknopf, aber sie drückte ihn nicht. Sie wollte nur die Kassette darin spüren, die krakelige Handschrift des Jungen heraufbeschwören, der sie für sie aufgenommen hatte.

Robin Clark.

Julia hatte ihn vor zwei Monaten kennen gelernt. Kurze Nachrichten waren hin und her gegangen, es hatte Telefonate gegeben und einige Verabredungen in der Clique, bei denen sie tiefe Blickte ausgetauscht und Händchen gehalten hatten. Und dann hatten sie sich endlich allein getroffen. Er hatte sie so ausdauernd und so gut geküsst, dass sie dachte, der Schädel würde ihr zerspringen. Sie hatte ihn einmal nach Hause mitgenommen, nicht damit er ihre Eltern kennenlernte, sondern weil sie ihre Wäsche abholen musste. Ihre jüngste Schwester hatte gelacht, weil Robin ein Mädchenname war, bis Julia sie auf den Arm geboxt hatte, damit sie aufhörte. (Ausnahmsweise hatte die kleine Göre mal nicht gepetzt.)

Auf der Kassette waren Songs, von denen Robin glaubte, sie würden Julia gefallen, nicht solche, von denen er wollte, dass sie ihr gefielen. Statt Styx, Chicago und Metallica fanden sich also Belinda Carlisle und Wilson Phillips, die Beatles und James Taylor und viele Songs von Madonna, weil Robin Madonna genauso fantastisch fand, wie Julia es tat.

Mit diesem Musikmix hatte zum ersten Mal in ihrem Leben ein Junge gezeigt, dass er sie so sah, wie sie war, und nicht, wie er sie gern gehabt hätte. Julia hatte jahrelang so getan, als würde sie Schlagezugsoli und kreischende Gitarren lieben und Raubkopien von Künstlern angehört, die tragischerweise verstorben waren, ehe sie der ganzen Welt (und nicht nur dem Jungen, der die Kassette aufgenommen hatte) beweisen konnten, wie cool sie waren.

Robin wollte nicht, dass Julia etwas vorgab. Er wollte einfach nur, dass sie sie selbst war. Ihre Professorin in Frauenforschung hätte wahrscheinlich einen Herzinfarkt bekommen bei dem Bekenntnis, dass Julia endlich sie selbst sein wollte – aber nur, weil sie einen Jungen gefunden hatte, der es ebenfalls wollte.

„Robin“, flüsterte Julia in die kühle Morgenluft, denn sie liebte es, wie sich sein Name in ihrem Mund anfühlte.

Er war zweiundzwanzig, groß und schlank, mit sehnigen Oberarmen, weil er in der Bäckerei seines Vaters schwere Bleche voll Brot heben musste. Er trug sein dunkelbraunes Haar in einem wuscheligen Jon-Bon-Jovi-Haarschnitt, hatte blaue Augen wie ein Husky, und wenn er Julia ansah, regte sich tief in ihr an einem Ort etwas, für den sie keinen rechten Namen hatte.

Es hatte ein paar Jungs vor Robin gegeben. Sie waren meist älter, so wie er (wenngleich nie so reif), die Sorte Jungs, die sich von Julias Aussehen nicht übermäßig einschüchtern ließen, weil sie Autos und Geld in der Tasche hatten. Ihr Vater hatte Julia gewarnt, diese Jungen wollten nur das Eine. Er verstand nicht, dass Julia dieses Eine ebenfalls wollte.

Weiter als bis zum Petting war es bisher aber nie gegangen. Brent Lockwood war sechzehn (fast siebzehn) gewesen, Julia fünfzehn (näher an vierzehn). Er hatte ihren Vater um die Erlaubnis gebeten, sie ausführen zu dürfen, und ihr Vater hatte gesagt, er solle erst mal zum Friseur gehen und sich einen Job suchen, dann könne er wiederkommen.

Dass Brent ein paar Tage später mit einem Kurzhaarschnitt und einer Schürze von McDonald’s wieder vor der Tür stand, hatte ihren Vater überrascht, ihre Mutter amüsiert und ihre Schwestern vor Lachen brüllen lassen. Julia war entsetzt, denn Brents Haare waren das Beste an ihm gewesen. Fortan haftete hartnäckig der Geruch von gegrillten Burgern an ihm, und Julia war Vegetarierin. In Brents Nähe zu sein, war eine deprimierend humorlose Variante des Pawlow’schen Experiments.

Und dennoch hatte sie es versucht (auf dem Rücksitz seines Wagens, auf der Couch im Wohnzimmer), denn Brent sah gut aus, und alle wussten, er war schon mit vielen Mädchen zusammen gewesen, und das war Julias Chance, es hinter sich zu bringen. Sie wünschte sich so verzweifelt, das reife, anspruchsvolle Mädchen zu sein, für das alle sie hielten; das Mädchen, das sich mit Jungs auskannte, das Erfahrung hatte, das verwöhnte, wunderschöne Mädchen, das jeden Mann um den Finger wickeln konnte.

