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Bride-Insights Das Dilemma mit meinem Brautkleid

"Bride Insights"-Kolumne
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© Shutterstock
Mein Brautkleid und ich - eine Berg-und-Talfahrt, die beinahe nicht vor dem Altar, sondern vor Gericht geendet wäre. 

Für Normalsterbliche wie mich ist das Hochzeitskleid wohl die extravaganteste (und auch teuerste) Robe, die ich jemals in meinem Leben tragen werde. Oft habe ich mich schon beim Vorbeigehen eines Brautladen-Geschäftes in einem dieser wunderschönen Kleider vorgestellt - doch was mir letztlich stehen und ob eines dieser Kleider wirklich eine "Das ist mein Brautkleid"-Euphorie in mir auslösen würde, wusste ich erst an dem Tag, an dem ich wirklich auf der Suche nach einem – oder besser gesagt – nach meinem Brautkleid war.

Soviel sei vorweggenommen: Bei einem Kleid stieg dieses wahnsinnig schöne Gefühl tatsächlich in mir auf, es kullerten sogar Freudentränen. Doch der Gefühlscocktail aus Wut, Angst und Verzweiflung, der sich danach in mir zusammen rührte, überschattete viel Positives.

Nach dem Antrag geht es auf Brautkleid-Suche

Doch nun von vorne: Der Antrag meines Freundes kam (für mich sehr spontan) an einem bewölkten Frühlingstag an der Ostsee. Ganz klassisch fiel Moritz vor mir auf die Knie und fragte mit zittriger Stimme, ob ich seine Frau werden wolle. Natürlich sagte ich "Ja", denn Moritz ist ohne Zweifel die Liebe meines Lebens. 

Nachdem ich mich mit der Zeit immer mehr mit dem Gedanken angefreundet hatte, nun endgültig das Nimmerland zu verlassen und in den Hafen der Ehe einzufahren, konnte ich es kaum erwarten einen Brautladen zu besuchen und mein Kleid zu finden, in dem ich vor den Traualtar schreiten werde. 

Ich deute es als mein Schicksal, dass genau in meinem Heimatort wenige Wochen vor meinem Antrag ein Brautkleid-Laden eröffnet. Meine Schwester, die gleichzeitig auch meine Trauzeugin ist, meine Mama und ich vereinbaren einen Termin mit der jungen Inhaberin des Ladens.

Und dort hängt es auch: Das Kleid, in dem ich mich so richtig als Braut fühle.

Stolz schaue ich mich von allen Seiten im Spiegel an, drehe mich, und sehe wie meiner Mama und meiner Schwester die Tränen kommen. Ich habe es nach knapp zweieinhalb Stunden und sieben anprobierten Kleidern gefunden: MEIN Brautkleid!

Trotz vermeintlicher Makel: Das Brautkleid ist gefunden

Voller Euphorie strahle ich die Verkäuferin an. "Prima, Frau Kuch, dann haben Sie wohl Ihr Kleid gefunden", sagt sie mit freudiger Stimme. "Es geht zwar hinten nicht richtig zu, aber das kann die Schneiderin schon richten", zwinkert sie mir zu. "Naja", sage ich freudestrahlend, "sonst nehme ich es eben in einer Nummer größer". Die habe sie leider nicht da, aber es sei kein Problem, beteuert sie, man könne das Kleid weiten. "Das Kleid geht nicht über die Ladenschwelle, bis es Ihnen passt", flötet sie weiter. 

Es gibt bestimmt einige, die jetzt aufgehorcht hätten.

Für mich - eine Euphorie-geladene Braut in Spe, die das Kleid ihres Lebens trägt - hätte Leonardo Di Caprio den Laden betreten können und ich hätte es nicht gemerkt.

Soll die Schneiderin das Kleid doch anpassen. Mir egal, Hauptsache, ich habe es gefunden und die Verkäuferin hat mir ja auch schließlich ihr Wort gegeben. Kurzum: Ich kaufe das Kleid, das sich nicht schließen lässt, für eine stolze Summe und vereinbare einen Folgetermin im Laden, an dem auch die Schneiderin teilnehmen soll.

Wenn das Brautkleid einfach nicht richtig passen will

Vier Wochen später stehe ich erneut vorm Spiegel - drehe mich in meinem Traumkleid glücklich um meine eigene Achse, bis ich schließlich mit dem Rücken zum Spiegel stehen bleibe und meine Stirn in Falten lege: Der Reißverschluss schließt nur zur Hälfte.

Mit Kraftaufwand versucht die Schneiderin das Kleid weiter zu schließen, ich ziehe die Luft ein und mein Rücken erinnert schließlich an ein zweites Dekolleté.

"Kein Problem Frau Kuch, das Material gibt noch nach. Zu Not schneide ich die Spitze an der Seite auf, dehne sie, und nähe sie wieder zusammen." Klingt schmerzhaft, denke ich, aber sie wird ihr Handwerk schon beherrschen. 

Tief einatmen ist jetzt eh nicht drin, daher nicke ich nur kurz. Dann soll es noch gekürzt und mein Dekolleté (das von vorne) mit Cups in Szene setzen. Endlich: Die Brautladenbesitzerin löst den auf Hochspannung gesetzten Reißverschluss und ich merke, wie ich nach Luft schnappe. Wenige Minuten später verschwindet die Schneiderin aus dem Laden, über ihrer Schulter mein Kleid. In acht Wochen darf ich es endgültig abholen. Ich merke, wie sich ein flaues Gefühl in meinem Magen breit macht.

