Shitstorm: Shitstorm für "Eltern"-Redaktion

Nachdem die "Eltern"-Redaktion ein Titelbild mit einer jungen Mutter mit Kopftuch veröffentlichte, überzog ein brauner Mob die Redaktion mit Hass und Morddrohungen

Dieses Titelbild der "Eltern" führte zum Shitstorm

Dieses Titelbild der "Eltern" führte zum Shitstorm

50 Jahre "Eltern"

Die Zeitschrift "Eltern" feierte unlängst ihr fünfzigstes Jubiläum. 50 Jahre Eltern, das bedeutet 50 Jahre Themen rund um Schwangerschaft, Kinderwunsch und Erziehung gedruckt in einer monatlich erscheinenden Zeitschrift. 50 Jahre, in denen sich die Zeitschrift in diesem Bereich als wichtige Instanz etabliert hat. Zu diesem Anlass gönnte sich die Zeitschrift für die Februar-Ausgabe fünf verschiedene Titelseiten, unter anderem war auf einer die junge Muslima Kübra aus Berlin mit ihrer Tochter auf dem Schoß abgebildet. Auf den ersten Blick ein typisches Eltern-Bild, wäre da nicht Kübras Kopftuch. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Zeitschrift, dass eine Frau mit Kopftuch auf dem Titelbild abgebildet wird.

Dieses Titelbild der "Eltern" führte zum Shitstorm

Dieses Titelbild der "Eltern" führte zum Shitstorm

Aufruf aus dem rechtsextremen Lager

Zunächst war die Resonanz auf das Titelbild ausgesprochen positiv. Besonders aus der muslimischen Gemeinde erhielt die Zeitschrift viel positiven Zuspruch. Bis zu dem Zeitpunkt, als der rechtspopulistische Blog "Politically Incorrect" einen Kommentar dazu veröffentlichte.

Unter der Überschrift "Altehrwürdige Eltern mit Kopftuch-Cover" wurde das Titelbild gezeigt. Im Text dazu ätzt der Blog:

"Zum 50-jährigen Jubiläum hat sich die Redaktion etwas ganz "vielfältiges" ausgedacht: Die Februar-Ausgabe erscheint nicht nur mit einem Titel, sondern gleich mit fünf – und eines davon zeigt die 30-jährige Muslimin Kubra (Foto) mit Kopftuch und ihrer Tochter auf dem Arm. Im Text unter dem Cover heißt es: Die ELTERN ist nicht einfach nur ein Ratgeber, sie ist eine Botschaft an junge Mütter und Väter. Alles klar, Gruner+Jahr – Botschaft verstanden!"

Darunter postete der Blog die Kontaktdaten der Redaktion. Eine offene Aufforderung an die eigenen Leser Kontakt mit der Redaktion aufzunehmen und ihrem Unmut über dieses Titelbild Luft zu verschaffen.

Hetze, Hass und Morddrohungen

Binnen kurzer Zeit nach Veröffentlichung des Blogposts wurde die Redaktion mit E-Mails bombardiert, die teilweise mit übelsten Beschimpfungen gespickt waren. In der Telefonzentrale von Gruner + Jahr stand das Telefon nicht mehr still und die Mitarbeiter mussten sich wüste Beleidigungen an den Kopf werfen lassen.Ein Anrufer machte sich zudem einen Spaß daraus alle fünf Minuten anzurufen und arabische Musik in ohrenbetäubender Lautstärke abzuspielen.

Erschreckend konkret wurden dabei Morddrohungen ausgesprochen: "Ungeziefer wie ihr muss getilgt werden",fand sich ebenso als Nachricht wie "Ab in die Gaskammer" oder "Der Islam gehört Euch in Euren Kopf geschlagen!".Noch erschreckender ist, dass sich viele Beschwerdeführer nicht einmal die Mühe machten, anonym zu hetzen. "Besonders schlimm finde ich: Viele Absender stammen aus der Mitte der Gesellschaft. Die geben ihren vollen Namen und die Adresse an. Die schämen sich gar nicht!", kommentierte "Eltern"-Chefredakteurin Marie-Luise Lewicki den Shitstorm. "Dieser unfassbare Hass ist erschreckend."

Die anderen Cover der Jubiläums-Ausgabe

Die anderen Cover der Jubiläums-Ausgabe

Die wahre Schande für das Land: Die braunen Hassprediger

Ist das aber noch die Mitte der Gesellschaft? Einer Gesellschaft, dessen Grundgesetz die Gleichheit aller Menschen und die kulturelle Vielfalt ausdrücklich schützt? Ob die Menschen, die den Blogpost kommentiert haben, das Grundgesetz als einen der tragenden Grundpfeiler dieser Gesellschaft verstanden haben? Kommentare wie "Und nicht vergessen – das Kopftuch ist das Hakenkreuz des Islam." oder "Hätte man dieses Dreckskopftuch von Anfang an in ganz Europa verboten, wären wir nicht da wo wir jetzt sind, dabei bleibe ich! Pfui ELTERNZEITSCHRIFT, ihr seid eine Schande für unser Land!", lassen daran erhebliche Zweifel aufkommen.

Die "Eltern" kann sich damit rühmen über die letzten fünf Jahrzehnte auch kontroverse Themen angeschnitten zu haben, mit denen nicht alle Leser einverstanden waren. Dazu gehörten insbesondere Themen wie die körperliche Züchtigung von Kindern oder die Sexualaufklärung. Oft genug führten solche Themen zu anschließenden öffentlichen Diskussionen, die nicht selten damit endeten, dass so manch ein Elternteil überhaupt erst damit angefangen hat seine Überzeugungen zu überdenken. Hier zeigt sich auch wieder, dass die Redaktion der "Eltern" die dadurch entstehende Meinungsbildung als Teil des demokratischen Grundverständnisses verstanden hat, ist doch die freie Meinungsäußerung und die Toleranz anderer Meinung eines der wichtigsten Grundrechte. Genau das haben die Kommentatoren, Anrufer, und Hass-Mail-Schreiber verkannt: Ihre "Meinungsäußerung" ist geradezu der Gegenpol zur freien Meinungsäußerung. Rassismus ist eben keine Meinung, sondern der Ausdruck von Verachtung und Hass gegenüber Andersartigen.

"Eltern" unbeeindruckt

Unabhängig von dieser Welle der Entrüstung kam die Jubiläums-Ausgabe bei den Lesern gut an. Sie verkaufte sich rund zehn Prozent besser als vergleichbare Hefte. Das zeigt: Die Leser der "Eltern" haben verstanden, dass "jede Mutter die beste für ihr Kind ist", unabhängig von Religion oder Herkunft. Elternsein beruht auf Liebe, da ist für Hass kein Platz.

Genau deswegen lässt sich die "Eltern"-Redaktion auch nicht einschüchtern. "Wir sind eine vielfältige Gesellschaft, das muss auch der Journalismus abbilden", sagt Lewicki. Immerhin gehören Frauen muslimischen Glaubens mit Kopftuch schon längst zum Alltag in Deutschland. Daher wolle man nun vermehrt auf Diversität setzen und junge Mütter aus anderen gesellschaftlichen Gruppen in den Fokus setzen. Damit hätten die rechten Hetzer genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie erreichen wollten. Und das ist gut so.

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