Aber Brent war in sie verliebt gewesen, und er hatte sanft sein und sich Zeit lassen wollen, was in Kombination mit der Frittenfett-Ausdünstung seiner Haut quälend langweilig war.

Robin war in keiner Hinsicht langweilig. Er roch wirklich gut, nach Kiefer mit einem nicht unangenehmen Hauch Brot von der Bäckerei. Seine Haut war schön gebräunt, weil er das ganze Jahr wanderte und Rad fuhr. Er sah Julia in die Augen, wenn er mit ihr sprach. Er versuchte nicht, ihre Probleme zu lösen, er hörte nur zu. Er lachte über ihre Witze, selbst über die schlechten (vor allem über die schlechten). Er konnte auch verträumt sein. Er wollte Künstler werden, besser gesagt: er war bereits ein Künstler (der Job in der Bäckerei war nur vorübergehend). Julia hatte Arbeiten von ihm gesehen. Der sanft geschwungene Hals eines Rehs, das sich zu einer Quelle neigt, um zu trinken. Die irren Rot- und Orangetöne eines Sonnenaufgangs. Seine Hand, die sich um die Rundung von Julias Hüfte legte.

Er hatte dieses Bild auf eine Serviette skizziert, bevor er aktiv wurde, hatte es Julia bei einer Tasse Tee im Student Center gezeigt und erklärt, die Zeichnung zeige, was er gern tun würde. Ihre Knie zitterten, als es Zeit war aufzustehen. Ihre Handflächen waren verschwitzt. Als er dann seine Hand wirklich auf ihre Taille legte, war Julia so aufgeladen von Vorfreude, dass es sich anfühlte, als fließe Strom aus seinen Fingern,

„Ich werde dich jetzt küssen“, hatte er ihr ins Ohr geflüstert, bevor er es tat.

Julia nahm die Hand von dem Walkman. Der Lieferwagen des Obdachlosenzentrums, in dem sie ehrenamtlich arbeitete, stand an der Kreuzung von Hull und Washington, einem Bereich der Stadt, der aus unerfindlichen Gründen Hot Corner genannt wurde. Vor der Frühstücksausgabe hatte sich bereits eine Schlange gebildet. Es waren mindestens dreißig Leute da, zumeist Männer, doch auch ein paar Frauen. Sie schlurften mit gesenkten Köpfen und den Händen in den Taschen vorwärts. Ihre ganze Haltung brachte zum Ausdruck, dass sie es hassten, milde Gaben anzunehmen, aber keine andere Wahl hatten, und so standen sie im Morgengrauen resigniert Schlange, um wenigstens einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu haben.

„Guten Morgen“, rief Candice Bender. Sie verteilte Alubehälter mit Rührei, Schinken, Maisgrütze und Toast. Von dem großen Kaffeespender in der offenen Heckklappe des Lieferwagens durfte man sich selbst bedienen.

„Tut mir leid, dass ich zu spät komme.“ Julia war nicht verspätet, aber sie hatte die nervöse Angewohnheit, Unterhaltungen mit einer Entschuldigung zu beginnen. Sie holte einen Stapel Decken aus dem Fahrzeug und musterte die Schlange der Wartenden. Jemand fehlte. „Wo ist Mona Namenlos?“

Candice zuckte mit den Achseln.

Julia inspizierte die Schlange eingehender. Bei jedem Gesicht, in das sie prüfend schaute, wuchs ihre Beunruhigung.

„Siehst du sie nicht?“, fragte Candice.

Julia schüttelte den Kopf. Sie machte diesen Job schon lange genug, um zu wissen, dass die Leute irgendwann einfach weiterzogen, aber sie konnte die düsteren Gedanken nicht unterdrücken, die sich ihrer bemächtigten.

Mona war jung, nur wenige Monate älter als Julia. Sie achtete mehr auf sich als die anderen, badete öfter und trug hübschere Sachen, denn sie verpulverte ihr Geld nicht für Drogen. Sie war an ihrem achtzehnten Geburtstag bei ihren Pflegeltern rausgeflogen und hatte irgendwann die Dinge getan, die manche Mädchen eben tun mussten, um zu überleben. Als Julia sie nach ihrem Nachnamen fragte, hatte Mona trotzig erklärt: „Ich hab kein’ Namen, du Kuh.“

„Dann also Mona Namenlos“, hatte Julia erwidert, denn sie war schlecht gelaunt und leicht verkatert von einem spontanen Besäufnis am Vorabend gewesen. (Zu ihrer Beschämung war der Spitzname hängen geblieben.)

„Mona war letzte Nacht nicht hier“, sagte eine andere Obdachlose, als sie sich eine saubere Decke abholte.

„Wann haben Sie sie denn zuletzt gesehen?“, fragte Julia.

