Tatort: Neues Ermittlerteam in Frankfurt

GALA traf Neu-Tatort-Komissarin Margarita Broich zwischen Müsli, Dreh und Premierenfieber

Margarita Broich

Unbedarft und unaufgeregt

Drama hatte sie genug. Seit 30 Jahren steht Margarita Broich, 55, auf der Bühne. Hat getobt, geschrien, geflüstert, hat überakzentuiert Verse rezitiert. Acht Jahre lang war sie die Geliebte von Theater-Berserker Heiner Müller. Sie könnte also ihre Rolle im Frankfurt-"Tatort" ähnlich imposant-artifiziell angehen wie beispielsweise Ulrich Tukur aus dem Wiesbadener Team. Stattdessen spielt Margarita Broich die Ermittlerin Anna Janneke unbedarft und unaufgeregt. Und genau darin liegt die Stärke des neuen "Tatorts".

Im ersten Einsatz des neuen Ermittlerteams wird nicht genuschelt, gebrüllt oder gemault – hier gibt es keine Kompetenzkämpfe, sondern ein überraschend freundliches Team. "Das haben wir bewusst so angelegt. Zwar wird es zwischen Anna Janneke und Paul Brix auch noch mal Vertrauenskrisen geben, aber wir wollten nicht diese klassische Good-Cop/Bad-Cop-Aufteilung. Bei Wolfram und mir passte das einfach auch gut, weil wir uns schon fast 30 Jahre kennen", erklärt Margarita Broich beim Treffen im Frankfurter "Café Karin".

Noch bis Ende Mai dreht sie an ihrem dritten "Tatort". Ihre kokett geschwungenen Augenbrauen lassen ihren Blick stets aufmerksam wirken, der dezente Berliner Tonfall gibt ihr eine gewisse Lässigkeit. Das ist auf dem Bildschirm nicht anders als im wirklichen Leben. Sie hat so eine Art, unaufgeregt zu sprechen, aber doch in jedes Wort Bedeutung zu legen, dass selbst der Kellner gebannt vor ihr steht und für ein paar Sekunden vergisst loszutraben, um die Bestellung weiterzugeben. Sollte Margarita Broich ihre Wirkung auf andere Menschen bemerken, lässt sie es sich zumindest nicht anmerken. Im Gegenteil. Sie stochert etwas lustlos in ihrem Bircher-Müsli herum und gesteht, dass sie aufgeregt ist, weil abends erstmals "Kälter als der Tod" gezeigt wird, vor Pressevertretern und den Kollegen im Hessischen Rundfunk.

Erwartungen von allen Seiten

"Tatort"-Kommissarin ist die Krönung im deutschen Fernsehen. Das spürt auch Margarita Broich: "Man muss sich erst mal daran gewöhnen, dass es so viele Erwartungen von allen Seiten gibt. Man kann es leider nicht allen recht machen." Am Abend zuvor lief der letzte Leipzig-"Tatort" mit ihrem Lebenspartner Martin Wuttke . Margarita Broich hat ihn im Hotel gesehen. "Ich fand ihn ganz toll. Da konnte man endlich mal etwas von der Verrücktheit sehen, die ich von Martin kenne." Für Martin Wuttke verließ Broich vor 25 Jahren Heiner Müller.

Sie hatte den großen DDR-Dramatiker am Bochumer Theater getroffen, wo er als privilegierter Kulturschaffender Gastregisseur war und sie anfangs die Theaterfotografin. Immer häufiger vergaß sie jedoch, auf den Auslöser zu drücken, wie sie lachend erzählt, weil sie so gebannt war vom Bühnengeschehen – und der Kunst des Schauspiels. Also ging sie selbst zur Schauspielschule nach Berlin, war damit auch näher an dem 31 Jahre älteren Müller. Sooft es ging, besuchte sie ihn im Ostteil der Stadt, reiste manchmal abends um 23.55 Uhr aus und um 0.05 Uhr wieder ein.

Sie stand schon mit allen auf der Bühne

Peymann, Tabori, Schlingensief– Margarita Broich hat mit den ganz Großen der Theaterwelt gearbeitet. Aber nie hat sie sich in eine Schublade stecken lassen, auch nicht, als TV-Rollen dazukamen: Bäuerin, Prostituierte, Alkoholikerin, raubeinige Chefredakteurin. Sie ist wandelbar,hat eine ungeheure Lust am Spiel und auch die nötige Routine, eine Rolle in Ruhe zu entwickeln. „Ich wollte erst mal keine übersteigerte Figur anlegen, es gefällt mir, dass gerade in der ersten Folge noch einiges offen bleibt.“ Eines ist klar, Broich hat allen Grund, dem „Tatort“-Experiment gelassen entgegenzusehen. Tatsächlich geht sie ziemlich humorvoll an die Sache heran. „Beim ,Tatort‘ muss man aufpassen, dass man nicht in den spezifischen Fernsehton fällt. Ich meine, wie soll man denn Sätze wie, Wo warenSie zwischen 15 und 17 Uhr?‘ oder ,Schon irgendwelche Ergebnisse aus dem Labor?‘ sagen? Die hat man doch schon so oft gehört“, sagt sie lachend.

Der neue "Tatort": Das Frankfurter Ermittler-Duo Anna Janneke (Margarita Broich, l.) und Paul Brix (Wolfram Koch) muss in seinem ersten Fall eine Familientragödie aufklären (hier mit Emily Cox und Marleen Deetz, r.), "Tatort – Kälter als der Tod", Das Erste, 17. Mai, 20.15 Uhr

In "Kälter als der Tod" geht es um die Abgründe in einer scheinbar heilen Familie. Freimütig erzählt Broich, deren Vater, ein Lungenarzt, seine Klinik in einer Lebenskrise von einem Tag auf den nächsten verkaufte und fortan nicht mehr unter Leute ging. "Ich persönlich kenne es aus meinem Elternhaus, dass eine Situation von jetzt auf gleich auf dramatische Weise kippen kann. Aber ich denke nicht, dass das persönliche Erlebnis die Voraussetzung ist, um etwas gut zu spielen. Manchmal kann ich die Figuren, die mir fremd sind, sogar besser spielen." Das Erfrischende an Margarita Broich ist, dass sie so unverstellt ist, geradeheraus und angstfrei.

Stolz erzählt sie von ihren Söhnen: Hans, 22, studiert in Berlin Agrarwissenschaften und Philosophie; Franz, 14, geht noch zur Schule. Sie jammert ein bisschen, wie sehr sie die beiden vermisst, wenn sie dreht – aber auch das mit dieser besonderen Leichtigkeit, die sie im "Tatort" zeigt. Und die erklärt, warum ihr die Kollegen vom Hessischen Rundfunk nicht übel nahmen, dass sie und Wolfram Koch die Abschlussparty nach dem ersten Dreh "versemmelten" (wie sie sagt), weil sie viel zu lange drehten. Inzwischen hat sie das wiedergutgemacht, nach dem Dreh der zweiten Folge. Margarita Broich schwärmt: "Diese Abschlussfeste sind wirklich lustig! Im Hessischen Rundfunk gibt es einige, die genauso tanzwütig sind wie ich!"

Tatort

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Sie lösen "Hauptkommissar Steier" in Frankfurt ab: Margarita Broich alias "Hauptkommissarin Anna Janneke" und Wolfram Koch alias "Hauptkommissar Paul Brix" ermitteln am 17. Mai 2015 zum ersten Mal in der ARD. Es gibt viel zu tun für die neuen Frankfurter Kommissare.

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