Woody Allen: "Man bezahlt mich für mein Hobby"

Ein Jahr ohne etwas Neues von Woody Allen wäre komisch: Seit 36 Jahren führt der Stadtneurotiker Regie und übertrifft sich dabei immer wieder selbst. Für "To Rome With Love" drehte er erstmals in Italien

Allein, ein wenig nervös, natürlich mit der Nerd-Brille auf der Nase sitzt Woody Allen, 76, beim "Gala" -Interview im Pariser Nobelhotel "Le Bristol".

Ein typischer Auftritt. Bemerkenswert ist allerdings, dass das Alter auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen ist. Auf dem rechten Ohr hört er nicht mehr so gut, es ist daher besser, links von ihm zu sitzen. Aber am besten lässt man dem Genie einfach freien Lauf, wenn er über seinen neuen Film "To Rome With Love" und seine Leidenschaften spricht. Denn Woody Allens Humor ist und bleibt umwerfend.

Man hatte schon geglaubt, Sie hätten die Schauspielerei aufgegeben. In Ihrem aktuellen Film haben Sie nun doch wieder eine Rolle übernommen. Warum?

Ganz einfach: Weil es im Drehbuch eine gab, für die ich infrage kam. Wenn ich ein Drehbuch schreibe und eine Rolle darin zu mir passt, dann spiele ich sie auch. Je älter ich wurde, desto seltener kam das vor. Leider, denn ich mochte es gern, dass ich früher immer die Hauptrollen spielen und all die Liebesszenen mit den schönen Schauspielerinnen drehen konnte. Das hat mir viel Spaß gemacht. Aber in meinem Alter bleiben mir meistens nur noch die Rollen des Pförtners oder eines Onkels. Das finde ich nicht wirklich interessant.

Setbilder

Stars bei den Dreharbeiten 2012

20. Dezember 2012: Zac Efron und Imogen Poots stehen gemeinsam für den Film "Are We Officially Dating" in New York vor der Kamer
12. Dezember 2012: Erschreckend authentisch verkörpert Matthew McConaughey in dem Film "The Dallas Buyers Club" den Aids-Kranken
11. Dezember 2012: Emmy Rossum steht für "You're Not You" vor der Kamera.
6. Dezember 2012: Während wir in Deutschland vor Kälte bibbern, drehen Courtney Cox und Josh Hopkins am Strand von Malibu eine F

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Das Älterwerden bereitet der Filmfigur Jerry in "To Rome With Love" große Probleme - wie gehen Sie persönlich damit um?

Älter zu werden gefällt mir absolut nicht! Ich versuche es so langsam wie möglich zu tun und halte mich an allen jugendlichen Zügen, die ich noch habe, krampfhaft fest.

Mit "Midnight In Paris" haben Sie zuletzt ja sogar den bislang größten Erfolg Ihrer Karriere gefeiert ...

Ein glücklicher Zufall. Denn ich arbeite stets auf die gleiche Weise und versuche, immer wieder aufs Neue einen guten Film abzuliefern. "Match Point" oder "Vicky Cristina Barcelona" fand ich zum Beispiel keinen Deut schlechter als "Midnight In Paris", aber sie waren trotzdem nicht ganz so erfolgreich.

Sie hatten also nicht mit diesem Erfolg gerechnet?

Wir hatten zunächst Bedenken. Ins Kino gehen ja vor allem junge Leute und ich konnte mir nicht vorstellen, dass die jemals von Gertrude Stein gehört haben oder mit Namen wie Zelda Fitzgerald oder Man Ray etwas würden anfangen können. Aber da scheinen wir uns geirrt zu haben.

Hat sich in den 45 Jahren seit Ihrem ersten Film Ihre Arbeitsweise sehr verändert?

Nein, nicht wirklich. Meine Art des Drehbuchschreibens, des Drehens, die Arbeit mit den ziemlich niedrigen Budgets - das hat sich alles im Laufe meiner Karriere nicht groß verändert. Neu ist in den vergangenen Jahren eben nur, dass ich nicht mehr ausschließlich zu Hause in New York, sondern in Europa drehe. Mein Ziel ist es immer, einen guten Film zu drehen. Und manchmal gelingt mir das auch.

