Soziologin Eva Illouz: Gefährdet Tinder die wahre Liebe?

Soziologin Eva Illouz ist der Meinung, dass Dating-Portale heutzutage Beziehungen zu schnelllebig machen. Sie sieht die wahre Liebe dadurch in Gefahr

Eine Frau sucht bei Tinder nach einem Partner

Viele Filme und Romane thematisieren die Entstehung von Liebe, den Moment, in dem es zwischen zwei Menschen magisch wird. Die Soziologin und Autorin Eva Illouz, 57, beschäftigt sich in ihrem neuen Buch "Warum Liebe endet" mit dem Gegenteil: dem Zerfall der wahren Liebe. 

Sexualität wird durch Konsum gesteuert

Liebe ist wohl die komplizierteste Form von Zwischenmenschlichkeit. Der Mensch ist süchtig nach Bestätigung, Zärtlichkeit und Nähe. Und trotzdem brechen Beziehungen sekündlich auseinander, die Liebe verliert ihre Verbindlichkeit. Der Grund sieht Illouz im Online-Dating. Die Expertin meint ein gesellschaftliches Problem zu erkennen: 

Wir konsumieren Menschen & schmeißen sie wieder weg.

In ihrem Buch stellt Eva Illouz die These auf, das Liebe zu einem Produkt geworden sei, das man beispielsweise auf Tinder mit einem Swipe nach rechts oder links entweder annehmen oder ablehnen könne. Oft entscheidet der User innerhalb einer Sekunde darüber, ob er einen Menschen kennenlernen will oder nicht. Falls nein, hat der Algorithmus der Dating-App noch viele weitere Kandidaten parat. Die Expertin ist sich sicher, dass Liebe durch Online-Dating heute jederzeit für alle verfügbar sei - und zwar schneller denn je.

Beziehungskrise?

Richtiges Streiten kann die Partnerschaft retten

In einer Beziehung gehört Streit dazu. Die Frage ist nur, wie Partner damit umgehen. 

Wie funktionierte Liebe ohne Tinder?

Ganz anders war das noch vor 150 Jahren. Die Liebe fand zwischen zwei Menschen in dem festen sozialen Rahmen namens Ehe statt: Der Mann wirbt um die Frau und hat das Ziel, sie zu heiraten. Zwischen der Liebeserklärung und dem Liebemachen verging damals noch Zeit. Die israelische Gesellschaftswissenschaftlerin möchte aber weder das höfische Werben, noch veraltete Rollenbilder dieser Zeit loben. Heute kann schließlich auch eine Frau um den Mann werben. Vielmehr nutzt sie den Vergleich, um auf die Missstände heutiger Partnerschaften aufmerksam zu machen. In unserer modernen Gesellschaft ist körperliche Liebe nämlich nicht mehr nur zwischen zwei bestimmten Menschen festgelegt. 

Zwischen One-Night-Stands und reinen Bettbeziehungen 

Heute gibt es One-Night-Stands, "friends with benefits", Dreiecksbeziehungen, Casual Dating, Cybersex, Gelegenheitssex und das "Hey, laut der App bist du in der Nähe. Haste Bock?". Die Wissenschaftlerin vergleicht den Konsum mit einer Schnäppchenjagd von Körperkontakt und Bestätigung. Dabei sei die Auswahl wichtiger, als das was man auswählt, denn von Dauer sei es häufig eh nicht. Mann oder Frau muss dafür nicht mal bei einem Online-Datingportal angemeldet sein. Gibt man bei Instagram #onenightstand ein, erhält man zahlreiche Angebote. Und was sind die Folgen dieser starkkonsumierten Liebe?

Persönliches Ansprechen traut sich fast niemand mehr 

Die Qual der Wahl überfordere die Dauer-Dater, laut der Expertin, und in diesem Teufelskreis verlernen sie die direkte Kommunikation. Heute fällt es Frau und Mann viel schwerer, einen für sie interessanten Menschen persönlich anzusprechen. Es fehlen einfach die Worte. Warum? Wenn man bei Tinder nicht zurückgeliked wird und kein Match entsteht, bekommen User das meistens überhaupt nicht mit. Sie haben schließlich noch andere geliked. Dahingegen erfordert das persönliche Ansprechen Mut: Die Person geht mit allen Sinnen das Risiko einer Abfuhr ein.

Geht es mit der Liebe bergab? 

Wenn uns eine Beziehung doch mal am Herzen liege, würden wir die Verantwortung gerne abgeben. "Die Aufgabe, unser Sexual- und Liebesleben zu retten, zu gestalten und anzuleiten, haben wir den Psychologen anvertraut", schreibt die Autorin. "Ist diese Beziehung gut oder schlecht für mich? Soll ich in der Ehe bleiben?", Frage-Antwort-Foren drohen vor diesen Formulierungen beinahe zu platzen. Wir ziehen das Online-Gespräch mit Fremden vor, anstatt direkt mit dem Partner über das Problem zu sprechen. 2017 hat das statistische Bundesamt ermittelt, dass eine durchschnittliche Ehedauer in Deutschland ungefähr 15 Jahre beträgt. Wenn die Kinder alt genug sind, wird ausgetauscht. Diese Zahl beleuchtet aber nicht, wie viele Seitensprünge, lange Affären und sonstige dauerhafte Konflikte es in den Ehen gibt, die offiziell nicht geschieden werden. 
Eva Illouz interviewte insgesamt 92 Männern und Frauen. Einer der Befragten fasste treffend zusammen: "Die Liebe endet immer!"

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