Ein Kleid weiter nähen - geht das überhaupt?

In den nächsten Tagen schlich dieses unschöne Gefühl noch ein paar Mal häufiger in mir auf. Ein Kleid größer machen? Geht das überhaupt? Etwas enger nähen, klar, das habe ich schon häufiger gehört. Aber weiten? Nun gut, ich werde es ja bald sehen. Ein Anruf später saß ich mit Bauchschmerzen auf dem Sofa.

"Der Brautkleid-Laden ist bankrott gegangen, die Verkäuferin muss ihr Geschäft aufgeben", eröffnete mir meine Mama am Telefon.

Für mich bedeutet das: Es gibt keine Garantie mehr, dass mein Kleid "passend über die Ladenschwelle geht". Egal, was die Schneiderin jetzt mit meinem Kleid macht, es ist mein Problem.

Und so war es: Die Schneiderin hat sich an mein Kleid "doch nicht herangetraut". Und wolle sich noch einmal mein Einverständnis einholen, dass sie jetzt die Spitze aufschneide und weite. Unsicher sagt sie: "Also man muss schauen, wie es dann aussieht." Wie bitte? Wir sind hier doch nicht beim Prototypen - das ist MEIN Kleid, in dem ich in weniger als acht Wochen vor den Altar treten möchte. Im Idealfall ohne Patches, Narben oder zweitem Dekolleté inklusive Beatmungszelt. Nach diversen anderen - ebenfalls sehr schmerzhaft und unrealistisch klingenden Vorschlägen zieht meine Mama schließlich die Reißleine. Postwendend verlassen wir das winzige Atelier.

Ein insolventer Brautladen bringt alles ins Schleudern

Im Auto schießen mir dann letztlich die Tränen in die Augen. Da sitze ich nun, wenige Wochen vor unserer Hochzeit, mit einem nicht-passenden Kleid. "Wir werden das Kleid umtauschen, das geht so nicht", höre ich meine Mutter sagen. Schon tippt sie entschlossen die Nummer der Ladenbesitzerin in ihr Handy. Sie scheint abgenommen zu haben, denn meine Mutter sprudelt bereits los und erklärt ihr unser Dilemma. "Wie? Sie haben keine anderen Kleider mehr?", höre ich  meine Mama letztlich mit erhobener, fast schriller Stimme ins Handy sagen. "Dass Sie uns so etwas überhaupt verkauft haben, das geht überhaupt gar nicht". Kein Wunder, dass sie dicht machen muss, schießt es mir durch den Kopf. "Das wird ein Nachspiel haben". 

Das "Nachspiel" gestaltet sich für mich und meine Familie als eine nervenaufreibend Angelegenheit.

Auch wenn nur kurzfristig, ziehe ich sogar in Erwägung, die Ladenbesitzerin auf Schadensersatz zu verklagen.

Jetzt lass' die Kirche aber mal im Dorf, höre ich meine innere Stimmen sagen. Dann eben eine schlechte Google-Bewertung, pah. Aber wirklich etwas zu verlieren, einen Ruf oder eine Reputation, hat sie ja nicht mehr, dämmert es mir schließlich. Wir hingegen schon. Neben Zeit und Geld auch wertvolle Nerven. Du musst realistisch bleiben, versuche ich mir einzureden. Das Kleid ungetragen zu verkaufen, kommt für mich nicht in Frage. Schließlich habe ich mich bereits in das Kleid verliebt und beschlossen, für unsere Beziehung zu kämpfen. 

Zwischen Verzweiflung und Rettung in der Not

Eine Schneiderin in Köln, die sich nur auf Brautkleider spezialisiert hat, ist schließlich unsere letzte Anlaufstelle. Sie bestätigt, was wir bereits geahnt haben:

Ein Kleid zu klein zu verkaufen, sei "stümperhaft", sagt sie uns.

Die Schneiderin habe außerdem viel zu große Nadeln zum Abstecken des Kleides verwendet, und dadurch kleine Löcher in den Stoff gerissen. Des weiteren sei das Kleid zu kurz abgesteckt und die Cups falsch herum befestigt worden, stellt sie mit kritischen Blick fest. Ich realisiere langsam: Wenn es nach der ersten Schneiderin gegangen wäre, hätte ich jetzt nicht nur zwei Dekolletés, eins vorne und eins hinten, eines davon wäre jetzt sogar von innen nach außen gepusht. Ist das zu glauben?

Die emotionale Reise hat sich gelohnt

Zum Glück gibt es für mich und mein Kleid ein Happy-End. Die Brautkleid-Schneiderin versetzt den Reißverschluss ein gutes Stück nach unten und weder die hochwertige Spitze noch andere Bestandteile des Kleides müssen aufgeschnitten oder gestreckt werden. Das Kleid lässt sich schließen und ich kann wieder atmen. Einen Haken muss es aber doch noch geben? Und wie es den gibt: Als ich die Rechnung sehe, halte ich sie für einen Moment für die Rechnung aus dem Brautkleidladen.

Die Änderungen des Kleides haben mich letztlich genauso viel gekostet, wie das Kleid selbst. 

Aber was soll ich sagen? Für mich ist es immer noch MEIN Brautkleid. Ich würde sogar sagen, dass die Reise, oder besser gesagt, die emotionale Berg- und Talfahrt, ein festes Band um uns gezogen hat. Es hat sich gelohnt, dafür zu kämpfen. Doch eins wird mir mit Sicherheit nicht noch einmal passieren: Ein Kleid zu kaufen, das mir nicht passt. 

Gala

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