„Woher zum Teufel soll ich das wissen?“

Sie passten nicht aufeinander auf, diese Frauen. Es gab Rivalität. Klatsch. Das gesellschaftliche System, wenn man es so nennen wollte, erinnerte Julia an die Highschool, denn es brachte die gleichen Rollen hervor: die Hure, der Liebling des Lehrers, das brave Mädchen, das Miststück, die Streberin. Mona war das Miststück, denn sie war hübsch. Sie hatte noch alle Zähne, sie trug Make-up, sie sah nicht obdachlos aus. Delilah war die Hure, denn sie war älter und erfahrener. Und sie war tatsächlich eine.

Gegenwärtig gab es acht Frauen in der Gruppe, und anders als bei Beatrice Oliver, die entführt worden war, als sie Eiskrem für ihren Vater holen ging, trafen die düsteren Vorstellungen, die sich Julia über das Leben dieser obdachlosen Frauen machte, sehr wahrscheinlich zu. Prostitution. Drogen. Hunger. Krankheit. Angst. Einsamkeit. Denn die meisten obdachlosen Menschen waren unfassbar und herzzerreißend einsam.

„Ich hab Mona in den Wald gehen sehen“, sagte Delilah. „So um zehn, elf gestern Abend, kurz bevor der Regen kam.“

Julia nickte, um ihr zu zeigen, dass sie zugehört hatte.

Delilah war unheimlich, denn sie war unberechenbar. Sie hatte die Neigung zu schreien, zu weinen, pausenlos zu summen oder so laut zu lachen, dass einem die Ohren klangen. Sie war süchtig und schon länger auf der Straße als Julia ehrenamtlich in der Unterkunft tätig war. Delilah hatte Bilder ihrer erwachsenen Kinder in der Tasche und führte ein Spritzbesteck mit sich, das nur sie selbst benutzte.

In den letzten vier Jahren hatte Julia die Highschool abgeschlossen, einen Collegeplatz bekommen und ihr erstes Studienjahr mit Auszeichnung beendet, und sie war zur Feuilletonredakteurin bei Red & Black befördert worden.

Im selben Zeitraum war Delilah wiederholt ausgeraubt worden. Sie hatte sämtliche Schneidezähne bei einer Schlägerei verloren, das Haar fiel ihr aufgrund der Mangelernährung büschelweise aus, und auf ihrer Haut bildeten sich seltsame, bläulich-braune Male.

AIDS, dachte Julia, aber niemand sprach das Wort laut aus, denn AIDS war ein Todesurteil.

„Im Wald lebt neuerdings eine Gruppe von Leuten“, sagte Candice zu Julia. „Ich bin gestern hingegangen, um zu sehen, ob sie Hilfe brauchen, aber anscheinend leben sie unter freiem Himmel, weil es ihnen Spaß macht, nicht weil sie in einer Notlage wären.“

Julia gab einem Mann im Militäranzug eine Decke. Auf seiner schwarzen Baseballmütze stand Vietnam MIA Never Forget. „Sie machen quasi Camping, oder wie?“, fragte sie Candice. Robin war diese Woche mit seiner Familie beim Zelten. Julia hatte er nicht dazu eingeladen, aber nur weil es merkwürdig gewesen wäre, die erste gemeinsame Nacht ausgerechnet im Kreis seiner Familie zu verbringen. „Mona kommt mir nicht wie der Camping-Typ vor.“

„Der Sheriff meint, es ist eine Sekte.“ Candice runzelte übertrieben die Stirn. Wie Julias Mutter war auch sie früher ein Hippie gewesen und legte eine gesunde Skepsis gegenüber Autoritäten an den Tag. „Sie sind alle ungefähr in deinem Alter, vielleicht ein bisschen älter. Wenn du mich fragst, ist es eher eine Kommune. Sie kleiden sich ähnlich, sie reden ähnlich, sie benehmen sich ähnlich.“

„Warum sollte Mona mit denen abhauen?“, fragte Julia.

„Warum nicht?“ Candice war mit der Essensausgabe fertig und wandte sich den Decken zu. „Angeblich haben sie vor, auf dem Appalachian Trail zum Mount Katahdin zu wandern, aber für mich klingt das mehr wie ein Vorwand, sich nicht mehr zu waschen und zu rammeln wie die Karnickel.“

„Ich bin dabei!“, brüllte Vietnam.

„Wo campen sie?“, fragte Julia.

„Gleich hinter dem Wishing Rock.“

Also nicht in der Nähe von dem Platz, an dem Robin und seine Familie in dieser Woche zelteten.

„Was hieltest du denn davon?“, fragte Candice. Sie war eine pensionierte Lehrerin und immer noch begierig darauf, junge Menschen zu formen. „Von zu Hause weggehen, alle weltlichen Besitztümer aufgeben, sich von den Gaben der Natur ernähren. Könntest du dir so ein Leben vorstellen?“

Julia zuckte mit den Achseln, obwohl sie sich noch eher vorstellen konnte, auf dem Mond herumzuspazieren. „Sie sind eben Freigeister, oder? Das hat schon was Romantisches.“

Candice lächelte. Anscheinend war es die richtige Antwort gewesen.