Woody Allen und Penélope Cruz am Set von "To Rome With Love". Nach "Vicky Cristina Barcelona" ist dies sein zweiter Film mit der spanischen Schauspielerin.

Trotzdem sollen Sie nach Drehschluss mit Ihrer Arbeit immer unzufrieden sein …

Das stimmt, ich bin immer enttäuscht, wenn ich mit einem Film fertig bin. Zu Hause im Schlafzimmer, wo ich meine Drehbücher schreibe, müssen sie noch nicht dem Test der Realität standhalten. Dort erscheinen meine Geschichten immer großartig, und ich bin mir eigentlich jedes Mal sicher, dass dies nun der beste Film wird, den ich je gedreht habe. Aber wenn man dann tatsächlich daran arbeitet, stellt sich eine gewisse Ernüchterung ein.

Warum machen Sie trotzdem immer weiter?

Nun, ich will es eben endlich einmal schaffen, den perfekten Film zu drehen und nicht enttäuscht zu sein. Also probiere ich es immer wieder aufs Neue. Ich bin da wie Sisyphos, der hat auch nicht aufgegeben. Und machen wir uns nichts vor: Die Sache macht Spaß.

Also ist tatsächlich nicht zu erwarten, dass Sie sich irgendwann zur Ruhe zu setzen?

Nein, eigentlich nicht. Nicht dass ich etwas dagegen habe. Einige meiner Freunde haben es getan und sind sehr glücklich. Aber für mich wäre das einfach nichts, denn ich liebe es nun einmal zu schreiben. Wenn ich zu Hause sitze und arbeite, habe ich nie Sehnsucht nach dem Feierabend oder dem Wochenende. Im Gegenteil: Ich liebe diesen Job - man bezahlt mich für mein Hobby!

Der nächste Film ist also schon in Vorbereitung?

Selbstverständlich. Keine Komödie dieses Mal, sondern eine ernste Angelegenheit. Er spielt in San Francisco. Trotzdem freue ich mich jetzt schon, danach wieder nach Europa zurückzukommen.

Was ist Ihr Anspruch an Sie selbst als Künstler?

Ich sehe unsere Aufgabe eher darin, die Menschen abzulenken. Mozart, Hemingway, Picasso - sie alle bieten ihrem Publikum in erster Linie Unterhaltung. Zumindest jenem, das seine Zerstreuung gern mit einer guten Portion Intelligenz genießt. Wer das nicht braucht, dem reicht wahrscheinlich auch der Stumpfsinn des Fernsehens mit seinen Reality-Shows.

Das Ziel ist aber in allen Fällen die Flucht aus dem Alltag?

Natürlich, bei "Big Brother" genauso wie bei einem Film von Ingmar Bergman. Man vergisst für eine Weile, dass die Realität da draußen einfach nur schrecklich ist. Kunst aller Art ist also wie ein kaltes Glas Wasser an einem heißen Tag. Sie erfrischt und macht den Alltag erträglicher, weil man für einen kurzen Moment eine Pause von den fürchterlichen Wahrheiten des Lebens hatte.

Ist nicht gerade Bergman mitunter noch deprimierender als das eigene Leben?

Sicherlich zog sich durch sein Werk die Botschaft von der Sinnlosigkeit des Lebens - es ist trotzdem spannende und faszinierende Unterhaltung, wunderschön anzusehen und toll gespielt. Sobald man anschließend aus dem Kino kommt, steht man leider wieder mitten in Menschenmengen und Fast-Food- Läden und muss leider feststellen, dass doch nicht jede Frau aussieht wie Bibi Andersson oder Penélope Cruz. Patrick Heidmann

Exklusiv-Clip

Video zu Artikel - Penélope Cruz im neuen Woody-Allen-Film

Penélope Cruz in "To Rome With Love"

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