Tom Odell: "Über Musik zu reden ist, wie über Architektur zu tanzen"

Tom Odell hat 2013 mit seinen feinfühligen Popsongs die Musikwelt erobert. Gala.de traf einen sympathischen jungen Musiker, der lieber Musik macht, als darüber zu reden und am Klavier sein Herz ausschüttet

Die blonden Haarsträhnen hängen ihm ins Gesicht, das aufgeknöpfte Hemd ist von Schweiß durchnässt. Mit verzerrtem Gesicht und zugekniffenen Augen klebt er am Mikrofon. Seine Hände hämmern auf die Tasten ein. Dabei neigt er sich mit dem Klavierhocker bedenklich weit nach vorne. Plötzlich stellt er fest: „Irgendetwas stimmt mit dem Klavier nicht. Das passiert immer, weil ich zu fest darauf spiele." Das Publikum im Hamburger "Docks" johlt. Mit seiner leidenschaftlichen und sympathischen Art hat der 22-jährige Tom Odell 2013 die Musikwelt erobert. Als Gewinner des "Critics' Choice Awards" reiht er sich hinter große Namen wie Adele oder "Florence and The Machine". Sein Debütalbum "Long Way Down" animiert Kritiker zu Vergleichen mit Showgrößen wie David Bowie oder Elton John. Gala.de verriet der charismatische Newcomer mit den zarten Gesichtszügen, warum er Liebeskummer braucht, um gute Songs zu schreiben und wie ungern er über seine Musik redet.

Du hast dieses Jahr den "Critics' Choice Award" gewonnen, Elton John auf seiner Tour begleitet und bei einer "Burberry"-Show gespielt. Wie fühlt sich der riesige Erfolg für dich an?

Ich weiß gar nicht, wie ich mich damit fühle. Es ist schön, wenn die Menschen eine Verbindung zu den Songs herstellen können, das ist für mich das Wichtigste. Es ist mir nicht wirklich wichtig, wie viele Menschen das tun. Klar, je mehr es sind, desto besser ist es. Aber es ist einfach schön, dass sich die Leute damit identifizieren können.

Du bist früher abends mit deinem Keyboard von einer Location zur nächsten gezogen. Denkst du, das macht dich bodenständiger, als manch anderen jungen Künstler?

Ja, ich denke, es ist wichtig, sich diese Arbeit zu machen und schrittweise seine Fähigkeiten aufzubauen. Das ist das Problem dieser Künstler in Talentshows, die haben nicht diese Art von Erfahrung. Die singen erst noch vor dem Badezimmerspiegel und auf einmal dann vor 10.000 Leuten. Ich bin froh darüber, Zeit gehabt zu haben, mich als Künstler zu entwickeln.

Was war bislang der aufregendste Moment in deiner Karriere?

Elton John zu treffen, da er einer meiner Helden ist. Er bat mich, einen Song für ihn aufzunehmen, eine Version von „Tiny Dancer“ für eine TV-Show. Außerdem widmete er mir diesen Song bei seinen Live-Shows. Das war seltsam für mich, denn als ich mit zwölf oder 13 damit begann, Songs zu schreiben, war er so eine riesige Inspiration.

Du hast überwiegend weibliche Fans. Hast du manchmal das Gefühl, dass du auf dein Äußeres reduziert wirst?

Ich denke nicht, nein. Ich bin nicht der Liebling des Monats. Meine Musik war nie wirklich cool, die Leute können eine Verbindung zu ihr herstellen. Liebe sie, oder hasse sie. Es fühlt sich so an, als ob die Menschen, die meine Musik mögen, sie generell mögen. Sie fühlen sich mit ihr emotional verbunden. Ich denke nicht, dass sie sie nur mögen, weil ihre Freunde sie gut finden.

Also bist du kein Trend-Phänomen?

Nein, ich denke nicht, dass ich je eines war. Die Leute finden meine Musik auf eigene Faust. Ich denke nicht, dass Trends sich so lange halten können. Ich will eine Karriere haben.

Dein Song "Another Love" steht in den deutschen Charts ganz weit oben. Worin, glaubst du, liegt die Beliebtheit dieses Songs begründet?

Es geht um ein sehr ehrliches Gefühl, das jeder schon einmal gefühlt hat oder das zumindest viele Leute kennen. Es geht darum, an jemand anderem zu hängen. Darum, zu versuchen, mit jemanden zusammen zu sein, aber es einfach nicht zu schaffen. Ich denke, das ist es, was die Leute daran verstehen. Jeder hat das an einem Punkt in seinem Leben schon einmal gefühlt.

Wie ist es "Another Love" so oft zu spielen? Hast du Angst, der Song könnte irgendwann abstumpfen?

Das ist echt seltsam, ich habe den Song schon tausendmal gespielt, buchstäblich tausendmal, und ich fühle immer noch dieselbe Traurigkeit, wenn ich ihn singe.

Deine Texte sind sehr persönlich und ehrlich. Wie ist es, die Welt an deinen innersten Emotionen teilhaben zu lassen?

Es hat Konsequenzen. Das Großartige daran ist, dass sich die Menschen schnell damit identifizieren können. Ich beschreibe aber einige sehr rohe Emotionen, echte Emotionen. Die Konsequenzen davon sind, dass die Leute sehr viel Interesse an meinem Privatleben haben.

Wie schaffst du es denn, dein Privatleben privat zu halten?

Ich versuche einfach, nicht aus Taxis in London zu fallen und zu Partys mit Massen an Kameras zu gehen.

Gala.de-Mitarbeiterin Verena Lederer im Interview mit Tom Odell vor seinem Konzert im "Docks" in Hamburg.

Du sagtest einmal: „Alle großartigen Dinge kommen von Jungs, die verlassen wurden.“ Brauchst du also ein gebrochenes Herz, um kreativ zu sein?

Es hilft sicherlich (lacht). Ich nutzte immer diese Energie des Lebens. Die wenigen Male in meinem Leben, in denen ich richtig glücklich und zufrieden gewesen bin, und mir nicht Gedanken um etwas machte, eine Freundin oder einen großen Job hatte; diese Zeiten waren meinen erfolglosesten Zeiten, kreativ gesehen. Weil ich nichts hatte, nach dem ich mich sehnte. Wir müssen von etwas angetrieben werden, oder? Ich muss jedenfalls von etwas angetrieben werden. Ich muss etwas zu reparieren haben.

Wie ist es für dich, jetzt ständig über dich selbst reden zu müssen?

... frustrierend (lacht). Ich weiß es nicht, ich habe nicht diesen Job gewählt, um die ganze Zeit darüber zu reden. Über Musik zu reden ist, wie über Architektur zu tanzen.

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