Julia holte eine Mülltüte aus dem Wagen und machte sich daran, die leeren Aluschalen und Kaffeebecher einzusammeln. Sie hatte keine Ahnung, warum es ihr nichts ausmachte, hinter diesen Leuten aufzuräumen, während sie einen Wutanfall bekam, wenn sie auch nur eine einzige schmutzige Socke aufheben musste, die ihre faulen jüngeren Schwestern auf der Treppe liegen gelassen hatten.

Sie hatte kurz nach ihrem fünfzehnten Geburtstag mit der ehrenamtlichen Arbeit im Obdachlosenzentrum begonnen. Es war Sommer gewesen, und sie hatte sich gelangweilt. Sie hatte keine Lust gehabt, ein Buch zu lesen. Ihre Schwestern trieben sie in den Wahnsinn. Sie hatte es satt, den Babysitter für sie zu spielen. Sie hatte es satt, Verantwortung zu übernehmen. Sie hatte es satt, darauf zu warten, endlich erwachsen zu sein.

„Mal sehen, ob du das drauf hast“, hatte ihr Vater im Auto auf dem Weg zum Zentrum gesagt.

„Was?“, hatte Julia gereizt zurückgefragt, denn sie wusste nicht, was „das“ war, sie wusste nicht, dass er sie in den heruntergekommen Teil der Stadt brachte, wo sie sich um übelriechende, verrückte Obdachlose kümmern sollte.

Das Asyl war als eine Lektion fürs Leben gedacht, wie damals, als ihre Eltern verlangten, dass sie alle ein Weihnachtsgeschenk aus ihren Sachen auswählten, das sie dem Kinderheim spenden sollten, und es durften keine Socken und keine Unterwäsche sein. Sie hasste es, wenn man sie zwang, solche Dinge zu tun. Sie hasste es, wenn sie mit einer List ins Auto ihres Vaters gelockt wurde, der ihr erzählt hatte, sie würden sich einen Wurf neu geborener Hundewelpen ansehen. Sie war dickköpfig (wie ihre Mutter, sagte ihr Vater), sie war widerspenstig (wie ihr Vater, sagte ihre Mutter) und sie war eigenwillig (wie ihre Eltern, sagte ihre Großmutter) und tyrannisch (wie ihre Großmutter, sagten ihre Schwestern), und nur weil sie das alles war, hatte sie in jenen ersten Monaten im Obdachlosenzentrum durchgehalten.

Ich werde ihm beweisen, dass ich es draufhabe, hatte Julia lautlos geschäumt und sich in einer Weise ins Kochen, Saubermachen und Wäschewaschen gestürzt, dass ihre Mutter gar nicht mehr aufhören konnte, sarkastisch das Gesicht zu verziehen.

„Julia spült Geschirr?“ Die Stimme ihrer Mutter trillerte wie eine Fahrradklingel. „Julia Carroll, das Mädchen, das hier im Haus wohnt?“

Was Julia dazu veranlasste, weiter ins Obdachlosenheim zu gehen, war schwer zu erklären. Es machte ihr nicht übermäßig viel Freude, schmutzstarrende Kleidung zu waschen und Toiletten zu schrubben. Und doch zwang sie sich zwei- oder dreimal in der Woche um sieben Uhr morgens aus dem Bett und ging zu Fuß ins Pennerviertel oder zu der Unterkunft an der Prince Avenue, um Essen und Decken auszugeben oder bei Drogensüchtigen, Geisteskranken und anderen verlorenen Seelen sauber zu machen.

Wegen ihres Aussehens neigten viele Leute dazu, Julia besitzen zu wollen.

Die Leute, denen sie durch die Arbeit im Heim diente, brauchten sie.

„Kannst du hier allein weitermachen, Kindchen?“, fragte Candice. „Ich habe eine Besprechung beim Bürgermeister.“

„Natürlich.“ Julia warf den Müllsack in den Lieferwagen. Sie holte Stifte und einen Stapel Papiere vom Vordersitz – Formulare, die ausgefüllt werden mussten, Anträge für Behindertenausweise, Kriegsveteranenunterstützung und das staatliche Gesundheitsprogramm. In den nächsten Stunden erledigt Julia Papierkram, telefonierte von dem versifften Münztelefon mit Behörden und sprach mit einigen Gruppenmitgliedern darüber, was sie mit ihrem Leben anfangen wollten. Viele von Julias Freunden spotteten über ihr ehrenamtliches Engagement (sie hielten Obdachlose für faul), aber sie verstanden einfach nicht, dass Menschen im Allgemeinen nicht wegen eines schwerwiegenden Charakterfehlers auf der Straße landeten, sondern durch eine Folge scheinbar unbedeutender negativer Entscheidungen, wie etwa den falschen Polizisten zu verärgern, sich mit den falschen Leuten herumzutreiben oder die Schule, die Arbeit oder einen Termin beim Bewährungshelfer zu schwänzen, weil sie vor lauter Erschöpfung nicht daran gedacht hatten, den Wecker zu stellen.

Julia war keine Psychiaterin, aber bei vielen ihrer Schützlinge lagen ganz offensichtlich psychische Probleme vor, zum Beispiel eine leichte Paranoia, Depressionen oder ausgewachsene Wahnvorstellungen.

„Reagan“, hatte ihre Mutter nur gesagt, als Julia ihr das erste Mal von diesem Phänomen erzählt hatte. „Was dachte er, würde passieren, als er die Bundessmittel für psychiatrische Kliniken zusammenstrich? Sie leben jetzt alle entweder auf der Straße oder im Gefängnis.“

Beatrice Oliver. Das Mädchen, das Eiskrem holen ging und nie wieder gesehen wurde. Sie war wegen einer Depression in Behandlung gewesen, was eine echte psychische Erkrankung war. Julia hatte es im Telex gelesen. AP hatte einen Reporter zu den Eltern geschickt, als die nach ihrer Tochter suchten (nach ihrer Leiche, aber das sagte niemand), und die Mutter hatte eingeräumt, Beatrice sei einmal wegen einer Depression behandelt worden.

Julia hatte in ihrem ersten Jahr am College einen Psychologen aufgesucht. Sie hatte es niemandem erzählt, weil es peinlich war, zuzugeben, dass es ihr nicht so leicht fiel wie gedacht, nicht mehr zu Hause zu wohnen. Am Ende der Sitzung hatte der Mann tatsächlich gegähnt, was ihr mehr half als seine allgemeinen Ratschläge (Schließen Sie sich einer Gruppe an, probieren Sie eine neue Sportart oder einen neuen Haarschnitt aus, lächeln Sie mehr), denn es zeigte ihr, dass ihre Probleme banal waren und dass die Kids auf dem Campus, die scheinbar alles locker auf die Reihe brachten, wahrscheinlich unter den gleichen langweiligen Ängsten litten.

Aber es brachte sie auch ins Grübeln. Falls Julia eines Tages verschwinden oder, Gott behüte, entführt werden sollte, würde dann ein Reporter herausfinden, dass sie mit einem Psychologen gesprochen hatte? Und würde ein solches Gespräch auf eine Art psychische Krankheit hinweisen?

„Die hat einer mitgenommen!“ Delilahs barsche Stimme riss Julia aus ihren Gedanken. „Merk dir meine Worte, Schwester.“

Julia sah von dem Brief auf, den sie an Delilahs Tochter schrieb. Das Mädchen schrieb nie zurück, was Julia mehr zu enttäuschen schien als Delilah.

„Die hat einer mitgenommen“, wiederholte Delilah. „Mona Namenlos. Ein Mann hat die mitgenommen.“

„Aha“, war alles, was Julia einfiel.

„Nicht, was du meinst“, sagte Delilah. „So hat er sie mitgenommen …“ Delilah knurrte und beschrieb einen Kreis mit den Armen, als würde sie jemanden gewaltsam festhalten.

Julia zog die Arme an den Körper, als würde der Mann sie gleich packen.

„Sie is’ die Straße lang gegangen“, sagte Delilah, „sie is’ an dieser Oldtimer-Karre vorbeigekommen, und dann war dieser schwarze Transporter auf einmal da, die Schiebetür is’ aufgegangen, und dieser Mann, so ein großer, starker Kerl, ein Weißer, hat rausgelangt und …“ Sie machte wieder die zupackende Geste.

Julia rieb sich die Arme, weil sie fröstelte. Sie sah den schwarzen Transporter, sie sah die Tür aufgleiten, die verschwommene Gestalt eines adretten, typisch amerikanischen Jungen aus dem Dunkel auftauchen, er streckte die Arme aus, seine Finger verwandelten sich in Klauen. Er verzog den Mund zu einem Zähnefletschen, und seine Zähne waren rasiermesserscharf.

„Pass auf, was ich dir sage, Kind.“ Delilahs Stimme war nun ein bedrohliches Knurren. „Die hat sich einer geschnappt. Jede von uns kann geschnappt werden. Jede von euch.“

Julia legte den Kugelschreiber beiseite. Sie sah in Delilahs wässrige gelbe Augen. Heroin. Dafür war Delilahs Spritzbesteck da. Kaposi-Sarkom. Daher kamen die Hautflecken. Julia hatte mehrere Artikel über HIV und AIDS für Red & Black verfasst und wusste, die seltene Krebsart konnte auf die Organe übergreifen und das Gehirn schädigen. Delilah war schon zu ihren besten Zeiten nicht klar im Kopf. Berichtete sie eine Art Vision oder einen Fiebertraum? Es konnte ja wohl nicht sein, dass jemand mitten im Zentrum von Athens einfach so in ein Auto gezerrt wurde.

Andererseits schien es auch nicht möglich, dass ein Mädchen geraubt wurde, während es vom Haus ihrer Eltern zum Supermarkt ging, um Eis zu holen.

Nicht nur geraubt.

Festgehalten.

Und dennoch. „Vorhin hast du gesagt, du hast gesehen, wie Mona in den Wald ging“, erinnerte sie Delilah freundlich.

„Die Reifen von dem Wagen waren ganz verkrustet von Dreck. Gras und all so Zeug. Ich verwette meine rechte Titte, dass er sie in den Wald gebracht hat.“ Sie beugte sich näher zu Julia. Ihr Atem roch nach Fäulnis und Zigarettenrauch. „Männer machen Sachen mit Frauen, Schätzchen. Wenn sie die Zeit haben, machen die Sachen mit ihnen, die willst du gar nicht wissen.“

Julia spürte, wie sich jedes einzelne Haar in ihrem Nacken aufstellte.

„Ha!“ Delilah lachte, denn das tat sie immer, wenn es ihr gelungen war, eine Reaktion zu provozieren. „Ha!“ Sie hielt sich den Bauch. Kein Laut kam aus ihrem Mund, aber sie warf den Kopf in den Nacken, was eine Art von Ausgelassenheit darstellte. Ihre zahnlosen Kiefer glänzten im Licht der noch tief stehenden Sonne.

Julia rieb sich den Nacken, um die Nerven zu beruhigen.

Beatrice Oliver. Mona Namenlos. Sie lebten weniger als dreißig Kilometer voneinander entfernt. Sie waren beide hübsch. Sie waren beide blond. Sie waren ungefähr gleich alt. Sie waren beide nachts auf der Straße gewesen. Hatte ein böser Mensch sie beide gesehen und beschlossen, sie mitzunehmen?

Derselbe böse Mensch? Zwei verschiedene? Waren diese Männer jetzt beide zu Hause bei ihren Familien? Machten sie Frühstück für ihre Kinder, rasierten sich oder küssten ihre Frauen zum Abschied, während sie die ganze Zeit in sich hinein lächelten, wenn sie daran dachten, was sie später mit den entführten Mädchen tun würden?

„Hey.“ Delilah stieß Julia an. „Machst du das fertig, oder was? Ich muss noch wohin.“

Julia griff zum Kugelschreiber. Sie schrieb den Brief an Delilahs Tochter zu Ende und schloss wie immer mit „In Liebe …“, obwohl Delilah nie sagte, dass sie es tun sollte.

10.42 Uhr – Lipscomb Hall, University of Georgia, Athens

Weniger als eine halbe Stunde nach ihrer Rückkehr ins Wohnheim wachte Julia vom hartnäckigen Piepsen ihres Pagers auf. Sie wühlte blind in ihrer Handtasche herum, um das nervige Geräusch abzustellen. Ihre Hand verfing sich in dem gelben Halstuch, das sie für ihre Schwester hatte abgeben wollen. Schließlich fand sie den Knopf und stellte das Piepsen ab.

Sie drehte sich auf den Rücken und sah zur Zimmerdecke hinauf. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie es bis in den Hals hinauf spürte. Julia presste die Finger auf die Halsschlagader und zählte die Schläge mit, bis ihr Puls langsam zu einem normalen Tempo zurückkehrte.

Sie hatte wieder von Beatrice Oliver geträumt, nur sah sie Beatrice dieses Mal nicht aus der Ferne zu, sondern trat an ihre Stelle. Sie sprach mit ihrem Vater – Julias Vater – über seine Zahnschmerzen und bot dann an, ihm Eiskrem aus dem Supermarkt zu holen. Julias Mutter gab ihr Geld mit, und lief ging sie die Straße entlang, aber plötzlich war sie nicht mehr Beatrice Oliver, sondern Mona Namenlos, und es war dunkel, und die Luft war kühl, und sie sah einen oldtimerartigen Wagen, und dann schloss sich eine verschwitzte Männerhand über ihren Mund, und sie wurde von den Füßen gerissen und in den dunklen, bedrohlichen Schlund einer offenen Lieferwagentür geschleppt.

Julia legte die Hand auf den Mund und fragte sich, wie es sich wohl anfühlte, wenn man plötzlich zum Verstummen gebracht wurde. Sie fuhr sich mit den Fingern über die Lippen, und plötzlich wurde die Berührung zarter, und ehe sie sich’s versah, war der verschwitzte böse Mann aus ihrem Kopf verschwunden, und sie dachte nur noch an Robin. Seine weichen Lippen auf ihren. Die überraschend raue Wange, die über ihren Hals strich. Seine großen Hände, die so zärtlich ihre Brüste streichelten, und welche Gefühle das in ihr hervorrief, denn er wusste, wie er sie berühren musste. Er packte sie nicht, und er bestieg sie nicht wie ein Straßenköter. Er machte Liebe mit ihr.

Er würde Liebe mit ihr machen. Julia beschloss es hier und jetzt. Ihre Mutter, die es zu genießen schien, offene und peinliche Gespräche über alles Mögliche von Sex bis Drogen zu führen, hatte zu Julia gesagt, es sei in Ordnung, intim mit wem auch immer zu werden, wenn sie selbst es wollte. Sie müsse sich nur sicher sein, es auch wirklich zu wollen.

Julia wollte wirklich mit Robin Clark schlafen.

Nicht, dass sie das Einverständnis ihrer Mutter gebraucht hätte.

Julia drehte sich auf die Seite. Nancy Griggs, ihre Mitbewohnerin, war vor zwanzig Minuten zu ihrem Töpferkurs gegangen. Julia hatte sich schlafend gestellt. Die beiden hatten sich am Wochenende heftig gestritten, weil Julia Nancy einen Vortrag darüber gehalten hatte, sich nicht zu lange in irgendwelchen Kneipen herumzutreiben und dafür zu sorgen, dass eine vertrauenswürdige Person sie nach Hause brachte.

Nancy hatte die Augen verdreht, und Julia war laut geworden, was nie hilfreich war. Noch während sie ihre beste Freundin anschrie, war Julia bewusst geworden, dass sie sich wie ihre Mutter anhörte. Und zum ersten Mal im Leben war es ihr egal. Beatrice Oliver hätte vielleicht davon profitiert, wenn ihr jemand mal einen lautstarken Vortrag darüber gehalten hätte, immer auf der Hut zu sein und aufzupassen, dass man nicht von einem kranken Psychopathen verschleppt wurde, wenn man spätabends noch losging, um Eis für seinen Vater zu holen.

„Zum Teufel mit deinen Ratschlägen!“, hatte Nancy wütend erwidert. „Nur weil du jetzt einen Freund hast, hast du noch lange nicht mehr Ahnung von irgendwas als ich.“

Genau darüber ärgerte sich Nancy nämlich in Wirklichkeit. Julia war nie verliebt gewesen (war sie verliebt?). Sie hatte nie einen festen Freund gehabt. In ihrer fast fünfzehnjährigen Freundschaft war Nancy immer diejenige gewesen, die die Jungs hatte und die erfahren in all den Dingen war, die Julia nur aus Büchern kannte.

Julia wurde an einen der Sprüche ihrer Großmutter erinnert: Dein Sprungseil hat sich in eine Leine verwandelt.

„Robin!“ Julia setzte sich ruckartig im Bett auf, ihr Herz raste wieder, sie hatte zu viel Speichel im Mund. Sie holte den Pager aus der Handtasche. Vielleicht war es Robin. Vielleicht stand er in diesem Moment neben einem Münztelefon auf einem Rastplatz im Wald und wartete auf ihren Anruf. Sie drückte den Knopf, um die Nummer aufzurufen, und hätte den Pager dann am liebsten quer durchs Zimmer geschleudert. Es war nicht Robin sondern wahrscheinlich eine ihrer bescheuerten Schwestern, die die Nachricht 55378008 hinterlassen hatte, was sich auf den Kopf gestellt BOOBLESS – tittenlos – las.

„Sehr witzig“, murmelte Julia und dachte, dass es um diese Tageszeit Pepper, ihre mittlere Schwester sein musste, denn ihre liebe brave kleine Schwester würde niemals die Schule schwänzen.

Sie schwang die Beine aus dem Bett, stellte die Füße auf den Boden und betrachtete Nancys unordentliche Zimmerhälfte. Sie hatten ihre Bettwäsche zusammen bei Sears gekauft, und die Vorhänge und verschiedene Poster, die den Raum schmückten, mit dem Geld bezahlt, das sie mit Babysitten verdient hatten. Julia erinnerte sich, wie erwachsen sie sich gefühlt hatten – sie waren allein unterwegs! Gaben ihr eigenes, schwer verdientes Geld aus! Sorgten für sich wie richtige Erwachsene! Und dann war Julia wieder nach Hause gefahren, hatte das Essen von dem chinesischen Imbiss verspeist, das ihre Eltern gekauft hatten, ihre Klamotten, die sie bezahlt hatten, in der Waschmaschine gewaschen, die ihnen gehörte, und bekam es mit der Angst, weil sie tatsächlich nicht im Geringsten in der Lage war, für sich selbst zu sorgen.

Julia machte zwei Schritte und setzte sich an ihren Schreibtisch. Sie blickte auf das Blatt Papier, auf dem sie einen Liebesbrief an Robin angefangen hatte. Sie hatte den Madonna-Song von den Küssen in Paris und dem Händchenhalten in Rom zitiert.

Sollte sie wirklich mit ihm schlafen? War Robin der Richtige? Letztes Jahr um diese Zeit hätte sich Julia so ziemlich jedem hingegeben. Warum war es plötzlich so etwas Besonderes?

Sie fuhr den Songtext mit dem Kugelschreiber nach.

„Kiss you in Paris …“

Wahrscheinlich war jetzt nicht die beste Zeit für einen Liebesbrief, vor allem da Robin erst Ende der Woche zurückkommen würde. Sie durfte nicht eins dieser dummen Weiber sein, die ihr ganzes Leben für einen Jungen aufgaben. Sie sollte für ihre schwere Psychologieprüfung lernen. Sie sollte ihre Arbeit über Spenser für den Kurs bei Professor Edwards heute Mittag noch einmal durchlesen. Sie sollte an ihrem Artikelvorschlag für Red & Black feilen, denn seit der Entführung von Beatrice Oliver waren bereits fünf Wochen vergangen, und es dürfte ihr schwer genug fallen, Greg, Lionel und Mr. Hannah davon zu überzeugen, dass die Geschichte noch einen Artikel wert war.

Sie schlug mit dem Kugelschreiber leicht gegen ihren Mund und sah sich dabei die Polaroidbilder an, die an der Wand vor ihr klebten: Nancy mit Stinkefinger, ihre Schwestern beim missglückten Radschlagen im Park, ihre Eltern, die auf einem Fest tanzten (eng tanzten, aber es sah romantisch aus und nicht peinlich), eine Aufnahme ihrer Schildkröte Herschel Walker (ein zu wenig gewürdigtes Muttertagsgeschenk), die sich auf der Veranda sonnte.

Ein schönes junges Mädchen ging die Straße entlang, als plötzlich …

Ein Gedanke erschütterte Julia. War Beatrice Oliver ebenfalls noch Jungfrau? Würde der Mensch, der sie verschleppt hatte (und der sie festhielt), der erste sein, der mit ihr Sex hatte?

Würde er auch der letzte sein?

„Halt die Klappe!“, rief ein Mädchen weiter vorn im Flur. Die geschlossene Tür dämpfte das Alabama-Näseln. Sie klang, als würde sie jemanden ärgern, und Julia empfand sofort eine fast körperliche Abneigung, ohne sie auch nur gesehen zu haben. „Nein, du warst es, du Gans.“

Julia fuhr zusammen, als mit der Faust an ihre Tür geschlagen wurde.

„Hallo?“, rief Alabama.

Es war ein reines Mädchenwohnheim. Julia machte sich nicht die Mühe, etwas überzuziehen, obwohl sie nur T-Shirt und Höschen trug. Sie bedauerte dies sofort, als klar wurde, dass sie das Mädchen noch nie in ihrem Leben gesehen hatte.

Das hielt die Fremde nicht davon ab, einfach ins Zimmer zu marschieren. „Was für ein Saustall. Ihr braucht alle ein Zimmermädchen.“ Alabama schaute unter Nancys Bett und sah neben ihrem Schreibtisch nach. Dann ging sie zum Schrank.

„Verzeihung“, sagte Julia. „Kenne ich dich?“

„Ich bin eine Freundin von Nancy.“ Das Mädchen machte Nancys Schrank auf. „Sie hat gesagt, sie leiht mir – ah, da ist sie.“ Sie riss eine kleine lederne Reisetasche aus dem Schrank und warf einen Berg Schuhe dabei durcheinander. Als sie sich umdrehte, musterte sie Julia langsam von Kopf bis Fuß. „Hübsche Socken.“

Dann ging sie und hinterließ einen säuerlichen Eindruck von Missbilligung.

Julia sah auf ihre Socken hinunter. Sie waren grau mit eingestickten schwarzbraunen Dackeln. Am liebsten wäre sie auf den Flur gerannt, um das Mädchen zu fragen, was mit ihren Socken nicht stimme, aber sie wusste, es ging gar nicht um die Socken, es ging darum, Julia in die Schranken zu weisen.

Julia durchschaute diese Spielchen, aber sie sah sich außerstande, sie mitzuspielen.

Sie blickte auf die Uhr. Ihr Spenser-Seminar fing erst um 12.00 Uhr an, und sie musste immer noch das gelbe Halstuch für ihre Schwester abliefern. Außerdem hatte ihre Mutter versprochen, ihr einige Ausdrucke auf dem Küchentisch zu hinterlassen. Die Sonne schien, die Luft war frisch. Vielleicht würde eine Fahrt mit dem Rad ein paar der Dämonen in ihrem Kopf vertreiben.

Julia schlüpfte in ihre Jeans, zog einen Pullover über das T-Shirt, packte ihre Büchertasche voll und griff sich ihre Handtasche. Sie hatte die Tür bereits abgesperrt, als ihr einfiel, sie hätte sich die Zähne putzen und mit dem Kamm durchs Haar fahren sollen, aber das konnte sie auch zu Hause tun. Bei ihren Eltern zu Hause, genau gesagt, denn theoretisch wohnte sie ja nicht mehr in dem Haus am Boulevard.

Draußen vor dem Gebäude kämpfte sie mit dem Schloss an ihrem Fahrrad, nur mühsam ließ sich der Schlüssel durch eine Schicht Rost drehen. Die Sonne hatte den Morgennebel komplett weggeheizt, als sie an dem schwarzen Eisenbogen vorbeiradelte, der den Eingang zum North Campus markierte. Wahrscheinlich hätte sie eine Jacke mitnehmen sollen, aber es ging noch, solange sie in der Sonne blieb. Sie kurvte zwischen den Studenten hindurch, die in der Mitte der Broad Street umherwuselten. Sie schienen heiterer Stimmung zu sein. Das Wetter konnte sich nicht recht zwischen Winter und Frühjahr entscheiden, und jeder Tag, der Sonne versprach, war ein Tag, den man feiern musste.

Julias Wohnheim lag weniger als eine Viertelstunde vom Haus entfernt, aber die Hinfahrt schien immer länger zu dauern ...

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